Sonntagsbotschaft zum 27. September 2026,
dem 26. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A).
„Wir müssen jetzt die Suppe auslöffeln, die uns unsere Väter eingebrockt haben.“ Sehr unterschiedliche Erfahrungen sind es, die Menschen in solche Worte fassen. Da kann von der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit die Rede sein oder auch von der neuzeitlichen Geschichte der Menschheit.
Wahrscheinlich schon immer haben Menschen die Ursache eigener Probleme gerne bei anderen gesehen. Und Menschen, die Gott als den Herrn der Geschichte anerkennen, machen dann letztlich ihn verantwortlich dafür.
Davon spricht an diesem Sonntag in Gottes Auftrag auch der Prophet Ezechiel zu seinen Leidensgefährten im babylonischen Exil. Sie werfen Gott vor, er gehe ungerecht mit ihnen um: „Wir müssen jetzt die Schuld unserer Väter ausbaden! Sie aßen saure Trauben und uns werden die Zähne stumpf!“ (vgl. Ezechiel 18,2) Und was sagt Gott dazu?
So spricht der Herr:
Ihr sagt: Der Weg des Herrn
ist nicht richtig.
Hört doch, ihr vom Haus Israel:
Mein Weg soll nicht richtig sein?
Sind es nicht eure Wege,
die nicht richtig sind?
Wenn ein Gerechter
sich abkehrt von seiner Gerechtigkeit
und Unrecht tut,
muss er dafür sterben.
Wegen des Unrechts, das er getan hat,
wird er sterben.
Wenn [aber] ein Schuldiger
von dem Unrecht umkehrt,
das er begangen hat,
und nach Recht und Gerechtigkeit handelt,
wird er sein Leben bewahren.
Wenn er alle seine Vergehen,
die er verübt hat, einsieht
und umkehrt,
wird er bestimmt am Leben bleiben.
Er wird nicht sterben.
(Ezechiel 18,25-28)
Nein nein, Gott nagelt sie nicht fest auf ihre Vergangenheit! Weder auf das schuldhafte Tun ihrer Eltern-Generation noch auf ihr eigenes früheres Fehlverhalten! Dass sie sich davon distanzieren und umkehren, darauf kommt es an!
Dem Menschen ist die Freiheit gegeben, sein Verhalten zu ändern und so die schlimmen Folgen seines Tuns einzudämmen. Dafür sorgt Gott in seinem liebevollen Erbarmen.
Nehmen wir als aktuelles Beispiel das gesundheitsgefährliche Ozonloch über der Antarktis. Bereits nach etwa 20 Jahren ist es fast wieder geschlossen, nachdem weltweit darauf verzichtet wurde, FCKW als Kühlmittel in Kühlschränken zu verwenden, obwohl es verführerisch billig und effektiv war. Von dieser Umkehr profitieren jetzt sowohl die früheren „Täter“ selbst als auch die folgenden Generationen. In der vom Schöpfer angelegten Ordnung der Natur ist das so.
Wenn die Menschheit aufhören würde, überall Mikroplastik in die Welt zu setzen, könnte auch diese Schädigung des Lebensraums Erde gestoppt werden – wenn das auch länger dauern würde.
Und mit einer Abkehr von all den Verhaltensweisen, die das Erdklima gefährlich aufheizen, wäre es ebenso.
Wenn aber der Mensch sich solchen Reformen verweigert, muss er die Folgen erleiden. Deswegen ist es wichtig, auf Gottes Stimme zu hören, die uns den rechten Weg zur Umkehr weist.
Die Gemeinde, die sich dieser Botschaft in der 1. Schriftlesung des Sonntags stellt, antwortet vertrauensvoll mit dem Psalm:
… Gedenke nicht meiner Jugendsünden …!
Nach deiner Huld gedenke meiner, HERR,
denn du bist gütig!
Der HERR ist gut und redlich,
darum weist er Sünder
auf den rechten Weg. …
(Psalm 25,4-9)
Der Mensch, wenn er die Kinder und Enkel liebt, darf deshalb nicht nur die eigene Annehmlichkeit für die ihm verbleibende Lebenszeit pflegen; er muss auch auf das Wohl der Generationen nach ihm achten.
Schon gar, wenn er den Geist wertschätzt, der den Lebensweg von Jesus geprägt hat. Seine Einstellung zum Leben preist der Apostel Paulus in der zweiten Schriftlesung in den höchsten Tönen. Die Christen, die seine Worte aus dem Brief an die Gemeinde in Philippi hören, bedrängt er leidenschaftlich zu einer Gesinnung in der Art von Jesus Christus, dem es ja um Wertschätzung und erfülltes Leben für alle geht:
Jeder achte nicht nur
auf das eigene Wohl,
sondern auch auf das der anderen.
Seid untereinander so gesinnt,
wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:
Er war Gott gleich,
hielt aber nicht daran fest,
Gott gleich zu sein,
sondern er entäußerte sich
und wurde wie ein Sklave
und den Menschen gleich.
Sein Leben war das eines Menschen;
er erniedrigte sich
und war gehorsam bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz.
(Philipper 2,1-11)
Dieses Wesentliche an seinem Lebensweg wurde seinen Zeitgenossen umso deutlicher, je mehr sich die Auseinandersetzung zwischen ihm und seinen Kontrahenten zuspitzte. Als er am Ende nach Jerusalem kam und dort im Tempelvorhof in Gottes Namen zu radikaler Umkehr aufrief, wurde klar: Er macht dem Volk Mut, sich von der bevormundenden Herrschaft der Maßgeblichen zu lösen, die nur ihr eigenes Süppchen kochen. Den kommerziellen Betrieb mit seinem Unwesen, mit dem sie den Tempel umfunktioniert haben, bringt er durcheinander und erinnert: „Mein Haus soll ein Haus des Gebetes genannt werden. Ihr aber macht daraus eine Räuberhöhle!“ (Matthäus 21,12-13) Aus einem Ort der lebendigen Beziehung zu Gott, die allen zugutekommt, haben sie ein System der Bemächtigung und der Ausbeutung gemacht.
Und jetzt verkündet er ihnen allen von neuem die alte Botschaft von der neuen Chance: Gott nagelt keinen Menschen auf sein bisheriges Fehlverhalten fest. Die ihn anerkennen als den Maßgebenden und zu ihm und zu seinem Wirken umkehren, sie werden den Ernte-Ertrag in seinem Sinn zum Nutzen aller einbringen und damit dann auch ihren eigenen Anteil genießen können!
Um die Menschen zu dieser Umkehr zu bewegen, kommt er. Am Beispiel der Zöllner und der Dirnen können sie es schon sehen. Sie waren von allen verurteilt und auf ihre Schuld festgenagelt worden. Aber Jesus hat ihnen Gottes liebende Zuwendung gezeigt und geschenkt, was aus ihnen einfach neue Menschen gemacht hat! Und alle, die das miterleben, ahnen, wie wertvoll das werden kann, wenn sie selber auch zu Gottes Geist und Wegweisung umkehren! Aber nicht alle gönnen ihnen das. Deshalb konfrontiert er sie wieder mit einem Gleichnis vom Reich Gottes:
Was meint ihr?
Ein Mann hatte zwei Söhne.
Er ging zum ersten und sagte:
Mein Kind, geh und arbeite heute
im Weinberg!
Er antwortete: Ich will nicht.
Später aber reute es ihn
und er ging hinaus.
Da wandte er sich an den zweiten
und sagte zu ihm dasselbe.
Dieser antwortete: Ja, Herr –
und ging nicht hin.
Wer von den beiden
hat den Willen seines Vaters erfüllt?
Sie antworteten: Der erste.
Da sagte Jesus zu ihnen:
Amen, ich sage euch:
Die Zöllner und die Dirnen
gelangen eher in das Reich Gottes
als ihr.
Denn Johannes
ist zu euch gekommen
auf dem Weg der Gerechtigkeit
und ihr habt ihm nicht geglaubt;
aber die Zöllner und die Dirnen
haben ihm geglaubt.
Ihr habt es gesehen
und doch habt ihr nicht bereut
und ihm nicht geglaubt.
(Matthäus 21,28-32)
In meine Sprache und Logik übersetzt, heißt das: Ein Familienbetrieb. Der Vater überträgt den Söhnen eine Aufgabe. Der erste widersetzt sich. Dann aber ändert er seine Einstellung: Vielleicht findet er es doch besser, den ihm zukommenden Anteil zum Gelingen des Ganzen doch beizutragen? Er geht jedenfalls und tut, was der Vater will. Der zweite, von dem der Vater das gleiche will: Er stimmt zunächst zu; der Vater kann also davon ausgehen, dass er seinen Beitrag leistet. Er tut es dann aber nicht.
Das Gleichnis nimmt Jesus als Bild, damit für seine Kontrahenten das Problem deutlicher wird, auf das er sie aufmerksam machen will: … „Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr“, sagt er zu den Führenden, die stur an ihrer Sicht festhielten und sich der Botschaft von der Umkehr zum jetzt neu beginnenden Reich Gottes verweigert haben. Darauf eingelassen haben sich aber die sogenannten „Zöllner und Dirnen“, die vorher mit ihrer Lebensweise sich Gott verweigert hatten, sich aber jetzt dem göttlichen Geschenk des Neuanfangs öffnen, also „geglaubt“ haben, wie Jesus das nennt. Dem Aufruf zur Umkehr verschlossen haben sich dagegen die, die immer für das Ja zum Glauben standen und Gottes Willen als Lehrer dem Volk verkündeten.
In der Sichtweise der Hohepriester und Schriftgelehrten wirft Jesus mit dieser Botschaft alles über den Haufen. Sie werden ihn dafür kreuzigen lassen; diesen Jesus, von dem Paulus dann sagt:
Darum hat ihn Gott
über alle erhöht
und ihm den Namen verliehen,
der größer ist als alle Namen, …
(Philipper 2,9-11)
Wer so weit mitgeht, wird dann gerne ausrufen:
Evangelium unseres Herrn Jesus Christus!
Lob sei dir, Christus!