Sie waren doch sicher schon mal richtig glücklich. Welche Erinnerung steigt da in Ihnen auf? Vielleicht eine gute Überraschung, die Sie nie zu erträumen gewagt hätten? Oder was Ihnen nach ausdauernder großer Bemühung gut gelungen ist? Oder die Begegnung mit einem Menschen, die Ihr Leben verändert hat?
Für das, worum es mir hier geht, dürfen Sie sich auch mit kleineren Freuden zufrieden geben: Die Erinnerung an ein besonders gutes Essen. Oder die Erinnerung an die tiefe Zufriedenheit mitzuerleben, wie Ihr Sohn oder Ihre Tochter eine schwierige Herausforderung gut gemeistert hat. Eine beglückende Stunde mit Ihrem Ehepartner …
All diesen Erinnerungen mit mehr oder weniger großen Glücksgefühlen ist eines gemeinsam: Sie sind vergangen. Vielleicht erst seit fünf Minuten. Oder auch schon seit dreißig Jahren.
Und worin besteht der Unterschied zwischen eben gerade Erlebtem, was mich glücklich macht, und beglückenden Erlebnissen vor vielen Jahren?
Das Glücksgefühl, das ein Erlebnis mir auslöst, hält unmittelbar anschließend erst einmal an. Goethes Faust spricht von dem Wunsch, ein solcher Augenblick möge dauerhaft sein: „Verweile doch! Du bist so schön!“ (V 1699–1702) Und Petrus sagt in einem solchen Augenblick zu Jesus: „Es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen.“ (Markus 9,5)
Manche Glücksgefühle halten länger an, andere sind nur von kurzer Dauer.
Aber alle beziehen sich auf ein vergangenes Erlebnis.
Und allgemein verbreitet ist zu beobachten: Gerade eben oder erst kurze Zeit vergangener Erlebnisse in der „Er-Innerung“ innezuwerden, weckt ein stärkeres Glücksgefühl als die Erinnerung an längst Vergangenes.
Warum ist das so? Und ab wieviel vergangener Zeit droht das Glücksgefühl beim Erinnern in Wehmut zu kippen?
Ist das nicht irgendwie unlogisch, dass die emotionale Wertschätzung von Erlebtem mit der Zeit nachlässt? Wodurch soll das denn festgelegt sein, wer sagt das denn, dass oder nach wieviel vergangener Zeit die Erinnerung an ein erfreuliches Ereignis nicht mehr so froh macht? Ja, einerseits löst die heute erlebte glückliche Begegnung unter Lebenspartnern auch die beglückende Perspektive auf Wiederholung aus, was nach dem Tod des Partners bei der Erinnerung daran nicht mehr geht. Aber warum sollte die Freude am Erlebten nicht unvermindert Bestand haben und weiter wirken, sich auf das Jetzt auswirken – als „Wirk“lichkeit, die in die Gegenwart mündet?
Meine These ist: Die uns selbstverständlich gewordenen Vorstellungen von „Zeit“ und ihren Abläufen bewirken in unserem Lebensgefühl eine unbegründete Abwertung von allem, was „gestern“ war. (Die Gegenbewegung, alles, was „früher“ war, zu beschönigen, ist ja vielleicht ein Ventil des Protestes?)
Wenn ich mir des Vergangenen inne werde, es „erinnere“, kann es mich beglücken, egal wie lange das auslösende Erlebnis schon vergangen ist.
Zum Beispiel die beglückenden Erfahrungen mit der geliebten Person – auch wenn sie schon gestorben ist.