Sonntagsbotschaft zum 6. September 2026, dem 23. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A).
Na – wie wird die Wahl ausgehen? Und was für eine Regierung wird dann gebildet werden? Sachsen-Anhalt dürfte ja so was wie ein Präzedenzfall werden.
Mit dieser Frage im Hinterkopf und im Herzen wende ich mich an die Bibeltexte dieses Sonntags. Gibt es da eine Aufmunterung? Oder eine Aufforderung? Eine Lösungsperspektive?
Die erste Schriftlesung aus dem Propheten Ezechiel rüttelt auf:
So spricht der Herr:
Du Menschensohn,
ich habe dich
dem Haus Israel als Wächter gegeben; …
„Menschensohn“ – wer ist damit gemeint? Anscheinend sieht Ezechiel selbst sich damit angesprochen, als „Wächter“ in die Verantwortung gerufen für das, was im Volk geschieht. Aber wenn er da in seiner Eigenschaft als Kind von Menschen angesprochen wird, gilt das vielleicht für alle Menschen – für alle jedenfalls in Gottes Volk? Soll da gesagt werden, dass allen solche Wachsamkeit obliegt?
… wenn du ein Wort aus meinem Mund hörst,
musst du sie vor mir warnen. …
Vor Gott warnen? – Jedenfalls geht es um den Zusammenhang zwischen einem Verhalten des Volkes und seinen Folgen.
Die Philosophien des griechisch-römischen Mittelmeerraumes, die auch unsere heutigen Mentalitäten prägen, sehen das als einen Zusammenhang zwischen Schuld und Strafe.
Die biblische Logik ist älter: Der Zusammenhang, auf den es ihr ankommt, liegt zwischen Gottes wegweisendem Wort, durch das er mit seinem allumfassenden Überblick und Wohlwollen zuverlässig für das Wohlergehen des Volkes sorgt, und dem Vertrauen des Volkes, mit dem es sich in seinem Verhalten daran orientiert oder sich verweigert und lieber anderen Reizen traut, also das Befolgen von Gottes Wegweisung schuldig bleibt, sich ab-sondert, sich ver-sünd-igt und damit auch die heilvolle Begleitung in die gute Zukunft verpasst.
Ezechiel, der Prophet, der Wächter, der Warner bringt unter die Leute, wie Gott selber das beschreibt:
Wenn ich zum Schuldigen sage:
Schuldiger, du musst sterben!
und wenn du nicht redest,
um den Schuldigen vor seinem Weg zu warnen,
dann wird dieser Schuldige
seiner Sünde wegen sterben;
sein Blut aber
fordere ich aus deiner Hand zurück.
Wenn du aber einen Schuldigen
vor seinem Weg gewarnt hast,
damit er umkehrt,
und er sich nicht abkehrt von seinem Weg,
dann wird er seiner Sünde wegen sterben;
du aber hast dein Leben gerettet.
(Ezechiel 33,7-9)
Wer Gottes heilvolle Wegweisung gehört und verstanden hat, ist verantwortlich, den Mund aufzumachen, bevor das Volk ins Unheil geht! Es geht um Leben und Tod, um Heil oder Unheil. Und um die Gefahr, dass das „Haus Israel“ sich schuldig macht. Es geht um die Notwendigkeit, das Volk zu warnen, damit es nicht so weit kommt. Und zu bedenken, welche Konsequenzen es hat, wenn nicht seine warnende Stimme erhebt, wer eingesehen hat, worauf es ankommt!
Die Fortsetzung in der Bibel greift die Stimmung im Volk auf, das immer wieder jammert: Jaja, bei uns geschieht so viel Mist, den wir jetzt mit uns herumschleppen müssen und der uns am Leben hindert! (vgl. Ezechiel 33,10)
Aber Gott will nicht, dass die Menschen kapitulieren. Er sagt: Warum denn wollt ihr sterben?! Kehrt euch ab von euren Wegen, wenn sie doch schlimm sind! (vgl. Ezechiel 33,11)
Gott beklagt sich, das Volk schiebe ihm die Schuld in die Schuhe, dass er nicht eingreift, wo er doch allmächtig sei. Dabei müssten sie nur seinem Wort trauen, dann würden sie sehen, dass er alles Kaputte wieder richtet. (vgl. Ezechiel 33,17-20)
Hier höre ich Gottes Aufforderung: Jeder und jede soll sich wichtig nehmen für die Mitwirkung am Wohlergehen aller. Ich soll mir zu den gegebenen Herausforderungen der politischen Situation eine Meinung bilden und sie einbringen und zum Beispiel bei der Wahl eines Parlaments, das eine Regierung wählt, mich nicht verkrümeln. Denn von den Vielen wie Ich und Du hängt es ja ab, welche Politik dann im Volk herrscht. Natürlich sind meine Möglichkeiten, mich über alles dafür Wichtige zu informieren und dazu auch noch eine Meinung mit Hand und Fuß zu bilden, äußerst begrenzt. Dann müssen wir eben alle für eine gute Ergänzung und Abstimmung untereinander sorgen. Damit das Ganze das Miteinander aller möglichst zum Guten für alle Menschen gestaltet.
Und das Volk, das dem Gott der Bibel zutraut, dass sein Wort die optimale Wegweisung gibt, und das deshalb die Orientierung durch das Hören auf sein Wort im Gottesdienst zu bestärken sucht, antwortet auf diese Schriftlesung mit dem genau diesen Geist atmenden Psalm 95:
Kehrvers (Kv): Hört auf die Stimme des Herrn;
verhärtet nicht euer Herz!
Kommt, lasst uns jubeln dem HERRN,
jauchzen dem Fels unsres Heiles!
Lasst uns mit Dank seinem Angesicht nahen,
ihm jauchzen mit Liedern! – Kv
Kommt, wir wollen uns niederwerfen,
uns vor ihm verneigen,
lasst uns niederknien vor dem HERRN, unserm Schöpfer!
Denn er ist unser Gott,
wir sind das Volk seiner Weide,
die Herde, von seiner Hand geführt. – Kv
Würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören!
Verhärtet euer Herz nicht wie in Meríba,
wie in der Wüste am Tag von Massa!
Dort haben eure Väter mich versucht,
sie stellten mich auf die Probe
und hatten doch mein Tun gesehen. – Kv
(Psalm 95,1-2.6-9)
(Kantorin: Heike Bittner, Herz Jesu Frankfurt-Fechenheim, 1987)
Vor 3 Jahren habe ich weitere Aspekte zu diesem Bibeltext gehört: „Mosaik der Verantwortungen“. SONNTAGSBOTSCHAFT zum 10.09.2023
https://rainer-petrak.de/mosaik-der-verantwortungen/
