Blogbeitrag

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Und wir hatten gedacht …

2. April 2026

SONNTAGSBOTSCHAFT zu Ostern, 5. April 2026.  

In einen neuen Weg- und Zeitabschnitt gehe ich eigentlich dann stabil und in Ruhe und mit voller Kraft, wenn ich auch problematische Entwicklungen und ihre Zusammenhänge überschauen kann und wenn dabei alles im Rahmen anerkannter und bewährter Maßstäbe abläuft. Dann hält sich auch durch Veränderungen und Konflikte hindurch mein Vertrauen, dass meine Sehnsüchte und Bestrebungen für mich und für die Welt Chancen haben.

Und wenn es anders kommt – unerwartet, heftig, völlig quer zu allem, was mir wichtig ist? Wenn ich aus dem, was doch mein Leben war, herausgefordert werde, weil es zu Ende geht?

Welche Momente und Situationen haben Sie bisher in Ihrem Leben mit Erfahrungen dieser Art konfrontiert?

Ich persönlich denke da an meine Kinderjahre in diversem Elend, das für mich aber – wenn auch durch Entwicklungsschwierigkeiten hindurch – zur Grundlage wurde für eine starke Eigenständigkeit.

Oder ich denke an meinen Burnout vor fast 40 Jahren: Durch den wurde mir erst offenkundig, wie breit und kräftig die solidarische Basis in meinem Lebens- und Wirkungsfeld als Gemeindepfarrer war.

Eine tiefe Enttäuschung anderer Art, also der schmerzhafte Wegfall einer Täuschung liegt für mich in den Erfahrungen der letzten Jahre, dass – entgegen meiner hoffnungsvoll überzeugten Sicht – unsere Geschichte nicht ein Weg des Fortschritts ist zu einem globalen Frieden hin und nicht zur „Humanisierung der Arbeitswelt“. Noch bis in die Siebziger- oder Achtziger-Jahre hatten wir das gedacht. Da ist meine Perspektive jetzt immer noch mitten im Umbruch.

Erinnerungen, wie Menschen mit solchen Erfahrungen umgehen, spiegeln sich in den überlieferten Zeugnissen aller Kulturen.

Zum Beispiel in den vielen Versionen des Märchens von der Tochter oder Stieftochter, die ihren Edelmut bewahrt und trotzdem verschmäht wird, in den Brunnen fällt und zu Grunde geht – , die aber dort am Grunde das Paradies entdeckt.

Oder Alexis Sorbas, dessen Lebenswerk zusammenbricht – und der angesichts des Lammes am Spieß über dem Feuer zu tanzen anfängt.

Oder die indische Medizinstudentin Mary Verghese, die bei einem Bus-Unfall querschnittgelähmt wurde und die mit Gott über ihr Schicksal haderte, aus der aber eine berühmte Chirurgin wurde. Ihre Biografie hat den Titel „Um Füße bat ich und er gab mir Flügel“ (von Dorothy C. Wilson, 1966).

Oder auch der Josef des Alten Testaments (Genesis 45,5-8): Als seine Brüder am Ende nur schuldbewusst darüber heulen können, dass sie ihn als Sklaven nach Ägypten verkauft hatten, da sagt Josef selber: Vergesst eure Schuld! Auf diesem Weg hat Gott es möglich gemacht, dass jetzt unsere Familie nicht in dieser Hungersnot umkommt, sondern reichlich zu essen hat!

Und schließlich die beiden Männer, von denen das Lukas-Evangelium erzählt. Für sie ist mit der Hinrichtung ihres Meisters Jesus am Kreuz alle Hoffnung auf eine bessere Welt begraben und sie gehen einfach nur fort.

Am ersten Tag der Woche
waren zwei von den Jüngern
auf dem Weg
in ein Dorf namens Emmaus,
das sechzig Stadien
von Jerusalem entfernt ist.
Sie sprachen miteinander
über all das, was sich ereignet hatte.

Alles aus! Dabei hat der Jesus doch so vieles angestoßen, was alles Elend von Menschen geheilt hätte! Was hat er nicht Menschen zum Staunen gebracht und neue Hoffnung gestiftet auf eine Wiederherstellung der verletzten Würde so vieler Menschen! Mit ihm wäre die Welt eine deutlich bessere geworden! Hatten wir gedacht. Jetzt aber haben sie ihn ausgeschaltet!

So tauschen sie sich aus über ihre tiefe Enttäuschung. Sie gehen weg von den anderen. Wenigstens sind sie noch zu zweit und teilen das Ende miteinander. Auf dem Weg sind sie. Aber wohin? Der nächste Ort vor ihnen heißt Emmaus, noch nicht weit weg von Jerusalem.

Und auf dem Weg immer wieder die Frage: Warum?! Das widerspricht doch allem, was sie mit Jesus neu von Gott verstanden hatten! Wo ist denn jetzt der Gott geblieben, der angeblich alles zum Guten führt – der Gott, der sich in Gesetz und Propheten als liebender Vater bekannt gemacht hat – eine Einsicht, für die Jesus ihnen die Augen geöffnet hatte?!

Und es geschah,
während sie redeten
und ihre Gedanken austauschten,
kam Jesus selbst hinzu
und ging mit ihnen.
Doch ihre Augen waren gehalten,
sodass sie ihn nicht erkannten.
Er fragte sie:
Was sind das f
ür Dinge,
über die ihr auf eurem Weg
miteinander redet?
Da blieben sie traurig stehen
und der eine von ihnen –
er hie
ß Kleopas –
antwortete ihm:
Bist du so fremd in Jerusalem,
dass du als Einziger nicht wei
ßt,
was in diesen Tagen
dort geschehen ist?
Er fragte sie: Was denn?
Sie antworteten ihm:
Das mit Jesus aus Nazaret.
Er war ein Prophet,
mächtig in Tat und Wort
vor Gott und dem ganzen Volk.
Doch unsere Hohepriester und F
ührer
haben ihn zum Tod verurteilen
und ans Kreuz schlagen lassen.
Wir aber hatten gehofft,
dass er der sei,
der Israel erl
ösen werde.
Und dazu ist heute schon der dritte Tag,
seitdem das alles geschehen ist.
Doch auch einige Frauen aus unserem Kreis
haben uns in gro
ße Aufregung versetzt.
Sie waren in der Fr
ühe beim Grab,
fanden aber seinen Leichnam nicht.
Als sie zurückkamen, erzählten sie,
es seien ihnen Engel erschienen
und hätten gesagt, er lebe.
Einige von uns gingen dann zum Grab
und fanden alles so,
wie die Frauen gesagt hatten;
ihn selbst aber sahen sie nicht.

Der Fremde veranlasst sie also erstmal zu benennen, was sie so niederdrückt. So fassen sie in Worte und beschreiben ihre Art des Verständnisses – besser gesagt: ihres Unverständnisses.

Das, was sie sagen, bringt der Fremde in andere Zusammenhänge, ergänzt ihre Sicht, indem er sie auf andere Aspekte verweist, die ihnen doch auch vertraut sind. Er sagt zu ihnen:

… Ihr Unverständigen,
deren Herz zu träge ist,
um alles zu glauben,
was die Propheten gesagt haben.
Musste nicht der Christus das erleiden
und so in seine Herrlichkeit gelangen?
Und er legte ihnen dar,
ausgehend von Mose und allen Propheten,
was in der gesamten Schrift
über ihn geschrieben steht.

Wird es ihm gelingen, in ihrem Herzen das aufzubrechen, was sie daran hindert, ihn zu erkennen?

Später werden sie zueinander sagen:

… Brannte nicht unser Herz in uns,
als er unterwegs mit uns redete
und uns den Sinn der Schriften eröffnete?

Aber noch sind sie nicht so weit. Alles was sie gelernt haben und woran sie gewöhnt sind, wie sie die Wirklichkeit wahrnehmen, zeigt ihnen, dass alles zu Ende ist, was sie sich von Jesus für sich und die ganze Welt erhofft hatten. Ende ist nun mal Ende. Und davor die Augen zu verschließen, ist Illusion! Das ist ihnen völlig klar. So klar, – mag er noch so sehr reden wie Jesus – dieser Fremde kann jedenfalls nicht Jesus sein; er ist ja schließlich gestorben!

Seltsam. Wo sie doch sonst immer glauben, was sie sehen, und das, was sie sehen, zur Grundlage aller Erkenntnis erklären! Doch – so hatte es der Evangelist genannt –

… ihre Augen waren gehalten,
sodass sie ihn nicht erkannten. …

So erreichten sie das Dorf,
zu dem sie unterwegs waren.
Jesus tat, als wolle er weitergehen,
aber sie dr
ängten ihn und sagten:
Bleibe bei uns; denn es wird Abend,
der Tag hat sich schon geneigt!
Da ging er mit hinein,
um bei ihnen zu bleiben.
(Lukas 24,13-35)

Immerhin – mit ihrem „brennenden Herzen“ – hatten sie ihn nicht als wirklichkeits-resistenten Spinner abgetan, sondern auf dem Weg war in ihnen offenbar etwas gewachsen, womit sie ihn nicht so einfach loslassen konnten.

Was dann geschah, erzählt der Evangelist ganz knapp. Vielleicht weiß er, dass er allein mit Worten das nicht vermitteln kann. Bibelwissenschaftler meinen, er wolle mit der ganzen Erzählung zugleich das beschreiben, was Christus all denen anbietet, die sich heute von ihm einladen lassen – zum Austausch über alle leidvolle Realität, zum Hören auf die Bibel, was Gott da zu all dem sagt, und zum dankbaren, frohen, Gott lobpreisenden Teilen eines Brotes miteinander – in Hoffnung stiftender Tischgemeinschaft, wie er es ein paar Tage davor ihnen ans Herz gelegt hatte: Tut das so zu meinem Gedächtnis!

So kann diese ganze Erzählung im Evangelium des Lukas – ebenso wie alle anderen, mit denen die Bibel die Ereignisse von Ostern bezeugt – auch heute die Sichtweise der Erfahrungen von Abstürzen, Gräbern und Hoffnungslosigkeiten dahin verwandeln – wie es ein Hymnus besingt – ,

… dass der Weg dieser Zeit
Durchgang zur Auferstehung sei.
Die Erde zu heilen,
schuf Gott diese Tage.
(Laudes-Hymnus für die Fastenzeit – Antiphonale S. 202)

 

Hinweis:

Andere Aspekte und weitere Vertiefung dieser Perspektive finden Sie auf dieser Website:

mit dortigem Verweis auf

  • „Das Trotzdem-Fest“ (Sonntagsbotschaft Ostern 2022 – Dauer: 26’42)
  • „Osterfest“ (2021) Film in 3 Teilen (Gesamtdauer: 76’42)
  • „Wie wir Ostern feiern“ (Lese-Text)

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