„Danke“ sagen – das gehört sich so. Das lernen Kinder bis heute. Aber „danken“ – was ist das eigentlich? Was geschieht da zwischen Menschen, wenn einer dem anderen wirklich dankt und das nicht nur behauptet oder so tut, als würde er ihm danken?
„Im Bauch“ spüren wir das alle. Authentisch danken heißt: Ich erlebe eine Freude und die zeige ich gerne der Person, die sie mir verursacht hat.
Wenn der andere dann sieht, wie ich ihm mein vor Freude strahlendes Gesicht zuwende, oder wenn er meine Anerkennung hört für ihn als dem Verursacher meiner Freude, dann wird das dem so Bedankten gut tun – unabhängig davon, ob ich dabei das Wort „danke“ verwendet habe oder nicht.
Es kann allerdings sein, dass das Tun des Anderen für mich gar nicht ein Anlass zur Freude geworden ist, ich mich aber zum Dank verpflichtet fühle. Wenn ich dann deshalb mit dem Wort „danke“ so tue, als ob ich mich darüber freute, dann verschleiert das die Realität. Schlimmstenfalls sieht sich der andere durch diese Irreführung dazu veranlasst, mir diese so gemeinte „Freude“ ein andermal wieder zu bereiten. Auch wird der andere Mensch meine Unehrlichkeit spüren und sie vielleicht als unsympathischen Mangel an „Dankbarkeit“ deuten. Beide Seiten fühlen sich unwohl.
Ehrlicher und angenehmer für beide wäre, wenn ich den guten Willen des Anderen und seine Bemühung anerkennen kann und wenn ich ihn das spüren lasse. Vielleicht kann ich ihm sogar echtes Bedauern zeigen für seinen gescheiterten Versuch, mir eine Freude zu bereiten: „Ich trinke aber keinen Alkohol“, „Ich verstehe leider diese Sprache nicht“, … Eine solche Offenheit setzt ein gewisses Vertrauen in der Beziehung zwischen beiden Seiten voraus. Wo dieses Vertrauen noch nicht gegeben ist, wird es helfen, wenn die eine oder die andere Seite das Misslingen in einer gewissen Souveränität oder Resilienz aushält – einfach weil dieses Risiko zu jeder zwischenmenschlichen Begegnung gehört. Als ich z.B. vor langer Zeit mit einer kleinen Gruppe auf einer Studienreise in einen anderen Kulturkreis zum dortigen Festessen eingeladen war, wurde es zu einer Herausforderung, den als stolze Ehre gemeinten Nachschlag zu der üppig fetten, unseren Ekel erregenden Fischsuppe auszuschlagen oder uns doch „gefallen“ zu lassen.
Brisanter wird dieses Muster eines pflichtgemäßen Als-ob in der Gestalt von „political correctness“ in der zwischenmenschlichen Begegnung in größerer Zahl von Menschen – in Kirche und Gesellschaft und überall.
Hier drei Beispiele, die mir besonders deutlich oder aktuell akut erscheinen:
- Immer häufiger ist zu beobachten, dass antidemokratisch eingestellte Rechtspopulisten ihre Bemühung um Schwächung oder Abschaffung der Demokratie in opportunistischer Verschleierung als „demokratisch“ bemänteln, als ob ihre Bestrebungen und Aktionen regelkonform und pflichtgemäß wären und sie damit ein Recht auf Zustimmung einfordern könnten. Und auf der anderen Seite stellt sich die Frage: Wenn ein demokratisch gewählter Demokratie-Feind Landtagspräsident wird, „muss“ ich dann mit einem Blumenstrauß so tun, als ob ich ihm Erfolg wünschte, oder „muss“ ich ihm den vor die Füße werfen oder „muss“ ich mich jeder Gratulation enthalten?
- In den Achtzigerjahren berichteten Eltern von Kommunionkindern vom heulenden Elend ihrer Kinder, die von ortsansässigen Geschäften und anderen ihnen fremden, kommerziell Interessierten bis zu 100 Glückwunsch-Briefe erhalten hatten, wofür sie jetzt den massenhaft von den Eltern vorbereiteten pflichtgemäßen „Dank“ wenigstens handschriftlich unterschreiben mussten. Es war ja – vom Einzelhandel hoch geschätzter – Brauch, im Lokalblatt die Liste der Kommunionkinder mit Namen und Anschrift rechtzeitig vorher bekanntzugeben. Datenschutz war damals noch kein Thema. Mit meiner vom Pfarrgemeinderat gestützten und offen begründeten Weigerung in den Folgejahren, die Liste der Kommunionkinder an die Lokalpresse zu geben, handelte ich mir heftige Vorwürfe ein: Als ob ich den Kindern nicht eine solche breite Teilnahme an ihrer Festfreude gönnte, und als ob ich die Erstkommunion nicht ausreichend wertschätzte.
- Die am weitesten verbreitete Form der sonntäglichen Gottesdienste in der katholischen Kirche heißt – jedenfalls seit der Liturgiereform nach dem 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) – „Eucharistiefeier“, auf Deutsch „Feier des Dankes“. Und zum zentralen Gebet in dieser Feier ermuntert auch der Priester, der ihr vorsteht, die Gemeinde zur entsprechenden Haltung mit den Worten „Erhebet die Herzen!“ und „Lasst uns danken …!“, und die versammelte Gemeinde stimmt dem jeweils zu: „Wir haben sie beim Herrn!“ und „Das ist würdig und recht!“ Allerdings ist in diesen Feiern oft herzlich wenig davon zu spüren, dass da Menschen wirklich Anlässe zu einer Freude gefunden hätten, die sie jetzt miteinander dem „Herrn“ zeigen wollen, weil sie in ihm den sehen, der ihnen diese Freude bereitet. Außenstehende werden das wahrscheinlich als reine rituelle Pflichtübung dieser Menschen erleben, die nur so tun, als ob eine derartige Freude sie hier zusammenführte – bestenfalls mit der Unterstellung, sie seien sich wohl bewusst, dass sie eigentlich „dankbar“ sein „müssten“ … Neugieriges Interesse an der Möglichkeit, auch eine solche Freude zu erleben, wird das bei einem neuen Besucher kaum wecken. …