Sonntagsbotschaft zum 18. Januar 2026, dem 2. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A).
Eine Vorstellung von „Gott“ – mag es ihn geben oder nicht – haben alle: Atheisten wie Gläubige. Logisch, dass dabei bestimmte Vorstellungen von „Gott“, an denen die einen ihr Bekenntnis als „Atheisten“ festmachen, zugleich – ganz und gar einig mit ihnen – auch von Menschen zurückgewiesen werden, die sich als „Gläubige“ verstehen.
Vor ein paar Jahrzehnten kursierten unter durchaus gläubigen Christen Aussagen wie „‚Gott‘ ist tot“ und „Einen Gott, den ‚es gibt‘, gibt es nicht.“ Und in ähnlichem Sinn könnten heutige Christen sagen „‚Weihnachten‘ ist ein Fantasieprodukt von Konzernen wie Coca-Cola, Amazon, Aldi, DHL, …“
Das ist wie immer, wenn Begriffe benutzt werden, bei denen man davon ausgeht, der andere meine damit das gleiche wie ich selbst.
Und das ist wahrscheinlich auch wie immer, wenn Personen einander begegnen, die sich noch nicht kennen, wo aber man sich auf Grund eines ersten Eindrucks eine Vorstellung vom anderen macht.
Um unnötig hinderliche Konflikte durch verfremdende Vorstellungen solcher Art zu vermeiden, hilft es manchmal, wenn Menschen bei einer Kontaktaufnahme sich erst einmal selber vorstellen. Und wenn es um eine Begegnung zwischen einander so Fremden geht wie zwischen Gott und Mensch, dürfte eine Klärung der Vorstellungen übereinander besonders angebracht sein. Sonst könnte der Versuch einer Verständigung an vorgefassten Vorstellungen scheitern.
Verblüffend finde ich daher, wie mit der Auswahl der Bibeltexte für den Anfang eines neuen Jahres die Dynamik geklärt wird, die sich entfaltet, wenn Weihnachten war, also wenn Gott als Mensch in diese Welt kommt und neu Beziehung zu ihr aufnimmt.
Die Bibeltexte dieses Sonntags fangen ja auffällig alle damit an, dass die Beteiligten sich selbst erst einmal vorstellen. Das eröffnet heute die belebende Chance, im Lauf der Zeit verfremdete Vorstellungen wieder auf das Eigentliche zurückzuführen. Dann kann wahrscheinlich auch das eigentlich gemeinte Beziehungsgeflecht seine Kräfte klarer und heilsamer entfalten: die Beziehungen zwischen Gott und Menschen, zwischen Israel und den anderen Völkern, zwischen denen, die Gott anerkennen, und denen, die das Leben ohne Gott orientieren, zwischen den Gliedern christlicher Gemeinschaften und denen, die sie leiten, … In solchen Fragen haben wir ja alle unsere festen Vorstellungen. Und treten damit oft auf der Stelle.
Manche Menschen greifen da zu einer Ersatzlösung – sowohl „gläubige“ als auch „nicht gläubige“: Sie halten sich aus dem Beziehungsgeflecht heraus und sehen sich stattdessen als Zuschauer einer Vorstellung. Sie machen sich mehr oder weniger kundig über das, was da „veranstaltet“ wird, um es dann zu beurteilen. Das führt aber dazu, dass immer weniger Menschen eigene Erfahrungen damit versuchen.
Wenn Sie weiterhin hier dabei sind, teilen Sie ja vielleicht meine Neugierde, wer sich da in den Bibeltexten des Sonntags wie und zu welcher Art von Beziehung vorstellt.
Es fängt an mit einem Abschnitt aus dem Buch Jesaja:
Der HERR sagte zu mir:
Du
bist mein Knecht,
Israel,
an dem ich meine Herrlichkeit
zeigen will.
Jetzt aber hat der HERR gesprochen,
der mich schon im Mutterleib
zu seinem Knecht geformt hat,
damit ich Jakob zu ihm heimführe
und Israel bei ihm versammelt werde. …
… Es ist zu wenig,
dass du mein Knecht bist,
nur um die Stämme Jakobs
wieder aufzurichten
und die Verschonten Israels
heimzuführen.
Ich mache dich
zum Licht der Nationen,
damit mein Heil
bis an das Ende der Erde reicht.
(Jesaja 49,3.5-6)
„Der HERR“, der Gott Israels, hat zwei verschiedene Verfügungen getroffen bezüglich des „Knechtes“. Wer ist „der Knecht“, der selber hier davon berichtet? Und wer ist mit „Israel“ gemeint – beziehungsweise mit „Jakob“?
In dem erstgenannten Zitat aus früherer Zeit erklärt der sprechende „HERR“ „Israel“ als „mein Knecht“.
„Israel“ hat in der biblischen Überlieferung verschiedene Bedeutungen:
Zunächst ist „Jakob“, dann auch „Israel“ genannt, eine Person: nämlich ein Enkel von Abraham und der Stammvater des Zwölf-Stämme-Volkes, das – nach ihm benannt – auch „Israel“ oder „Jakob“ heißt.
In späterer Zeit betonen Aussagen der Bibel immer wieder als Wesenszug dieses Volkes: Das sind die Menschen, die Gott als ihren Herrn anerkennen und deswegen auf ihn hören.
Schließlich ist im Neuen Testament die Vorstellung grundgelegt, die Gemeinschaft derer, die den Menschen Jesus Christus als den göttlichen Herrn anerkennen und auf ihn hören, sei das neue Gottesvolk „Israel“.
Derselbe HERR stellt in dem zweiten Zitat aus späterer Zeit allerdings den angesprochenen „Knecht“ – offensichtlich als Einzelperson gemeint – dem Volk „Israel“ gegenüber: Sein, ihm von Gott vorgegebener Wesenszug und Auftrag ist es, Israel zu führen und bei Gott zu versammeln.
Und ausdrücklich erweitert er den Auftrag an seinen Knecht mit der Ankündigung „jetzt aber“: Es reicht ihm nicht mehr, wenn sein „Knecht“ die in die weltweite Diaspora Zerstreuten wieder heimführt und aus ihnen wieder das alte Zwölf-Stämme-Volk aufrichtet. Jetzt soll er dafür sorgen, dass Gottes Licht für die Menschen in allen Nationen leuchtet und weltweit alles Unheil endet!
Wenn die so vorgestellten Beteiligten die entsprechende Beziehung zueinander in Wirklichkeit umsetzen, dann entsteht eine neue Geschichte: Gott wirkt das Heil der Welt.
Und die – egal, aus welchem Volk – , die ihn als Herrn anerkennen und in ihr Miteinander „aufnehmen“ (vgl. Johannes 1,12-14), die sind nicht etwa auserwählt, weil sie besser wären, oder sonst irgendwie privilegiert. Sondern ihre so gegründete Lebensweise wird zu einem Zeichen, an dem man Gottes herrliche Absichten für alle Menschen und Völker sehen und erleben kann!
Und wer immer auch bestellt ist, dieses Volk – oder auch eine seiner Gliederungen – zu führen, ist leitend verantwortlich dafür, dass die Menschen sich aufrichten und versammeln, dass sie aus allem „Dunkel“ ans „Licht“ „heimfinden“ – und das eben nicht nur die Menschen in diesem Volk, sondern alle Völker!
Die christliche Glaubensüberlieferung hat das von Anfang an so verstanden, dass es hier in erster Linie um die Beziehung zwischen Gott und Jesus geht und um die Bedeutsamkeit des als Gottes Sohn anerkannten Jesus in seiner Beziehung sowohl zum Volk Israel als auch zur ganzen Menschheit.
Diese „Neuerung“, dass Gottes Heilswillen nicht nur denen gilt, die vertrauensvoll auf ihn hören, sondern allen Menschen, das ist natürlich brisant und führt zum Konflikt mit all denen, die menschliches Heil gebunden sehen wollen an die Unterwerfung unter ein von ihnen gehütetes Machtsystem.
Jesus und ihm zugehörige Menschen nehmen den Konflikt in Kauf. Seine Bereitschaft zum Tod am Kreuz besiegelt, dass ihm diese alle umfassende Liebe das Wichtigste ist.
Weiter geht es mit Paulus und seiner Beziehung zu den Christen in Korinth. Wie er sich in diesen Zusammenhang verortet, bringt er in den Worten zum Ausdruck, mit denen er seinen ersten Brief an die Gemeinde in Korinth beginnt – die 2. Schriftlesung dieses Sonntags:
Paulus,
durch Gottes Willen
berufener Apostel Christi Jesu,
und der Bruder Sosthenes
an die Kirche Gottes,
die in Korinth ist –
die Geheiligten in Christus Jesus,
die berufenen Heiligen -,
mit allen, die den Namen
unseres Herrn Jesus Christus
überall anrufen,
bei ihnen und bei uns. …
(1 Korinther 1,1-3)
Den Paulus kennen die Adressaten seines Briefs schon. Er hat ja die Christengemeinde in Korinth gegründet. Er müsste sich ihnen also nicht erst vorstellen. Aber es ist ihm anscheinend wichtig, im Rahmen dieses antiken Brauchs, wie man einen Brief beginnt, das Wesentliche ihrer Beziehung zueinander in Erinnerung zu rufen.
Angesichts der offenen Fragen und Konflikte, auf die er mit seinem Brief eingehen will, klärt er hier also vorab: Es kann nicht um irgendwelche Machtansprüche gehen oder um gemeinde-interne Parteiungen. Vielmehr gilt es, die von Gott gesetzte Heiligkeit aller Beteiligten zu respektieren und im Zusammenhang damit die unterschiedlichen Verantwortungen anzuerkennen, zu denen Christus sie berufen hat. Es geht schließlich um einen Weg zum Wohlergehen aller!
An diesem Sonntag wird das nun unsereins vorgelesen. Was kann das aussagen über unsere Beziehung zu Gott und zueinander, wie sie eigentlich gemeint ist?
Als Evangelium dieses Sonntags gibt es aus dem Anfangs-Kapitel des Johannes-Evangeliums eine weitere Vorstellung zu hören:
Der Täufer Johannes beschreibt das Geflecht der Beziehungen zwischen sich und Jesus und Gott und denen, die zu einer wesentlichen Änderung ihres Lebens bereit sind und sich als öffentliches Zeichen dafür von ihm taufen lassen:
In jener Zeit
… sah Johannes der Täufer
Jesus auf sich zukommen und sagte:
Seht, das Lamm Gottes,
das die Sünde der Welt hinwegnimmt! …
32 … Ich sah, dass der Geist
vom Himmel herabkam
wie eine Taube
und auf ihm blieb.
… er, der mich gesandt hat,
mit Wasser zu taufen,
er hat mir gesagt:
Auf wen du den Geist herabkommen
und auf ihm bleiben siehst,
der ist es,
der mit dem Heiligen Geist tauft.
Und ich habe es gesehen
und bezeugt:
Dieser ist der Sohn Gottes.
(Johannes 1,29-34)
Johannes klärt: Ich bin nicht selber der verheißene Messias! Meine Sache ist es, auf ihn hinzuweisen und auf ihn neugierig zu machen. Der da ist es: Jesus!
Mit zwei Aussagen über Jesus stellt er ihn vor. Und er macht transparent, wie er dazu kommt:
Als erstes bezeichnet Johannes als Wesenszug von Jesus, dass er – sozusagen als „das Lamm Gottes“ – „die Sünde“ aus der Welt nimmt. Wer damals den Johannes so reden hörte, verstand problemlos, was er damit meinte:
Als „die Sünde“ galt die Haltung, mit der Menschen sich nicht an Gott „fest hielten“ und an seinen Heilswillen für alle, sondern sich ihm widersetzten. Um das Elend zu heilen, das durch solche – sich von Gott ab-sondernde – „Sünde“ verursacht wird, verbanden sie die Bitte an Gott um Vergebung mit der Investition eines Lammes aus ihrem Eigentum für ein gemeinsames Festmahl, mit dem sie die Versöhnung herbeiführten und feierten.
Das Neue, das mit Jesus kommt und worauf Johannes hinweist, ist nun, dass Menschen, um die „Sünde“ zu heilen, nicht quasi bezahlen müssen, nicht aus ihrem wertvollen Besitz etwas „opfern“ müssen. Denn jetzt ist es Gott selber, der „das Lamm“ für das Versöhnungsfest beisteuert. Jesus – eins mit Gott – „investiert“ sein Leben, damit die Menschen sich wieder abkehren von ihrer Absonderung von Gott und sich auf ein neues Miteinander einlassen – damit Gottes Wille wirklich geschieht: Heil für alle!
Nachvollziehbar wird das durch die zweite Aussage des Johannes über Jesus: Er betont mit Nachdruck, er hat es gesehen und gehört: Es ist Gottes Geist, der Jesus dazu belebt hat, der zu sein, der er ist, und aus diesem Geist zu handeln und diesen Geist mit den Menschen zu teilen, sie zu ihrer Neubelebung durch ihn zu taufen!
Das „Wort“, das die Bibel rüberbringt, will aufgenommen werden – und zwar „mit erleuchtetem Verstand und liebendem Herzen“ – so formulierte es zu meiner Freude das Tagesgebet am 27. Dezember, dem Fest des Evangelisten Johannes. Das „Wort“ in der Botschaft dieses Sonntags stellt mir neu vor, welche Bedeutsamkeit jeweils aller Beteiligten zu beachten ist in der Beziehung zwischen Gott, Jesus Christus und mir, zwischen seinem Geist und den so unterschiedlichen Menschen von heute, auch denen, die da eine leitende Verantwortung tragen in Kirche und Welt, in Familie und Wirtschaft …
Er nimmt „die Sünde“ von der Welt, die Unmenschlichkeit gegenüber einander und gegenüber ihrem Lebensraum: die kollektive Sünde, die von den vielen Einzelnen getragen wird und ertragen werden muss.
Die Völker zum Beispiel, die sich vertrauensvoll für das Sinnvolle und Notwendige entscheiden und sich darauf einrichten, dass sie auf fossile Energie und auf Verbrenner-Autos verzichten, müssen nicht mit dem Untergang ihrer Wirtschaft und ihres Arbeitsmarktes bezahlen! Das gegenseitige Bezeugen der eigenen Bereitschaft zur Veränderung macht die Veränderung möglich, in die er hinein führt.
Welche Konsequenzen ziehe ich daraus? Wie sollten wir dann unsere Beziehungen in diesem ganzen Geflecht neu gestalten?
Eine neue Zeit liegt vor uns. Der „Knecht Gottes“ leitet die Völker – offensichtlich unter demokratischer Beteiligung aller – in eine lebenswerte Zukunft!
