Blogbeitrag

Bild von Harry Stüber auf Pixabay

Ritus oder Leidenschaft?

4. Juni 2026

SONNTAGSBOTSCHAFT zum 7. Juni 2026, dem 10. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A).  

Wie soll man mit der AfD und mit ihren Wählern umgehen?!

Geben die Kirchen oder der christliche Glaube Lösungen für Probleme dieser Art?

Da es bei solchen Fragen um das Wohlergehen der Menschen geht und da Gott das Wohlergehen der Menschen mehr als alles andere am Herzen liegt, muss es da doch – wenn auch nicht Rezepte, aber doch eine Perspektive geben!

Die Allgemeinheit traut das den Kirchen schon lange nicht mehr zu. Und die christlichen Kirchen und Gemeinschaften halten anscheinend ihren Glauben – und ihren Gott! – da lieber heraus, bevor es für sie zu ungemütlich wird.

Dabei gibt die Bibel und der göttliche Geist, den sie atmet, so manche Impulse – nicht nur für die Zeit ihrer Entstehung damals, sondern für viele elementare Problemfelder, die die Jahrhunderte hindurch immer wieder die Menschheit belasten.

Die Bibeltexte, die für die katholischen Gottesdienste auf der ganzen Welt für diesen Sonntag vorgesehen sind, bieten eine solche Perspektive an – wohl auch für unsere Zeit.

Da gibt es eine erste Lesung aus dem Buch des Propheten Hosea – wahrscheinlich aus dem 8. Jahrhundert vor Christus. Das ganze Hosea-Buch ist ein Guss von Gottes Liebesschmerz, mit dem Gott über das Volk klagt, das seine Liebe verschmäht und lieber Reichtümern hinterherläuft und mächtigen Nachbarvölkern nacheifert und im Volk Unrecht aller Art vergötzt. Besonders schmerzhaft ist für Gott dabei, dass sie weiterhin äußerlich so tun, als würden sie auf ihn hören und ihn anbeten.

Angesichts ihres so selbst verursachten eigenen leidvollen Scheiterns, angesichts ihrer Trauer, die an die Stelle ihrer Feste tritt (vgl. Hosea 9,1-9), klagt Gott durch den Propheten:

Wenn sie zu mir schreien,
kommt es nicht aus dem Herzen, …
Sie ritzen sich wund,
um Korn und Wein zu erflehen,
und wenden sich von mir ab.
(Hosea 7,1)

Sie bringen ihm ihre rituellen Opfer und zugleich verweigern sie sich ihm und seinem Erbarmen.

Symbolisch für diesen Schmerz nennt Hosea, der Prophet, seine beiden Kinder „Lo-Ruhama“ – auf Deutsch: „kein Erbarmen“ und „Lo-Ammi“ – „nicht mein Volk“. (Hosea 1,6-9)

Im gesamten Buch des Propheten Hosea – immerhin 14 Kapitel lang! – gibt es nur vier knappe Kontrast-Stellen, an denen Gottes Vision von der guten Zukunft des Volkes durchbricht:

Ganz am Anfang blitzt die Zukunftsvision auf von dem, was er in seiner leidenschaftlichen Liebe mit dem Volk vorhat, – wenn es sich nur darauf einlässt:

Einst werden die Söhne Israels …

sich miteinander als Gottes Volk an ihm und seinem Erbarmen erfreuen und daraus leben. (vgl. Hosea 2,1-3)

Und am Schluss des Buches gipfelt sein aufgewühltes Liebeswerben um das Volk in seinem Bekenntnis: Er wird in jedem Fall und trotz allem sie heilen und lieben und für sie da sein – „aus freiem Willen“. Aber dann sollen sie doch alles Unrecht und alles Vergötzen des Goldes und ihres eigenen Machwerks endlich bleiben lassen und sich ihm öffnen, zu ihm wirklich umkehren! (vgl. Hosea 14,2-8)

Und schon im 11. Kapitel – mitten in der Klage über das hartnäckige Volk samt seinen politisch wie religiös Führenden – bricht aus seinem Schmerz seine Zukunftsvision kurz durch:

Wie könnte ich dich aber preisgeben, …!
Gegen mich selbst
wendet sich mein Herz,
heftig entbrannt ist mein Mitleid.
Meinen glühenden Zorn
will ich nicht vollstrecken …
… Ich lasse sie wieder
in ihren Häusern wohnen –
Spruch des HERRN!

(Hosea 11,8-9.11b)

Und auch – in aller Kürze – schon im 6. Kapitel rückbezieht der Prophet Gottes schmerzhafte Klage auf seine uralte Vision von einer guten Zukunft des Volkes.

Daraus ist die Schriftlesung des Sonntags genommen:

Lasst uns den HERRN erkennen,
ja lasst uns nach der Erkenntnis des HERRN jagen!
Er kommt so sicher wie das Morgenrot;
er kommt zu uns wie der Regen,
wie der Fr
ühjahrsregen, der die Erde tränkt.
(Hosea 6,3)

Das klingt doch vertrauensvoll, nicht wahr? Bekennt sich da das Volk wieder mal zur nötigen Umkehr? Gott wird das sicher gefallen.

Aber es macht Gott ratlos! Der Text setzt ja unmittelbar fort:

Was soll ich mit dir tun, …?
Eure Liebe
ist wie eine Wolke am Morgen
und wie der Tau, der bald vergeht.
(Hosea 6,4)

Ich hatte ja schon durch die Worte der Propheten „zugeschlagen“ – in der Hoffnung, dann würde bei ihnen das Recht hervorbrechen. Denn wenn sie mich und meine Liebe erkennen, die das Recht hervorbringt, das würde mir gefallen, nicht aber ihre Opfer, – mit denen sie wohl meinen, mich kaufen zu können! (vgl. Hosea 6,5-6)

Dieser Text wird in den Gottesdiensten aus dem Zusammenhang des Hosea-Buchs herausgeschnitten. Wie hören das da die Menschen im Gottesdienst? Und welches Hören fördern dann Verkündigende, die in ihrer Predigt vielleicht sogar darauf Bezug nehmen? Je nachdem, wie man hinhört, klingt der Abschnitt ja unterschiedlich: als echte Umkehr des Volkes zum Glauben an ihn oder aber als moralischer Appell zu Liebe und Erbarmen oder … „Zur freien Verwendung“ in eigener Deutungshoheit sollte ja das Gotteswort aus der Bibel nicht benutzt werden!

Der Zusammenhang, in dem dieser Textabschnitt steht und in dem er gehört werden will, ist Gottes Enttäuschung über die Halbherzigkeit der Glaubenden.

Unmittelbar vor diesem Abschnitt beklagt ja Gott in seiner schmerzhaften Ratlosigkeit: Auch wenn er sie im Stich lässt, werden sie in ihrer Not zwar nach ihm Ausschau halten (vgl. Hosea 5,14-15), aber eben auf ihre halbherzige, unehrliche Art. Sie haben ja aus dem Bund zwischen Gott und seinem Volk einen Ritus gemacht, eine „Religion“, eine Freizeitbeschäftigung; aber wenn sich das auf ihr Zusammenleben im Gemeinwesen beziehen soll, dann meinen sie das nicht wirklich so.

Zu meiner frohen Verblüffung wählt die kirchliche Leseordnung als vertiefende Antwort der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde aus den 150 Psalmen genau den einen aus, der eben diese schmerzhafte Enttäuschung Gottes über den halbherzigen Glauben seines Volkes zum Inhalt hat: Psalm 50.

Da klagt Gott in zwei Richtungen.

Das eine ist: Sie meinen, sie könnten mit ihren Opfern ihm gefallen (Vers 13), statt sich in Tagen der Not mit ehrlichem Vertrauen an ihn zu wenden, so dass er sie retten kann (Vers 15).

Und das andere – im Gottesdienst weggelassen:

… Was zählst du meine Gebote auf
und führst meinen Bund
in deinem Mund?
Dabei wirfst du meine Worte
hinter dich.
Sahst du einen Dieb,
hattest du an ihm Gefallen, …
… mit Betrug verbindet sich deine Zunge.
Du … redest gegen deinen Bruder,
auf den Sohn deiner Mutter
h
äufst du Verleumdung.
Das hast du getan
und ich soll schweigen?
(Psalm 50,16-21)

Aus dieser ihn enttäuschenden und den Menschen schweres Leid verursachenden Misere eröffnet er in seiner bis zum Tod bereiten leidenschaftlichen Liebe den Ausweg: In seinem Sohn zeigt er sich als einer von ihnen. Jesus kommt, den Bund zu erneuern, indem er die tiefen Gräben überbrückt und sie dazu ansteckt, die trennenden Schluchten aufzufüllen. Dieses Ziel beseelt sein Handeln und seinen ganzen Weg. Diese Botschaft, die er bringt, lädt ein und will verstanden werden.

Die Gottesdienstordnung sieht vor, dass die Gemeinde an diesem Sonntag ihn als das Evangelium begrüßt, indem sie ihn mit Halleluja-Jubel zitiert:

Der Herr hat mich gesandt,
den Armen
die frohe Botschaft zu bringen
und den Gefangenen
die Freiheit zu verkünden.
(vgl. Lukas 4,18)

Und dann das Evangelium – die Erzählung von dem für Jesus typischen Beispiel, mit dem er das alte Bibelwort illustriert „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!“:

… Jesus … sah …
einen Mann namens Matthäus
am Zoll sitzen
und sagte zu ihm:
Folge mir nach!
Und Matthäus stand auf
und folgte ihm nach.
Und als Jesus
in seinem Haus bei Tisch war,
siehe, viele Z
öllner und Sünder kamen
und a
ßen zusammen mit ihm
und seinen J
üngern.
Als die Pharis
äer das sahen,
sagten sie zu seinen J
üngern:
Wie kann euer Meister
zusammen mit Z
öllnern und Sündern essen?
Er h
örte es und sagte:
Nicht die Gesunden bed
ürfen des Arztes,
sondern die Kranken.
Geht und lernt, was es heißt:
Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!
… ich bin nicht gekommen,
um Gerechte zu rufen,
sondern Sünder.
(Matthäus 9,9-13)

Jesus rüttelt auf zur Umkehr – in Politik und Religion: Provozierend und vor aller Öffentlichkeit stellt er mit den Ausgegrenzten und Verachteten die solidarische Gemeinschaft wieder her – damals am Beispiel der sogenannten „Zöllner“, der aus der Solidarität der politischen Gemeinschaft Ausgegrenzten, und am Beispiel der sogenannten „Sünder“, der aus der GlaubensGemeinschaft Ausgegrenzten. Sie kommen und essen zusammen mit ihm und seinen Jüngern. Mit ihnen nimmt Jesus Tischgemeinschaft auf – in Gottes Namen!

Das ist die Barmherzigkeit, um die es geht. Wenn man die ausreichend in der heutigen Welt erleben könnte, wären sowohl die AfD wie auch Trump und Putin als Regierende schnell überflüssig.

Hier können Sie meinen Beitrag weiter empfehlen: