Blogbeitrag

Foto privat Wohnsitzlosenfest 1990

Kirchenverfassung im Werden

30. April 2026

Sonntagsbotschaft zum 3. Mai 2026, dem 5. Ostersonntag (Lesejahr A).  

Die Nachrichten überschlagen sich schon manchmal, die die Frage provozieren: Wann muss sich das erste Bistum, die erste Landeskirche als insolvent erklären?

„Insolvent“ – was heißt das eigentlich? Der lateinische Wortstamm „solv“ – oder „solu“ – heißt im Wesentlichen „lösen“. In-solv-ent ist danach jemand, wer nicht mehr in der Lage ist, seinen Aufgaben nachzukommen, die Probleme zu „lösen“, die ihm aufgetragen sind. Da geht‘s nicht nur um’s Geld.

Sind die Kirchen noch in der Lage, sich nachhaltig dem zu stellen, was ihre wesentlichen Aufgaben sind? Und wo liegen die Gegenkräfte, die Widerstände, die Blockaden? Und – ist da manches hausgemacht?

Eine Erzählung aus der ersten Zeit der christlichen Kirche hilft da vielleicht tatsächlich weiter – einer der Abschnitte aus der Apostelgeschichte, die vom ersten Werden einer Kirchenverfassung erzählen. Er ist an diesem Sonntag in den katholischen Gottesdiensten – als Gottes Wort – zu hören, will also für heute anregen:

In diesen Tagen,
als die Zahl der Jünger zunahm,
begehrten die Hellenisten
gegen die Hebräer auf,
weil ihre Witwen
bei der täglichen Versorgung
übersehen wurden.

Die Situation – aus einem vielleicht eher soziologischen Blickwinkel betrachtet: Da ist aus der umgebenden allgemeinen Gesellschaft heraus ein neues „Wir“ entstanden: Menschen, die dem gekreuzigten Jesus anhängen, seine „Jünger“-Gemeinde. In ihrem Profil als neues Wir, an dem man sie erkennt, teilen sie miteinander bestimmte Bestrebungen wie Jesus. Ihre Zahl hat jetzt zugenommen.

Deshalb nimmt auch die Zahl und die Art der Momente zu, in denen das „Wir“ oder auch einzelne Glieder sich durch die gemeinsamen Bestrebungen herausgefordert sehen. In zunehmender Unübersichtlichkeit überblickt ihre Gesamtheit nicht mehr alles und fängt an, manche Gegebenheiten zu übersehen. Eine Überforderung zeigt sich, weil nicht mehr alle Glieder sich um alles kümmern können, was ihnen gemeinsam wichtig ist.

Da kommt ein Problem auf: In der Bestrebung, für alle die Frauen zu sorgen, die ihren Ehemann und damit in der damaligen Gesellschaftsordnung ihren Rechtsträger und Versorger verloren haben, entstehen Unterschiede: Die zugewanderten, griechisch sprechenden Witwen, werden bei der täglichen Versorgung „übersehen“.

Bei aller weltweiten Aktualität der Probleme um Menschenwürde und Menschenrechte von Migranten halte ich es allerdings für wichtig, dieses Problemfeld lediglich als eine von vielen aktuell drängenden Herausforderungen im Blick zu haben, und ergänze deshalb – wegen der Datierung um den 1. Mai und die damit anfanghaft gegebene Aufmerksamkeit – den Blick für eine andere große Gruppe von Menschen, die heute auch mit ihren Belangen herausfordernd „übersehen“ wird: die abhängig Beschäftigten.

Okay, bleiben wir – im Moment noch entspannt – bei dem Problem damals in Jerusalem: Die Gruppe der „Hellenisten“ begehrt auf wegen der Vernachlässigung ihrer Witwen.

Wie reagieren darauf die Personen, die bisher in der noch kleinen Gemeinde der Jesus-Jünger für alle Aspekte ihrer Gemeinsamkeit als verantwortlich führend betrachtet wurden, also die sogenannten „Zwölf“ oder „Apostel“?

Da riefen die Zwölf
die ganze Schar der J
ünger zusammen
und erkl
ärten:
Es ist nicht recht,
dass wir das Wort Gottes vernachl
ässigen
und uns dem Dienst an den Tischen widmen.

Sie merken: Jetzt müssen wir uns differenzieren. Wie jeder wachsende Organismus müssen wir uns jetzt „organ“-isieren, aus unseren Gliedern „Organe“ herausbilden, die sich jeweils bestimmten unserer Herausforderungen widmen.

Eine „Organ“-isation entsteht mit differenzierten Aufgabenstellungen und Aufgabenverteilungen: Die Frage stellt sich: Wer tut was? Damit das Wir – seinen Wesenszügen entsprechend – in seinen Organen handeln kann. Und damit die entsprechend Handelnden als Organe wahrgenommen werden, in denen das „Wir“ handelt. Also müssen sich die Organe einschließlich des Leitungsorgans – „organ“-isch aufeinander abstimmen – eben wie Organe im menschlichen Organismus – im Bewusstsein, nur im gut aufeinander abgestimmten Zusammenspiel der Glieder und Organe dieses „Wir“ sein zu können, als das wir – getragen vom Geist der gemeinsamen Bestrebungen – leben wollen.

Welchen Weg schlagen sie also ein?

Brüder, …

Sind die Frauen nicht angesprochen?

Ihre kollektiven Unterscheidungsmerkmale, mit denen ihr Profil anders aussieht als die allgemeine Gesellschaft, deren Teil sie ja weiterhin bleiben, diese Unterscheidungsmerkmale fangen ja erst an, sich herauszubilden; also werden – wie in ihrer damaligen Umgebung üblich – erst einmal nur Männer angesprochen, wenn es um’s Übernehmen öffentlich wirksamer Verantwortung geht.

… wählt aus eurer Mitte
sieben M
änner von gutem Ruf
und voll Geist und Weisheit;
ihnen werden wir diese Aufgabe
übertragen.
Wir aber wollen beim Gebet
und beim Dienst am Wort bleiben.

Da in ihrer gesellschaftlichen Umgebung die Aufmerksamkeit für die Belange von Migranten geringer ist als die für die Belange der Einheimischen, da es aber der neu entwickelten Christen-Gemeinde wichtig ist, gerade solche Unterschiede zu überwinden, – deshalb braucht es jetzt Menschen, denen man einen Einsatz für diesen neuen Geist zutrauen kann. Dann bleibt gewährleistet, dass die, deren Zeit und Energie sich im Einsatz für Geist und Profil des neuen Organismus bewährt hat, sich weiterhin ungeschmälert sich dem widmen können.

Der Vorschlag
fand den Beifall der ganzen Gemeinde
und sie wählten Stephanus,
einen Mann, erfüllt vom Glauben
und vom Heiligen Geist,
ferner Philippus und Prochorus,
Nikanor und Timon,
Parmenas und
Nikolaus, einen Proselyten aus Antiochia.
Sie lie
ßen sie vor die Apostel hintreten
und diese legten ihnen unter Gebet die H
ände auf.

Die ganze Gemeinde ist es, deren Einschätzung zählt, wem die Sorge in dieser Aufgabe der gesamten Gemeinde am besten zuzutrauen ist.

Das Volk bestätigt, dass dieser Vorschlag ihrer anerkannt Führenden dem entspricht, wie sie in ihrem Wesen verfasst sein wollen.

Und – das Volk wählt.

Und dann stellt das Volk die Gewählten den anerkannt Führenden vor.

Und die – für sie betend, also offensichtlich mit ihrer eigenen authentischen Zustimmung – legen – im Namen der Gemeinde und ihrem Geist – Hand „an“ sie – verfügt da jemand? – anders gesagt „legen Hand auf sie“ – Geste ähnlich einer Besitzergreifung oder Festnahme? – in einer Art wie „du bist jetzt mit dieser Aufgabe an uns gebunden und die anderen sollen das wissen und anerkennen“?

Und das Wort Gottes breitete sich aus
und die Zahl der J
ünger in Jerusalem
wurde immer gr
ößer; …
(Apostelgeschichte 6,1-7)

Dieser Weg, sich zu organisieren – mit dem Blick darauf, wie wir wesentlich verfasst sein wollen – das scheint, sich bewährt zu haben.

So erzählt die Apostelgeschichte – besser gesagt: sie bezeugt mit dieser Erzählung, wie das „Wir“ aus Menschen, die Christus als den „Herrn“ anerkennen, seinen Geist tatsächlich in diese Welt bringen.

Und wenn an diesem Sonntag auf der ganzen Welt in allen katholischen Gottesdiensten dieser Abschnitt aus der Bibel „verkündet“ wird – vom Volk bestätigt als „Wort des lebendigen Gottes“ – , was machen wir dann als Kirche damit?

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