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Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Was machst du mit der Schuld?

26. März 2026

Sonntagsbotschaft zum 29. März 2026, dem Palmsonntag (Lesejahr A).  

Schuld. Was für ein Problem! Totgeschwiegen, weil man keine Lösung dafür hat. Aber ein Problem, das aktuell zunehmend die ganze Welt belastet! Schuld – individuell wie kollektiv: Den eigenen Willen mit Macht durchsetzen, Rache und Vergeltung mit aller Gewalt – das breitet sich aktuell rasant aus.

Auch in den Kirchen ein Thema von Entsetzen und Skandal – in aller Ratlosigkeit mit gesenktem Kopf und schlechtem Gewissen – und mit der Verachtung für die schuldigen Anderen. An Stelle eines großen Freudenfestes heilender Versöhnung! Spätestens seit Anselm von Canterbury (ca. 1100) mit einem beleidigten Gott, der zur Besänftigung seines Zornes nach „Satisfaktion“ verlangt.

Ja, Ostern bedeutet für viele immer noch die grausame Hinrichtung des einer von uns Menschen gewordenen Gottessohnes, weil nur so sein strafsüchtiger Vater-Gott besänftigt wird oder zufriedengestellt wegen der übermäßigen Schuld und Sünde der Menschheit!

Vielen ist das Kreuz dafür ein Symbol, das – durch ein einschüchterndes Schuldbewusstsein – sich ihrer bemächtigen will. Auch für Katholiken, die deswegen am Karfreitag nicht in die Kirche gehen, weil dieses Kreuz da so mit Jubel überschüttet wird!

Der hoch geschätzte Martin Luther litt lange ringend unter seiner bohrenden Frage: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?!“ Gott rauft sich die Haare: „Habt ihr immer noch nicht kapiert, dass ich längst als der bei euch bin, den ihr meint, erst noch finden zu müssen?!“

Die Bibeltexte, in denen es vor allem am Palmsonntag und am Karfreitag um das Leiden und Sterben von Jesus geht, sie sprechen eine Sprache, die einen ganz anderen Geist atmet.

Der nicht näher identifizierte „Gottes-Knecht“, dessen Menschenliebe vier poetische Texte im Jesaja-Buch (Kapitel 42, 49, 50, 52-53) in staunender Dankbarkeit besingen, der begibt sich mitten unter die Menschen – gezielt dorthin, wo Menschen leiden unter den Folgen eigener oder fremder Schuld und unter allem zu leiden haben, was ihnen das Leben schwer macht. Mit ihnen solidarisch, teilt er ihr Leiden und verschafft ihnen Entlastung. In Gottes Namen. Solche Liebe zu den leidenden Menschen liegt Gott sehr am Herzen.

Was diese Lieder vom Gottesknecht besingen, erkannten zur Zeit von Jesus viele in ihm und seinem Tun verwirklicht. Begegnungen mit ihm und die Erfahrungen am Ende mit seinem Leiden und Sterben erzählten sie immer wieder mit Formulierungen aus diesen alttestamentlichen Texten. Die darin beschriebene Menschenliebe haben sie mit Jesus erlebt.

Damit macht er aber vielen ihre Weltsicht und ihre Ordnung kaputt und das Geschäft mit den Folgen der Schuld, aus dem sie Macht und Geld profitieren. Die wehren sich und wollen ihn umbringen.

Da er sich aber trotzdem mit den Verfemten an einen Tisch setzt, macht er sich zu einem von ihnen. Da er ihren diskriminierenden Ausschluss aus der Gesellschaft ignoriert und die Missachtung ihrer Menschenwürde für Unrecht erklärt, macht er sich Feinde unter den Mächtigen und zieht ihren Zorn auf sich.

Die allerdings, die in der Begegnung mit ihm den barmherzigen Knecht Gottes erkennen, die können nur mit dem Lied aus dem Jesaja-Buch staunend bekennen „Unsere Schuld lädt er auf sich“:

Er wurde verachtet
und von den Menschen gemieden,
ein Mann voller Schmerzen,
mit Krankheit vertraut.
Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt,
war er verachtet;
wir schätzten ihn nicht.
Aber er hat unsere Krankheit getragen
und unsere Schmerzen auf sich geladen.
Wir meinten,
er sei von Gott geschlagen,
von ihm getroffen und gebeugt.
Doch er wurde durchbohrt
wegen unserer Vergehen, …
durch seine Wunden
sind wir geheilt. …

Und Gott, den Jesus, sein Knecht, seinen Vater nennt, der bestätigt, wie sehr ihm das gefällt und dass das in seinem Geist und nach seinem menschenfreundlichen Willen geschieht:

… Mein Knecht, der gerechte,
macht die Vielen gerecht;
er lädt ihre Schuld auf sich.
Deshalb gebe ich ihm
Anteil unter den Gro
ßen …,
weil er sein Leben dem Tod preisgab
und sich unter die Abtr
ünnigen rechnen ließ.
Er hob die S
ünden der Vielen auf
und trat f
ür die Abtrünnigen ein.
(Jesaja 52,13 – 53,12 Erste Lesung am Karfreitag)

Aber nicht, weil Gott diesen entsetzlichen Weg so wollte – so schmerzlich und tödlich für seinen geliebten Sohn – , sondern weil ihm bei dieser menschlichen Verstocktheit nichts anderes übrig blieb, um das Leid der Menschen zu heilen:

… Israel, wolltest du doch auf mich hören!
Ich bin doch der HERR, dein Gott,
der dich heraufgeführt hat aus Ägypten. …
Doch mein Volk
hat nicht auf meine Stimme geh
ört; …
Da
überließ ich sie ihrem verstockten Herzen:
Sollen sie gehen nach ihren eigenen Pl
änen.
Ach, dass mein Volk doch auf mich h
örte, …!
Wie bald w
ürde ich seine Feinde beugen,
meine Hand gegen seine Bedr
änger wenden.
Ich würde es nähren mit bestem Weizen,
dich sättigen mit Honig aus dem Felsen.
(Psalm 81)

Aber Menschen, die sich auf den Gottesknecht eingelassen haben und seinen befreienden Umgang mit ihrer Schuld erlebt haben, die brechen in Jubel aus und feiern ein Fest – wie der barmherzige Vater mit seinem zurückgekehrten, verloren geglaubten Sohn (vgl. Lukas 15).

Oder wie es Psalm 81 besingt:

Jubelt Gott zu, er ist unsere Stärke,
jauchzt dem Gott Jakobs!
… Eine Stimme höre ich,
die ich noch nie vernahm:
Seine Schulter hab ich von der B
ürde befreit,
seine H
ände kamen los vom Lastkorb.
Du riefst in der Not
und ich riss dich heraus; …
(Psalm 81)

Oder Psalm 103:

Preise den HERRN, meine Seele,
und vergiss nicht,
was er dir Gutes getan hat!
Der dir all deine Schuld vergibt
und all deine Gebrechen heilt,
der dein Leben vor dem Untergang rettet …,
der dich dein Leben lang mit Gaben s
ättigt, …
Der HERR vollbringt Taten des Heils,
Recht verschafft er allen Bedr
ängten. …
Der HERR ist barmherzig und gnädig,
langmütig und reich an Huld. …
Er handelt an uns nicht nach unsern Sünden
und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld. …
So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang,
so weit entfernt er von uns unsere Frevel.
(Psalm 103)

Wo andere ums Leben gebracht werden sollen – weil sie Schuld auf sich geladen haben oder weil andere an ihnen schuldig geworden sind, da stellt er sich schützend dazwischen. Wie der „Gute Hirt“, wenn der Wolf angreift, lenkt er die Angriffe auf sich selber um. So sagt es Jesus im Johannes-Evangelium (10,11-13).

Er macht sich zu einem von ihnen, den mühselig und belastend Angegriffenen, setzt sich mit ihnen, den „Zöllnern und Sündern“ (vgl. Lukas 15) an einen Tisch, „macht mit ihnen gemeinsame Sache“, lässt sich unter die Verbrecher rechnen, …

So zieht er die Strafe auf sich! Wie im Fall der Ehebrecherin im Johannes-Evangelium (8,1-11), wo Jesus die Richter dazu bewegt, auf ihre Steinigung zu verzichten, und wo sie am Ende aus Zorn darüber dann ihn steinigen wollen (8,59).

Schuld von Menschen und Gottes Zorn über das damit verursachte Leid wandelt er in Trost – in Gestalt der Heilung der Opfer und der Neubefähigung der Täter zum Leben. So jubelt schon der Beter im Jesaja-Buch:

Ich danke dir, Herr.
Du hast mir gezürnt,
doch dein Zorn hat sich gewendet,
und du hast mich getröstet.
(Jesaja 12,1 nach EÜ 1980 = Stundenbuch: Laudes am Donnerstag der 2. Woche)

Oder – wie das Buch der Offenbarung des Johannes alles Geschehen um Jesus zusammenfasst:

Da hörte ich eine laute Stimme
im Himmel rufen:
Jetzt ist er da, der rettende Sieg,
die Macht und die Königsherrschaft unseres Gottes
und die Vollmacht seines Gesalbten;
denn gestürzt wurde der Ankläger unserer Brüder,
der sie bei Tag und bei Nacht
vor unserem Gott verklagte.
(Offenbarung 12,10)

Und weil Jesus so den Weg eröffnet hat zur Befreiung des Menschen aus all diesen Verkettungen durch Schuld und Sünde und Strafe und Eskalation der Gewalt, erfüllt er, was Gott für seine ganze Schöpfung erreichen will.

Dass Jesus damit tut, was Gott will, obwohl es ihn das Leben kostet, das kann man natürlich in dankbarem Staunen als Gehorsam bezeichnen und mit dem Hymnus im Philipper-Brief besingen:

… Christus Jesus … war gehorsam bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz.
Darum hat ihn Gott
über alle erhöht
und ihm den Namen verliehen,
der gr
ößer ist als alle Namen, …
(Philipper 2,6-11 Zweite Lesung am Palmsonntag, hier Vers 8b-9 Ruf vor der Passion am Karfreitag)

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