Blogbeitrag

Kreta Autoscheinwerfer (2017)

Kunst der Beleuchtung

1. Januar 2026

Sonntagsbotschaft zum 4. Januar 2026, dem 2. Sonntag nach Weihnachten.  

Ein neues Jahr! Vor uns liegt der Charme eines Zeitraums, der gestaltet werden will. Was wir da erleben werden, ist noch offen. Manches zeichnet sich zwar ab: Da werden Fäden gezogen, Prognosen gestellt, Influencer und Lobbyisten bringen sich in Stellung, … Sehnsüchte, Hoffnungen und Interessen verschiedenster Art mobilisieren ihre Kräfte und drängen sich in eine möglichst günstige Startposition …

Wie wird der Anfang gelingen und was wird das Jahr bringen – mir und dir und der Ukraine, den Menschen im Sudan und im Gaza-Streifen? Wie fangen wir das Jahr an in der Weltwirtschaft, in der Veränderung des Klimas, …?

Noch liegt das alles ziemlich im Dunkeln. Worauf schauen und achten wir da am besten, um weder wunderbare Chancen zu übersehen noch drohende Risiken zu befördern? Und wie bringen wir da Licht ins Dunkel der Ungewissheiten?

„Aller Anfang ist schwer“, sagt ein alter Spruch. Aber auch erfülltes Leben hat seine Anfänge. Alle Veränderungen fangen irgendwie an. Welche Richtung sie nehmen, entscheidet sich manchmal in übersehenen, unauffälligen Kleinigkeiten, vor allem wenn die Lage eh unübersichtlich geworden ist. Da braucht es einen Blick für Neues – für günstiges wie für ungünstiges. Und es braucht entsprechendes Licht, in dem man das Neue gut erkennen kann: seine Größe, Form und Farbe, seine Bedeutung und seine Qualität.

Natürlich kann man auch sagen, der Anfang eines neuen Jahres ist nur ein organisatorisches Element, mit dem wir messbare Zeitabschnitte gliedern; Abläufe selber orientieren sich daran nicht; Anfänge gibt es das ganze Jahr hindurch und vieles geht einfach weiter wie immer.

Ja. Aber den in allen Kulturen weltweit verbreiteten Brauch, „Neujahr“ bewusst zu begehen und zu feiern, den können wir natürlich dazu nutzen, gemeinsam Aufmerksamkeit dafür zu entwickeln, was da alles zu wirken anfängt. Dann können wir eher an seiner Gestaltung mit-wirken.

So tritt an diesem ersten Sonntag im neuen Jahr noch einmal ein gewichtiger Bibel-Abschnitt von Weihnachten ins Scheinwerferlicht der kirchlichen Feiern. In poetischer Verdichtung der Sprache des Glaubens hat dieser Text schon am Geburtsfest von Jesus, dem Christus, den staunenswerten Neuanfang beleuchtet, um den zu bewerkstelligen, Gott selber sich in seiner menschlichen Person nun unter die Menschen mischt.

Solchen Neuanfang eröffnet er allen, die sich darauf einlassen, auch für das neue Jahr:

Im Anfang war das Wort
und das Wort war bei Gott
und das Wort war Gott.
Dieses war im Anfang bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden
und ohne ihn wurde nichts,
was geworden ist.

Was geworden ist, was Bestand haben wird, hat seinen Anfang bei ihm: die DNA des Lebens, die Logik des Gen-Codes, der Sinn des Daseins …

In ihm war Leben
und das Leben
war das Licht der Menschen.

Das Leben und der Mensch, nur bei Licht zu erkennen? bei diesem Licht, das alle Farben sichtbar macht? In seinem Lichtschein „er-scheint“ das alles und ER selbst?

Wer wollte da nicht neugierig werden!

Und das Licht leuchtet
in der Finsternis
und die Finsternis
hat es nicht erfasst.

Durchs Stockdunkle hindurch tastete ich mich bei Neumond voran von der Taverne im kleinen Fischerhafen aus auf dem Weg zum Ferienhaus.

Und ein andermal – auch in Griechenland – ging ich nachts auf der Straße zu meiner Unterkunft. Wenn gelegentlich ein Auto vorbeirauschte, konnte ich im Licht seiner Scheinwerfer erkennen, wie der Weg weiter ging.

Und im Lichtschein dieses „Wortes“ kann ich meinen Weg und meine Wirklichkeit erkennen und einordnen, Orientierung finden?

Die Hirten bei Betlehem, von denen Weihnachten erzählt: In ihrer Nacht von Ohnmacht und Überforderung können sie nur schwarz sehen. Nur auf Grund der strahlenden Botschaft sehen sie in der Geburt des Kindes in elenden Verhältnissen die faszinierende Farblichkeit, die Gott jetzt in das Miteinander der Menschen bringt. Nur dank des festlich überbrachten Wortes der Engel erahnen sie ein Gesamtbild der neu aufkommenden Dynamik von Gottes Reich unter den Menschen.

Und dieser Tage wieder: In windiger, kalter Nacht beim Warten auf den Bus bin ich der Unzuverlässigkeit ausgeliefert, ob überhaupt und wann er kommt. „Ich bin jetzt hier bei dir“, höre ich in mir. Im Lichtschein des „Wortes“ leuchtet mir der Zusammenhang ein zwischen meiner augenblicklichen Befindlichkeit an der Bushaltestelle und dem Drumherum. Ich sehe mich eingebunden in ein ganzes soziales und politisches Netz von Infrastruktur. In ihm bin ich nicht nur abhängig, sondern ich kann mich auch in ihm umfassend orientieren und seine Hilfestellung nutzen. Tröstlich geweiteter Blick in meinen kleinen Alltags-Moment.

Gewichtiger sind allerdings die dramatischen Situationen, wenn endlich das Licht auf sie fällt: auf die Hirtenfluren oder in den Stall von Betlehem; in die Hütte, durch deren Dach sie den Gelähmten hinunterlassen; in die Familie, in der der besoffene Vater die Kinder aufscheucht; auf die Frau, die wegen Ehebruchs gesteinigt werden soll; oder auch in den Gottesdienst, in dem dieses Wort verkündet wird … Licht in diese Situationen!

Das wahre Licht,
das jeden Menschen erleuchtet,
kam in die Welt.
Er war in der Welt
und die Welt ist durch ihn geworden,
aber die Welt erkannte ihn nicht.
Er kam in sein Eigentum,
aber die Seinen
nahmen ihn nicht auf.

Was haben denn „die Seinen“ stattdessen getan?

Damals hatten sie noch keine Scheinwerfer, mit deren Lichtkegel bestimmte Objekte gezielt ausgeleuchtet oder auch im Dunkeln belassen wurden. Auch hatte man noch keine Farbfilter, mit denen man bestimmte Aspekte ausblenden oder hervorheben kann. Und es gab noch keine Brillen, durch die man gewollt rosarot oder schwarz sehen konnte. Heutige Technik böte da noch eine Menge sprachlicher Bilder, wenn es um die fundamentalen Haltungen des Schauens und des Sehens von Wirklichkeit geht und um die vielfältigen Möglichkeiten, das Wahrnehmen von Wirklichkeit zu manipulieren.

Dem „Wort“ geht es darum, solchen Manipulationen ihre Macht zu nehmen – dadurch dass es sie „ans Licht bringt“, sichtbar macht, sie „auf-deckt“.

Was wir „Wahrheit“ nennen, heißt in der alten griechischen Sprache ursprünglich „das Aufgedeckte“: α-λήθεια.

Der Lichtschein dessen, wofür Jesus Christus und sein Evangelium steht, beleuchtet viele Gegenstände und ihre Bedeutungen, Dynamiken und ihr Gewicht auf ganz eigene Weise und lässt sie manchmal ganz anders erscheinen, als sie im Licht der öffentlichen Meinung aussehen.

In seinem Scheinwerferlicht taucht zum Beispiel in Debatten um das Wirtschaftswachstum auch eine Mehrheit der Bevölkerung auf, die keinen gerechten Anteil an wachsender Wirtschaft nehmen kann.

Und bei Diskussionen um einen Waffenstillstand in der Ukraine tauchen in seinem Licht unversehens ein paar Milliardäre auf, die einen eigenen Nutzen daraus ziehen wollen, dass die Ukraine dieses oder jenes Gebiet ihres Staates aufgibt.

Tarifverhandlungen und Debatten über staatliche Sozialleistungen werden sehr unterschiedlich gesehen, je nachdem, durch welche Brille die Argumente gefiltert werden: nur unter Berücksichtigung von Kostenfaktoren oder auch mit Blick auf Menschenwürde und Kaufkraft?

Und aktuell ist zu sehen, wie einseitig die Export-Orientierung der deutschen Wirtschaft mit dem Vernachlässigen einer ausgeglichenen Handelsbilanz seit Jahrzehnten gewesen ist. Der gierige Blick auf das Erschließen globaler Märkte hatte blind gemacht für damit entstehende Abhängigkeiten – in einem Ausmaß, vor dem heute alle erschrecken, als wenn der Blick für das Gemeinwohl nicht längst die Begrenztheit vorhandener Ressourcen und die Gefahren politischer Erpressbarkeit aufgedeckt hätte.

Und eine blauäugige Unterwerfung wäre es, das in der veröffentlichten Meinung durch kapitalistische Beleuchtung entstehende Bild der Wirklichkeit als „die Wahrheit“ hinzunehmen. Ideologisch geprägte Begrifflichkeiten jeglicher Orientierung sind vor allem „Beleuchtungs-Taktik“.

Demgegenüber preist hymnisch der poetische Prolog des Johannes-Evangeliums Jesus Christus als „das Wort“, mit dem „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet“, „in die Welt kommt“ – als Mensch unter Menschen sozial erlebbar – in allen für das Leben relevanten Zusammenhängen: „Er hat unter uns Wohnung genommen!“

Er kriegt also alles unmittelbar mit, was auf uns einwirkt, wie es uns geht, was da so läuft und was uns beschäftigt … eben mittendrin mit uns. Er kann dann sofort und unmittelbar reagieren, Stellung beziehen, mitfühlen …

Ja, sogar in die unterste, niedrigste Schicht menschlichen Daseins ist dieser Gott heruntergekommen: Krippe, Kreuz, … in die unterste soziale Schicht der Ärmsten, denen kein Platz, kein Raum eingeräumt wird, so dass ein Viehfuttertrog als Babybett herhalten muss, wie auch in die Tiefe des Todes, in die er hinabgestiegen ist – der „Sohn Gottes“!

„Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget!“, wie das beliebte Weihnachtslied es besingt – Liebe, die nicht nur als Liebe behauptet oder gelehrt wird – nein: die als Liebe liebt, uns liebt!

Allen aber, die ihn aufnahmen,
gab er Macht,
Kinder Gottes zu werden,
allen, die an seinen Namen glauben,
die nicht aus dem Blut,
nicht aus dem Willen des Fleisches,
nicht aus dem Willen des Mannes,
sondern aus Gott geboren sind.
Und das Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt
und wir haben
seine Herrlichkeit geschaut,
die Herrlichkeit
des einzigen Sohnes vom Vater,
voll Gnade und Wahrheit.
(Johannes 1,1-5.9-14)

Der Gott Jesu Christi,
unseres Herrn,
der Vater der Herrlichkeit,
gebe euch den Geist
der Weisheit und Offenbarung,
damit ihr ihn erkennt.

Das ist der Wunsch des Apostels an jeden und jede von uns, was diese Weihnachtszeit und das ganze neue Jahr bringen soll:

Er erleuchte
die Augen eures Herzens,
damit ihr versteht,
zu welcher Hoffnung
ihr durch ihn berufen seid,
welchen Reichtum
die Herrlichkeit seines Erbes
den Heiligen schenkt.
(Epheser 1,3-6.15-18)

Da kannste nur staunen, auf was wir uns da gefasst machen können: auf das Wunder eines erfüllten Lebens!

 

Empfehlend hingewiesen sei hier auch auf https://rainer-petrak.de/tag-der-menschenwuerde/ Audio-Podcast zum Weihnachtstag, 25. Dezember 2020 – Dauer: 18’39) „Tag der Menschenwürde“ – Biblisch-Nachdenkliches zu einer vernachlässigten Seite des Weihnachtsfestes

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