Mensch, heilig

Sonntagsbotschaft zum 1. November 2026, 
dem Fest aller Heiligen.  

Ein Freund zeigte mir die silberne Taschenuhr seines verstorbenen Vaters. Schon für ihn hatten sich mit ihr Erlebnisse verbunden, von denen er stundenlang erzählen konnte. Der Blick hinter die geöffnete Klappe auf die Feinmechanik des Uhrwerks machte neugierig auf alles, was mit ihr zusammenhing. Dieses Erinnerungsstück hatte in seiner Schrankwand einen Ehrenplatz bekommen. Und wenn er sie einem Gast zeigte, achtete er sehr darauf, dass alles, was ihm die Uhr wertvoll machte, Beachtung fand und dass sie nicht durch irgendeine unachtsame Berührung beschädigt würde. Die Taschenuhr seines Vaters, so sagte mein Freund, war ihm „heilig“.

Meinen Teddybär hatte ein Freund im Streit an sich gerissen und so voller Zorn misshandelt, dass er nicht mehr zu reparieren war. Ich heulte wie ein Schlosshund, denn mein Teddy war mir „heilig“.

Vielen ist ihr Auto, anderen ihre persönlichen Daten oder ihre Privatsphäre überhaupt „heilig“.

Was Menschen „heilig“ ist, das schützen sie. Und das müssen auch andere respektvoll behandeln. Das darf niemand antasten und verletzen oder missbrauchen.

Wer seine Worte mit höchster Zuverlässigkeit belegen will, schwört darauf einen „heiligen“ Eid.

In der Bayerischen Verfassung von 1818 (Titel II, § 1) und – wortgleich – in der Verfassung des Großherzogtums Hessen von 1820 (§ 4) hieß es über den Landesfürsten: „Seine Person ist heilig und unverletzlich.“ So lese ich bei Wikipedia über die Bedeutung des Wortes „heilig“ in der deutschen Sprache.

Man kann auch sagen: Dem Kapitalismus sind Profitmaximierung, Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit „heilig“.

„Unantastbar“ im Sinne eines höchsten Wertes gilt dem deutschen Grundgesetz (Art. 1) wie auch der EU-Menschenrechts-Charta (Art. 1) die Würde des Menschen; sinngemäß auch der Menschenrechts-Erklärung der Vereinten Nationen von 1948 (Art. 1).

Und die in all diesen Worten beschworene „Heiligkeit“ des Menschen ist zu allen Zeiten ein Anspruch geblieben. Ihn in Wirklichkeit umfassend umzusetzen, bleibt die Menschheit bis heute schuldig; es fehlt – trotz aller Sehnsucht danach – … ja, woran fehlt es? Die einen sagen, es fehle an der Bereitschaft oder am Willen, weil eben „das Böse“ im Menschen sitze; manche finden dabei Entlastung, indem sie alle Versündigung an der Heiligkeit des Menschen einem „Satan“ oder „Teufel“ zuschreiben.

Aber dann kommt Jesus ins Spiel: Er verhilft dazu, die „Heiligkeit“, die der Mensch in Gottes Herz und Augen genießt, anzuerkennen und umzusetzen. Die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen, die Gottes Liebe zu dem ihm heiligen Menschen erfahrbar machen, fördert er „auf Teufel komm raus“ und um den Preis des eigenen Lebens. Da er das so sieht und so tut und darin mit der neuen „Herrschaft Gottes“ anfängt, macht er Gott gegenwärtig und öffnet die Tür: Menschen, deren Würde missachtet und verletzt ist, ja alle „Verdammten dieser Erde“, die sich mit ihrem Elend Gott anvertrauen, sehen sich jetzt selber gegenwärtig vor dem universell „heiligen“ Gott. Ihnen liegt jetzt die Welt offen für eine globale Umsetzung der Heiligkeit des Menschen. Und das gilt unter nur einer Voraussetzung, die Gott selber der Würde des Menschen schuldig ist: dass sie dem zustimmen – nicht nur ein für alle Male oder auf dem Papier, sondern immer wieder neu in jeder konkreten Situation – in jeweils erneuerter Ermutigung durch das Bewusstsein, zu dem Jesus in seinen Seligpreisungen die Menschheit erinnert:

Als Jesus die vielen Menschen sah, …

Er hat einen Blick für die Menschen! Und was für einen! Wie viel Empathie atmet sein Geist, wieviel Liebe! Der Mensch ist ihm das Allerheiligste. Werden sie ihm trauen?

Als Jesus die vielen Menschen sah,
stieg er auf den Berg.

Der Berg. Ort der Offenbarung. Da schließt Gott den Bund mit den Menschen; gibt ihnen zu verstehen, worauf sie sich verlassen können.

Er setzte sich
und seine Jünger traten zu ihm.
Und er öffnete seinen Mund,
er lehrte sie und sprach: …

Wie einst Mose! Nur sagt er nicht, worauf sie sich festlegen sollen im Bund mit ihm, sondern er sagt, worauf Gott sich festlegt, wenn sie sich ihm anvertrauen mit der Not, die über ihre Kräfte geht.

Selig, die arm sind
vor Gott;
denn ihnen
gehört das Himmelreich.

Zum Beispiel Elisabeth von Thüringen. Ein Kind des europäischen Hochadels im 13. Jahrhundert. Alles was sie besitzt, investiert sie für arme und kranke Menschen. Die Ärmsten bringt sie vor Gott, in die Verbindung mit ihm. Da kann Gott zeigen, dass der Mensch ihm heilig ist: Vielen, die unter der Armut litten, hat er das Leben zum Guten verändert.

Selig die Trauernden;
denn sie werden
getröstet werden.

Zum Beispiel Friedrich Spee. Im 17. Jahrhundert eingespannt als Beichtvater für die Frauen, bevor sie als „Hexen“ verbrannt wurden. Er zog es vor, Pestkranke zu pflegen und daran selber zu sterben. Dazu entschieden, sich in die Trauer derer einzureihen, denen das Leben geraubt wurde, wurde er einer von ihnen und trat in der gemeinsamen Not mit ihnen vor Gott. Da konnte Gott zeigen, dass der Mensch ihm heilig ist.

Selig, die Sanftmütigen;
denn sie werden
das Land erben.

Mahatma Ghandi. Ohne Gewalt kämpfte er gegen koloniale Ausbeutung und für Gleichberechtigung – zuerst in Südafrika, dann in Indien bis zu dessen Unabhängigkeit 1947. Seine bevorzugte politische Waffe war der Hungerstreik. An ihm und seinem Tun konnte Gott zeigen, dass der Mensch ihm heilig ist: Vielen Millionen von Menschen wurde endlich ihre Würde und ihr Recht auf Selbstbestimmung anerkannt.

Selig, die hungern und dürsten
nach der Gerechtigkeit;
denn sie werden
gesättigt werden.

Oscar Romero. Als Erzbischof von San Salvador ergriff er Partei für die Menschen gegen die Unterdrückung durch die Militärdiktatur in El Salvador. Im Wissen um sein tödliches Risiko nahm er bei seiner Kritik gegen das Regime kein Blatt vor den Mund. Schließlich wurde er 1980 während eines Gottesdienstes von einem Scharfschützen erschossen. Menschen, die unter beängstigender Unfreiheit litten, hat er das Selbstbewusstsein und ihre Kräfte gestärkt für ihren Einsatz auf die verheißene Freiheit hin.

Selig die Barmherzigen;
denn sie werden
Erbarmen finden.

Maximilian Kolbe. Im KZ Auschwitz ging er an Stelle eines Familienvaters in den Tod, damit der verschont würde. Dem verzweifelten Familienvater hat er das Leben gerettet.

Selig, die rein sind im Herzen;
denn sie werden
Gott schauen.

Teresa von Avila. Im kirchlich verkrusteten 16. Jahrhundert öffnete sie für viele Frauen den Weg zur klösterlichen Gemeinschaft als ein wirklich im Glauben gegründetes Leben – entgegen vielen Verunreinigungen durch klerikale Machtansprüche und Verdunstungen des Glaubens. Da konnte Gott zeigen, dass der Mensch ihm heilig ist.

Selig, die Frieden stiften;
denn sie werden
Kinder Gottes genannt werden.

Bertha von Suttner. Um das Ende des 19. Jahrhunderts entfaltete sie als Autorin und Journalistin in Österreich und in Deutschland große Kräfte der neu entstandenen Friedensbewegung. Die durch Kriege ausgelaugten Völker konnten neue Hoffnung schöpfen, dass Friede möglich ist. 1905 erhielt sie den Friedensnobelpreis.

Selig, die verfolgt werden
um der Gerechtigkeit willen;
denn ihnen
gehört das Himmelreich.

Martin Luther. Den durch Machtansprüche über die Menschen verdunkelten Glauben zu reformieren, hat er im Vertrauen auf Christus unternommen. Da konnte Gott an ihm und seinem Tun zeigen, dass der Mensch ihm heilig ist: Für viele Menschen wurde der Weg des Glaubens wieder ein Weg der Freiheit und zur Fülle des Lebens.

Fest aller Heiligen!

Selig seid ihr,
wenn man euch schmäht und verfolgt
und alles Böse über euch redet
um meinetwillen.

Wir? Um seinetwillen mit übler Nachrede geschmäht, verfolgt, …? Sollten wir es denn darauf ankommen lassen?

Freut euch und jubelt:
Denn euer Lohn
wird groß sein im Himmel.
(Matthäus 5,1-12a)

An wem und an wessen Tun kann und will Gott auch bei uns heute zeigen, dass der Mensch ihm heilig ist?

„Der Mensch“ – ihm heilig? uns heilig? Was ist denn mit denen, die abscheulich handeln und Unheil über die Menschen gebracht haben und bringen?

Die Bibel erzählt – bildhaft verdichtet – aus der Urgeschichte der Menschheit von Kain, der aus Neid und Eifersucht voller Hass seinen Bruder Abel umbringt. Und Gott? Wenn auch voller Zorn über den Brudermörder, macht er ihm doch „ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde“, und er warnt: „Jeder, der Kain tötet, soll siebenfacher Rache verfallen sein.“ (Genesis 4,15)

Und von Saulus heißt es, dass er die jung aufsprießende Kirche der Christen zu vernichten suchte: „Er drang in die Häuser ein, schleppte Männer und Frauen fort und lieferte sie ins Gefängnis ein.“ (Apg 8,3) Ihn erwählt Gott zu seinem Apostel für alle Völker!

Und Petrus, der Jesus von seinem lebensgefährlichen Weg abbringen will, so dass Jesus ihn anherrscht: „Du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ (Matthäus 16,23) Ihn macht er zum Sprecher seiner Apostel und vertraut ihm den verantwortlichen Dienst an seinem Evangelium an!

Sie alle sind ihm heilig!

Und was ist dann heute mit Leuten wie Putin oder mit den Priestern, die Kinder sexuell missbraucht haben, oder mit der Frau in den USA, die, wegen Mordes zum Tod verurteilt, vor einem Monat ihre Hinrichtung überlebt hat? Und was ist dann mit mir … und mit dir …? Ihm heilig?!

In dem Maß, wie Gott einem Menschen heilig ist, kann man an ihm merken, dass der Mensch für Gott heilig ist. Davon spricht schon wiederholt das Alte Testament, wenn dort Gott einlädt: Ihr sollt heilig sein, wie ich heilig bin. (vgl. Leviticus = 3. Mose 11,44-45; 19,2; 21,8; Johannes 17,19; 1. Johannes 3,3; …) Und in dem Gebet, das Jesus seine Jünger lehrt, geht auch er davon aus: Wenn wir den „Vater im Himmel“ heilig halten, dann kann unsere Sehnsucht in Erfüllung gehen und sein Reich kann kommen und sein Wille wird geschehen! (Vgl. Matthäus 6,9-10)

Vor der Radikalität seiner Botschaft kann ich nicht kneifen, wenn ich mich der Ernsthaftigkeit der Seligpreisungen stelle.

Die Alternative, zu der das Fest Allerheiligen einlädt, ist die Vision des Sehers Johannes aus seinem Buch der Offenbarung, die für das Fest als 1. Schriftlesung vorgesehen ist – die Vision von der unzählbar großen Schar von feiernden Menschen in einem Riesen-Stadion, die in Gottes Lobpreis ausbrechen (Offenbarung 7, 2-4.9-14).

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