Blogbeitrag

Kirche – Motor der Stadterneuerung? (2000)

23. August 2000

Veranstaltung des Katholischen Bildungswerks Frankfurt
anlässlich seines 25-jährigen Bestehens
am 23.8.2000 in Herz Jesu Fechenheim

Referat
Herz Jesu Frankfurt-Fechenheim

und das Stadtteil-Projekt „Fechenheim erneuern“

von Rainer Petrak

1. Wochenend-Klausur des Pfarrgemeinderats im Mai 1998 – Initialzündung für das Projekt

Im Jahr 1997 beschloss der Pfarrgemeinderat (PGR) der katholischen Pfarrgemeinde Herz-Jesu Frankfurt-Fechenheim, sich mit der sozialen Situation in Fechenheim intensiver auseinanderzusetzen. Er wollte die eigene pastorale Arbeit überprüfen und seine Beziehung zur Lebenssituation der Menschen im Stadtteil neu bestimmen.

„Wie lässt es sich in Fechenheim leben? Und welche Folgen ergeben sich daraus für unser Handeln als Kirchengemeinde?“ Mit dieser Fragestellung ging der Pfarrgemeinderat in seine jährliche Wochenend-Klausur im Mai 1998. Das eigene Erfahrungswissen als Bewohner des Stadtteils wurde verglichen mit Zahlen und Deutungen aus dem Ersten Frankfurter Sozialbericht von 1997 und diskutiert auf dem Hintergrund von Wertungen aus dem Wirtschafts- und Sozialwort der Kirchen. Moderiert und fachlich angeregt wurde die Tagung durch Dr. Karl Koch, damals Referent für Kirche und Arbeitswelt im Katholischen Bildungswerk Frankfurt. Er hatte hierfür die statistischen Daten des Frankfurter Sozialberichts für den Stadtteil aufbereitet. Er begleitet die einschlägige Arbeit des PGR und als Moderator des Stadtteil-Arbeitskreises bis heute und auf weiteres.

2. Die erarbeitete Sicht des Pfarrgemeinderats
von der Lebenssituation der Menschen im Stadtteil

Zunehmend multikulturelle Prägung des Stadtteils

Die Anzahl der in Fechenheim wohnenden Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit ist in den letzten 20 Jahren kräftig angestiegen, die Zahl der Deutschen hat zugleich deutlich abgenommen. Der Anteil der Nichtdeutschen liegt mit 35 % deutlich über dem städtischen Durchschnitt. Dabei halten die Einwohner türkischer Nationalität einen Anteil von ca. 1/3 der Nicht-Deutschen. Die sprachliche und kulturelle Mischung hat damit deutlich zugenommen. Eine Situation, die im Stadtteil nicht nur auf Zustimmung stößt, zumal sie sich mit der sozialen Lage der Einwohner vermischt. Das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen in Fechenheim verläuft nicht konfliktfrei.

Arbeitslosigkeit mit städtischen Spitzenwerten

Der wirtschaftliche Strukturwandel hat Fechenheim besonders hart getroffen. Fechenheims ehemalige Stärke, die Industrie, ist heute seine Schwäche. Die Tradition des Arbeiterstadtteils wirkt nach: Den Prozess, umzusteigen aus der produzierenden Fertigung in die Dienstleistung, können viele im Stadtteil wohnende Arbeitnehmer nicht mitvollziehen. Es gibt eine große Kluft zwischen der Qualifikation der Arbeitslosen und der immer anspruchsvolleren Nachfrage der Arbeitgeber. Deshalb gehört Fechenheim zu den 3 (von 47) Stadtteilen mit einer Spitzenposition in der Frankfurter Arbeitslosenstatistik. Was tun mit den Gering- und Nicht-Qualifizierten?!

Brisante Armut in Fechenheim – Nord-Süd-Gefälle

Die Arbeitsmarktsituation prägt die Sozialstruktur Fechenheims: Über die Arbeitslosigkeit und entsprechend niedriges Einkommen bzw. unzureichende Altersversorgung geraten Menschen in Armut. Von Armut betroffen sind auch vor allem Kinder, kinderreiche Familien, Alleinerziehende. Im Stadtbezirk Fechenheim-Nord lebt jedes 6. Kind von der Sozialhilfe, im Süden jedes  4. Kind.

Unbefriedigende Wohnungssituation

Die soziale Struktur Fechenheims entspricht der Struktur des Wohnungsmarktes und umgekehrt. Fechenheim hat überwiegend Mietwohnungen. Während es auf der einen Seite durchaus Wohnungswohlstand im Stadtteil gibt, findet sich aber auch in beträchtlichem Umfang Wohnungsarmut. Sie zeigt sich an der großen Zahl kleiner Wohnungen, die oftmals in schlechtem Zustand sind.

Überhaupt sind Kinder und Jugendliche im Stadtteil besonders belastet.

Aufgefallen ist dem Pfarrgemeinderat die Zusammenstellung sozialer Brennpunkte in der Sozialraum-Analyse der Stadt. Ein Teil der Nennungen ist nicht zutreffend, während andere, wirkliche soziale Brennpunkte gar nicht genannt sind.

Fechenheim – ein Stadtteil am Rand

Fechenheim ist ein Stadtteil mit erheblichen sozialen Problemlagen. Der Stadtteil befindet sich in jeder Hinsicht – sozial, ökonomisch, bewusstseinsmäßig – in einer Randlage in Frankfurt. In der Frankfurter Kommunalpolitik fehlt eine Lobby für den Stadtteil. Die negative Spitzenposition des Stadtteils in der Gesamtstadt deutet auf soziale Gegebenheiten, die von der Kommunalpolitik bisher nicht ausreichend wahrgenommen wurden.

Fechenheim – ein Stadtteil mit Stärken

Andererseits besitzt Fechenheim auch Stärken, die seine Lebensqualität ausmachen: Wichtig ist die Arbeit der Vereine. Fechenheim hat seinen Charakter als „Dorf“ erhalten: Es gibt viele intakte soziale Beziehungen. „Man kennt sich noch“, wenn man sich auf der Straße  oder im Geschäft trifft. Das ist ein soziales Kapital in Fechenheim, das sicherlich mit dazu beiträgt, angesichts der schwierigen Situation den sozialen Frieden zu erhalten. Hier liegt auch ein Ansatzpunkt für die Verbesserung des unterentwickelten Images des Stadtteils.

„Soziale Stadtteil-Erneuerung“ steht an

Angeregt durch das Sozialwort der Kirchen, das für eine „Bekehrung zur Diakonie“ plädiert, sah sich der PGR zu einer Perspektive veranlasst, die so  protokolliert wurde: „Die Dienste der gesellschaftlichen Diakonie sind bei uns unterentwickelt. Wir müssen die Bereitschaft fördern, Stellung zu beziehen, Rechte für Menschen einzufordern, und über die herkömmliche Einzelfallhilfe hinaus auch für ganze Bevölkerungsgruppen eintreten, also auf verschiedene Weisen politisch einwirken.“ Das Bewusstsein wuchs, dass für Fechenheim ein Projekt sozialer Stadtteilerneuerung anstand, z.B. gezielte Maßnahmen der Beschäftigungsförderung, einer Verbesserung der Wohnsituation und des Wohnumfeldes, Maßnahmen, die bereits recht früh im schulischen Bereich ansetzen, eine Verbesserung der Verkehrsanbindung an die Stadt, usw.

Um eine solche Entwicklung in die Wege zu leiten, wurde ein entsprechender Gemeinwesenansatz für Fechenheim als notwendig erkannt, der die im Stadtteil vorhandenen Kompetenzen aktiviert und an in der Bevölkerung vorhandene Organe anknüpft. Als wichtig wurde von Anfang an gesehen, dass sich die im Stadtteil ansässige Bürgerschaft beteiligt.

3. Die sich daraus ergebende Aufgabe als Kirchengemeinde
und Konsequenzen für ihr Handeln

Bereits auf seiner Wochenendtagung 1998 wurde sich der Pfarrgemeinderat bewusst, dass ein solches Verständnis seiner eigenen Aufgabe Konsequenzen für die gesamte Palette des Handelns als Kirchengemeinde haben würde.

Protokolliert wurde: „Bekehrung zur Diakonie“ könnte heißen: begründet Stellung beziehen und Rechte für Menschen einfordern z.B. gegenüber Wohnungsgesellschaften, Behörden und Politikern; uns auf verschiedene Weisen politisch einmischen – eine Bewegung, die weit über den Pfarrgemeinderat und den Kreis der Aktiven hinaus möglichst viele mit-tragende Menschen braucht; eine Bewegung, die für alle Bereiche unseres kirchlichen Handelns Folgen nach sich zieht:

für den Bereich des Gottesdienstes:

Die Vorbereitung von Gottesdiensten durch Mitglieder und Gruppen der Gemeinde ausbauen, um die übliche „Pfarrerzentrierung“ weiter abzubauen.

Neuen, lebendigeren Feierformen und der direkten Verbindung von (Bibel-)Texten zum Leben mehr Gewicht einräumen.

Die gesellschafts-diakonischen („politischen“) Bezüge der Predigten sollen beibehalten werden.

Zu überlegen ist auch, eine neue Form des Gottesdienstbeginns zu erproben, bei dem die Menschen erst mal einander begegnen mit den Freuden und Sorgen, die sie mitbringen – wie bei den monatlichen italienischsprachigen Eucharistiefeiern in unserer Gemeinde oder wie beim „Palaver“ im erneuerten zairischen Ritus.

für die Bemühungen um die Weitergabe des Glaubens:

„Die Berücksichtigung der Lebenssituation hat Vorrang!“ Dieser Satz aus den Beratungen unseres PGR auf seiner Klausurtagung 1997 über das Konzept der Sakramentenpastoral wurde bekräftigt.

für den Bereich Caritas / Diakonie:

„Die Dienste der gesellschaftlichen Diakonie sind bei uns unterentwickelt. Wir müssen die Bereitschaft fördern, Stellung zu beziehen, Rechte für Menschen einzufordern und über die herkömmliche Einzelfallhilfe hinaus auch für ganze Bevölkerungsgruppen einzutreten, also auf verschiedene Weisen politisch einzuwirken.“

„Es gilt, mehr so Gemeinschaft zu sein, daß Solidarität verstärkt wird.“

4. Entwicklung des Projekts auf seinem Weg in die Pfarrgemeinde und in den Stadtteil

Gleich eine Woche nach der Tagung gab es eine Ausstellung –

zwei Wochen lang in der Kirche und anschließend weitere 4 Wochen in Gemeinderäumen neben der Kirche: Fotos aus dem Stadtteil, Plakate mit Arbeitsergebnissen aus der Klausurtagung. Reges Interesse und Resonanz von Ausstellungsbetrachtern zeigte sich in 38 schriftlichen Kommentaren.

Weitere Beratung im PGR:

Wie lassen sich angesichts der hohen Arbeitslosigkeit im Stadtteil entsprechende politische Forderungen formulieren? – Wie können wir dazu beitragen, dass das Bewusstsein der Gottesdienstgemeinde sich verändert? – Drei Zielrichtungen wurden deutlich:

1. Die Menschen in der Gemeinde und die Verantwortlichen im Stadtteil miteinander ins Gespräch bringen!

2. Kräfte sammeln, solidarisches Gespräch in der Gemeinde suchen!

3. Die positiven Seiten Fechenheims stärker bewußt machen. Lebenskraft, integrierende Kraft ist vorhanden!

Im September 1998 beauftragte der PGR einen Ausschuß „Kirche im Stadtteil“.

Der Ausschuss „Kirche im Stadtteil“

führte zwei Serien von Gesprächen, die anschließend ausgewertet wurden:

  • zunächst mit dem Arbeitsamt, mit der Sozialstation Bergen-Enkheim, dem Frankfurter Arbeitslosen-Zentrum, der Wirtschaftsförderung Frankfurt und mit dem Gewerbeverein Fechenheim,
  • dann mit ausgewählten Großbetrieben vor Ort (Neckermann und UPS) sowie mit sozial relevanten Institutionen (Internationaler Bund für Sozialarbeit und Heinrich-Kraft-Gesamtschule).

Durch Befragung dieser Gesprächspartner nach ihrer Sicht der Problematik konnten die gewonnenen Erkenntnisse aus anderen Perspektiven ergänzt werden, um daraus Handlungsstrategien abzuleiten. Nach weiteren Gesprächen des Arbeitskreises mit Personen aus dem Unterliederbacher Projekt „soziale Stadterneuerung“ und aus dem Projekt „Sozialraumanalyse“ (Kooperation von Instituten der Universität und der Fachhochschule Frankfurt) klärte sich das Bestreben nach einem Projekt der sozialen Stadtteilerneuerung. Dafür galt es interessierte Bündnispartner zusammenzubringen.

Broschüre und Diskussion am 23. November 1999

Im Oktober 1999 gab der PGR eine Broschüre mit dem Titel „Zukunftsprogramm Fechenheim erneuern“ heraus, die die bisherigen Arbeitsergebnisse darstellte.

In einer öffentlichen Veranstaltung der Herz-Jesu-Gemeinde am 23.11.1999 diskutierten VertreterInnen aus dem Stadtteil, aus Wissenschaft und Politik unter reger Beteiligung der Bevölkerung des Stadtteils (ca. 120 Personen) die Analyse und die Perspektive dieser Arbeit.

Dabei trafen in glücklicher Weise aufeinander

  • mit Nachdruck vorgebrachte Interessensäußerungen von Regionalrat, Vereinen, Heinrich-Kraft-Schule und anderen Vertretern des Stadtteils
  • und Angebote sowohl von Fachleuten als auch von Geldquellen.

Die Unterstützung durch maßgebliche Personen aus Arbeitsamt, Caritasverband, Sozialamt, usw. und nicht zuletzt die gekonnte Moderation durch Uwe Günzler vom Hessen-Fernsehen förderten das Zustandekommen einer starken Bewegung mit dem klaren Ziel: Jetzt ist Veränderung angesagt zur Verbesserung der Lebensqualität in Fechenheim! Die Redebeiträge sowohl vom Podium aus als auch aus dem Publikum wurden anschließend auf Grund eines Tonbandprotokolls in einer weiteren Broschüre dokumentiert.

Gründung des Stadtteilarbeitskreis „Fechenheim erneuern“ am 19. Januar 2000

In der Auswertung dieser Veranstaltung bereitete der Ausschuss „Kirche im Stadtteil“ eine Zusammenkunft all der Personen vor, die ihr Interesse an einer Mitarbeit signalisiert hatten oder deren Mitwirkung der Ausschuss für wichtig hielt. Mehr als 50 Personen kamen am 19.1.2000 zusammen: sowohl nicht-organisierte Bürgerinnen und Bürger, als auch Vertreter der Wohnungswirtschaft, der Arbeitgeber, von Vereinen und Arbeitskreisen, aus der Politik und von der Stadt, aus sozialen Einrichtungen und den Kirchengemeinden des Stadtteils. Sie sprachen sich einmütig für die Initiative aus und gründeten den Stadtteil-Arbeitskreis „Fechenheim erneuern“ – mit dem Ziel, sich für eine Verbesserung der Lebensqualität in Fechenheim einzusetzen und dafür Sorge zu tragen, dass die spezifischen Interessen der hiesigen Wohnbevölkerung wahrgenommen und gegebene Chancen besser genutzt werden – und zwar in Zusammenarbeit mit bereits bestehenden Gremien und Initiativen im Stadtteil – in Vernetzung mit allen, die Verantwortung für den Stadtteil tragen.

Drei Arbeitsgruppen haben dafür spezielle Aufgaben übernommen:

  • Die Gruppe „Soziale Stadtteilerneuerung“ hat eine  Vereinbarung mit der Stadt herbeigeführt, dass Fechenheim in das kommunalpolitische Programm „Quartiersmanagement in Frankfurt am Main“ aufgenommen wird – mit dem Caritasverband Frankfurt als Rechtsträger.
  • Die Gruppe „Beschäftigungsförderung“ erarbeitet Ideen und prüft ihre Realisierbarkeit mit dem Arbeitsamt und mit Beschäftigungsträgern.
  • Die Gruppe „Fechenheim untersuchen“ verbreitert die Basis der in der Broschüre des PGR veröffentlichten Sozialraumanalyse. Eine Arbeitsgruppe aus Uni und Fachhochschule Frankfurt  hat die sozialwissenschaftliche Begleitung dieser Arbeit übernommen: Stadtverwaltung, Multiplikatoren und lokale Institutionen und BürgerInnen Fechenheims werden zu ihrer Wahrnehmung des Stadtteils bzw. nach ihren Plänen für Fechenheim befragt. Das Ergebnis wird in den Prozess der Erneuerung Fechenheims eingebracht.

Der Ausschuss des PGR „Kirche im Stadtteil“ wurde mit der Geschäftsführung des Stadtteilarbeitskreises beauftragt.

5. Inhaltliche Realisierung des Projekts

„Quartiersmanagement“ in Fechenheim-Süd

In einem Gespräch mit dem Stadtteil-Arbeitskreis „Fechenheim erneuern“ am 18. April sagte der neue Sozialdezernenten, Stadtrat Horst Hemzal, zu:

1. Das Projekt sozialer Stadtteil-Erneuerung, das der Stadtteil-Arbeitskreis verfolgt, wird in das kommunale Programm „Quartiersmanagement in Frankfurt“ aufgenommen.

2. Der Auswahl des Quartiers, wie sie der Stadtteil-Arbeitskreis getroffen hat, wird zugestimmt: Das Projekt konzentriert sich, soweit es sich örtlich eng umgrenzen lässt, auf das Umfeld um das Ende der Konstanzer Straße vom Ende der Fachfeldstraße bis hin zu den Hochhäusern in der Gründenseestraße.

3. Wie vom Stadtteil-Arbeitskreis vorgesehen, fungiert als Rechtsträger der Caritasverband Frankfurt, mit dem die Stadt Frankfurt einen Vertrag hierüber abschließt, der am 1.8.2000 wirksam werden soll, so dass zu diesem Zeitpunkt ein Quartiersmanager eingestellt wird.

4. Das Projekt ist vorläufig auf die Dauer von 2 Jahren angelegt.

Öffentliches Auftaktfest am 9. August 2000

Nachdem die Stadt grünes Licht für die Finanzierung gegeben hat, hat der Caritasverband Frankfurt in Abstimmung mit dem Stadtteil-Arbeitskreis „Fechenheim erneuern“ die Arbeit aufgenommen: Friedrich Berndt, ein Fachmann aus der sozialen Stadtteilarbeit wurde als Stadtteilmanager eingestellt, ihm als Mitarbeiterin zugeordnet wurde Petra Spöck, seit Jahren aktiv im Stadtteil und in der Caritas-Spiel- und Lernstube in Fechenheim-Nord beschäftigt. Ein Ladenlokal auf der Hauptgeschäftsstraße wurde angemietet, um als niedrigschwelliges Stadtteilbüro zu dienen. Es soll zentrale Anlaufstelle sein, die es der Bürgerschaft leichter möglich macht, ihr Interesse an einer Verbesserung der Lebensverhältnisse im Stadtteil einzubringen. Bei einem Open-air-Auftaktfest am 9. August, zu dem viele Menschen kamen, wurde das Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt. Eine große Zahl schriftlicher Äußerungen der Anwesenden über die unterschiedlichsten Veränderungswünsche für das Leben im  Stadtteil wurden dabei zusammengetragen.

Fortgang konkreter Vorhaben – in Vernetzung mit anderen Initiativen

  • Das dringende Anliegen, neue Hortplätze zu schaffen – sowohl kurzfristig in der Ferdinand-Porsche-Strasse, als auch langfristig auf demselben Grundstück oder auf dem Gelände des Melanchthon-Hauses, ist durch die Initiative Fechenheimer Kinder unter Mitwirkung von Stadtschulamt, Ortsbeirat und Evangelischem Regionalverband auf den Weg gebracht worden. Der Stadtteil-Arbeitskreis „Fechenheim erneuern“ hat sich der Forderung angeschlossen. Ergebnis: Die kurzfristige Einrichtung neuer Hortplätze steht unmittelbar bevor.
  • Ebenso hat sich der Stadtteil-Arbeitskreis „Fechenheim erneuern“ dem Anliegen von Ortsbeirat und Präventionsrat angeschlossen, dass das Auslagerungsgelände der Heinrich-Kraft-Schule an der Ferdinand-Porsche-Strasse teilweise für Zwecke sozialer Jugendarbeit umgewidmet wird (Mitternachtssport, Internet-Cafe, Hortplätze, usw ). Die entsprechende kommunalpolitische Auseinandersetzung ist noch nicht abgeschlossen.
  • Ebenfalls stellt sich der Stadtteil-Arbeitskreis hinter den Antrag zur „schul- und stadtteilbezogenen Jugendsozialarbeit in Fechenheim-Süd“ (Initiative der Heinrich-Kraft-Schule und des Kinder- und Jugendhauses im Rathaus Fechenheim), wodurch Jugendlichen geholfen werden soll, Probleme und Konflikte zu lösen, insbesondere beim Übergang aus der Schule in die Arbeitswelt. Herz-Jesu-Gemeinde oder Caritasverband stehen bereit, die entsprechenden Fördermittel „für innovative und trägerübergreifende Projekte“ zu verwalten.
  • Der mit vereinten Kräften geltend gemachten Forderung nach Einrichtung eines Mittagstischs im Jugendhaus Pfortenstraße als Ergänzung zur dortigen Hausaufgabenbetreuung ist gefolgt worden.

Weitere Projekte sind im Entstehungsprozess entweder noch im Anfangs- und Überprüfungsstadium oder auch bereits in der Verwirklichung:

  • Ausbildungsbörse
  • Sanierung von privaten und öffentlichen Grünflächen in Zusammenarbeit mit Fechenheimer Gärtnereien: Das städtische Gartenamt liefert kostenlos Pflanzen – über Eingliederungszuschüsse können schwer vermittelbare Personen eingestellt werden, die im Betrieb auch für andere Aufgaben eingesetzt werden können.
  • Sanierungsprojekte an Wohngebäuden
  • Koordinierungsstelle „Beschäftigung“

Die nächsten Schritte

Jetzt steht die Weiterarbeit am Konzept an. In gemeinsamer Regie durch Stadtteil-Arbeitskreis und Stadtteil-Management sind Bestrebungen und Aufgaben der Stadtteil-Erneuerung zu präzisieren, konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität im Stadtteil müssen erarbeitet werden, dabei sind weitere Wohnungsgesellschaften einzubeziehen. Insbesondere steht an, die Bewohnerschaft aus dem „Quartier“ im engeren Sinne zusammenzubringen, damit sie ihre Interessenlage artikuliert und geltend macht. Der Stadtteil-Laden soll Anfang September eröffnet werden.

Eine spannende Frage ist, wie weit es gelingen wird, dass in den Augen der Fechenheimer Bevölkerung dieses Projekt als Chance erkannt und genutzt wird, insbesondere durch diejenigen, die bisher am meisten unter den Schwachpunkten des Stadtteils zu leiden haben.

6. Aus der Vorgeschichte – Rahmenbedingungen und Konflikte

Die Beschäftigung mit sozialpolitischen Anliegen hat in der Gemeinde eine lange Tradition. Auf dem Weg der Gemeinde die Jahre hindurch gibt es einige Ereignisse und Rahmenbedingungen, die zu der eigenen Ausprägung ihres Weges geführt haben. Mir scheinen einige – längsschnittartig wahrgenommene – Linien die Voraussetzung für das Zustandekommen dieser Geschichte zu bilden:

6.1. Die prekäre soziale Situation im Stadtteil prägt die Betroffenheit auch der Mitglieder der Kirchengemeinde und damit des PGR.

6.2. 1978 fand das jährliche Limburger Kreuzfest in Frankfurt statt. Es stand unter dem Motto „Arbeitsplatz Frankfurt – ein Arbeitsplatz der Kirche“. Bei ihm wurde die Initiative ergriffen zur Überwindung des alten Grabens zwischen Kirche und Arbeiterschaft. Als Nachwirkung davon kamen – zunächst über das Katholische Bildungswerk Frankfurt und die KAB – mehrfach Hilferufe seitens gefährdeter Firmen-Belegschaften und ihrer Betriebsräte an unsere und andere Kirchengemeinden im Frankfurter Osten: Wir gingen darauf ein, und bei Besuchen, Gesprächen und Aktivitäten verschiedener Art machten wir die erstaunliche Erfahrung, wie wichtig diesen Belegschaften einfach unsere Anwesenheit als Zeichen der Solidarität war.

Den Anfang bildete im April 1982 ein Hilferuf des Betriebsrats der Fa. Rockwell-Golde wegen beabsichtigter Teilverlagerung des Betriebes nach Italien und Arbeitsplatzabbau hier mit der Bitte um solidarischen Beistand seitens der umliegenden Kirchengemeinden. Die Erfahrungen der  Gemeindemitglieder, die sich im Betriebsratsbüro die Sorgen der Arbeiter sagen ließen und dann bei der Werksbesetzung dabei waren, waren Motivation genug, sich – unter Einbeziehung weiterer Gemeindemitglieder – der Situation wieder zu stellen, als ein Hilferuf des Betriebsrats der Fa. Gelenkwellenbau in der Kirchengemeinde eintraf mit der Bitte um solidarischen Beistand wegen der drohenden Betriebsschließung.

(Bisheriger?) Höhepunkt war sicher der Konflikt um den Abbau von Arbeitsplätzen bei der Fechenheimer Chemie-Fabrik Cassella und die Schließung der Fechenheimer Kosmetik-Firma Jade – Notsituationen, in denen wieder unsere Solidarität gefragt war. Es war ein zeitaufwendiges Engagement: Runder Tisch, Demonstrationen, Konflikte.

Stichworte dazu:

  • Februar 1995 Cassella – wegen Berichterstattung in der örtlichen Presse bekannte Problemsituation und angekündigte Demonstration der Belegschaft wegen Arbeitsplatzabbaus im großen Stil – Jürgen Streit, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, der mich sah (kannte mich von früherer „Stadtteil-Initiative gegen Neonazismus, Ausländerfeindlichkeit und Sozialabbau“), veranlasste, dass ich um ein Grusswort gebeten wurde.
  • 4.4.1995 „Cassella muss Zukunft haben“ – öffentliche Diskussion – veranlasst durch Streit/Petrak
  • Beteiligung Petrak bei Hauptversammlung der Cassella-Aktionäre
  • 1 ½ Jahre lang Runder Tisch Cassella-Fechenheim – „wenn Cassella schließt, stirbt der Stadtteil“
  • 1996 bis 30.9.97 Fa. Jade, Cassella-Tochter – durch Betriebsratsvorsitzenden Kurt Fritschen (Bekanntheit auf Grund Cassella-Aktivität) Kontakt gesucht mit Klage über drohende Betriebsschließung – Demonstration des DGB in Fechenheim – Solidaritätslied einer Musikgruppe der Kirchengemeinde – mit OB Petra Roth – wöchentlicher „Kampftisch“ – Demonstration bei deutscher L’Oréal-Konzern-Zentrale in Düsseldorf und bei französischem Konzernvorstand in Paris (Petrak als Dolmetscher).

6.3. Eine weitere Linie gibt es in der Geschichte des PGR von Herz Jesu, die im Dezember 1984 begann:

Nach dem jährlichen Glaubensgespräch des PGR im Advent, nämlich über die Aussendung der 72 (Lukas 10), ergab sich auf dem PGR-Wochenende 1985 „Unser Glaube – unser gemeinsamer Weg“ die Frage: „Wer sind die, zu denen wir gesandt sind?“ Im Lauf des Jahres 1985 entstand für unsere Pastoral die Devise „Diakonie hat Vorrang“; aus einer Gesprächsreihe „Nachbarn in Fechenheim – arm, einsam, …“ entwickelten sich das Engagement der Gemeinde mit Bewohnern im Pflegeheim, mit Wohnsitzlosen und mit Sozialhilfeempfängern.

6.4. Parallel dazu entstand ebenfalls 1985 eine Sensibilisierung für die Probleme, unter denen nichtdeutsche Bewohner im Stadtteil zu leiden haben:

Das Entfernen einer Flut von ausländerfeindlichen Parolen im Stadtteil nach einem Hilferuf ausländischer Mitbürger im Juni war nur der Anfang.

Weitere Hilferufe seitens von Abschiebung bedrohter Ausländer, denen wir uns stellten, führten uns zu ausgiebigen Erfahrungen – großteils erfolgreich – mit dem Engagement für Ausländer und Flüchtlinge.

Daraus ergab sich 1992 nach dem Brandanschlag von Mölln die Ermutigung zur ökumenischen Demonstration und Kundgebung gegen Ausländerfeindlichkeit, politische Stellungnahmen und öffentliche Diskussionsveranstaltungen zur Asylpolitik. Das ging nicht ohne Konflikte ab, die zum Teil in der örtlichen Presse ausgetragen wurden. – Ein neuer Konflikt um eine Anfeindung ortsansässiger Roma führte 1998 zu einer Morddrohung gegen den Pfarrer.

Meine – mit den Jahren abnehmende! – Belastbarkeit beziehe ich daraus, dass seit vielen Jahren PGR und Pfarrer in solchen gesellschaftspolitischen Konfliktbereichen an einem Strang ziehen. Manchmal sehen wir uns dabei nahezu überfordert. Eine „pastorale Spaltung“ der Gemeinde ist nicht offen wahrnehmbar, wenn auch manche Katholiken sich lieber an Nachbargemeinden halten, deren politisches Profil anders ausgeprägt ist.

6.5.    Überhaupt hatte der PGR schon in früheren Jahren verschiedene politische Willensäußerungen erarbeitet, beschlossen und – teils mit weiteren Unterschriften aus der Kirchengemeinde – an die entsprechenden Entscheidungsträger weiter gegeben, wie etwa zum Erhalt der Straßenbahnverbindung zwischen Fechenheim und der Frankfurter Innenstadt oder zum Kommunalwahlrecht für Ausländer. So hat er auch im Rahmen des Konsultationsprozesses zum Diskussionsentwurf für das gemeinsame Wort der Kirchen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland auf seiner jährlichen Klausurtagung 1995 mit großem Engagement unter fachlicher Begleitung durch Dr. Karl Koch eine Stellungnahme erarbeitet.

6.6.    Die Aktiven unserer Gemeinde sind es somit geübt, die Glaubensbotschaft im Zusammenhang mit Situationen, Chancen und Gefahren des Zusammenlebens im Gemeinwesen zu sehen. Und dass da Spannungen dazu gehören, sieht man relativ leicht im Zusammenhang mit dem Weg Jesu ans Kreuz.

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Rainer Petrak