Ein spannender Krimi wird angekündigt. Ich weiß, da geht es um Mord und Totschlag. Aber wer ist der Mörder? Der Lösung dieser Frage nachzugehen, macht den Reiz des Krimis aus. Als Leser oder Zuschauer will ich mit meinem eigenen Hören und Mitdenken den Weg gehen, auf dem ich selber die Antwort entdecke. Wie sollte da jemand auf die Idee kommen, damit ich den Krimi verstehe, müsste er mir schon vorher verraten, wer der Mörder ist!
Anders in der Kirche: In den letzten Jahren hat es sich eingebürgert, dass immer mehr Prediger schon zu Beginn des Gottesdienstes zusammenfassen und deuten, was danach aus den Bibeltexten als Gottes Botschaft zu hören und zu verstehen sei.
Was geschieht da? Einer, der Bescheid weiß, hilft anderen, die sich weniger gut auskennen, besser zu verstehen, was sie sich von Gott sagen lassen sollen? Sind die Menschen im Gottesdienst wirklich nicht in der Lage, mit offenem Herzen aufzunehmen und den Weg zu gehen, auf dem sie entdecken, wozu Gott sie da berühren will? Geht das denn nur durch belehrendes Erklären?
Das entspricht nicht den Grundüberzeugungen, aus denen Christen miteinander zur Kirche werden:
Zwar ist den Katholiken lange Zeit hindurch beigebracht worden, sich an diejenigen in der Kirche zu halten, die wissen, was es von Gott her zu hören gibt, und die das mit Autorität lehren. Denn zum unmittelbaren Hören auf ihn – etwa mit dem Lesen in der Bibel oder mit dem Hören im Gottesdienst – fehle den einzelnen Christen angeblich die eigene Kompetenz.
Auf der anderen Seite aber genießt das Selber-Hinhören in der Kirche hohe Wertschätzung. In der Feier der Taufe betont das der Ritus ausdrücklich. Da wird dem Menschen, der glaubt und sich taufen lässt, gesagt:
Wie der Herr mit dem Ruf ‚Effata‘ dem Taubstummen die Ohren und den Mund geöffnet hat, öffne er auch dir Ohren und Mund, damit du sein Wort vernimmst …
Denn: Wenn du jetzt als Glied der glaubenden Gemeinschaft auf sein Wort hinhörst, dann haben menschenfeindliche oder sonstwie gottwidrige Dämonen aller Art keine Chancen mehr!
Jesus selber weiß: Seine Stimme ist eine von vielen, die auf unsereins eindringen. Im Bild vom Hirten und der Herde sagt er: Viele Stimmen wollen die Einzelnen aus ihrer Gemeinschaft lösen und am liebsten wollen sie die ganze Herde kapern (Johannes 10,10). Aber da ihm das Wohl der Menschen am Herzen liegt, tun wir gut daran, auf ihn zu hören. Denn Gottes Ziel ist es: Menschen sollen nicht ausgenutzt werden, sondern sie sollen ihr Leben und das Miteinander im Gemeinwesen so gestalten, dass sie glücklich leben können! Schon im Psalm 81 sehnt Gott sich danach:
Ach, dass mein Volk doch auf mich hörte, dass Israel gehen wollte auf meinen Wegen! Wie bald würde ich seine Feinde beugen, meine Hand gegen seine Bedränger wenden. … Ich würde es nähren mit bestem Weizen, dich sättigen mit Honig aus dem Felsen.“
(Psalm 81,14-17)
Viele Stellen der Bibel schreiben dem Hören als Grundfunktion menschlichen Lebens einen hohen Stellenwert zu:
Wer Ohren hat, der höre!
heißt es da immer wieder. (Matthäus 11,15; 13,9; Markus 4,9; Offenbarung 2,29; 13,9; …)
„Auf ihn sollt ihr hören“ – auf Jesus. So sagt ihnen die Stimme vom Himmel auf dem Berg, als sie voller Angst vor seinem Ende in Jerusalem ihn am liebsten von seinem Weg abbringen wollen (vgl. Lukas 9,31 und Matthäus 16,23). Mit seinem Wort von der „Auferstehung“ als umfassender Perspektive können sie ja noch nichts anfangen (vgl. Markus 9,10 und 9,32); da haben sie noch einen Weg vor sich. Also ist erst mal wichtig: In all dem Wirrwarr „auf ihn hören“! Sich von den vielen anderen Stimmen nicht das Vertrauen kaputt machen lassen!
Geradezu zentrales Glaubensbekenntnis ist für Juden der Satz aus der Bibel
Höre, Israel! der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.
(Deuteronomium 6,4)
Jesus zitiert das als das erste und wichtigste Gebot. (Vgl. z.B. Markus 12,29) Ja, auf das Hören kommt es an: darauf dass ich wirklich hinhöre, selber höre! Denn: Gott ist da und spricht, spricht Menschen an!
Da reicht es nicht, dass ich mir von anderen sagen lasse, was es von Gott zu hören gebe. Der Lehrer kann nicht meine eigene Erfahrung des Hörens ersetzen. Wirklich hören werde ich nur, wenn ich selber hinhöre mit den Ohren, mit den Ohren meines Herzens. Und einander als Subjekte des Hörens zu respektieren heißt, die Menschenwürde des Einzelnen zu respektieren. Ihm das vorzuenthalten, weil angeblich nur Fachleute oder besonders Bevollmächtigte „richtig“ zu hören in der Lage seien, das wäre ein grober Verstoß gegen die Humanität und ihre Logik. Subjekt des Hörens bin ich selbst!
Diese Haltung gegenüber dem Hören auf Gottes Wort aus der Bibel im Gottesdienst atmet auch das offizielle Buch der katholischen Kirche mit den für die gottesdienstliche Lesung zusammengestellten Bibeltexten.
Da betont die „Pastorale Einführung ins Messlektionar“ (PEML) die erforderliche Hochschätzung des Hörens für die Begegnung mit Gott im verkündigten Bibel-Wort:
… Alle Christen … haben die Gabe des Hörens empfangen …
(PEML, 7)
… Das Wort Gottes zu hören und zu bedenken ist Aufgabe aller Gläubigen …
(PEML, 8)
Das eigene Hören auf Gottes Wort kann mir keiner abnehmen. Meine eigene Begegnung mit ihm im Hören kann nicht durch eine noch so gelehrte Deutung des niedergeschriebenen Inhalts ersetzt werden. Dieses so wertvolle Hören sollen die Verantwortlichen fördern.
Die deutschen Bischöfe haben dazu 2015 in ihrem Wort „Gemeinsam Kirche sein“ ihre Haltung so beschrieben:
2.c) … Wir vertrauen auf die Charismen aller Gläubigen. … Das Kirchesein der Getauften und Gefirmten kann darum als Geschenk Gottes nicht mehr gesteigert werden, auch nicht durch das Weihesakrament. Vor diesem Hintergrund sind alle in der Kirche zu einem neuen Vertrauen auf die Charismen jedes Christen und jeder Christin eingeladen. …
Und:
4.c) Es bedarf einer Änderung der Mentalität: … Dabei darf nicht übersehen werden …eine Professionalisierungstendenz … Wie die Gesellschaft muss auch die Kirche kritisch den damit verbundenen Tendenzen zur Entmündigung oder Entfremdung im Verhältnis von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen entgegenwirken. …
Viele Menschen haben diese gewisse Entmündigung sich zu eigen gemacht und trauen sich selber nicht mehr zu, dass sie zu einem „verstehenden“ Hören fähig sind. Was sie bisher gelernt haben, legt sie auf eine Art des „Hörens“ fest, das nur bereits Bekanntes akzeptiert und anerkennt. Das kann eine gewisse „Schwerhörigkeit“ gegenüber Gottes Wort aus der Bibel zementieren. Angesichts der Vielfalt in dem, was die „Lehrenden“ sagen, was es da in der Bibel zu hören gebe, bleibt den Menschen dann nur übrig, das als Gehörtes anzunehmen, was Lehrende ihres Vertrauens sagen.
Etwas Anderes ist es, den hörenden Gläubigen, bevor sie einen kurzen, aus dem Zusammenhang herausgenommenen Abschnitt der Bibel zu hören bekommen, eine Hilfe zum Hören anzubieten. Eine solche Hörhilfe – entweder nach der Begrüßung oder unmittelbar vor der Schriftlesung – ist oft hilfreich, manchmal notwendig für ein verstehendes Hören: Wenn da die Fragestellung oder der „Sitz im Leben“ oder die Problemsituation oder der sonstwie vorausgesetzte Zusammenhang genannt wird, um den es bei der Aussage in dem Abschnitt geht, ohne aber die Aussage selbst bereits vorwegzunehmen.
Eine Minimalform davon sieht auch die liturgische Ordnung vor, wenn zum Beispiel zur Einleitung eines Abschnitts aus einer längeren Rede Jesu dem eigentlichen Bibeltext im Lektionar ein Wort vorausgeschickt wird wie etwa „In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: …“ Schon wichtig zu wissen, wer da zu wem spricht und warum! Wichtig kann es sein, ob zum Beispiel ein Wort über Armut und Reichtum zu Reichen gesagt wird oder aber zu armen Menschen! Oder aber ein Wort über die Pflege der Gesundheit zu schwer kranken Menschen oder zu Menschen, die nachlässig mit ihrer Gesundheit umgehen! So hat ja jeder Abschnitt der Bibel seine Zusammenhänge, die es zu berücksichtigen gilt, wenn durch ihre Worte Gott selber sein Wort zu den im Gottesdienst Versammelten sagen will. Das kann dann auch zum „Thema“ der Verkündigung in einem Gottesdienst werden, vor allem wenn die 1. Schriftlesung aus dem Alten Testament – wie so oft – als inhaltliche Parallele zur thematischen Aussage dem Evangelium zugeordnet wurde. Dann kann – in der Tat am Anfang des Gottesdienstes mit Hilfe von einführenden Worten „hineingeführt“ werden in eine uns auch heute bewegende Fragestellung, um die es in den Bibeltexten der Feier geht, zu der der lebendige Gott uns endlich sein erhellendes Wort als seine lösende Antwort nahebringen will!
Zum Beispiel: „Brüder und Schwestern, heute sagt uns Jesus im Evangelium, dass in seiner Auferstehung Gott auch seine stärksten Widersacher besiegen wird.“ Bei aller Wertschätzung für diese Interpretation des Evangeliums von der Tempelreinigung – an dieser Stelle hat das keinen Platz! Eine solche Vorwegnahme ist nicht nur dramaturgisch ungeschickt, wie wenn beim Vorspann zum Krimi schon verraten würde, wer der Mörder ist. Aber stattdessen könnte der Priester, wenn er die Gemeinde auf den inhaltlichen Akzent des Sonntags-Evangeliums einstimmen will, eine Frage benennen, zu der dann das Evangelium spricht. Zum Beispiel: „Wer ist bei Ihnen Herr im Haus des Lebens? Das Evangelium dieses Sonntags erzählt davon, dass Jesus im Tempelvorhof in Jerusalem sich aufführt, als sei er der Herr des Hauses; wofür er kritisiert wird. Seine Antwort auf die Kritik, die wir im Evangelium hören, will auch uns weiterbringen.“ Das könnte dann neugierig machen aufs Evangelium.
Oder wenn es um ein Thema der Angst geht, wäre es ein kontraproduktiver Kurzschluss, am Anfang schon zu sagen, Jesus fordere uns auf, ihm zu vertrauen. Die Chance, auf dem Weg des eigenen Hörens der Botschaft mehr Vertrauen aufzubringen, kann aber wachsen, wenn stattdessen nach der Begrüßung die Mitfeiernden bei dem angesprochen werden, was sie mitbringen, etwa: „Was ich erlebe, macht mir oft Angst und das kann mich an einem erfüllenden oder verantwortlichen Leben ziemlich behindern. Mit diesem Kummer können wir jetzt zu Gott kommen …“ Wenn ich meine Sorge ihm anvertraue, kann mich das neugierig darauf machen, was er mir mit seiner Botschaft dazu sagt. Vielleicht werde ich mich sogar hinterher damit noch weiter auseinandersetzen und anderen begegnen, denen es auch so geht.
Wenn mir aber vorher schon angekündigt wird, welche Problemlösung er mir heute sagen will, steht vor mir der Maßstab, was ich hören soll. Und wenn ich dann trotz aller Bemühung das nicht umzusetzen vermag, stehe ich mal wieder da mit meinem frustrierend schwachen „Glauben“, dem ich halt nichts zutrauen kann. Der Spannungsbogen von einer besorgt suchenden Frage aus über das neugierige Hinhören bis hin zur dankbaren Feier der neu gesehenen Perspektive in der Eucharistie fällt dann in sich zusammen – ähnlich wie bei einem spannenden Krimi, an dessen Anfang schon angekündigt würde, wer der Mörder ist.