Sonntagsbotschaft zum 20. September 2026,
dem 25. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A).
Was ist gerecht? Jesu Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. –
In dem Bilderbuch, aus dem meine Mutter mir, dem Fünfjährigen, vorlas, ging es um Menschen mit sehr dunkler Hautfarbe, für mich finstere Gestalten. „Mohren“ waren sie in dem Buch genannt. „Was sind Mohren?“, fragte ich meine Mutter. „Das sind Wilde“, sagte sie. Damit konnte ich mit meinen fünf Jahren etwas anfangen. Löwen und Tiger und andere Wilde kamen irgendwie in meiner Vorstellungswelt schon vor. Aber sogenannte „Mohren“ gab es in meiner Umgebung nicht.
Wenige Jahre später, in Karlsruhe, in der amerikanischen Besatzungszone, machten wir Kinder beim Spielen auf der Straße, ohne dass das jemals ein Gesprächsthema war, ganz einfach selbstverständlich einen großen Bogen um die dunkelhäutigen Kinder der amerikanischen Soldaten, die in der Nachbarschaft wohnten.
Und gut 25 Jahre später kam ich in den Frankfurter Stadtteil Fechenheim. Da fiel mir auf: Oh, so viele Menschen mit dunklen Haaren, dunklen Augen, dunklem Teint – für mich „finstere Gestalten“, die mir Unbehagen auslösten. Im Stadtteil lebten viele sogenannte „Gastarbeiter“ aus dem Süden Italiens. Schon nach wenigen Tagen erschrak ich: Die sind alle katholisch, ich bin also ihr Pfarrer! Sofort wusste ich: Diese alte ängstliche Einstellung in mir muss und will ich radikal korrigieren! Ich trat die Flucht nach vorne an und lernte Italienisch. Was bei den italienischen Gemeindemitgliedern gut ankam.
Mentalitäten, die das eigene Verhalten prägen, Wertvorstellungen, die meinen Blick auf Wirklichkeiten aller Art prägen – alles das hängt immer wieder sehr von der eigenen Lebensgeschichte ab. Und es bleibt veränderlich – je nachdem, welche Einflüsse auf mich einwirken. Und das kann ich steuern. Muss ich wohl auch, wenn ich selbst für mich verantwortlich sein will für die Gestaltung des Lebens in dieser Welt.
Im Evangelium dieses Sonntags spricht Jesus zu Menschen, die sehnsüchtig oder auch kritisch fragen, wie das denn wirklich aussieht, wenn Gott handelt und wenn sein Einfluss die herrschende Kraft in dieser Welt ist. Jesus richtet ihre Aufmerksamkeit auf ein einleuchtendes Beispiel, wie im „Reich Gottes“ – im Matthäus-Evangelium „Himmelreich“ genannt – wie die da wirkenden Mentalitäten und Wertvorstellungen in brisanten Konflikt geraten können zu dem, was in einer bestimmten Kultur als selbstverständlich gilt. Das von ihm gewählte Beispiel hat seinen Sitz im Leben von Menschen, die selbst weder Grund und Boden noch ein Geldvermögen besitzen und daher durch Arbeit und den täglichen Lohn dafür für sich und ihre Familie den Lebensunterhalt erwerben wollen.
… mit dem Himmelreich ist es
wie mit einem Gutsbesitzer,
der früh am Morgen hinausging,
um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben.
Er einigte sich mit den Arbeitern
auf einen Denar für den Tag
und schickte sie in seinen Weinberg.
Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus
und sah andere auf dem Markt stehen,
die keine Arbeit hatten.
Er sagte zu ihnen:
Geht auch ihr in meinen Weinberg!
Ich werde euch geben, was recht ist.
Und sie gingen.
Um die sechste und um die neunte Stunde
ging der Gutsherr wieder hinaus
und machte es ebenso.
Als er um die elfte Stunde
noch einmal hinausging,
traf er wieder einige, die dort standen.
Er sagte zu ihnen:
Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig?
Sie antworteten:
Niemand hat uns angeworben.
Da sagte er zu ihnen:
Geht auch ihr in meinen Weinberg!
Als es nun Abend geworden war,
sagte der Besitzer des Weinbergs
zu seinem Verwalter:
Ruf die Arbeiter
und zahl ihnen den Lohn aus,
angefangen bei den Letzten,
bis hin zu den Ersten!
Da kamen die Männer,
die er um die elfte Stunde angeworben hatte,
und jeder erhielt einen Denar.
Als dann die Ersten kamen,
glaubten sie, mehr zu bekommen.
Aber auch sie erhielten einen Denar.
Als sie ihn erhielten,
murrten sie über den Gutsherrn
und sagten:
Diese Letzten
haben nur eine Stunde gearbeitet
und du hast sie uns gleichgestellt.
Wir aber haben die Last des Tages
und die Hitze ertragen.
Da erwiderte er einem von ihnen:
Freund, dir geschieht kein Unrecht.
Hast du nicht
einen Denar mit mir vereinbart?
Nimm dein Geld und geh!
Ich will dem Letzten
ebenso viel geben wie dir. …
(Matthäus 20,1-16)
Und wie viel ist das, was sie bei ihm als Lohn für ihre Arbeit bekommen? Wovon dieser Gutsbesitzer sagt „Ich werde euch geben, was recht ist.“? Ein Denar. Das galt als die Summe, die man für den täglichen Lebensunterhalt der Familie brauchte. An diesem Bedarf misst der Gutsbesitzer im Gleichnis den Lohn für seine Arbeiter. Er berücksichtigt, dass von denen, die auf dem Markt Arbeit suchen, die einen Glück hatten, andere aber nur für wenige Stunden oder gar nur für eine angeheuert wurden. Er weiß: Sie haben alle einen Mindestbedarf für sich und ihre Familie. „Was recht ist“, was gerecht ist, bemisst er nicht nach betriebswirtschaftlichen Regeln, sondern nach dem Bedarf der Menschen, die darauf angewiesen sind. Seine Entscheidungen trifft er vorrangig mit dem Blick auf die Menschen, nicht auf das Maß ihrer Leistungen, für das alle möglichen Rahmenbedingungen ursächlich sein können.
So ist es mit dem „Himmelreich“, sagt Jesus. Wo im Zusammenleben der Menschen Gott die herrschende Kraft sein kann, wo er den stärksten Einfluss hat, sorgt er mit seinem Blick für den Menschen, dass jeder bekommt, was er für ein menschenwürdiges Leben braucht.
Übrigens ist das nicht nur für eine humane Tarifpolitik wichtig, sondern das ist ausdrücklich auch Maßstab der deutschen Sozialgesetzgebung.
Voraussetzung dafür, dass das wirklich geschieht, ist, dass die entsprechenden Entscheidungen beim Blick auf den Menschen anfangen, auf ihn als einen Menschen und auf das Wesentliche, worauf er angewiesen ist.
Entscheidungen in diesem Sinne von Gottes Herrschaft haben dann im Blick, dass zum Beispiel unterschiedliche soziale Voraussetzungen beim Recht der Kinder auf Bildung durch die öffentliche Hand ergänzt und ausgeglichen werden müssen.
Nicht „die Wirtschaft“ ist sein Maßstab, sondern „der Mensch“!
Oder – wie ich es – spät genug, aber endlich gelernt hatte – : Nicht von der Übereinstimmung mit der von mir gewohnten Hautfarbe der Menschen in meiner Umgebung kann es abhängig bleiben, mit welchem Blick ich auf sie schaue!
Aus welchem gewohnten oder geübten Blickwinkel ich die Wirklichkeit betrachte, davon hängt ja immer ab, was ich als Wirklichkeit sehe.
Jesus will mit seiner Botschaft vom befreienden Reich Gottes dafür sorgen, dass die Meinungsbildung und die Entscheidungen in der sozialen Welt nicht einseitig zu Lasten der eh schon Benachteiligten ausfallen. Wenn Gott die herrschende Kraft ist, „wenn der Himmel den Hut aufhat“, dann wird anerkannt, dass finanziell schlecht gestellte Menschen, körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen, vernachlässigt herangewachsene Menschen … die gleichen Grundbedürfnisse haben wie Söhne und Töchter aus Familien ohne finanzielle oder gesundheitliche oder sonstige Sorgen. Der Himmel will, dass jeder kriegt, was er braucht. Bei Gott wird das zum Menschenrecht!
Und er hat keine Angst davor, dass nur aufs eigene Wohl bedachte Menschen solche elementare Menschenfreundlichkeit als „kommunistische Gleichmacherei“ in Verruf bringen könnten. Ihnen lässt Jesus durch den gerechten Gutsherrn ausrichten: „Freund, dir geschieht kein Unrecht.“