Sonntagsbotschaft zum 28. Dezember 2025, dem 1. Sonntag nach Weihnachten, dem „Fest der heiligen Familie“ (Lesejahr A).
„Fest der heiligen Familie“. So heißt dieser Sonntag nach Weihnachten im Kirchen-Kalender. Nicht „Fest der heilen Familie“! Welche Familie von heute hätte dann einen Grund zum Feiern!
Ja, zwar ist Weihnachten bei uns für viele ein Anlass, mit möglichst allen in der Familie zusammenzukommen und dann das zu tun, was wir „ein Fest feiern“ nennen. Aber es lässt sich nicht übersehen, dass an kaum einem anderen Tag im Jahr so viel geweint wird wie an Weihnachten! Und wir müssen zur Kenntnis nehmen, was seit kurzem zunehmend öffentlich beklagt wird: dass in der Familie die meiste Gewalt begangen wird – früher an den Kindern, heute an Frauen.
Aber eigentlich und ursprünglich ist doch die Familie der Ort optimaler Entfaltung des Lebens!
Zum Glück ist auch heute für viele Menschen Weihnachten wirklich ein Fest der Familie! – „Hauptsache, die Kinder fliegen da nicht in den Süden und lassen uns Eltern nicht allein!“
Ja, beides ist da in den realen Familien: liebevoll verbindender Kitt und kreativ sein wollende Sprengkraft“. Die Gefühlslage der beteiligten Menschen kann schwanken zwischen eingeengt und förderlich, zwischen ausgeliefert und befreiend – je nach dem, welche Kräfte und Situationen eine Familie prägen.
Und ist das nicht mit Mutter Kirche und Vater Staat das Gleiche? Ist nicht jedes menschliche Miteinander nur möglich mit Spannungen und Unterschieden und mit der Bereitschaft zu Ergänzung und Ausgleich?
Jeder Mensch beginnt sein Leben in einer Familie. Und das menschliche Miteinander dort ist ein Kräftespiel, das den weiteren Lebensweg des Kindes nachhaltig beeinflusst. Wenn dieses Miteinander zum Anlass für ein Fest werden soll, worauf gilt es da besonders zu achten?
Die Bibeltexte, die für dieses Fest Orientierung geben wollen, was sagen sie dazu?
Der Abschnitt aus dem alttestamentlichen Buch Jesus Sirach (Sirach 3,2-6.12-14) richtet die Aufmerksamkeit der jeweils jüngeren Generationen darauf, dass die Älteren zunehmend auf den Beistand der Jüngeren angewiesen sind und dass sie ein Recht auf ihren Respekt haben. In einer Gesellschaft, in der noch nicht „Vater Staat“ mithalf und einsprang, um die Jüngeren von übermäßigen Verpflichtungen zu entlasten, war es ja allein die Familie, meistens eine Großfamilie, der es oblag, für ein menschenwürdiges Altwerden auch bei nachgelassenen Kräften der Alten zu sorgen.
Mit Berufung auf die Autorität des Apostels Paulus bestärkt der zweite Bibelabschnitt dieses Sonntags (Kolosser 3,12-21) zu einer neuen Haltung gegenüber den anderen Mitgliedern in der Familie und im Haushalt. Das knüpft zwar an an die in der damaligen Welt herrschenden soziokulturellen Regeln, übernimmt aber zugleich die Weiterführung, in der maßgeblich wird, in welcher Beziehungsqualität Jesus Christus unsereins begegnet.
Und das Evangelium vom immer zuverlässig führenden Gott wird auch für heute verkündet in Gestalt einer Erzählung aus den Kinderjahren von Jesus. Sie knüpft an an die Erzählung von den weisen Männern aus dem fernen Osten, die Jesus ihre Geschenke aus dem Reichtum der Völker an die Krippe bringen.
Als die Sterndeuter
wieder gegangen waren,
siehe, da erschien dem Josef
im Traum
ein Engel des Herrn
und sagte: Steh auf,
nimm das Kind und seine Mutter
und flieh nach Ägypten;
dort bleibe,
bis ich dir etwas anderes auftrage;
denn Herodes wird das Kind suchen,
um es zu töten.
Da stand Josef auf
und floh in der Nacht
mit dem Kind und dessen Mutter
nach Ägypten.
Dort blieb er
bis zum Tod des Herodes.
Denn es sollte sich erfüllen,
was der Herr
durch den Propheten gesagt hat:
Aus Ägypten habe ich
meinen Sohn gerufen.
Als Herodes gestorben war,
siehe, da erschien dem Josef
in Ägypten
ein Engel des Herrn im Traum
und sagte: Steh auf,
nimm das Kind und seine Mutter
und zieh in das Land Israel;
denn die Leute,
die dem Kind
nach dem Leben getrachtet haben,
sind tot.
Da stand er auf
und zog mit dem Kind
und dessen Mutter
in das Land Israel.
Als er aber hörte,
dass in Judäa
Archelaus anstelle seines Vaters Herodes regierte,
fürchtete er sich, dorthin zu gehen.
Und weil er im Traum
einen Befehl erhalten hatte,
zog er in das Gebiet von Galiläa
und ließ sich in einer Stadt namens Nazaret nieder.
Denn es sollte sich erfüllen,
was durch die Propheten
gesagt worden ist:
Er wird Nazoräer genannt werden.
(Matthäus 2,13-15.19-23)
Gott führt zuverlässig, indem er spricht „Steh auf!“ und indem Josef tut, was er von Gott gesagt bekommt. So kann sich erfüllen, was schon „durch die Propheten gesagt worden ist“ für den Weg des Menschen und Gottes Weg mit ihm.
In einer Zeit, in der viele Menschen nicht lesen konnten, hat man oft als Mittel der Verkündigung Szenen und Worte aus der Bibel mit Hilfe von Bildern an Wänden und Decken der Kirchengebäude dargestellt. Eine Tradition, die im Westen durch lange Zeit hindurch als „biblia pauperum“ gepflegt wurde, also als „Bibel für die Armen“, und noch früher schon in der Ostkirche – wie hier in der Auferstehungskirche in Sankt Petersburg – in Gestalt der „Ikonen“ und von Fresken, die bis heute hohe Wertschätzung genießen.
Eine weihnachtliche Ikone im ostkirchlichen Stil hängt in meiner Wohnung in dem Zimmer, in dem ich das tägliche „Stundengebet“ feiere und in dem ich manchmal auch Familie zu Gast habe und bewirte. In der Ikone sehe ich ein Bild aus dem Lebensstil der „heiligen Familie“, vielleicht auch von der heutigen Familie oder von einem staatlichen oder kirchlichen Miteinander, wenn sie „heil“ werden sollen. Sie unterstützt mich darin, wie ich Gottes Botschaft für diese Weihnachtszeit aufnehmen und leben kann.
Was ich da sehe, ist dominiert von der Gestalt der Mutter. Mein freikirchlicher Freund nahm daran Anstoß: Typisch katholisch: Maria ganz groß und Jesus so klein! Damals sagte ich nur: Ein Kind ist eben nun mal kleiner als die Mutter. Heute würde ich ihm antworten: Typisch menschlich; so ist unsere Wahrnehmung! In jeglichem Miteinander erleben wir ja zuerst menschliche Wirklichkeit; da fällt die Wahrnehmung göttlicher Wirkungen oder Spuren oder Personen viel kleiner aus.
Ja, meistens braucht es für deren Wahrnehmung noch zusätzlich ein deutendes Wort des Glaubens. Das spiegelt auch diese Ikone: Eigentlich ist da ja nur eine Mutter mit ihrem Kind abgebildet. Dass Maria und Jesus gemeint sind und welche Bedeutung jeweils ihnen durch die Sichtweise des Glaubens zukommt, geht nur aus einem Gesamtbild unauffälliger Einzelheiten hervor:
Als erstes fällt mir ihr linker Arm auf: Den legt sie nicht zärtlich um ihr Kind, sondern an ihre Ohrmuschel. Anscheinend will sie besser verstehen, was er sagt. Er ist ja am Reden. Eine ganze antike Buchrolle in seiner rechten Hand verbindet er mit einer Geste der linken, mit der er auf eine Wirklichkeit hinweist, auf die auch sein Blick sich richtet. Die Mutter sucht anscheinend noch zu verstehen, wovon er redet, denn ihr Blick geht ja in eine andere Richtung.
Dann fällt mir auf, dass hier ein Fenster mit seinem Rahmen abgebildet ist, durch das die Mutter sich von draußen zu mir herein neigt – mit dem Kopf ist sie ja schon drinnen – und ihr Kind zu mir herein reicht. Von wo aus diese Bewegung geschieht, zeigt das echt aussehende wertvolle Gold, aus dem sie kommt, das die Jen-Seite der Wirklichkeit mit ihrem unüberbietbaren Licht darstellt. Dieses Licht strahlen auch ihre Gesichter aus. Und in seinem Glanz leuchtet jetzt schon die meinem Raum zugehörige Innenseite des Fensterrahmens!
Wenn ich – wie die Mutter – zu verstehen suche, sehe und höre ich die Buchstaben, die die Gesichter mit ihren Namen bezeichnen: Die Mutter steht mit dem griechischen My Rho Theta Ypsilon für Μητηρ Θεου – Mutter Gottes – und das Kind mit der Abkürzung Iota Sigma Chi Sigma für Іησους Χριστος. Und wenn ich noch aufmerksamer hinschaue auf den Lichtglanz, der das mir zugewandte Angesicht des Kindes umstrahlt, erkenne ich oben das O-mikron, links das O-mega und rechts das Ny: Ο ΩΝ = „der Seiende“, der Eine, der „ist“. Andere, ehrfurchtsvolle Benennung für Gott!
Er wird mir jetzt von „drüben“ hereingereicht. In einem alltäglichen menschlichen Geschehen ist ER es, der auf mich zu kommt, in meine Wohnung, in meine Welt – hereingereicht durch die Mutter, die ihn selber empfangen hat und nun bei mir zur Welt bringt! Wenn ich es zulasse, kann er sich jetzt hier aussprechen und auswirken.
In einem Geschehen, das einfach menschlich aussieht, lässt mich die Blickweise des Glaubens dieser Ikone ihn selber erkennen, der da mit seinem alles erhellenden Licht sich zeigt. In den Raum meiner Wahrnehmung kommt Gott! Verborgen. Ganz menschlich. Lange Zeit als solcher nicht wahrgenommen. Schon damals. Erst nach dreißig Jahren normalen Familienlebens ist er aus der Mehrdeutigkeit getreten – an das Tageslicht der Gegenwart Gottes: Gott nimmt Wohnung unter den Menschen! Weihnachten für die Welt!
Im Rückblick verkünden die beiden Evangelien von Lukas und Matthäus staunend, dass mit der Geburt des Jesus von Nazareth Gott selber bei uns zur Welt kommt und dass nun Menschen auf seine Botschaft hin „aufstehen“ – wie Josef – und im Vertrauen darauf entsprechend handeln. Denn im Kraftfeld seines Geistes, wo Menschen alle Wirklichkeit in der Beziehung zu ihm fokussieren, soll sich ja endlich „erfüllen, was schon durch die Propheten gesagt worden ist“.
Dann haben wir es gesehen, wie er bei uns zur Welt kommt. Gesehen haben wir es dieser Tage, als der Bewohner eines unserer Wohnwagen sagte: Ich habe den Mietvertrag für eine Wohnung unterschrieben!
Und jemand sagte: Ja, das war ja nun wirklich Weihnachten für mich, als die Familie K. bei uns im Stadtteil ganz legal in eine eigene Wohnung eingezogen ist – Familie K., alevitische Kurden, deren Abschiebung wir immer wieder aufhalten konnten. Ja, für sie traf es zu, was im Alten Testament verheißen ist für Weihnachten: Mein Volk wird in Sicherheit wohnen können. Wir durften dem dienen: Mehr als zehn Leute aus der Gemeinde hatten ihnen ihre Wohnung hergerichtet und Möbel und Geschirr zusammengetragen. Und kurz darauf war alles so geregelt, dass sie ihren Lebensunterhalt mit eigener Arbeit gewährleisten konnten.
Und dieser Anfang geht weiter. Er, den wir als Sohn Gottes erkannt haben, in diesem Menschen Jesus von Nazareth gewährleistet Gott selber eine neue Wirklichkeit. Im Licht seiner Botschaft werden wir erkennen, wo die Chancen sind und wo das Leben aufblühen kann, wo Gott seine Ehre darin findet, dass Menschen zum Frieden kommen und in Frieden leben können.
So las im Advent 2011 aus meinem Buch „Damit Weihnachten wird“ Frank Lehmann, der ARD-Börsenjournalist, in einer öffentlichen Veranstaltung. Im Interview hinterher auf die Frage, wie er selber diese Lesung empfunden habe, fügte er an:
Ach ich fand das schon bereichernd. Ich meine, man hört ja immer „Stille Nacht, heilige Nacht“, „O du fröhliche“ und „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ und alles sowas. Das muss man auf die eigentliche Bedeutung mal zurückführen. Wir singen das einfach so in der Kirche; das ist halt so. Das auf die Bedeutung zu reduzieren: Was meint eigentlich Jesus damit? Was meint Gott damit? Für was sind diese Dinge aufgeschrieben worden, die ja von den Aposteln aufgeschrieben wurden, was sie empfangen haben? Das fand ich schon gut, dass man sagt: Vertraut auf Gott!
Wir sind ja in einer dicken Krise drinnen. Und wir haben immer schon, seitdem es die Menschheit gibt, Krisen gehabt. Und Gott sagt: Auch die Krise wird bewältigt werden. Mit welchen Mitteln auch immer. Und diese Zuversicht, diese Hoffnung, die ist ja in uns Christen drinnen – die ist heute nochmal, fand ich, durch die Texte, die wir gehört haben … – ich kannte die ja alle gar nicht, ich kannte auch den Pfarrer gar nicht, muss ich ehrlich sagen: ich kannte ihn gar nicht. Dass er so lange in Fechenheim dort sein „Unwesen“ getrieben hat, weil er nämlich aufweckt – er weckt auf und sagt: Ihr müsst anders denken, ihr müsst das Wort Gottes neu interpretieren … Und das finde ich spannend und ich werde mich jetzt damit etwas mehr beschäftigen.
Eine solche Botschaft kann auch in ein Familienfest voller Spannungen Entspannung bringen.
Aber das ist ja nicht die einzige Kraft, die da auf unser Miteinander einwirkt! Wir leben ja vernetzt, zugleich in vielen Kraftfeldern. Sind wir deren Kräften hilflos ausgeliefert? Oder gelingt es uns, eine souveräne Menschlichkeit zu pflegen?
Der Mensch Jesus, in dem wir im Glauben den Sohn Gottes erkannt haben, der hat diesen unseren Lebensraum aufgesucht, hat sich uns darin zugesellt, um mit uns zu gehen. Mit seiner Begleitung stärkt er durch alle krank machenden Situationen die Kräfte der Freiheit, der barmherzigen Gerechtigkeit und des respektvollen Miteinanders in Familie, Kirche und Staat und wo immer sonst noch wir allein nicht weiter kommen. Dafür setzt er sich erst einmal gemeinsam mit uns unseren schmerzhaften Ausgangspunkten aus. Und darin dockt er mit seiner anderen Dynamik an, in die wir uns einbinden lassen können.
Menschen, die das in ihrem Miteinander erfahren haben, gießen ihre Freude darüber dann in das Tagesgebet vom Weihnachtstag, mit dem sie bekennen:
… du hast den Menschen
in seiner Würde
wunderbar erschaffen
und noch wunderbarer
wiederhergestellt! …
Seine Punktlandung bei uns – in Familie, Kirche, Staat – wo immer wir vernetzt sind mit anderen Menschen! Weihnachten. Auch ein Fest der Familie! Und nicht nur der „heiligen Familie“.
