Sonntagsbotschaft zum 8. März 2026, dem 3. Sonntag auf dem Weg zum Osterfest (Lesejahr A).
Wonach lechzen Sie?
Ich weiß: So fragt man nicht. Das ist indiskret. Starke persönliche Gefühle – wenn ich sowas überhaupt habe – das gehört nicht in ein öffentliches Medium.
Andererseits – dieses unpersönliche Setting im Internet – könnte das es nicht zulassen, ja sogar sinnvoll machen und zum Anlass dafür werden, sich zu dieser Frage anregen zu lassen?
Als ich eben – beschäftigt mit der Frage, wie ich denn diese „Sonntagsbotschaft“ anfange – am Fenster stand und nach draußen schaute – in der Erwartung, dass mein Tee in der Kanne lang genug zieht, da kam mir die Frage in den Sinn: Was ist denn das, wonach ich mich sehne – noch unterhalb dessen, was mir bewusst ist – wonach ich Hunger oder Durst hab, wonach ich lechze? Und ich merkte: Das ist der Einstieg in das, worum es an diesem Sonntag geht.
Wonach lechze ich? Und was mache ich damit?
In unserer Zeit oder in unserer Welt, in der wir uns gefälligst sachlich zu äußern haben, tun wir uns schwer, uns über Gefühle zu verständigen. Manche Menschen, vor allem Männer, verneinen es sogar, dass in ihnen Emotionen einen Einfluss haben auf ihr Denken und ihr Handeln.
Wahrscheinlich ist es da hilfreich entlastend, so etwas nach außen zu verlagern und sich dem an einem lyrischen Text zu stellen oder an einem „Tatort“ oder auch an Musik …
Das Wort „lechzen“ ist ja auch keine Alltagssprache; eher verschämt poetisch. Und es lässt schon etwas von dem Peinlichen spüren, das darin liegen mag, wenn ich etwas so Persönliches kommuniziere.
Was ist das denn – „lechzen“ – in einer Sprache, die uns näher liegt? Sehnsucht, Begehren, Verlangen, „Hunger“, …? Wie fühlt sich jemand, der „lechzt“? Wie sieht der Gesichtsausdruck eines Menschen aus und seine spontane Gestik und wie klingt seine Stimme, wenn er ein „Lechzen“ äußert?
Das Gefühl, um das es da geht, lässt sich in unserer gängigen Sprache wahrscheinlich am ehesten mit „Durst“ benennen – „Durst“ in einem übertragenen Sinn – im Wissen, dass ein Löschen des Durstes fürs Überleben fast so wichtig ist wie das Atmen. Eine elementare Bedürftigkeit des Menschen – wie auch jedes Tieres und jeder Pflanze!
Ein Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium illustriert an diesem Sonntag den „Durst“ einer Frau und was daraus wird.
Diese Frau, deren Name nicht genannt wird, lebt in Samarien, also in dem als ungläubig geltenden Teil Israels, der westlich des Jordan-Flusses zwischen Galiläa im Norden und Judäa im Süden liegt, in einem Städtchen namens Sychar. In dem Ort ist sie anscheinend bekannt. Man weiß, dass sie es – irgendwie üppig oder unanständig – mit Männern hat. Um sich nicht dauernd dem Spott der Leute auszusetzen, geht sie ihnen aus dem Weg, so gut es geht. Wasser aus einem Brunnen am Rand der Stadt holt sie mit ihrem großen Krug deshalb zur Stunde der Mittagshitze. Da bleibt ja, wer kann, im Haus. Sie aber schleppt sich auch noch mit dem schweren Wasserkrug in der Hitze ab. Sie will halt nicht wieder mit Verachtung überschüttet werden. Sie lechzt nach dem, was wir „Achtung ihrer Menschenwürde“ nennen.
So geht sie also zu dem Brunnen, der „Jakobsbrunnen“ genannt wird. Es sei der alte Stammvater Jakob, auch Israel genannt, der diesen Brunnen gebaut hatte. Das Wasser, das sie hier reichlich schöpfen können, haben sie also dem Gott Israels zu verdanken. Als sie an den Brunnen kommt, um Wasser zu schöpfen, sitzt da schon ein Mann. Noch ein Mann! Und sie erkennt: Das ist ein Jude. Juden und Samaritaner gehen aber einander aus dem Weg! Und der spricht sie jetzt auch noch an! Es ist Jesus.
… Jesus sagte zu ihr:
Gib mir zu trinken!
Seine Jünger waren nämlich
in die Stadt gegangen,
um etwas zum Essen zu kaufen.
Die Samariterin sagte zu ihm:
Wie kannst du als Jude
mich, eine Samariterin,
um etwas zu trinken bitten?
Die Juden verkehren nämlich nicht
mit den Samaritern.
Und daraus entwickelt sich ein längeres Gespräch zwischen Jesus und dieser Frau. Das Johannes-Evangelium verschränkt die Erzählung davon mit dem Glaubenszeugnis des Evangelisten über die enorme Bedeutung von Jesus als der wunderbaren Quelle eines Wassers, das allen Durst nach Leben überströmend stillt. Mit dem Wasser aus dem Jakobsbrunnen vergleicht er sich und sagt zu ihr:
… Wer von diesem Wasser trinkt,
wird wieder Durst bekommen;
wer aber von dem Wasser trinkt,
das ich ihm geben werde,
wird niemals mehr Durst haben;
vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe,
in ihm zu einer Quelle werden,
deren Wasser ins ewige Leben fließt.
Rätselhaft spricht Jesus. Von der Gabe Gottes redet er: von einem Wasser, das allen Durst für immer stillt. Und: Er sei – verborgen – der, von dem man sich das geben lassen kann. Ein Wasser, das aus dem, der davon trinkt, eine übermäßig sprudelnde Quelle macht!
Die Frau versteht ihn nicht. Noch nicht. Aber jetzt wird das Gespräch sehr persönlich:
Da sagte die Frau zu ihm:
Herr, gib mir dieses Wasser,
damit ich keinen Durst mehr habe
und nicht mehr hierherkommen muss,
um Wasser zu schöpfen!
Und sofort tut er, worum sie ihn bittet: Statt ihr magisches Missverständnis mit einer Erklärung zu korrigieren, eröffnet er ihr die Möglichkeit, jetzt das zu erleben, wovon er gesprochen hat:
Er sagte zu ihr:
Geh, ruf deinen Mann
und komm wieder her!
Die Frau antwortete:
Ich habe keinen Mann.
Jesus sagte zu ihr:
Du hast richtig gesagt:
Ich habe keinen Mann.
Denn
fünf Männer hast du gehabt
und der, den du jetzt hast,
ist nicht dein Mann.
Damit hast du
die Wahrheit gesagt.
Oh, im Unterschied zu den Leuten im Ort macht Jesus ihr keine Vorhaltungen! Er nimmt sie wahr – mit ihren Schattenseiten. Und er beurteilt sie nicht. Bei ihm kann sie einfach da sein – mit ihrer ganzen Person, mit ihrer Lebenssituation, mit allem, was war und was jetzt ist. Jesus kann ihr ohne jegliche Aufgeregtheit sagen: Aha, das und das ist mit dir los. Kein Wort der Verurteilung! Keine Verachtung. Respekt. Er stillt ihren Durst!
Die Frau sagte zu ihm:
Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist.
… Ich weiß, dass der Messias kommt,
der Christus heißt.
Wenn er kommt,
wird er uns alles verkünden.
Da sagte Jesus zu ihr:
Ich bin es, der mit dir spricht. …
Die Frau ließ ihren Wasserkrug stehen,
kehrte zurück in die Stadt
und sagte zu den Leuten:
Kommt her, seht, da ist ein Mensch,
der mir alles gesagt hat, was ich getan habe:
Ist er vielleicht der Christus?
Sie lässt ihren Krug einfach stehen! Sie wird nie wieder in der Mittagshitze zum Brunnen gehen müssen, um Wasser zu holen. Die Angst vor den anderen ist weg! Ja, im Hellen läuft sie zurück in den Ort und trommelt die Leute zusammen – die Leute, die sie vorher so gemieden hat! Jetzt sprudelt es aus ihr nur so heraus!
Und die Leute lassen sich das tatsächlich von ihr sagen, hören auf sie, lassen sich von ihr in Bewegung setzen:
Da gingen sie aus der Stadt heraus
und kamen zu ihm. …
Aus jener Stadt
kamen viele Samariter zum Glauben an Jesus
auf das Wort der Frau hin,
die bezeugt hatte:
Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe.
Als die Samariter zu ihm kamen,
baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben;
und er blieb dort zwei Tage.
Und noch viel mehr Leute
kamen zum Glauben an ihn
aufgrund seiner eigenen Worte.
Und zu der Frau sagten sie:
Nicht mehr aufgrund deiner Rede
glauben wir,
denn wir haben selbst gehört
und wissen:
Er ist wirklich der Retter der Welt.
(Johannes 4,5-42)
Ihn aufsuchen und aus seinen Worten trinken? Weil ich nach mehr Leben lechze? Und das soll sogar die Rettung der Welt bringen???
