Gott regiert anders

Sonntagsbotschaft zum 13. September 2026,
dem 24. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A).  

Durch die Vielfalt alltäglicher Situationen hindurch gingen sie miteinander. Sie waren auf der Suche nach einem wirklich guten Geist unter den Menschen. Und sie waren überzeugt: Jesus ist uns dabei ein guter Anführer. Gemerkt hatten sie schon, wie wertvoll sich manche schlimme Situation verbessert, wenn sie sich von ihm auf einen Ausweg leiten lassen. Gottes andere Art, seinen menschenfreundlichen Geist suchten sie jetzt, als herrschende Kraft zu erleben – gerade dort, wo Belastungen überhandnehmen und Probleme unlösbar erscheinen.

Da kamen natürlich viele Fragen auf. Das Matthäus-Evangelium erzählt ausgiebig davon.

In dem Abschnitt, der für diesen Sonntag vorgesehen ist, geht es um die Frage: Wenn wir Gottes befreiende Herrschaft bei uns erleben wollen, wie soll das denn gehen, wo wir doch andauernd und immer wieder sehen müssen, wie „verbohrt“, wie „unfähig“, wie „egoistisch“, wie „unmöglich“ … Menschen sich verhalten – in der kleinen Nachbarschaft wie in der großen Politik?! Hier bezieht Petrus seine Frage sogar auf das Miteinander „unter Brüdern“, also in der Glaubensgemeinschaft!

Gespräche zwischen Konfliktparteien wie auch Berichte und Meinungen in öffentlichen Informationsmedien sollten ja eigentlich einer Auflösung von Konflikten dienen. Sie sind aber immer wieder angefüllt von Vorwürfen wie „zerstörerisch“, „kontraproduktiv“ oder „erpresserisch“, „kriminell“, „korrupt“, „unehrlich“ bis „verlogen“, „kurzsichtig“ bis „blind“ … Da wird dann die Versuchung stark, mit Gewalt, mit allen Möglichkeiten der eigenen Durchsetzungskraft allen schuldhaften Verhaltensweisen einen Riegel vorzuschieben.

Auch in der Politik. Schuldzuschreibungen haben Hochkonjunktur – noch dazu in der Sprache der Gewalt. Statt Zusammenhänge und Motivationen aufzuklären und auf Grundlage gemeinsam anerkannter Werte Auswege zu diskutieren, sind auf allen Seiten die Reaktionsmuster eingeengt auf eine schnelle Verurteilung der anderen Seite.

Da machen die einen Flugzeuge zur Waffe und bringen Tausende zu Tode – in der Hoffnung, dadurch die Welt zu verändern; der 25. Jahrestag macht das bis heute unverminderte Erschrecken bewusst.

Ein anderer zieht internationales Recht in den Dreck, indem er per Sanktion maßgebliche Richter aus heute elementar gewordenen Lebensvollzügen eliminiert – wie der Teilnahme am alltäglichen persönlichen Geldverkehr.

Öffentliche Medien benennen „einen Tag, der die Welt verändert“ den vergangenen Sonntag, an dem in Deutschland eine Partei zum Regieren eines Landes gewählt wird, die den Anschluss übt an das seinerzeit nur mit Kriegsgewalt zu beendende menschenverachtende Nazi-Regime.

Und da redet Jesus immer wieder von „Vergebung“! Welche Seite spricht er da eigentlich an? Oder etwa alle?

Das Wort von Petrus an Jesus, das an diesem Sonntag aus dem geschriebenen Evangelium vorgelesen wird – oft emotionslos, als sei es einfach eine nüchterne Information für uns über das damalige Gespräch – dieses Wort, wenn ich es selber laut lese und so mir verkündigen lasse, da spüre ich in mir die geballte Ladung frustrierter Ungeduld des Petrus:

… Herr,
wie oft
muss ich meinem Bruder vergeben,
wenn er gegen mich sündigt?
Bis zu siebenmal?

Wir haben uns ja daran gewöhnt, „Tugenden“ und andere ethische Werte als Kategorien unseres menschlichen Verhaltens zu begreifen, denen wir aber nie ausreichend gerecht werden können und die dann – je nachdem wie wenig oder wie viel jemand danach gehandelt hat – mit Belobigung oder Bestrafung quittiert werden. Dabei ist uns weitgehend verloren gegangen die Kategorie der Wegweisung, mit der Gott sein eigenes Handeln als herrschende Kraft anbietet; sein Handeln, zu dem Menschen verantwortlich und mündig beitragen können. Wenn sie ihre Freude an der gemeinschaftlichen Beziehung zu Gott gefunden haben, so dass ihr Leben samt ihrem eigenen Verhalten darin verwurzelt ist.

Die Antwort, die Jesus gibt, ist dann natürlich eine ärgerliche Provokation:

… Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal,
sondern
bis zu siebzigmal siebenmal.

Wer das nur als ethisch-moralische Forderung hört – auch in Beziehung zu all dem, was Menschen in den Bezügen der Arbeits-, Wirtschafts- und Sozialwelt „mir“ schuldig geblieben sind, kann da nur protestieren – und dann damit zusätzlich das Wissen um die eigene „Sündhaftigkeit“ leidvoll zementieren.

Aber die hier gemeinte Freude an Gott und an der gemeinschaftlichen Beziehung zu ihm als Verwurzelung des eigenen Lebens stellt eine andere Haltung zum Leben dar. Sie orientiert sich an Gottes Angebot, die herrschende Kraft in der Welt zu sein.

Jesus illustriert sie mit seinem Gleichnis:

Mit dem Himmelreich
ist es wie mit einem König,
der beschloss,
von seinen Knechten
Rechenschaft zu verlangen.
Als er mit der Abrechnung begann,
brachte man einen zu ihm,
der ihm zehntausend Talente schuldig war.
Weil er aber das Geld
nicht zurückzahlen konnte,
befahl der Herr,
ihn mit Frau und Kindern
und allem, was er besaß, zu verkaufen
und so die Schuld zu begleichen.
Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie
und bat: Hab Geduld mit mir!
Ich werde dir alles zur
ückzahlen.
Der Herr des Knechtes hatte Mitleid,
lie
ß ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.

„Zehntausend Talente“. Ein Talent entsprach – grob gesehen – dem Einkommen aus einem gesamten Arbeitsleben.

Als nun der Knecht hinausging,
traf er einen Mitknecht,
der ihm hundert Denare schuldig war.

„Hundert Denare“. Ein Denar galt als die Lohnhöhe eines Tages für den Lebensunterhalt einer Familie.

Er packte ihn, würgte ihn und sagte:
Bezahl, was du schuldig bist!
Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder
und flehte: Hab Geduld mit mir!
Ich werde es dir zurückzahlen.
Er aber wollte nicht,
sondern ging weg
und lie
ß ihn ins Gefängnis werfen,
bis er die Schuld bezahlt habe.
Als die Mitknechte das sahen,
waren sie sehr betr
übt;
sie gingen zu ihrem Herrn
und berichteten ihm alles,
was geschehen war.
Da lie
ß ihn sein Herr rufen
und sagte zu ihm:
Du elender Knecht!
Deine ganze Schuld
habe ich dir erlassen,
weil du mich angefleht hast.
H
ättest nicht auch du
mit deinem Mitknecht
Erbarmen haben müssen,
so wie ich mit dir Erbarmen hatte? …
(Matthäus 18,21-35)

Der „Herr“ im Gleichnis von Gott als herrschenden König erlässt dem Schuldner in seinem Erbarmen nicht nur „siebzigmal siebenmal“, also ca. 500mal, sondern umgerechnet etwa 600.000mal mehr Schulden, als der sich seinem Mitknecht an Schulden zu erlassen verweigert!

Die „Freude“ an dem „Herrn“, der ihm sogar eine so enorme Schuld erlässt, kann dieser Mensch aus irgendeinem Grund nicht erleben. Sie erfüllt ihn keinesfalls; da ist auch keine „Erlösung“ zu spüren, die er dann unbedingt mit dem nächsten Menschen teilen will und muss. Hat er schon vergessen, was alles er dem „Herrn“ schuldete? Oder hat er seine Verantwortung ihm gegenüber schon immer verneint, so dass der Schuldenerlass für ihn nur heißt, dass der „Herr“ endlich anerkennt, dass er ihm nichts schuldig ist?

Und daran ändert sich für ihn auch nichts, als sein eigener Schuldner ihm als nächstbester über den Weg läuft!

Da allerdings kann unsereins – aus der Distanz – nur den Kopf schütteln. Und „unsereins“ hört dann auch schnell die unzumutbar klingende ethisch-moralische Forderung: Aber – solche grenzenlose Bereitschaft zur „Vergebung“ aller Schuld?!

Daraus kann man natürlich nicht ein kurzschlüssiges Rezept zur Kapitulation vor politischer Unterdrückung oder vor kriegerischer Gewalt machen. Da würden wir uns am Leid der Opfer und am Verbauen einer zukunftsfähigen Ordnung erneut massiv schuldig machen.

Aber diese „Vergebung“, die eine ganz andere Kategorie eines ethischen „Wertes“ ist, sie will ersehnt, gesucht, erstrebt, erstritten, erarbeitet werden – so dass Gott sie zur Freude aller Beteiligten herbeiführen kann.

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