Sonntagsbotschaft zum 19. April 2026, dem 3. Ostersonntag (Lesejahr A).
„Freigekauft“. In Zeiten des Kalten Krieges gab es das öfter. Zwischen 1964 und 1989 hat die Bundesrepublik angeblich über 3 Milliarden D-Mark dafür bezahlt, dass die DDR über 30.000 politische Gefangene in den Westen frei ließ. (So – gemäß Wikipedia zum Stichwort „Häftlingsfreikauf“ – dargelegt in Ludwig Geißel, Unterhändler der Menschlichkeit, Stuttgart 1991)
Und nicht nur in der griechischen und römischen Antike, sondern auch in Nordamerika bis ins 18. Jahrhundert hinein konnten Sklaven sich freikaufen oder von Wohltätern freigekauft werden.
Wie erlebte das ein Sklave, wenn er sich endlich freikaufen konnte? Oder einer, der eben nicht die Mittel dafür hatte und für den auch sonst niemand eintrat?
Immer wieder haben auch nach einer Geiselnahme entsprechend reiche Menschen mit einer Lösegeldzahlung die ihnen nahestehende Person losgekauft.
Mit Münzen in den Kasten hat man sich oder andere aus dem Fegefeuer loszukaufen gemeint.
Und wie geht es jemandem heute, der sagt, endlich habe er sich aus dieser oder jener Situation freikaufen können?
„Freikaufen“, „loskaufen“ – Worte, die eine erhebliche Veränderung im Leben beschreiben: der Schritt in die ersehnte Freiheit.
Von solcher Art ist die Veränderung im Leben von Menschen, die sich Jesus Christus anvertrauen und von seiner Begleitung ein gutes, erfülltes und sinnvolles Leben für sich und für alle Welt erhoffen.
So legt es die Stimme aus der Bibel nahe an diesem 3. Sonntag der Osterzeit:
Ihr wisst, dass ihr aus eurer nichtigen,
von den Vätern ererbten Lebensweise
losgekauft wurdet –
nicht um einen vergänglichen Preis,
nicht um Silber oder Gold, –
sondern mit dem kostbaren Blut Christi,
des „Lammes ohne Fehl und Makel“.
Ein sehr gewichtiges Wort aus vielen Bildern!
„Losgekauft wurdet ihr“! Wer ist da angesprochen?
Benannt sind sie im Zusammenhang davor als die, die ihrer Umgebung fremd geworden sind (1,1), weil sie sich haben „neu zeugen lassen“ „zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ (1,3). Jetzt stehen sie deshalb in „mancherlei Prüfungen“ (1,6) ihrer „Standfestigkeit im Glauben“ (1,7). Ihre „ganze Lebensführung“ (1,15) will jetzt darauf ausgerichtet sein. Jesus haben sie ja „nicht gesehen“, wird ihnen da gesagt, „und dennoch liebt ihr ihn“. „Ihr glaubt an ihn und jubelt in … Freude“ (1,8), weil „ihr das Ziel eures Glaubens empfangen werdet: eure Rettung.“ (1,9) Und dann hören sie diese Worte, die sie erinnern: „Ihr wisst“, ihr seid losgekauft, freigekauft!
Aus welcher Unfreiheit? Aus der „Lebensweise“, der von Generation zu Generation überlieferten, die ihr einfach übernommen und hingenommen habt, eben „von den Vätern ererbt“.
Aus dieser Lebensweise, die doch so „nichtig“ sei, in so vielen Hinsichten sinnlos, nutzlos, wertlos – das alles bedeutet im Original das griechische Wort μάταιος [mátaios].
Was meint er damit? Oder können wir das heute einfach übergehen, weil wir ja in unserer Tradition schon auf eine Weise leben, die von christlichen Werten geprägt ist?
Oder treffen diese Worte auch uns? Gibt es in unserer Lebensweise auch solches „Nichtiges“ – nutzlos, wertlos, sinnlos?
„Freigekauft“ – so sagt der Bibeltext – sind alle, die sich aus der ererbten „nichtigen Lebensweise“ haben retten lassen und für den weiteren Weg dieser Rettung vertrauen und zustimmen und sich daran orientieren.
„Freigekauft“ – um welchen Preis? Wer hat bezahlt? Wem war unsere Freiheit so wichtig?
Der Text betont: Nicht mit irgendeinem Geldbetrag seien wir losgekauft oder mit irgendeinem anderen Lösegeld solcher materieller Art. Nein, um einen viel kostbareren Preis: Jesus hat mit seinem eigenen Leben bezahlt. Der Sohn Gottes! Die Hüter der alten Lebensweise haben ihn umgebracht, weil er mit Gottes befreiender Herrschaft neu anfing und damit ihren alten, die Menschen ihren „Werten“ unterwerfenden Regeln die Legitimation entzogen hat. Den Preis für diese Befreiung aller zu einer menschenwürdigen Lebensweise hat er bezahlt mit seinem Blut, das vergossen wurde wie das Blut eines Lammes bester Qualität, das geschlachtet wird für das Festmahl der Befreiung aus der Sklaverei!
Das ist Gottes Plan von Anfang an! So betont der Bibeltext:
Er war schon vor Grundlegung der Welt dazu ausersehen
und euretwegen ist er am Ende der Zeiten erschienen.
Jetzt ist es so weit. Jetzt ist Schluss mit der alten Art.
Durch ihn seid ihr zum Glauben an Gott gekommen,
der ihn von den Toten auferweckt
und ihm die Herrlichkeit gegeben hat,
sodass ihr an Gott glauben
und auf ihn hoffen könnt.
(1 Petrus 1,17-21)
Mit seiner Auferweckung von den Toten öffnet er Augen und Ohren, heilt alles Gelähmte, holt aus den Gräbern der Hoffnungslosigkeit heraus für eine neue, befreite Lebenszeit.
Niemanden zwingt er dazu. Aber denen, die sich das gefallen lassen, schenkt er es.
In den Wochen vor Ostern, in der Zeit der „Umkehr“ hat er auch bei uns neu dafür geworben. Alle, die meinten, sich einem Gott unterwerfen zu müssen, der auch nur vorschreibt, was man zu tun und zu lassen hat und der mit Strafe droht, hörten da immer wieder:
Kehrt um zum HERRN, eurem Gott!
Denn er ist gnädig und barmherzig,
langmütig und reich an Huld!
(z.B. Joel 2,13)
ER hat uns freigekauft!
Im realen Leben mit der Kirche und auch in dem Bild, das die Medien davon in die Öffentlichkeit bringen, sieht das leider oft anders aus.
Es gibt aber auch viele Menschen in den Kirchen, die das zu leben suchen, was da eigentlich als Selbstverständnis christlichen Glaubens gilt. Wer daran festhält, mit Taufe und Firmung besiegelt zu sein zu einer Lebenskraft von Gottes befreiender Art, erfreut sich und wirkt mit an einem Miteinander der Menschen, in dem immer wieder neu die menschliche Würde als das Höchste aufstrahlt.
Allerdings braucht es dafür eine stetig erneuerte Aufmerksamkeit. Und die kommt in den alltäglichen Zusammenhängen der „ererbten Lebensweise“ zu kurz. Wer hat schon einen Blick dafür, wie häufig in den sogenannten „Tagesgebeten“ der katholischen Gottesdienste die Würde des Menschen als Gottes Maßstab hochgehalten wird! Zum Beispiel an diesem 3. Ostersonntag wird da zu einer Einstellung ermutigt, in der alle österliche Freude und Hoffnung darin gründet:
… du hast deiner Kirche neue Lebenskraft geschenkt
und die Würde unserer Gotteskindschaft
in neuem Glanz erstrahlen lassen.
Das Tagesgebet des vergangenen Mittwochs benennt das sehr ähnlich:
… in den österlichen Geheimnissen,
die wir jedes Jahr feiern,
hast du dem Menschen
seine ursprüngliche Würde wiedergeschenkt …
Und an Weihnachten spricht sich im Tagesgebet
die festliche Begeisterung über Gottes Tun aus mit den Worten
… du hast den Menschen
in seiner Würde wunderbar erschaffen
und noch wunderbarer wiederhergestellt. …
Die deutschen Bischöfe – bei allen Fehlern, die sie auch gemacht haben in den vergangenen Jahrzehnten – Gutes, das von ihnen kommt, sollte man auch anerkennen, wenn man das zu befreiende Menschenkind nicht mit dem Bade ausschütten will – die Bischöfe haben in der Art eines bestärkenden Berichtes über einen vierjährigen, quasi basisdemokratischen Meinungsbildungsprozess unter dem Titel „Gemeinsam Kirche sein“ Erfreuliches veröffentlicht:
Die Heiligkeit des von Gott geschaffenen und geliebten Menschen – die Unverletzlichkeit seiner Würde – sei vor allem anderen anzuerkennen als Beurteilungsmaßstab für alles, was in der Welt und in der Kirche geschieht. Diese dem Menschen bedingungslos geschenkte Würde, die in Taufe und Firmung persönlich vergewissert und zugesprochen und durch die Salbung mit dem Chrisam, dem Öl der Könige, besiegelt wird, diese Würde kann durch nichts getoppt werden. Entgegen der von den Vätern ererbten Bezeichnung „Hochwürden“ für die geweihten Priester und Bischöfe ist auch deren Würde selbstverständlich nicht höher als die Würde des Menschen, wie sie in der Taufe zum Ausdruck kommt.
Deshalb sagen die Bischöfe in „Gemeinsam Kirche sein“ auch, es komme jetzt darauf an, diese Heiligkeit anzuerkennen und die wertvollen Eigenheiten der Einzelpersonen, ihre sogenannten „Charismen“, so anzuerkennen, zu entdecken und zu fördern, dass sie sich in dieses gemeinsame Kirche-Sein einbringen, und so Gottes große Taten auch in unserer Zeit sichtbar geschehen können.
Bis hierher ist das etwa die erste Hälfte dessen, was ich im Jahr 2023 als Botschaft dieses 3. Ostersonntags verstanden und dargestellt habe. Weiterhin finde ich das auch für heute unverändert wichtig.
Wenn Sie nach weiteren Anregungen für heute aus der biblischen Botschaft dieses Sonntags suchen und fragen, empfehle ich die Fortsetzung von vor 3 Jahren, in der es unter dem Titel „Freigekauft“ (ab 12’14) auch um den wunderbaren Fischfang geht, mit dem der Auferstandene sich „schon zum dritten Mal“ – wie es heißt – ihnen offenbarte.
