Blogbeitrag

Mobilität

10. August 2026

An was denken Sie bei diesem Wort? „Mobilität“ – welche Vorstellungen kommen Ihnen dazu in den Sinn? Welche eigene Erfahrung?

„Hessen mobil“ – wenn ich das in die Google-Suche eingebe, erhalte ich als erstes die Information: „Hessen Mobil ist der Mobilitätsdienstleister für Hessen. Wir planen, bauen und betreiben alle Bundes- und Landesstraßen in Hessen.“

Warum steht da nicht etwas wie: „Wir fördern alles, was Sie mobil hält – körperlich wie geistig beweglich …“? Wenn da wenigstens stünde: „ein (!) Mobilitätsdienstleister …“! Ist denn „Mobilität“ nur eine Sache der Verkehrspolitik, auch noch reduziert auf die Mobilität der Autos auf den Straßen? Tut es nicht jeder menschlichen Gesellschaft gut, wenn „Mobilität“ in erster Linie eine Sache der Bildungspolitik und der Gesundheitspolitik ist? Dann hätten Populisten keine Chance. Und mehr körperliche Bewegung hält eine ganze Bevölkerung fit – vielleicht ja sogar für ein gerne verlängertes Arbeitsleben.

Sprache prägt eben das öffentliche Bewusstsein. Hinsichtlich von „Mobilität“ ganz besonders in einem Land, das sich derartig abhängig gemacht hat von einem längst auslaufenden Modell der Automobil-Industrie. Mich macht es immer wieder traurig, wenn ich Kinder sehe, die unbeweglich in ein Elektro-Auto eingezwängt über den Hof fahren und so mit einem angeblichen „Spiel“-Zeug auf ihre Un-Zukunft vorbereitet werden.

Das Wort „Automobil“ spielt dabei eine fatale Rolle. Sein Wert hoher gesellschaftlicher Anerkennung gaukelt mit öffentlicher Macht vor, ein Hilfsmittel zu sein, das ich brauche, um „auto“ „mobil“ zu sein, also um meine eigene Beweglichkeit zu pflegen und zu fördern.

In einer Welt, die sich geradezu vollständig dieser „Ordnung“ unterworfen hat – in wessen Interesse eigentlich? – , hat man sich selbstverständlich daran gewöhnt, die für die eigene – mentale wie leibliche – Gesundheit so wichtige Beweglichkeit anderen, vorwiegend wirtschaftlichen Zwängen zu opfern.

Gemäß solcher „Werte-Ordnung“ gilt der exzessiv angewachsene Bedarf an Verkehr von Personen, Waren und Dienstleistungen als „heilig“ – wehe dem, der eine Einschränkung des Verkehrs forderte! Das Ausmaß an längst nicht mehr flüssig leistbarem Straßenverkehr gilt immer noch als Heilmittel für die Probleme austrocknender Wasserstraßen und einer vernachlässigten Schienen-Infrastruktur. Wem Zeitdruck im Nacken sitzt, fährt eben mit dem Fahrzeug, das „Auto-mobil“ heißt.

Wie sehr die „Werte“, an denen sich eine Politik orientiert, auf diese Weise verschleiert werden und durcheinandergeraten und wohin solche Lemming-artige Bewusstlosigkeit führt, erleben wir aktuell bei ihrem globalen Zerbröseln.

Nun habe ich mich vor wenigen Jahren – aus verschiedenen Gründen – von meinem 40 Jahre alten Passat getrennt. Seither fällt mir immer häufiger auf, wie in der Stadt die Massen von stehenden Autos den Menschen ihren Bewegungsraum einengen, wie bei eh großer Hitze das heiße Blech die Luft noch mehr aufheizt. … Ich erschrecke zunehmend, mit welcher eigenartigen Selbstverständlichkeit die Allgemeinheit das Recht zum Fahren ohne Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen für wichtiger hält, als die Todesfälle von Menschen einzudämmen. … Da spielen bei der Abstufung von Werten Gewohnheiten eine ganz große Rolle, besonders wenn sie durch eine Lobby finanzmächtiger Interessen gesteuert werden.

Dabei wirkt von Gewohnheit und Brauchtum bis hin zur kollektiven Sucht eine nebulöse Übergangszone, in der am liebsten der Gegenstand der Sucht zum „Wert“ erklärt wird, der dann natürlich Respekt einfordert.

Seitdem ich ohne Auto bin, „fahre ich selbst durch’s Leben!“ – und weiche dabei nicht mehr den Begrenzungen und Abhängigkeiten aus, die zu den Realitäten des menschlichen Lebens gehören und die ohne enorme ökologische und soziale Kollateralschäden gemeistert werden wollen und können! Wenn alle das täten, lebten wir in einer sehr anderen Welt.

Ich gestehe: Als Rentner geht das leichter … Nun – man muss das ja auch nicht extrem realisieren wie die Amischen in Amerika. Aber viele Möglichkeiten dazwischen – Werte-Kompromisse zwischen unterschiedlichen Interessen – täten der heutigen Menschheit zweifellos sehr gut.

Es ist eben eine Realität, die nicht vernachlässigt oder verheimlicht werden darf, dass ich als einzelner Mensch angewiesen bin auf die Allgemeinheit und auf andere Menschen in meiner Umgebung: dass ein Bäcker da ist, der mir das Brot backt, und ein Händler, der es mir verkauft, … ebenso wie dass das Internet funktioniert und dass die Bahn fährt und dass Strom aus der Steckdose kommt … und dass jemand da ist, wenn ich Trost oder Hilfe brauche oder mit dem ich mein Glück teilen kann.

Um solche Herausforderungen in einer modernen Welt in eine von Menschenwürde und Gemeinwohl gesteuerte Ordnung zu bringen, brauchen wir wieder mehr frei verfügbare Zeit, damit alle miteinander beraten und entscheiden können, was alle für die Gestaltung des Lebens betrifft. Ein Wesenszug von Demokratie!

Hier können Sie meinen Beitrag weiter empfehlen: