Sonntagsbotschaft zum 15. Februar 2026, dem 6. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A).
Eltern, die mit ihrem Kind erleben, wie es gehen lernt, erleben immer wieder das gleiche Muster: Mama oder Papa, in die Hocke gegangen, mit ausgebreiteten Armen, ruft ihm zu: „Komm!“ Und wenn dann das Kind tatsächlich mit ausgreifenden Armen drauflos tappt und schließlich beider Arme fröhlich lachend zusammenkommen, sind sie miteinander glücklich. Sie freuen sich gemeinsam über das Erfolgserlebnis, dass ihr Kind sich vertrauend locken lässt und so eine fürs Leben weiterführende gute Erfahrung macht.
Und damit keiner auf die Idee kommt, ein solches „Komm!“-Ereignis sei in seinem Wesentlichen an eine hierarchische Beziehung mit einem entsprechenden Vorsprung an Kompetenzen oder mit einem Machtgefälle gebunden, erinnere ich an das andere Beispiel, wenn in einer fortgeschrittenen erotischen Situation er oder sie sagt: „Komm!“
Was ich mit beiden Beispielen meine?
In der Bibel kommt dieses „Komm!“ immer wieder vor. Mit Worten wie „Komm und folge mir nach!“ bewegt Jesus Menschen dazu, sich ihm anzuschließen und mit ihm zu gehen. Und – besonders im Advent, aber auch im Vaterunser das Jahr hindurch – wenden Menschen sich an ihn: „Komm, Herr Jesus!“ und „Dein Reich komme!“
Entsprechend unserer zeitgenössisch etablierten, zur Norm gewordenen Einstellung der „Sachlichkeit“, die alle Gefühle außen vor lässt, verweise ich auf die grammatikalische Form dieses Wortes „Komm!“: Es ist die „Befehlsform“ des Zeitwortes „kommen“, der sogenannte „Imperativ“ des Verbes. Ist also das Wort „komm!“ doch immer ein Befehl – vom „Imperator“ ausgesprochen?
Mit der grammatikalischen Benennung „Imperativ“ kommunizieren wir allerdings aus einer breiten Palette möglicher Gefühlslagen, die der Ausruf „Komm!“ rüberbringen kann, nur eine der möglichen Emotionen: die des Befehlens, die also Gehorsam gegenüber dem Gebot verlangt.
Wenn ich das beachte, wird deutlich, wie groß die Gefahr ist, biblische Aufforderungen wie „komm!“ oder „geh!“ in einseitiger Festlegung als Gehorsam verlangende Befehle misszuverstehen und zu missbrauchen. Dass es dabei um Anregungen gehen könnte, die locken wollen oder um Zustimmung werben – aus der Kraft der Liebe oder aus einer vertrauenswürdigen Vision gelingender Zukunft – das bleibt dann ausgeblendet.
Da hilft nur ein jeweils neues Hinhören, das auch die Emotionen des Menschen ernst nimmt und das der Liebe vertraut, die möglicherweise Gott durch das Medium solcher Bibelworte schenken will.
Mit solcher Haltung des Hörens und des Herzens klingt die befreiende Botschaft aus den Bibeltexten dieses Sonntags für unser Leben heute eher auf, als wenn Herz und Ohren auf eine normative Verkündigung von verpflichtenden Geboten enggeführt sind.
Ich taste mich heran. Da tut sich etwas auf, macht mich neugierig, spricht mich neu an.
Hier schon am dritten Sonntag in Folge ist in den Gottesdiensten als Evangelium ein Auszug aus der Bergpredigt von Jesus zu hören. Menschen, die, fasziniert von seiner Haltung gegenüber Gott und der Welt, ihm auf den Fersen blieben, auch wenn ihnen das bei den Führenden in Staat und Religion manche Probleme einbrachte – denen hatte er ja erst einmal zu ihrem Mut gratuliert und sie das „Salz“ und das „Licht“ genannt, die die Welt braucht.
Und jetzt wird er konkret. Er „brieft“ sie sozusagen für die Auseinandersetzung: Nicht Gehorsam gegenüber Gott zugeschriebenen, gängelnden Geboten macht die Menschen satt und froh, nicht die Unterwerfung unter Machtansprüche aller Art führt Gerechtigkeit herbei. Nein, das beglückende Wissen um Gottes liebende Zuwendung zu allen Menschen ist es vielmehr, was bei den Einzelnen und in der gesamten Gesellschaft eine förderliche Haltung bewirkt und die Menschen in ihrem Innersten anrührt, in ihrem Herzen. Zur Umkehr dahin lockt er mit allen Fasern seines Wesens – mit all seinem Tun und Reden, um die Menschen für Gottes Reich mit seiner Liebe und Gerechtigkeit zu gewinnen – für das „Himmelreich“, wie das im Matthäus-Evangelium immer wieder heißt. Er lockt sie – und alle, die das auch heute hören oder lesen – , sich so zu verhalten und das Gemeinwesen so zu organisieren, dass es allen gut geht:
… Wenn eure Gerechtigkeit
nicht weit größer ist
als die der Schriftgelehrten
und der Pharisäer,
werdet ihr nicht
in das Himmelreich kommen.
Er wirbt dafür, dass alle sich diese vertrauensvolle Sicht auf Gottes befreiendes Gesetz zu eigen machen. Die Selbstzufriedenheit, keinen Mord, keinen Ehebruch, keinen Meineid begangen zu haben, weitet er aus zu einer wertschätzenden Herzens-Haltung, die das gesamte Verhalten umfasst und erfüllt.
Drei Beispiele, die an diesem Sonntag zu hören sind, und drei weitere überliefert der Evangelist, in denen Jesus immer wieder sagt: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: … Ich aber sage euch: …“ Bibel-Exegeten nennen das gerne „die Anti-Thesen der Bergpredigt“.
Im Lauf der Geschichte war ja im Volk das Gespür für Gottes Liebe abhandengekommen. Stattdessen sahen sie sich zunehmend durch ihn gegängelt. Aus der Wegweisung, hebräisch der „Thora“, die er dem Volk für seinen Weg in eine befreite Zukunft gegeben hatte, hatten sie ein System von Vorschriften und Strafen gemacht. Dem konnte dann niemand mehr gerecht werden. Man konnte nur noch den Kopf einziehen und die eigenen Fehltritte beschönigen oder leugnen – in der Hoffnung, der Strafe zu entgehen. Angebote zur Hilfe oder Wohlwollen bei Gott und seinen Beamten zu finden, war aussichtslos geworden.
Da bringt Jesus in Erinnerung, dass alles, was im sogenannten „Gesetz“ festgelegt ist, einem Ziel dient und einen Sinn hat: Gott will, dass alle Menschen einander ihr Leben, ihre Würde und Rechte achten und so seine Liebe erfahren, die in eine glückliche Zukunft führt – eben in sein Reich mit seiner Herrschaft und nicht in die Herrschaft derer, die sich am Elend der Massen bereichern und ihre Lust an der eigenen Übermacht pflegen. Aus seiner Liebe zu Gott und aus der mit Gott geteilten Liebe zu den Menschen propagiert Jesus jetzt den Weg, auf dem es Gott und den Menschen gelingen wird, dem Leben aller zu dienen. Das „Himmelreich“, den Bereich, in dem Gott die herrschende Kraft ist, will er ausbauen und fördern und überallhin ausweiten.
Auf die Menschen, die auf dem Berg versammelt sind und neugierig interessiert seiner Predigt lauschen, möchte Jesus einwirken, dass sie sich diese vertrauensvolle Sicht auf Gottes befreiendes Gesetz zu eigen machen.
Ein erster Teil dieser Antithesen will an diesem Sonntag zum Evangelium werden. Die andere Hälfte, wo es um Rache und Vergeltung geht (Verse 38-42) und um die Frage nach einer Begrenzung der Nächstenliebe (Verse 43-48), ist für den 7. Sonntag im Jahreskreis vorgesehen, der allerdings wegen der Terminierung des Osterfestkreises in diesem Jahr entfällt – leider, denn nicht nur J.D. Vance und Beatrix von Storch sollten diese Worte von neuem ans Herz gelegt werden.
Aus seinen Worten von diesem Sonntag:
Ihr habt gehört,
dass zu den Alten gesagt worden ist:
Du sollst nicht töten;
wer aber jemanden tötet,
soll dem Gericht verfallen sein.
Ich aber sage euch:
Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt,
soll dem Gericht verfallen sein; …
Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist:
Du sollst nicht die Ehe brechen.
Ich aber sage euch:
Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren,
hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. …
Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist:
Du sollst keinen Meineid schwören,
und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast.
Ich aber sage euch:
Schwört überhaupt nicht, …
Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; …
Diese „Antithesen“ sind keine moralistische Radikalisierung von Geboten. Sie sind seine Anregung, „Werte“ und Bestrebungen aus der Kategorie des strafbewehrten „Gesetzes“ herauszuholen und in der tieferen menschlichen Ebene der inneren Einstellung, des „Herzens“ zu erkennen. So wird es mir dann auch möglich, „schlimme“ Regungen in mir selber zur Kenntnis zu nehmen, ohne sie zu verdrängen, und dazu dann bewusst Stellung zu nehmen für mein verantwortliches Handeln. Wer sich in Gottes barmherziger Liebe gegründet weiß, muss nicht mehr die Regungen in sich verleugnen, die den eigenen Werten und Zielen widersprechen. Denn auch niedrige Motive, die ich in mir feststelle, können seine wertschätzende Liebe zu mir nicht mindern. Wer ich bin, darf ich bei ihm sein. Ich kann mich aber in dieser Freiheit zu einem anderen Verhalten entscheiden, das besser dem entspricht, was ich mir zu Herzen genommen habe. Und wenn ich mit dieser wertschätzenden Haltung auch noch andere anstecken kann, – was will ich mehr für diese Welt?
Wenn auch mächtige Geopolitiker sich dazu trauen würden und die Menschheit ihnen das zugestehen würde, wäre das schon der Anfang für die Lösung aller Probleme von heute. Denn dann hätten auch sie es nicht mehr „nötig“, sich selber vermeintlich zu retten, indem sie unmenschlich regieren.
