SONNTAGSBOTSCHAFT zum 19. Juli 2026, dem 16. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A).
Warum muss alles „gerecht“ sein – in der Politik und im Verhalten des einzelnen Menschen? Wodurch ist festgelegt, dass Ungerechtigkeit falsch oder schlecht sei?
Wer Grund-Werte für das Recht und die Politik, für das menschliche Leben überhaupt begründen will, steht am Ende immer vor der Frage nach einem „letzten Grund“, der sich nicht weiter legitimieren muss. Wissenschaften sprechen von einem „Axiom“, wenn ein Grund-Satz fraglos anerkannt wird. Andere Logiken sprechen dann von einem „Dogma“.
Und mit welcher Begründung können Grund-Werte ihre allgemeine Anerkennung geltend machen? Ist es der sogenannte „gesunde Menschenverstand“? Oder die „Vernunft“ im Sinn der neuzeitlichen Aufklärung? Oder die pragmatische Kapitulation vor einer Übermacht? Oft ist es wohl ein unreflektierter Konsens auf Grund eines Gesamtbildes aus den gesammelten Erfahrungen in einem größeren oder kleineren Kulturkreis.
Im Lauf der Menschheitsgeschichte bildeten sich Sichtweisen heraus, die üblicher Weise mit dem einheitlichen Begriff „Religion“ bezeichnet werden. Obwohl sie von sehr unterschiedlicher Gestalt sind und obwohl sie weitere Sichtweisen, die sich auch als solche Deutungsrahmen oder Erklärungsmuster von Wirklichkeit verstehen, nicht als Religion benennen. Zum Beispiel den Kapitalismus.
Eine verbreitete Sichtweise spricht den Ur-Grund für alles einer Person zu, als „Gott“ bezeichnet. Diese Sichtweise lässt sich ebenso gut oder schlecht wie alle anderen Sicht- oder Denkweisen begründen oder legitimieren.
Welcher von ihnen ein Mensch oder ein Gemeinwesen sich anerkennend unterwirft, ist eine eigene Entscheidung, an der kein Mensch und kein Volk vorbeikommt. Maßgeblich für die Entscheidung sind Neigungen auf Grund von Gefallen oder von „Liebe“ oder auch von sich selbst legitimierender Sucht … Was sich jeweils als entscheidend erweist, hängt immer ab von der eigenen Lebensgeschichte mit ihren eigenen Erfahrungen und der jeweils damit verbundenen eigenen deutenden Sichtweise.
Vielleicht wundern Sie sich über diesen hochgestochenen Gedankengang, wo es hier doch eigentlich um die Frage geht, welche Botschaft aus der Bibel für diesen Sonntag zu hören ist, die sich auf Fragen, Freuden oder Probleme von heute beziehen.
Aber als ich die Bibeltexte auf mich einwirken ließ, die auf dem Plan stehen für die katholischen Gottesdienste an diesem Sonntag, drängte sich mir zunehmend auf, dass dies der Zusammenhang ist, in dem ihre Botschaft gehört werden will. Anlass dazu ist mir vor allem der vorgesehene Abschnitt aus dem Buch der Weisheit. Er bietet grundlegende Orientierung an in der konfliktträchtigen Vielfalt von Werte-Systemen in der globalisierten Welt von heute.
„Buch der Weisheit“, manchmal „Weisheit Salomos“ genannt. Entstanden wahrscheinlich unter den Juden im Griechisch sprechenden Alexandria um die Zeitenwende. Sein literarisches Mittel ist: Der als weise gepriesene König Salomo aus der Gründungszeit des Volkes Israel redet zu den Königen der Welt – in diesem Abschnitt in der Form eines meditativen Gebetes:
Es gibt keinen Gott außer dir,
der für alles Sorge trägt;
daher brauchst du nicht zu beweisen,
dass du gerecht geurteilt hast.
Die nächsten zwei Verse konkretisieren diese Aussage, machen deutlich, wie sie gemeint ist. Aber die gottesdienstliche Lesung überspringt sie leider – vielleicht weil sie in ihrer umfassend verallgemeinernden Art sprachlich nur schwer verständlich zu vermitteln ist. Da heißt es in der Bibel:
Kein König und kein Herrscher
kann dich zur Rede stellen
wegen der Menschen,
die du gestraft hast.
Und gerecht, wie du bist,
verwaltest du das All gerecht
und hältst es für unvereinbar
mit deiner Macht,
den zu verurteilen,
der keine Strafe verdient.
Was ich da verstehe, fasse ich mal in meiner Sprache so: Dass weltweit jemand „Strafe“ erdulden muss, also schlimme Konsequenzen für eigenes unrechtes Verhalten ertragen muss, das braucht keine weitere Rechtfertigung. Ebenso wenig wie die Bewahrung vor den schlimmen Konsequenzen, die durch ein unrechtes Verhalten verursacht wurden, an dem jemand gar nicht beteiligt war.
Das könnte dann heißen, mit Berufung auf den hier angesprochenen Gott muss auch die Menschheit und ihre regierenden Organe dafür sorgen, dass zum Beispiel beim Verteilen der Lasten aus der Klimakrise das Verursacher-Prinzip besser zu beachten sei.
Der Text beschreibt dann das Wesen dieses Grundwertes „Gerechtigkeit“, für den Gott steht:
Deine Stärke
ist die Grundlage deiner Gerechtigkeit
und deine Herrschaft über alles
lässt dich alles schonen.
Auf Gottes „Stärke“, auf „seiner Herrschaft über alles“ gründet seine „Gerechtigkeit“. Die besteht darin, dass er „für alles Sorge trägt“ (Vers 13) und „alles schont“. So wird alles „recht“. Er „richtet“ es.
Weil du über Stärke verfügst,
richtest du in Milde
und behandelst uns mit großer Schonung; …
Anscheinend soll hier dankbar betont werden: Du allein trägst Sorge für alles; das ist deine Weisheit. Deine milde, schonende, den Übeltätern Umkehr gewährende „Gerechtigkeit“ musst du nicht beweisen.
Für Menschen, die ihn als Gott anerkennen, muss das ohne weitere Begründung als Maßstab fürs eigene Handeln gelten:
Durch solches Handeln
hast du dein Volk gelehrt,
dass der Gerechte
menschenfreundlich sein muss,
und hast deinen Söhnen und Töchtern
die Hoffnung geschenkt,
dass du den Sündern
die Umkehr gewährst.
(Weisheit 12,13.16-19)
Seine menschenfreundliche Gerechtigkeit steht im Kontrast zu einer Gerechtigkeit, die vergelten will: Gutes mit Lohn und Böses mit Strafe.
Der Grundwert seiner Gerechtigkeit zielt auf eine Änderung des Verhaltens aller zur Menschenfreundlichkeit hin. So heißt es deutlich in einem Abschnitt davor:
Du hast mit allen Erbarmen,
weil du alles vermagst,
und siehst über die Sünden der Menschen hinweg,
damit sie umkehren.
(Weisheit 11,23)
Lässt er es dann erbarmungslos geschehen, wenn Menschen andere schwer schädigen???
Nein, gerade weil er es in seiner Gerechtigkeit nicht hinnimmt, dass Menschen zu schwerem Schaden kommen, tut er alles, um sie an ihrem Tun zu hindern.
Was wir „Strafe“ nennen, hat bei ihm den Sinn, dass Menschen nicht nur aus Abschreckung und Angst – und solange die drohen – ihr böses Tun lassen. Er bewegt sie dazu, möglichst aus eigener Entscheidung sich davon abzuwenden:
Du bestrafst die Sünder
nur nach und nach;
du mahnst sie
und erinnerst sie an ihre Sünden,
damit sie sich
von der Schlechtigkeit abwenden
und an dich glauben, Herr.
Und dann nennt er ein besonders krasses Beispiel:
Du hast
auch die früheren Bewohner deines heiligen Landes gehasst,
weil sie abscheuliche Verbrechen verübten, …;
sie waren erbarmungslose Kindermörder
und verzehrten beim Kultmahl
Menschenfleisch und Menschenblut; …
… sie alle wolltest du vernichten
durch die Hände unserer Väter; …
Doch selbst jene hast du geschont,
weil sie Menschen waren;
du sandtest deinem Heer Wespen voraus,
um sie nach und nach zu vernichten.
Obgleich du die Macht hattest,
in einer Schlacht
die Gottlosen den Gerechten in die Hand zu geben
oder sie durch entsetzliche Tiere oder ein Wort
mit einem Schlag auszurotten,
vollzogst du doch erst nach und nach die Strafe
und gabst Raum zur Umkehr. …
(Weisheit 12,2-10)
Dieses Verständnis von milder, barmherziger Gerechtigkeit – als Grundwert für alles menschliche Miteinander, der in Gottes Weisheit gründet – das bewegt auch Jesus auf seinem ganzen Lebensweg. In seinen Gleichnissen vom Himmelreich, von Gottes Art, gerecht zu herrschen, versucht er, das den Menschen klarzumachen.
Das Evangelium dieses Sonntags bietet drei dieser Gleichnisse an, üblicher Weise benannt als das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, das Gleichnis vom Senfkorn und das Gleichnis vom Sauerteig (vgl. Matthäus 13,24-43) Ich beschränke mich hier auf das erste, entsprechend der angebotenen Kurzfassung des Sonntags-Evangeliums:
Jesus sagt:
Mit dem Himmelreich ist es
wie mit einem Mann,
der guten Samen auf seinen Acker säte.
Während die Menschen schliefen,
kam sein Feind,
säte Unkraut unter den Weizen
und ging weg.
Als die Saat aufging
und sich die Ähren bildeten,
kam auch das Unkraut zum Vorschein.
Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn
und sagten:
Herr, hast du nicht guten Samen
auf deinen Acker gesät?
Woher kommt dann das Unkraut?
Er antwortete:
Das hat ein Feind getan.
Da sagten die Knechte zu ihm:
Sollen wir gehen und es ausreißen?
Er entgegnete: Nein,
damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut
den Weizen ausreißt.
Die Menschen damals kannten das Problem vom Unkraut unter dem Weizen. Was hier mit dem Wort „Unkraut“ übersetzt ist, heißt im griechischen Original τα ζιζάνια (ta zizánia). Das bezeichnet eine Gräserart, die früher auch bei uns als „Taumel-Lolch“ bekannt war. Es war nicht nur ein lästiges Unkraut. Sowohl bei frei grasenden Pferden als auch bei Menschen, die Brot aus mit Taumellolch verunreinigtem Mehl aßen, führte er zu Vergiftungserscheinungen wie Schwindel, also „Taumeln“, und zu Sehstörungen, manchmal sogar zum Tod. In Deutschland gilt der Taumel-Lolch inzwischen als ausgestorben.
Aus der Bild-Ebene in die Ebene der Realität übertragen, sagt das Gleichnis: Mit allem, was Jesus sagt und tut, sät er aus, was Gott in einem Wachstumsprozess zur Nahrung für die Menschen heranwachsen lässt, damit sie in Gerechtigkeit leben können. Aber zur Wirklichkeit auf diesem Feld des Lebens gehört es dazu, dass anderswoher zugleich auch Anderes ausgesät wird – feindselig gegenüber Gottes Art, gerecht zu herrschen. Um das Wachstum dieser Gerechtigkeit zu behindern.
Wenn unsereins, wenn wir eine solche frustrierende Realität entdecken, was das Wachstum von Gottes Herrschaft in unserer Welt so sehr behindert und gefährdet, dann wollen wir meistens gleich eingreifen – vielleicht sogar mit allen Mitteln. Dazu sagt er Nein.
Denn bevor der Weizen und das für sein Wachstum schädliche sogenannte „Unkraut“ in ihrer Unterschiedlichkeit erkennbar werden, sind ihre Wurzeln unentwirrbar miteinander verfilzt. Seine gut meinenden Jünger würden das Wachstum von Gottes Reich also nur noch mehr gefährden, wenn sie noch während der Zeit vor der Reifung das „Unkraut“ ausreißen wollten. Deshalb sagt Jesus:
Lasst beides wachsen bis zur Ernte
und zur Zeit der Ernte
werde ich den Schnittern sagen:
Sammelt zuerst das Unkraut
und bindet es in Bündel,
um es zu verbrennen;
den Weizen aber
bringt in meine Scheune!
(Matthäus 13,24-30)
Hinweis:
Vor drei Jahren habe ich in der SONNTAGSBOTSCHAFT mit der Überschrift „Weizen & ‚Un-Kraut‘“ die Aussage ein wenig anders akzentuiert dargestellt.
