SONNTAGSBOTSCHAFT zum 31. Mai 2026, dem Dreifaltigkeitssonntag (Lesejahr A).
Raus aus dem Mutterschoß! Lebenslange Herausforderung. Aber zugleich die Sehnsucht nach entspannter Geborgenheit! Und dazwischen spielt sich das Leben ab. Schon immer.
Mein Lebensraum, unser Lebensraum und seine Ressourcen wandeln sich zwar durch die Jahrhunderte. Aber weiterhin – wenn auch in unterschiedlicher Gestalt: Andere Lebewesen fressen uns die Saat weg, schaden dem Wachstum unserer Ernten, machen uns ihre Früchte streitig … Das Klima bremst uns aus … Und dann drängen auch noch viele andere Menschen in unseren Lebensraum, weil es sich, wo sie herkommen, kaum mehr leben lässt … Viele wollen einen größeren Teil von unserem Kuchen haben … Die Armen gönnen uns die Privilegien nicht … Wir müssen immer mehr Energie und Bürokratie dafür aufwenden, uns unsere Errungenschaften zu sichern … Und alles dauert eine Ewigkeit, bis die Führenden all diese Spannungen einigermaßen in den Griff kriegen.
Und viele andere Aspekte könnte man aufzählen, wenn man ein zeitlos zutreffendes Gesamtbild vom erlebten Leben benennen will.
Seit Jahrtausenden bietet sich in solchen Herausforderungen des Lebens ein wahrscheinlich zeitlos wertvolles Werk von Spielregeln an, wie die Menschheit ihr Miteinander optimal verfassen kann, so dass der Weg in eine gute Zukunft gelingt. Die Bibel erzählt von dem Volk, das den Schöpfer des Alls, den Herrn der Geschichte als den Autor dieses Regelwerkes erkannt hat. Er bot ihnen einen Bund an, eine Vereinbarung: Wenn sie sich an die Spielregeln hielten, würde es ihnen gut gehen. Mit ihrer Befreiung aus der Unterdrückung in Ägypten hatten sie ja schon erlebt, wie zuverlässig dieser Pakt ist!
Und jetzt war Mose auf den Berg Sinai gestiegen, damit er ihnen von Gott das wegweisende Angebot mit seinen Spielregeln bringt.
Das Warten auf seine Rückkehr zog sich aber in die Länge. Sie wollten eine schnellere Lösung. Die Ungeduldigen setzten sich durch: Verliebt waren sie in das Gold, das die Ägypter ihnen geradezu aufgedrängt hatten, damit sie schleunigst abhauten aus ihrer Sklaverei; denn die Unterdrücker hatten sich damit viele Plagen eingehandelt. Dieses Gold in ihrem Besitz, das das Volk ja mit Händen streicheln und mit verzückten Augen ansehen konnte, das galt ihnen jetzt als ihr befreiender Gott. Daraus machten sie sich eine Stier-Figur, um die herum das Volk feiernd tanzte.
Als Ersatz für ein wirklich gelingendes Leben zogen sie es vor, sich zufriedenzugeben mit Dingen, die sie besaßen, auch wenn man sie nicht essen und von denen man auch sonstwie nicht leben kann. Mit dem sofort erreichbaren Spaß am puren Besitzen schmückten sie sich und präsentierten mit dem Geglitzer ihre Möchtegern-Größe. High-life in der Wüste!
Die Bibel erzählt das so:
Als das Volk sah,
dass Mose noch immer nicht
vom Berg herabkam,
versammelte es sich um Aaron
und sagte zu ihm:
Komm, mach uns Götter,
die vor uns herziehen.
Denn dieser Mose …
wir wissen nicht,
was mit ihm geschehen ist. …
Das ganze Volk
nahm die goldenen Ohrringe ab
und brachte sie zu Aaron.
Er … bearbeitete sie
mit einem Werkzeug
und machte daraus
ein gegossenes Kalb.
Da sagten sie:
Das ist der Gott, …
Aaron … baute … vor ihm
einen Altar …
… sie … brachten Brandopfer dar
und führten Tiere
für das Heilsopfer herbei.
Das Volk setzte sich
zum Essen und Trinken
und stand auf,
um sich zu vergnügen. …
Mose …
stieg den Berg hinab,
die zwei Tafeln des Bundeszeugnisses
in der Hand, …
Die Tafeln
hatte Gott selbst gemacht
und die Schrift,
die auf den Tafeln eingegraben war,
war Gottes Schrift.
Als Mose dem Lager näher kam
und das Kalb und die Tänze sah,
entbrannte sein Zorn.
Er schleuderte die Tafeln fort
und zerschmetterte sie
am Fuß des Berges.
Dann packte er das Kalb,
das sie gemacht hatten,
verbrannte es im Feuer
und zerstampfte es zu Staub.
Den Staub streute er in Wasser
und gab es den Israeliten zu trinken.…
Mose kehrte zum HERRN zurück
und sagte:
Ach, dieses Volk
hat eine große Sünde begangen.
Götter aus Gold
haben sie sich gemacht.
Jetzt
nimm ihre Sünde von ihnen! …
Gold, Besitz, Eigentum, Kapital, das um seiner selbst willen angebetet wird, für heilig genommen wird, für unverletzlich, als Status-Symbol, als Ersatz für die unübertrefflich heilige Würde des Menschen! Das dafür festgehalten wird, ja dessen Besitz unbedingt vermehrt wird, statt es mit seinem Potential zu investieren für diverse Dienste und Aktivitäten, die „dem Menschen“ dienen – oder anderen sogenannten „christlichen Werten“, um dem Gemeinwesen zum Aufblühen zu verhelfen!
Mose, entsetzt über diesen Bruch des Bundes mit Gott, hatte im Zorn darüber die Gesetzestafeln zerschmettert, die er ihnen von Gott mitgebracht hatte und die dem Volk zur Orientierung auf seinem Weg in die Zukunft dienen sollten.
Und Gott?
In seinem Zorn lässt er sich von dem entsetzten Mose besänftigen. Und er nimmt einen erneuten Anlauf zum Bund mit dem Volk:
Der HERR sprach zu Mose:
Geh, zieh hinauf von hier,
du und das Volk,
das du aus dem Land Ägypten
heraufgeführt hast,
in das Land,
von dem ich Abraham,
Isaak und Jakob
geschworen habe:
Deinen Nachkommen
werde ich es geben. …
In ein Land, in dem Milch und Honig fließen,
wirst du kommen. …
… Hau dir also
zwei steinerne Tafeln zurecht
wie die ersten!
Ich werde darauf
die Worte schreiben,
die auf den ersten Tafeln standen,
die du zerschmettert hast.
Halte dich für morgen früh bereit!
Steig am Morgen auf den Sinai
und dort auf dem Gipfel des Berges
stell dich vor mich hin! …
Da hieb Mose
zwei Tafeln aus Stein zurecht
wie die ersten.
Gott bleibt also dabei: Seine Enttäuschung und sein Zorn über das Volk hält ihn nicht davon ab: Er bietet ihnen den Bund von neuem an.
Und hier setzt der kurze Abschnitt an, der in den Gottesdiensten an diesem Dreifaltigkeits-Sonntag verkündet wird – als Inbegriff der Dynamik, die sich in dieser Geschichte zeigt und die wesentlich ist für Gottes Geist, mit dem er das Volk begleitet zwischen seinen Herausforderungen und seiner Sehnsucht:
Früh am Morgen
stand Mose auf
und ging auf den Sinai hinauf,
wie es ihm der HERR
aufgetragen hatte.
Die beiden steinernen Tafeln
nahm er mit.
Der HERR aber
stieg in der Wolke herab
und stellte sich dort neben ihn hin.
Er rief den Namen des HERRN aus.
Der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber
und rief:
Der HERR ist
der HERR,
ein barmherziger und gnädiger Gott,
langmütig
und reich an Huld und Treue.
Sofort verneigte sich Mose bis zur Erde
und warf sich zu Boden.
Er sagte:
Wenn ich Gnade
in deinen Augen gefunden habe, mein Herr,
dann ziehe doch, mein Herr,
in unserer Mitte!
Weil es ein hartnäckiges Volk ist,
musst du uns
unsere Schuld und Sünde vergeben
und uns dein Eigentum sein lassen!
Was für ein „Herr“! Auch der fundamentale Vertragsbruch des Volkes kann ihn nicht davon abbringen, er selber zu sein und zu seiner Zusage treu zu stehen.
Von solcher grenzenlos belastbarer Liebe zu seinem Volk wird der Apostel Paulus einmal sagen: „Die Liebe erträgt alles.“ (1. Korinther 13,7)
Dieser Gott benennt jetzt – auf dem Sinai, nach dem Abfall des Volkes! – als sein Wesen seine unerschütterliche Liebe! Mose erkennt es treffend – in Übereinstimmung mit seiner Sehnsucht: Auch wenn es ein ätzend hartnäckiges Volk ist, Gott „muss“ ihnen einfach vergeben! Sie sind doch sein Eigentum! Er kann sie doch nicht wegwerfen!
Und in der Fortsetzung des Bibeltextes bestätigt Gott:
… Hiermit schließe ich einen Bund:
Vor deinem ganzen Volk
werde ich Wunder wirken,
wie sie auf der ganzen Erde
und unter allen Völkern
nie geschehen sind.
Das ganze Volk,
in dessen Mitte du bist,
wird die Taten des HERRN sehen; …
Bewahre, was ich dir heute auftrage! …
Du darfst dich nicht
vor einem anderen Gott niederwerfen. …
Du sollst dir
keine Götter aus Metall gießen. …
Sechs Tage darfst du arbeiten,
am siebten Tag sollst du ruhen; …
… Schreib diese Worte auf!
Denn diesen Worten gemäß
schließe ich hiermit einen Bund
mit dir und mit Israel.
Mose … schrieb auf die Tafeln
die Worte des Bundes,
die zehn Worte.
Als Mose vom Sinai herunterstieg,
hatte er die beiden Tafeln des Bundeszeugnisses
in der Hand.
(aus Exodus 32 bis 34)
Und diese Dynamik, auf die sich das Volk – mal weniger, mal mehr – einlässt, macht Jesus dann selber mit seiner ganzen Person deutlich. Und ihm legt das Johannes-Evangelium in seinem nächtlichen Gespräch mit dem Ratsherrn Nikodemus die Worte in den Mund, mit dem er den Sinn und das Ziel seines gesamten Lebensweges rückblickend zusammenfasst:
Gott hat die Welt so sehr geliebt,
dass er seinen einzigen Sohn hingab,
damit jeder, der an ihn glaubt,
nicht verloren geht,
sondern ewiges Leben hat.
Denn
Gott hat seinen Sohn
nicht in die Welt gesandt,
damit er die Welt richtet,
sondern damit die Welt
durch ihn gerettet wird.
Wer an ihn glaubt,
wird nicht gerichtet;
wer nicht glaubt,
ist schon gerichtet,
weil er nicht
an den Namen des einzigen Sohnes Gottes
geglaubt hat.
(Johannes 3,16-18)
Alles gibt Gott dran – seinen Zorn, seinen eigenen Sohn, ja eigentlich sich selber – , damit die Menschen seine alles übersteigende Liebe und Treue erfahren können!
Dieser österlich-pfingstliche Geist rettender Liebe belebt und bewegt Christus und seine Glieder in dieser menschlichen Welt zu einer Einflussnahme, die alles Unmenschliche entmachtet und die Menschen aufleben lässt.
Alle verheißene Vollendung von Lebensfülle nach dem Sterben rechtfertigt ja nicht eine Enthaltsamkeit von diesseitiger politischer Sorge um die Chancen erfüllten Lebens für alle schon vor dem Sterben!
Jesus zeigt in dieser Welt den Gott, der sich nicht mit einem heilvollen Jenseits begnügt und vergnügt, in das er nach irdischem „Jammertal“ dann auch die brav gebliebenen Menschen holt. Eine solche Ein-Falt kann vielleicht Menschen in den Sinn kommen. Er aber macht sich in Viel-Falt erfahrbar schon in dieser realen Welt und ihrem Kräftespiel, begegnet als Mensch unter Menschen und lässt sie teilhaben an seinem Stil, an seiner Kreativität und Verantwortung – im Vertrauen auf seine alles umfassende Liebe und Treue!
Wer an ihn glaubt, kann sich und den eigenen Anteil an diesem Geist nicht raushalten aus dem politischen Kräftespiel, von dem so viel Glück und Unglück der Menschen abhängt! Die an ihn glauben, müssen einfach sich immer wieder dafür zusammentun! Dann kann auch für die Welt deutlich werden: Er ist „der Herr der Welt“, der „König der Könige“,der „Jahweh Zebaoth“ = der Herr aller Heerscharen!
(gesungener Hymnus der Vesper am Dreifaltigkeitssonntag )
