Blogbeitrag

Licht

Tag der Menschenwürde

25. Dezember 2020

Biblisch-Nachdenkliches zu einer vernachlässigten Seite des Weihnachtsfestes

und/oder zum (Mit-)Lesen:

Vor einer Woche ging der 250. Geburtstag eines Mannes durch die Medien, der bis heute von vielen Menschen verehrt wird: Ludwig van Beethoven hat eine Musik geschaffen, die ihnen wichtig ist. Sein Lebenswerk lässt sie nicht los. An seinem Geburtstag stand dieses Lebenswerk ganz im Mittelpunkt der öffentlichen Erinnerung. Und wenn Corona nicht wäre, hätten viele Konzerte mit seiner Musik viele Menschen versammelt und begeistert.

Von seiner Geburt und ihren Umständen wurde an Beethovens Geburtstag nicht gesprochen und geschrieben, schon eher von den Lebensumständen, unter denen er seine Sinfonien und andere Werke verfasst hat. Und gelegentlich wurde seine Bedeutsamkeit daran festgemacht, dass er es mit seiner Musik bis zur heutigen Europa-Hymne gebracht hat.

Volkstümlich verbreitet und bis in offiziell kirchliche Verlautbarungen hinein gilt der heutige Weihnachtstag als Geburtstag eines anderen Mannes, der bis heute von vielen wegen seines Lebenswerkes und seiner Bedeutsamkeit verehrt wird: Jesus von Nazaret, von Christen als „heilig“ und als „Sohn Gottes“ gesehen. Allerdings sein Lebenswerk, ja sein ganzer, durch offizielle Gewalt schon nach 3 Jahren beendeter Lebensweg in der Öffentlichkeit, sein Wirken über seine Hinrichtung hinaus bis heute – alles das geht dabei in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend unter. An dessen Stelle ist der größte Teil der Aufmerksamkeit auf seine volkstümlich ausgemalten Lebensumstände als Neugeborener ausgerichtet.

Wie kommt es, dass bei der „Geburtstagsfeier“ von Jesus, dem „Christus“, so auffällig links liegen gelassen wird, was selbst die Bibeltexte in den Mittelpunkt stellen, die als Kern dieses Festes gelten, seitdem Weihnachten gefeiert wird?

Ich weiß, Weihnachten so zu feiern, wie wir es gewohnt sind – dafür gibt es viele gute Gründe. Dass ich das achte, will ich vorab betonen. „Gut“ finde ich dabei vor allem die Gründe, die ich mir nicht von anderen habe widerwillig aufzwingen lassen, sondern die ich selbst verantworte. Zum Beispiel gibt es Augenblicke in meinem Leben, in denen ich für mich das Recht beanspruche, als Ausgleich für alle möglichen Belastungen mich zurückzuziehen in eigentlich kindliche Verhaltensmuster: mal ungeschützt drauflos zu heulen oder mal urtümliche Gefühlsregungen in mir als meine eigenen festzustellen oder auch mal alles von mir fernzuhalten, was mich irgendwie unter Druck setzen könnte, den Erwartungen anderer an mich nachzukommen. Ja, ich fordere das Recht ein, wenn mir denn dringend danach ist, immer wieder mal keinen aufmerksamen, gar liebevollen Blick für andere Menschen aufzubringen und mich einfach sehnsüchtig-harmonischen Träumereien von glücklichen Säuglingen im lockigen Haar im Kreis einer total harmonischen Familie hinzugeben. Betonen will ich dabei, dass ich dasselbe Recht natürlich auch jedem anderen Menschen gelten lasse. Das scheint mir wichtig. Denn mir ist wichtig, dass ein Mensch sich mit seiner eigenen Realität wahrnimmt und sich gelten lässt, ohne sich von sich selbst ein Bild des allzeit vernünftigen und verantwortungsbewussten Menschen machen zu müssen.

Aber ich meine auch: Weihnachten so zu feiern, wie wir es gewohnt sind – dafür gibt es auch schlechte Gründe. „Schlecht“ finde ich dabei alle die Gründe, die solches „Einschläfern zu himmlischer Ruh“ in kindlicher Freiheit von aller Verantwortung dann zum Ideal machen für eine weltumspannende Kultur, die sich dann auch schon mal „querdenkerisch“ als Nationalismus oder als subtil gewaltbereiter Egoismus auswirkt und sich darin auch noch ganz toll oder „cool“ vorkommt.

Natürlich ist es jedem Menschen unbenommen, sich eine eigene Vorstellung und Meinung von „Weihnachten“ zu bilden und sie auch unter die Leute zu bringen. Der Fairness und der Transparenz halber sollte dann allerdings das sehr Unterschiedliche, das mit einem und demselben „Markennamen“ „Weihnachten“ jeweils gemeint ist, klar auseinandergehalten werden. Es ist schon ein Unterschied, ob ich Rheinkiesel meine, mit denen ich die Uferzone meines Gartenteichs gestalten will, oder die leckeren Bonbons aus Rüdesheim, die optisch genauso aussehen und auf dem Etikett auch „Rheinkiesel“ heißen.

Wenn eine Kirchengemeinde ebenso wie das Einkaufszentrum schon am ersten Adventssonntag die Beleuchtung der Weihnachtsbäume einschaltet, dann ist die gegenseitige Beeinflussung irgendwie aus dem Ruder gelaufen.

Und wenn der Weihnachtsgruß der Kirchengemeinde den Wunsch plakatiert, das Kind in der Krippe möge mich reich beschenken, dann weiß ich nicht, warum da am „Geburtstag“ von Jesus Christus die Großartigkeit seines Lebenswerkes und Lebensweges verschwiegen wird, wovon doch aber die an Weihnachten verkündeten Texte aus der Bibel ausgiebig und voller Freude und Hoffnung sprechen.

Dabei benennt es das „Türschild“ zu diesem Festtag, das Tagesgebet des Weihnachtstages, mit großer Bewunderung und eindeutig: „… du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederhergestellt.“ Und das wird im nächsten Satz damit in Zusammenhang gebracht, dass Gottes Sohn, um den es ja hier geht, „unsere Menschennatur angenommen hat.“

Der Anfang des Johannes-Evangeliums, der heute allen zum „Evangelium“ werden will, also zur Freuden-Botschaft des Festtages, der lenkt in überschwänglicher, aber klarer Sprache die Aufmerksamkeit auf das, worum es geht: „Das Wort“ wird besungen. Das Wort, durch das alles sein Dasein hat. Das „Wort“, das nicht etwa ein Phänomen des Intellekts und Inhalt einer Belehrung geblieben, sondern „Fleisch“ geworden ist, also konkret-leibhaftig als Mensch unter uns Menschen hat zuhause sein wollen und Wohnung genommen hat. Gott menschlich als Mensch unter Menschen! Und was dann Menschen an ihm gesehen und mit ihm erlebt haben: herrlich göttlich! Wahnsinn, was für eine Fülle an Licht und Leben!

So wird an dieser zentralen Stelle von Weihnachten das Wesen und die Bedeutung des Jesus von Nazaret besungen, sein Lebenswerk, sein Lebensweg. In der Tat: was für eine Würde des Menschen, dass es für Gott nichts Wichtigeres gab, als einer von uns zu werden – mitten unter uns zu leben und zu wirken – uns reichlich zu beschenken mit Licht und Leben – und so Finsternis und Tod aller Art zu besiegen!

Ja, das sind sehr große Worte! Eigentlich nicht zu glauben. – Am vergangenen Montag hat mich die Kirche mal wieder verblüfft mit ihrer nüchternen Hellsichtigkeit, mit der sie im Stundengebet die riskante Fragwürdigkeit von Gottes Vorhaben und unserem Weihnachtsfest knapp benennt. Zu einem der Psalmen ist da als Kehrvers Jesus zitiert: „Wenn der Menschensohn kommt, wird er wohl Glauben finden auf Erden?“ Verblüffend finde ich dabei die Klarheit, was da als „glauben“ und als das hier zentrale Problem vorausgesetzt ist. Der Zusammenhang dieses Jesus-Zitats ist ja sein Gleichnis vom ungerechten Richter, der schließlich dem penetrant vorgebrachten Verlangen einer Witwe nachkommt: „Verschaff mir Recht gegen meinen Widersacher!“ Und als Fazit betont Jesus, umso mehr werde doch der gerechte Gott selbstverständlich denen, die „Tag und Nacht zu ihm schreien, … unverzüglich ihr Recht verschaffen.“ Und da fügt er skeptisch diesen Satz an: „Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, den Glauben auf der Erde finden?“ So im Lukas-Evangelium im 18. Kapitel.

Dass das Stundengebet der Tage vor Weihnachten an dieses Wort von Jesus erinnert, das entspricht durchaus auch dem Wort-Hymnus vom Anfang des Johannes-Evangeliums. Darin wird ja auch beklagt, dass dieses Mensch gewordene „Wort“ Gottes für alle Menschen zur Welt gekommen ist, „aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Die Würde des Menschen „wiederherstellen“, also im Gemeinwesen wieder voll zur Geltung bringen, wie Jesus das verkörpert hat, – das löst viele Widerstände aus. Aus der Menschenwürde sich ableitende elementare Rechte wie das auf Freiheit, auf Leben, auf Sicherheit usw. sind wahrscheinlich in allen Kulturen im Interesse der Reichen und Mächtigen eingeschränkt worden. Jesus hat in seinem kulturellen Umfeld öffentlich aktiv und demonstrativ die damals wohl leidvollsten dieser Einschränkungen unmöglich gemacht und zu beenden unternommen:

An Lepra Leidende, die ausgestoßen waren, hat er wieder in die Gesellschaft integriert.

Menschen, die durch körperliche Beeinträchtigungen an der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben gehindert waren, denen hat er den Zugang dazu wiedereröffnet.

Menschen, die als von Gott mit Krankheit gestraft galten, hat er die volle Anerkennung zurückgegeben und für ihre Heilung gesorgt.

Ebenso denen mit einer anderen Religion, deren „Glauben“ er wiederholt staunend provozierend anerkannt hat.

Und all den Menschen, die sich nicht selber Recht verschaffen konnten, denen hat er eine Perspektive eröffnet, in der ihre Würde durch den Dienst des Gemeinwesens wiederhergestellt wird – insofern im Gemeinwesen das „Fleisch“ gewordene „Wort“ Gottes aufgenommen und seine alles prägende Geltung anerkannt und gewollt wird.

So kann der Hymnus aus dem Johannes-Evangelium tatsächlich voller Freude die weihnachtliche Botschaft mit den Worten besingen: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden …“ Da wird der „Tausch“ besiegelt, von dem die 3. Weihnachts-Präfation singt: „… einen wunderbaren Tausch hast du vollzogen: dein göttliches Wort wurde ein sterblicher Mensch, und wir sterbliche Menschen empfangen in Christus dein göttliches Leben.“

So wird als Ergebnis davon dann die in der Botschaft des Engels an Maria angekündigte Benennung von Jesus als „heilig“ und „Sohn Gottes“ nicht mehr für Jesus reserviert, sondern er teilt das mit uns Menschen. Da erfahren sich dann alle, die das an sich und in ihrer Mitte geschehen lassen, als „heilig“ und als „Söhne und Töchter“ oder „Kinder“ Gottes. (vgl. z.B. Mt 5,9; Gal 3,26; Röm 8,29; Eph 1,5; …)

Angefangen beim Brudermörder Kain über den verzweifelten Verräter Judas bis zu den Abgelehnten aus Moria, die heute immer noch auf die hoffen, die Ernst machen mit ihrem Bekenntnis zu dem, der die Würde des Menschen wunderbar wiederherstellt, und die heute seinen Geburtstag feiern.

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Rainer Petrak