Blogbeitrag

Bild privat Gran Canaria Sonnenaufgang (2008)

Wachgeküsst

9. April 2026

SONNTAGSBOTSCHAFT zum 12. April 2026, dem 2. Ostersonntag.  

Ostern – was beschäftigt da Menschen seit 2000 Jahren? Was sind die Nachwirkungen von Ostern, so dass immer noch für viele Menschen das der Anlass ist für das größte Fest im Jahr? Was macht denn Ostern mit ihnen?

Die Bibelabschnitte, die typisch sind für diesen 2. Ostersonntag, beschreiben tiefgreifende Veränderungen, die das Ereignis von Ostern in Gang gesetzt hat – Veränderungen sowohl im Lebensgefühl der Menschen als auch in ihrem Weltbild und in ihrem Verhalten.

Die Erzählung im Johannes-Evangelium setzt in der Situation des Sonntagabends an, nachdem am Freitag davor Jesus am Kreuz hingerichtet worden war. Die Männer und Frauen, die voller Hoffnung auf ein Leben in wirklichem Frieden mit Jesus gegangen waren, sie hockten jetzt ängstlich enttäuscht zusammen – hinter verschlossenen Türen. Was soll jetzt werden, wo Jesus tot und alles am Ende ist und sie wohl die nächsten sein werden, die man wegen ihrer Nähe zu ihm verfolgen wird!

Da geschieht es:

Am Abend
dieses ersten Tages der Woche,
als die Jünger
aus Furcht vor den Juden
bei verschlossenen Türen
beisammen waren,
kam Jesus,
trat in ihre Mitte
und sagte zu ihnen:
Friede sei mit euch! …

Und da er es ja nicht sein kann, weist er sich ihnen aus, indem er ihnen seine Todes-Wunden zeigt.

Und er hauchte sie an
und sagte zu ihnen:
Empfangt
den Heiligen Geist! …

So klingt jetzt auf der Seite der Empfänger das, was am Freitag von ihm als Sender hieß:

… er neigte das Haupt
und übergab den Geist.
(Johannes 19,30)

Die drei anderen Evangelien nennen es

… er hauchte den Geist aus
(Markus 15,37; Matthäus 27,50; Lukas 23,46).

Wohin übergibt er sterbend hauchend seinen Lebensgeist?

Wo der Schöpfer schon einmal angefangen hat mit dem Menschen, heißt es:

… Gott, der HERR, …
blies in seine Nase den Lebensatem.
So wurde der Mensch
zu einem lebendigen Wesen.
(Genesis 2,7)

Hauch, Lebensatem, Wind – das ist in der hebräischen Sprache der Bibel ein und dasselbe: רוּחַ    = ruach. Auch im Neuen Testament steht das griechische Wort πνεύμα für die gleiche Bedeutung.

Der Gekreuzigte – wie der Schöpfer haucht dem Menschen das in Mund und Nase, „was dem Körper Lebensfähigkeit verleiht“. So beschreibt das Fachwörterbuch die wesentliche Aussage dieses Wortes (Walter Bauer, πνεύμα, Wörterbuch zum Neuen Testament, 1963).

Ein liebend belebender Kuss! Ihn empfangen sie jetzt.

So wird der Mensch neu zu einem wirklich lebendigen Wesen. Sein Geist atmet jetzt in denen, die sich von ihm neu beleben lassen. Es ist Gottes Geist. Und das Leben, zu dem Gott Jesus belebt hat, zu dem belebt er jetzt sie:

… Wie mich der Vater gesandt hat,
so sende ich euch.

Wie wirkt sich das aus auf das Leben der Menschen und auf ihre Umgebung?

Eine erste Antwort gibt das Evangelium dieses Sonntags in der unmittelbaren Fortsetzung:

Denen ihr die Sünden erlasst,
denen sind sie erlassen; …

Wie sollen sie das machen?

Wer sich an einem Wertvollen versündigt, verletzt die gute Verbindung mit allen, denen dieses Verletzte wertvoll ist, und verletzt damit sie selbst, trennt die gute Verbindung mit ihnen, sondert sich ab – das Wesen der „Sünde“.

Das ist ein großes Problem für die Menschheit. Der überall gewohnte herrschende Geist führt dann zu Vorwürfen und Anklagen und Sanktionen. Wenn ihr daran nichts ändert, dann bleibt das immer so!

… denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.

Sonst tut das ja keiner!

Der Geist aber, den der Gekreuzigte denen jetzt einhaucht, die sich das gefallen lassen, der führt ihnen die Möglichkeit ins Bewusstsein und ins Handeln, solches verletzende Tun zwar mit Bedauern als wirklich geschehen nicht zu verharmlosen, dem so handelnden Menschen aber Anklagen und Strafen zu ersparen. Und das gilt dann – bei Gott und den Menschen. Anfang einer neuen Welt im Frieden!

Und welche weiteren Gaben empfangen alle, die sich seinen Lebensatem einhauchen lassen?

In der 1. Lesung aus der Bibel in den Eucharistiefeiern dieses Sonntags beschreibt auch der Evangelist Lukas in seiner Apostelgeschichte die Auswirkungen des Oster-Ereignisses nach 50 Tagen – an Pfingsten – mit dem neu belebenden Geist, den sie empfangen und der bei ihnen die herrschende Atmosphäre in ihrem ganzen Miteinander stürmisch und feurig verändert.

Alle wurden sie vom Geist erfüllt – was den Petrus veranlasst, den verblüfften Augenzeugen deutlich zu machen, dass hier geschieht, was Gott schon durch den Propheten Joël in Aussicht gestellt hatte:

… Ich werde von meinem Geist ausgießen
über alles Fleisch.
Eure Söhne und eure Töchter
werden prophetisch reden,
eure jungen Männer
werden Visionen haben
und eure Alten
werden Träume haben.

(Apostelgeschichte 2,17)

Petrus hatte betont, dass der gekreuzigte Jesus zu Gottes Herrschaft auferstanden ist und diese Menschen mit seinem Geist erfüllt hat, so dass auch sie aus ihren Gräbern heraus ein neues Leben anfangen.

Und dieser Geist bewirkt bei ihnen ein neues Wir mit einem Blick füreinander – nach dem Muster, wie sie es von Jesus kennengelernt hatten:

Sie verkauften Hab und Gut
und teilten davon allen zu,
jedem so viel, wie er n
ötig hatte.
Tag f
ür Tag verharrten sie
einm
ütig im Tempel,
brachen in ihren H
äusern das Brot
und hielten miteinander Mahl
in Freude und Lauterkeit des Herzens.
Sie lobten Gott
und fanden Gunst beim ganzen Volk. …

(Apostelgeschichte 2,42-47)

Und der Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief, der an diesem Sonntag als 2. Schriftlesung zu hören ist, beschreibt die Auswirkung dieses Geistes, den sie empfangen, als

… lebendige Hoffnung … auf …
… Rettung … in mancherlei Prüfungen …
(1. Petrus 1,3-9)

und in der Fortsetzung als

… neue Lebensführung (1,15) …,

zu der ihr durch Christus und seinen Tod

… freigekauft seid
aus eurer nichtigen,
von euren Vätern ererbten Lebensweise.
(1. Petrus 1,18)

Jetzt sind sie wachgeküsst – aus dem allgemeinen „da kannste nix machen“ – wach zu einem Leben der eigenen Möglichkeiten; „achtsam“, würden viele heute sagen, an den jeweils entsprechenden Stellen die eigenen Gaben zu nutzen, die ich dem Geist des auferstandenen Gekreuzigten verdanke!

In dieser Ausrichtung des Lebens geben Menschen sich nicht mehr damit zufrieden, religiös Bescheid zu wissen und „die sieben Gaben des Geistes“ aufzählen zu können. Vielmehr fangen sie immer wieder an, die in ihrer Taufe empfangene und spätestens in Firmung oder Konfirmation erneuerte Gabe des Geistes zu nutzen, „umzusetzen“.

Die „Wachgeküssten“ leben jetzt selber, statt enttäuscht, gedemütigt und verwundet zu kapitulieren und sich vom Smartphone oder von sonstigen Bildschirmen und ihren kommerziellen und ideologischen Hintergründen sich das Leben sagen und zeigen zu lassen. Da hat jetzt jeder seine eigenen Geistesgaben, die eigenen Möglichkeiten „auf dem Schirm“.

Und bei „Frommen“ wird dann Liebe nicht mehr als Pflicht den anderen um die Ohren geschlagen, sondern aus Freude an der empfangenen Liebe teilt man sie – vor allem mit denen, die sie entbehren – in der Weise wie Jesus: so dass man sie mit den Sinnen und in den sozialen Bezügen wahrnehmen und erleben kann!

Da träumen und leben die so Be-Geist-erten die Vision der Bibel von einem

… neuen Himmel und einer neuen Erde,
in denen die Gerechtigkeit wohnt.
(2. Petrus 3,13)

 

 

Hinweis auf die SONNTAGSBOTSCHAFT zum 2. Ostersonntag aus den Vorjahren (mit anderen Akzenten):

  • 2021 „Acht Tage danach“ (10’01)
  • 2022 „Wunden heilen, Tod besiegen, Frieden schaffen“ (16’53)
  • 2023 „Völlig unmöglich!“ (18’54)

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