Sonntagsbotschaft zum 22. Februar 2026, dem 1. Sonntag auf dem gemeinsamen Weg zum diesjährigen Osterfest (Lesejahr A).
„Neu denken!“ Ist das die Lösung der Probleme? Ist es das, was jetzt ansteht? „Neu denken“ – das klingt noch unverbraucht. Ist das die ersehnte Antwort auf das verworfene „weitermachen wie immer“?
„Neu“ – also anders? besser? richtiger? erfolgreicher? wirksamer? Hauptsache, das Alte wird außer Kraft gesetzt?
Vieles spricht dafür. Unerwartete Situationen, bedrohliche Veränderungen, Zerbröseln von bisher tragenden Fundamenten – das alles verlangt nach neuen Antworten. In der persönlichen Lebensgeschichte ebenso wie in der weltweiten Politik.
Festhalten am Alten – das kann durchaus wertvoll sein, wenn bewährte Regeln und Methoden, Einsichten und Erkenntnisse zu passen scheinen und ich sie weiterhin nutzen kann.
Andererseits: Alte, eingespielte Muster, gewohntes Gehen auf eingefahrenen Fahrspuren, Gewohnheiten, die schließlich zur alternativlosen Selbstverständlichkeit geworden sind – das alles kann auch eine beharrende Macht entfalten, die jeder notwendigen Veränderung entgegensteht. Wenn der Tanker seinen Kurs ändern soll, braucht es viel Energie und Geduld und einen wachsamen Überblick auf die Umgebung, bis schließlich die getroffene Entscheidung tatsächlich umgesetzt ist.
Wenn vertraute Gewohnheiten wirkungslos werden oder gar zu einem Schiffbruch führen, braucht es ein neues Denken.
Dazu bereit zu sein angesichts der aktuellen Lage in Kirche und Welt, ruft der Limburger Bischof Georg Bätzing auf. In seinem so benannten „Hirtenwort zur Österlichen Bußzeit 2026“ ermutigt er die Christen, den gemeinsamen Weg bis Ostern für neue Perspektiven zu nutzen. Er spricht davon, der Vision des Evangeliums nicht nur zuzustimmen, sondern sie auch umzusetzen. Das tut er in einer Sprache, die die gewohnte Spur kirchlich-frommer Begriffe verlässt. So kann er Anschluss finden bis in die Ohren und Herzen von Menschen, die nicht für das Kirchen-Sprech gepolt, aber für eine authentisch wirkende Kommunikationsweise durchaus ansprechbar sind.
„Neu denken“ – so benennt er das, was in den herkömmlichen Bibelübersetzungen für viele Menschen abgestanden und müffig klingt: „Buße tun“, „Umkehr“. Bischof Bätzing verweist auf das griechische Bibel-Original-Wort „μετανοείτε“ (metanoeite). Da bezeichnet der Wort-Kern in der Verbform das Denken, die Denkweise, die Mentalität – und in der Nominalform den Geist, die Logik, den Sinn. Und dazu in Beziehung steht die Vorsilbe „meta“ für einen Wandel, für Veränderung, … „Umdenken“ haben das andere schon übersetzt.
Und es ist klar: Da reicht es nicht mehr, nur irgendwie „neu“ zu denken – Hauptsache anders. Ganz besonders dann, wenn dreiste Alternativen für Deutschland und die ganze Welt eingeläutet werden, die nur für die eigene „Größe“ sorgen und dem Recht des Stärkeren Vorrang geben vor dem Recht des Menschen. „Neu denken“ braucht es mit einem entschiedenen Wissen, in welche Richtung, mit welchen Bestrebungen, welchen Zielen oder Grundwerten. Eine Blackbox mit dem Etikett „christliche Werte“ reicht da auch nicht für die Auseinandersetzung mit anderen Alternativen, die möglicherweise rattenfängerische Verlockungen geschickt verschleiern.
Was Bischof Bätzing darlegt, gründet er in der Botschaft der Bibel mit ihrem Wort, das sich als felsenfest tragfähig anbietet. Wie es das Evangelium in seinem Anfang tut, verknüpft er den Aufruf „Denkt neu, kehrt um!“ mit dem Kompass „Das Himmelreich ist nahe!“ Wie von selbst verbindet sich damit der Abschnitt aus dem Anfang des Matthäus-Evangeliums, der in den Gottesdiensten dieses ersten Sonntags auf dem gemeinsamen Weg zum diesjährigen Osterfest zu hören ist:
In jener Zeit
wurde Jesus
vom Geist
in die Wüste geführt;
dort sollte er
vom Teufel versucht werden.
Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte,
hungerte ihn.
„In die Wüste“ geht er, heißt es. Mittendrin in seiner Lebenswelt, in der so vieles durcheinanderpoltert, sieht Jesus sich hin- und hergezerrt von diversen und widersprüchlichen Kräften. Was ist da für ihn Sinn und Aufgabe? Das zu klären, geht er auf Abstand zu dem unübersichtlichen Netzwerk der Einflüsse und zu den entsprechenden Gewohnheiten. Er nimmt sich Zeit – vierzig Tage – soviel, wie andere auch schon gebraucht haben, um klare Orientierung für ihr Leben zu finden; um zu unterscheiden, welcher Weg dem entspricht, den sie als ihren Gott anerkennen, und dabei zu merken, welche anderen Kräfte sich da auch noch in ihnen regen, die davon abbringen, dem also „teuflisch“ widersprechen. So hier auch Jesus.
Drei solcher „teuflischen“ Einflüsse – vielleicht die für seinen Weg am meisten bedrohlichen – , skizziert der Bibeltext; drei Versuchungen, die Jesus auf seinem Weg immer wieder verlockend begleiten werden und konsequent seinen bewussten Widerstand auslösen:
Da trat der Versucher an ihn heran und sagte:
Wenn du Gottes Sohn bist,
so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird.
Wenn du doch die Möglichkeit hast, nutze sie doch!
Und warum sollte er nicht? Hat er nicht Recht?
Er aber antwortete:
In der Schrift heißt es:
Der Mensch lebt nicht
vom Brot allein,
sondern von jedem Wort,
das aus Gottes Mund kommt.
Nein nein, wenn ich – sozusagen wie ein Zauberer – einfach meinen Hunger stillen wollte, dann wäre ich ja nicht mehr in der Situation wie die anderen Menschen, mit denen solidarisch zu sein ich doch einer von ihnen bin! Und da würde ich ein Zeichen dafür geben, dass mir ein magisch wirkender Missbrauch von Privilegien für das Durchsetzen eigener Interessen wichtiger sei, als – wie jeder Mensch – im Hören auf Gott
die sich daraus für alle ergebenden Möglichkeiten zu nutzen!
Darauf nahm ihn der Teufel mit sich
in die Heilige Stadt,
stellte ihn oben auf den Tempel
und sagte zu ihm:
Wenn du Gottes Sohn bist,
so stürz dich hinab;
denn es heißt in der Schrift:
Seinen Engeln befiehlt er
um deinetwillen,
und: Sie werden dich
auf ihren Händen tragen,
damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.
Hier wieder „Wenn du doch Gottes Sohn bist, …“ Die Macht, die ihm möglich ist, könnte er doch öffentlich demonstrieren. Die Leute würden ihm dann die Füße küssen und alles tun, was er von ihnen verlangt! Hat Gott nicht seinen Beistand versprochen? Hält er etwa nicht Wort?
Jesus antwortete ihm:
In der Schrift heißt es auch:
Du sollst den Herrn, deinen Gott,
nicht auf die Probe stellen.
Dann würde er sich ja zu einem Gegen-Gott machen, der mit Gewalt die Menschen entmündigt und klein macht! Und Gottes Zusage seiner Hilfe in der Not derartig zu missbrauchen, würde sein ganzes Evangelium zunichtemachen!
Wieder nahm ihn der Teufel mit sich
und führte ihn
auf einen sehr hohen Berg;
er zeigte ihm alle Reiche der Welt
mit ihrer Pracht
und sagte zu ihm:
Das alles will ich dir geben,
wenn du dich vor mir niederwirfst
und mich anbetest.
Unsere Ohren hören natürlich sofort, dass hier etwas völlig Unmögliches gesagt wird. Aber hinter der lyrischen Gestalt dieser Worte verbirgt sich ja das Ergebnis einer Kette von Erfahrungen und ihren Einschätzungen, es könnte einem möglich sein, die ganze Welt zu beherrschen, Demokratie aus den Angeln zu heben, einfach den eigenen Willen durchzusetzen …
Es geht um die Phantasie: Wenn ich nur genügend Milliarden angehäuft habe, kann ich mir die Mächtigen alle um den Finger wickeln und alle tanzen nach meiner Pfeife.
Der Blick in die reale Welt von heute zeigt: Es gibt sie – die Menschen, die mit diesem Alptraum die einen erschrecken und die anderen faszinieren.
Da sagte Jesus zu ihm:
Weg mit dir, Satan!
Denn in der Schrift steht:
Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten
und ihm allein dienen.
Jesus hat verstanden: Immer wieder wird er in die Versuchung kommen, Macht zu missbrauchen. Wenn er sich, seinem Leben und seinem Auftrag und Gott treu sein will, wird er aber zu unterscheiden wissen zwischen Mensch und Gott, zwischen Gott und Satan, zwischen Sinn und Unsinn, …
Darauf ließ der Teufel von ihm ab
und siehe, es kamen Engel
und dienten ihm.
(Matthäus 4,1-11)
Jesus macht sich klar, worauf es ankommt und woraus er lebt. Damit hat alle teuflische Versuchung keinen Einfluss mehr auf ihn. Er bleibt frei für eine klare, eindeutige Haltung, für ein neues Denken und ein anderes Verhalten, mit dem Gott tatsächlich eine bessere, menschlichere Welt herbeiführt: „Das Himmelreich ist nahe“, ist sogar das Nächstliegende. Und dafür bleibt er offen. So kann er seine wirklichen eigenen Möglichkeiten leben und sich der Engel gewiss sein, mit deren Dienst der Vater ihm beisteht.
Modell für alle, die mit ihm gehen?
Im Lukas-Evangelium endet dieser Text-Abschnitt mit einer Bemerkung, die deutlich macht: Es geht hier nicht um die Erzählung von einem damit abschließend gemeisterten Problem der Versuchung. Da heißt es:
Nach diesen Versuchungen
ließ der Teufel bis zur bestimmten Zeit von ihm ab.
(Lukas 4,13)
Und – vielleicht noch deutlicher – hatte es die Einheitsübersetzung von 1980 formuliert:
Nach diesen Versuchungen
ließ der Teufel für eine gewisse Zeit von ihm ab.
Die Evangelien erzählen ja immer wieder ausdrücklich, wie zum Beispiel der Widerstand des Petrus oder die Situation am Gründonnerstag im Garten Getsemani ihm zur Versuchung werden. Aber hier wird ermutigend und anregend deutlich, wie hilfreich es ist, sich vor der Konfrontation mit Herausforderungen durch Einflüsse und Kräfte aller Art mir bewusst vor Augen zu halten, dass mir Gottes Menschenfreundlichkeit am wichtigsten ist.
Die vierzig Tage bis Ostern sind eine Chance: Da weiß ich mich mit vielen anderen auf einem gemeinsamen Weg. Und den Fastenhirtenbrief von Georg Bätzing, meinem Bischof, finde ich eine gute Starthilfe.
