Blogbeitrag

Bild von Leopold Boettcher auf Pixabay

Gott neu gesehen

12. März 2026

Sonntagsbotschaft zum 15. März 2026, dem 4. Sonntag auf dem gemeinsamen Weg zum diesjährigen Osterfest (Lesejahr A).  

„Womit hat er das verdient! Er war doch ein so guter Mensch!“

In solche Worte kleiden Menschen bis heute ihr Mitgefühl, wenn jemand allzu früh oder unter entsetzlichem Leiden gestorben ist. Anscheinend herrscht da immer noch eine Vorstellung, dass das Schicksal die „Guten“ belohnt und die „Bösen“ bestraft.

Das passt zwar zu einem staatlich geregelten Strafrecht. Und es passt dazu, dass manchmal Wohltäter einen Orden verliehen bekommen. Doch bei allem Wissen um Zusammenhänge etwa zwischen Kettenrauchen und dadurch verursachtem Lungenkrebs liegt es uns modernen Menschen doch eigentlich ziemlich fern zu meinen, ein Schicksalsschlag gleich welcher Art sei eben die „Strafe“ für ein irgendwie „böses“ Verhalten, das auf diese Weise „gesühnt“ werden soll.

Aber die alte Vorstellung wirkt eben bis heute auch bei uns nach, dass da irgendwie Gott seine herrschende Hand im Spiel hat. Man bedenke nur den Spruch „Kleine Sünden straft der liebe Gott sofort, größere …“ – da geht dann der Volksmund auseinander von „größere lässt er laufen“ bis „größere nach 9 Monaten“. Das ist ein Gott, der erst dann „versöhnt“ ist, wenn für alle „Sünden“ ausreichend „Sühne“ geleistet ist.

Im alten Orient mit seinen Überlieferungen und Einflüssen bis hinein in Teile der Bibel galt es vielen Menschen als selbstverständlich, dass eine schwere Krankheit oder Beeinträchtigung eine Strafe für irgendein Fehlverhalten sein muss. Durch ganze Epochen der Geschichte hindurch mussten darunter Menschen doppelt leiden: nicht nur unter ihrem Handicap, sondern dazu auch noch unter der Diskriminierung, sie seien halt irgendwie „böse“ und hätten ihr Elend eben „verdient“.

Das ist nun der Ausgangspunkt für die Erzählung, die an diesem Sonntag schließlich zum „Evangelium“ werden will, zur beglückenden Botschaft:

Unterwegs sah Jesus einen Mann,
der seit seiner Geburt blind war.
Da fragten ihn seine Jünger:
Rabbi, wer hat gesündigt?
Er selbst oder seine Eltern,
sodass er blind geboren wurde?

Diese Leute, die mit Jesus gehen, sehen ganz klar: Der Mann ist von Gott gestraft. Immerhin sind sie sich darin zum Glück schon irgendwie unsicher: Die Frage kommt ihnen in den Sinn, wer denn da gesündigt haben mag. Wenn er schon von Geburt an blind ist, – wie soll er denn davor gesündigt haben? Sind also seine Eltern mit der Blindheit ihres Sohnes gestraft?

Welchen Eindruck will da der Evangelist bei uns Lesern oder Hörern hervorrufen, was da wohl angesichts einer derartigen Vorstellung seiner Jünger in Jesus vorgegangen sein mag?

Jesus antwortete:
Weder er noch seine Eltern
haben ges
ündigt, …

Natürlich haben sie gesündigt; das gehört zum Leben eines jeden Menschen. Aber im Entsetzen über den Blick seiner Leute fasst er sich emotional kurz: Es geht hier nicht um Sünde und Strafe! Was ist das für ein Bild von Gott! Wie ihre Umwelt, so sehen auch sie nur „Sünde“ und „Strafe“. Ihr Blick bleibt deshalb distanziert, beobachtend, ohne jedes Mitgefühl. Und so sehen sie auch Gott. Dass der aber ganz anders auf den Menschen schaut, wenn der unter seinen Einschränkungen zu leiden hat, – so weit sind sie noch nicht.

Jesus verkündet und verkörpert einen anderen Gott:

… sondern die Werke Gottes
sollen an ihm offenbar werden.

Sie sehen noch nicht das Licht, das mit Jesus auch auf die Wirklichkeit dieses Menschen fällt und das von Gott und seinem Wirken ein ganz anderes Bild zu sehen gibt. Ihn aber, Jesus, erfüllt das ganz und gar als sein Antrieb:

Wir müssen, solange es Tag ist,
die Werke dessen vollbringen,
der mich gesandt hat;
es kommt die Nacht,
in der niemand mehr wirken kann.

Ohne ihn als das Licht für alle Wirklichkeit und ohne sein Aufzeigen von Gottes ganz anderem Wesen, wozu er von Gott gesandt ist, – ohne dieses Licht herrscht weiter Finsternis – „Gottesfinsternis“. (vgl. Martin Buber und C.G.Jung). Aber – und gerade deshalb – sagt er:

Solange ich in der Welt bin,
bin ich das Licht der Welt.

Er, der Gesandte. Gottes Gesandter. Und wer im Schein dieses Lichtes auf alles schaut, was ist und was wirkt, der wird mit Gott die Not des leidenden Menschen sehen und wird darin sehen, was und wie Gott da wirken will.

Gottes Wirken, seine „Herrlichkeit“ soll sich an diesem blind geborenen Menschen zeigen! Und da Jesus da ist, dazu gesandt, dieses herrliche „Licht“ zu bringen, macht er sich sofort dran!

Als er dies gesagt hatte,
spuckte er auf die Erde;
dann machte er
mit dem Speichel einen Teig,
strich ihn dem Blinden auf die Augen
und sagte zu ihm:
Geh und wasch dich
in dem Teich Schiloach!
Das heißt übersetzt: der Gesandte.

Oh, da beschäftigt mich aber als erstes eine moderne Logik hygienischen und medizinischen Denkens. Wenn ich mich aber nicht dadurch ablenken lasse von einem offenen Hinhören, was mir das sagt, erkenne ich da ein heilsam schöpferisches Geschehen: Jesus stellt durch solches Wirken die ursprüngliche Verbindung wieder her zwischen dem „Adam“, dem „Erdling“, und dem „Erdreich“, der „adamah“, aus dem der Mensch gestaltet ist.

Ihn schickt er – nicht zu einer Wasserleitung, einem Brunnen oder einer Quelle. Nein: „Im Teich“ soll er sich waschen – „sich“, nicht nur seine Augen. Ein Bad soll er offensichtlich nehmen. Den Namen des Teiches „Schiloach“ übersetzt der Evangelist nicht ganz korrekt, aber offensichtlich gezielt mit „der Gesandte“. Damit lässt er durchblicken, dass Jesus hier vom „Bad“ der Taufe spricht. In ihm, dem „Gesandten“, soll er untertauchen und neu das Licht der Welt erblicken. Nicht nur Herz und Ohren werden ihm dann aufgehen, sondern eben auch die Augen, denen dann alle Wirklichkeit erst richtig aufgeht: der Blick für Gottes Wirken – im Licht von Jesus, von seinem Wirken und seinem Wort.

Ob der Mensch sich darauf einlässt?

Der Mann ging fort
und wusch sich.
Und als er zurückkam,
konnte er sehen.

Er kommt zurück zu Jesus – zu ihm, der ihn dazu veranlasst hat und dessen Wort er glaubend-anerkennend-vertrauend nachkommt. Er kehrt um zur Herrschaft Gottes, zum „Reich Gottes“, das mit Jesus den Menschen nahe kommt und anfängt.

Wer sich das Geschehen so vom Evangelisten bezeugen lässt und in diesem Licht hinschaut, der hat Gottes Wirken gesehen.

Und die anderen – wie sehen sie, was da geschehen ist?

Die Nachbarn
und jene, die ihn fr
üher
als Bettler gesehen hatten,
sagten: Ist das nicht der Mann,
der dasa
ß und bettelte?
Einige sagten: Er ist es.
Andere sagten: Nein,
er sieht ihm nur
ähnlich. …

Das Johannes-Evangelium bezeugt dieses Geschehen als eines der großen „Zeichen“, mit denen Jesus Gottes herrliches Wirken zeigt und unter die Menschen bringt. Also muss das in die Öffentlichkeit.

Die Geschichte bringt …

… den Mann, der blind gewesen war,
zu den Pharis
äern.
Es war aber Sabbat an dem Tag,
als Jesus den Teig gemacht
und ihm die Augen ge
öffnet hatte.
… die Pharis
äer fragten ihn,
wie er sehend geworden sei.
Er antwortete ihnen:
Er legte mir einen Teig auf die Augen
und ich wusch mich und jetzt sehe ich.
Einige der Pharisäer sagten:
Dieser Mensch ist nicht von Gott,
weil er den Sabbat nicht hält.

Sie sehen nur: Der Mann ist blind, also hat er gesündigt. Ihn zu heilen, heißt Gott ins Handwerk pfuschen. Außerdem hat er einen Teig gemacht, also gearbeitet und damit das heilige Sabbatgebot gebrochen. …

Der Konflikt eskaliert. Die Eltern des sehend gewordenen Mannes fürchten, aus der Religionsgemeinschaft ausgestoßen zu werden, wenn sie die Heilung ihres Sohnes durch Jesus bezeugen. Deswegen weichen sie einer Befragung aus: Fragt ihn doch selber!

Und ihn setzen sie unter Druck, damit er ihre Ermittlung gegen Jesus voranbringt:

… Gib Gott die Ehre!
Wir wissen, dass dieser Mensch ein S
ünder ist.
Er antwortete:
Ob er ein S
ünder ist, weiß ich nicht.
Nur das eine wei
ß ich,
dass ich blind war und jetzt sehe.
Sie fragten ihn:
Was hat er mit dir gemacht?
Wie hat er deine Augen geöffnet?
Er antwortete ihnen:
Ich habe es euch bereits gesagt,
aber ihr habt nicht geh
ört.
Warum wollt ihr es noch einmal h
ören?
Wollt etwa auch ihr seine J
ünger werden?

Mit welcher erstaunlichen Souveränität und inneren Freiheit tritt dieser Mensch jetzt auf gegenüber den Autoritäten!

Da beschimpften sie ihn:
Du bist ein J
ünger dieses Menschen;
wir aber sind J
ünger des Mose.
Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat;
aber von dem da wissen wir nicht,
woher er kommt.
Der Mensch antwortete ihnen:
Darin liegt ja das Erstaunliche,
dass ihr nicht wisst, woher er kommt;
dabei hat er doch meine Augen geöffnet.
Wir wissen, dass Gott S
ünder nicht erhört;
wer aber Gott f
ürchtet
und seinen Willen tut,
den erh
ört er.
Noch nie hat man geh
ört,
dass jemand die Augen eines Blindgeborenen
ge
öffnet hat.
Wenn dieser nicht von Gott w
äre,
dann h
ätte er gewiss nichts ausrichten können.

In der Tat: Er ist sehend geworden!

Sie entgegneten ihm:
Du bist ganz und gar in S
ünden geboren
und du willst uns belehren?
Und sie stie
ßen ihn hinaus.

Das hat er davon.

Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten,
und als er ihn traf, sagte er zu ihm:
Glaubst du an den Menschensohn?
Da antwortete jener und sagte:
Wer ist das, Herr,
damit ich an ihn glaube?
Jesus sagte zu ihm:
Du hast ihn bereits gesehen;
er, der mit dir redet, ist es.
Er aber sagte: Ich glaube, Herr!
Und er warf sich vor ihm nieder.
Da sprach Jesus:
Um zu richten,
bin ich in diese Welt gekommen:
damit die nicht Sehenden sehen
und die „Sehenden“ blind werden.
(Johannes 9,1-41)

Ja, er schafft Recht. Ein echter „Richter“, der es richtet; der wieder her-richtet, was kaputtgemacht war. Er entmachtet die, die nach dem Recht des Stärkeren alles besser zu sehen meinen, die Kräfte des Wettkampfes, des Marktes, des jeweils eigenen Interesses und seiner Durchsetzungskraft, … Sehende Menschen sehen dann wieder den Menschen! Und der erfährt sich mit neuem Ansehen.

Wo Jesus das deutlich zeigen kann, kehren Menschen um – wenden sich ab von dem strafenden „Schicksal“sgott – hin zum barmherzig Heil wirkenden Gott.

Ihn hat die Bibel schon immer verkündet. Ihn zeigt Jesus von neuem auf. Zu ihm umzukehren ruft er alle mit der Bibel Glaubenden auf.

Die Freude an so befreiender Umkehr – das ist der eigentliche Sinn dessen, was im Deutschen mit dem problematischen Wort „Buße“ übersetzt ist!

Nur wenige Beispiele nenne ich als biblischen Beleg:

Der Josef des Alten Testaments in Genesis 45 (5-8): Als seine Brüder am Ende nur sehen und darüber heulen können, wie sehr sie sich schuldig gemacht haben, als sie ihn nach Ägypten als Sklaven verkauft hatten, da sagt Josef selber: Vergesst eure Schuld! Seht vielmehr: Das ist der Weg, wie Gott dafür gesorgt hat, dass unsere Familie in dieser Hungersnot nicht umkommt, sondern reichlich zu essen bekommt!

Oder die Erzählung im Buch Nehemia (8,9-12): Als das Volk bei der Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem mit dem dort aufgefundenen Buch mit Gottes Gesetzgebung konfrontiert wird und nur sehen kann, wie sehr sie alle gegen Gottes Gebote verstoßen haben, und darüber in verzweifelt schuldbewusstes Geheul ausbrechen, da lenken Esra und Nehemia ihre Aufmerksamkeit ins Gegenteil um, nämlich darauf, dass sie gerade die Wiedereinweihung des solange entbehrten Tempels feiern und dass in dem Zusammenhang das Buch jetzt wiedergefunden wurde: Weint nicht! Die Freude an Gott ist unsere Kraft! – So rufen sie ihnen zu. Und sie feierten ein großes Fest!

Oder das Wort aus dem Prophetenbuch Joel (2,13b) – ein Wort, das – ebenso wie die Erzählung aus Nehemia – jedes Jahr in der vorösterlichen „Buß-Zeit“ das „Stundengebet“, die Tagzeiten-Liturgie der Kirche prägt: ein Wort, das sich an alle richtet, die Gott nur als den kennen, der straft und Sühne fordert und vor dem man nur mit schlechtem Gewissen als Sünder den Kopf einziehen kann. Denen ruft der Prophet zu: Kehrt um zu dem, der wirklich unser Gott ist: „gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld“ – eine Formulierung, die das ganze Alte Testament hindurch immer wiederkehrt (z.B. Ex 34,6; Neh 9,17; Ps 86,15; 103,8; 145,8; Jona 4,2; …).

Und im Evangelium dieses Sonntags – dieser von Geburt an blinde Mensch: Er „kehrt um“! Seine Umkehr, seine sogenannte „Buße“ besteht darin: Er gibt sich nicht weiterhin zufrieden mit seinem Schicksal und einem unbarmherzig strafenden Gott. Auf das Wort von Jesus hin tut er das Verrückte, fürchtet nicht, sich lächerlich zu machen, sondern denkt total um, denkt neu – im Vertrauen darauf: Wenn ich mich nicht mehr an das halte, was bisher die Anderen mir immer eingeredet haben, sondern tue, was ER sagt, dann zeigen sich die von Gott gewirkten neuen Chancen für mein Leben!

Im Licht von Jesus und seinem Wort „sieht“ er in seiner Not seine neue Chance! Und er erkennt darin Gottes barmherziges Handeln!

Und Jesus – dass sie ihn dafür umbringen werden, das kann ihn nicht davon abhalten, seiner Sendung entsprechend neu sichtbar zu machen, wie Gott wirklich wirkt.

Da kann dann Ostern werden.

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