Blogbeitrag

Jesaja 61

Echt geliebt!

27. Januar 2022

Sonntagsbotschaft zum 30. Januar 2022, dem 4. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C).  

Ganz Willingen drückt Stephan Leyhe die Daumen. Der Mann aus dem Ort, gerade 30 geworden, an der Weltspitze im Skispringen! Dieses Wochenende, auf der Willinger Mühlenkopfschanze: Springt er auf einen Platz auf dem Siegertreppchen? Stolz sind sie auf ihn: Einer von uns!

Und vor 2000 Jahren: Ganz Nazaret ist stolz auf Jesus, gerade 30 geworden. Er hat in der ganzen Gegend große Dinge getan, wie sie gehört haben: Einer von uns! Und jetzt ist er zum Sabbat-Gottesdienst in ihre Synagoge gekommen. Natürlich bieten sie ihm an, zu ihnen zu sprechen.

Jesus greift einen Absatz aus dem Buch des Propheten Jesaja auf, in dem es heißt:

Der Geist GOTTES, des Herrn, ruht auf mir.
Denn der HERR hat mich gesalbt;
er hat mich gesandt,
um den Armen frohe Botschaft zu bringen,
um die zu heilen, die gebrochenen Herzens sind,
um den Gefangenen Freilassung auszurufen …
um ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen, …
(Jesaja 61,1-2)

Sie sind von ihm begeistert und voller Erwartung, was er ihnen jetzt dazu sagen wird.

Bis hierhin ging die Erzählung schon am vergangenen Sonntag. Heute die Fortsetzung aus dem Lukas-Evangelium:

Jesus begann in der Synagoge in Nazaret darzulegen:
Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.
Alle stimmten ihm zu;
sie staunten über die Worte der Gnade,
die aus seinem Mund hervorgingen,
und sagten: Ist das nicht Josefs Sohn?
Da entgegnete er ihnen:
Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten:
Arzt, heile dich selbst!
Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast,
wie wir gehört haben,
dann tu sie auch hier in deiner Heimat!
Und er setzte hinzu: Amen, ich sage euch:
Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt.
Wahrhaftig, das sage ich euch:
In Israel
gab es viele Witwen in den Tagen des Elija,
als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war
und eine große Hungersnot über das ganze Land kam.
Aber zu keiner von ihnen
wurde Elija gesandt,
nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon.
Und viele Aussätzige gab es
in Israel zur Zeit des Propheten Elischa.
Aber keiner von ihnen wurde geheilt,
nur der Syrer Naaman.
Als die Leute in der Synagoge das hörten,
gerieten sie alle in Wut.
Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus;
sie brachten ihn an den Abhang des Berges,
auf dem ihre Stadt erbaut war,
und wollten ihn hinabstürzen …  
(Lukas 4, 21-30)

Wie radikal die Stimmung plötzlich umschlägt! Warum? Was hat Jesus gemacht?

Die Leute kannten diese beiden Beispiele von der Witwe in Sarepta und vom Syrer Naaman: Zwei Menschen, die in einer heftigen Problemlage ihren Halt zunächst einfach im gesunden Menschenverstand gesehen hatten: Die Witwe in der Hungersnot wollte ihr letztes Brot für sich und ihr Kind behalten. Und Naaman war bereit zu größten Anstrengungen, um aus seinem Dahinvegetieren in der Dauer-Quarantäne endlich herauszukommen. Aber beide gaben ihre eigensinnige Selbstsicherheit auf und vertrauten auf das Propheten-Wort. Sie „verließen sich“ auf Gott. Sie „glaubten“, wie Jesus an anderen Stellen ein solches Verhalten benennt, zum Beispiel das der Witwe vor dem ungerechten Richter (Lukas 18,7-8) oder das des Hauptmanns von Kapharnaum (Matthäus 8,5-10).

Denen, die ihm zuhörten, hatte Jesus diese beiden Personen als Beispiele vor Augen gehalten: Gott kann sein Wort von Rettung und Heilung, von Befreiung und Lebensfreude nur dann wahr machen, wenn Menschen auf sein Wort hören und sich ihm nicht verschließen.

Das besondere Problem in den beiden Beispielen bestand darin, dass weder die Menschen in Sarepta wie diese Witwe noch die Syrer wie der General Naaman zum Volk Gottes gehörten. Jesus hatte den Finger in die Wunde gelegt: In Gottes Volk Israel konnte in der Hungersnot keine Witwe gerettet werden und keinen der vielen Aussätzigen jener Zeit konnte Gott heilen. Diese „Ungläubigen“ „glauben“, die „Gläubigen“ aber nicht?!

Jesus hat den Leuten in Nazaret ihr Bemühen um korrekte Frömmigkeit, die ihnen so wichtig war, entthront. Sein Hinweis auf ihre Selbstüberschätzung hatte sie beleidigt. Damit hat er sie wütend gemacht.

Er erträgt das. Er hält stand. Sein Kreuzweg hat begonnen.

Der Versuchung, sich beliebt zu machen oder das Sonnenbad der allgemeinen Bewunderung nicht zu verdunkeln, widerstand Jesus. Worin er seine Lebensaufgabe erkannt hatte, sein neues Selbst, das musste und wollte er verwirklichen. Dass sie ihn dafür bekämpften, nahm er hin. Die Kraft dazu hat er immer wieder eingeatmet aus seiner engen Beziehung zu Gott, dessen Wort mit ihm leibhaftig unter die Menschen kommt.

In den katholischen Gottesdiensten dieses Sonntags ist nach diesem Muster als 1. Schriftlesung der Abschnitt aus dem Jeremia-Buch zugeordnet, in dem der Prophet das Selbstverständnis von seiner Berufung darlegt:

In den Tagen Joschias, des Königs von Juda,
erging das Wort des HERRN an mich:
Noch ehe ich dich im Mutterleib formte,
habe ich dich ausersehen,
noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst,
habe ich dich geheiligt,
zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.
Du aber gürte dich,
tritt vor sie hin
und verkünde ihnen alles, was ich dir auftrage!
Erschrick nicht vor ihnen, …
Mögen sie dich bekämpfen,
sie werden dich nicht bezwingen;
denn ich bin mit dir, um dich zu retten –
Spruch des Herrn.
(Jeremia 1, 4-5.17-19)

Diese Haltung lebt Jesus. Selbst die Angst um sein Leben kann ihn nicht davon abhalten,

den Armen frohe Botschaft zu bringen,
die zu heilen, die gebrochenen Herzens sind,
den Gefangenen Freilassung auszurufen“ …
ja für alle Schuldner
ein allgemeines „Gnadenjahr des Herrn auszurufen“, …

Er weiß sich dazu gesandt und mit Gottes Geist gesalbt: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ Die Liebe des Vaters zu allen Menschen beseelt ihn und sein Tun ganz und gar, besonders die Liebe zu den Belasteten, zu den Schwachen und Benachteiligten aller Art. Diese seine Liebe

erträgt alles,
glaubt alles,
hofft alles,
hält allem stand.

Kommen Ihnen diese Worte bekannt vor? Ja, bekannt geworden sind diese Worte in einem scheinbar ganz anderen Zusammenhang:

Die Liebe ist langmütig,
die Liebe ist gütig.
Sie ereifert sich nicht,
sie prahlt nicht,
sie bläht sich nicht auf.
Sie handelt nicht ungehörig,
sucht nicht ihren Vorteil,
lässt sich nicht zum Zorn reizen,
trägt das Böse nicht nach.
Sie freut sich nicht über das Unrecht,
sondern freut sich an der Wahrheit.
Sie erträgt alles,
glaubt alles,
hofft alles,
hält allem stand.
Die Liebe hört niemals auf.
(1 Korinther 13,4-8)

Der Zusammenhang, in dem die Bibel die Liebe mit diesen Worten beschreibt, ist das sogenannte Hohelied der Liebe im 1. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth.

Der Zusammenhang, in dem die meisten Menschen unserer Tage diesen Worten begegnet sind, dürften kirchliche Hochzeitsfeiern sein. Allerdings: Wenn mit dem, was hier als „Liebe“ beschrieben wird, die Liebe der Menschen zueinander gemeint ist, die da heiraten, stellen sich einige Fragen:

Falls das die Erfahrung in Worte fasst, die die Brautleute miteinander gemacht haben, dann kann man in der Tat nur gratulieren. Wenn diese Beschreibung der Liebe allerdings die Erwartung formuliert, die beide aneinander richten; wenn sie nach ein paar Ehejahren gar als Checkliste verwendet wird, ob der andere mich weiterhin liebt, – dann wird diese Ehe nicht mehr lange halten. Wer kann und will schon dem Anspruch des Ehepartners genügen, dass seine Liebe alles erträgt und allem standhält? Solche Ansprüche an die Liebe des anderen verlegen die Basis einer Ehe in den Bereich von Leistung und Verdienst und Machen – mit den Folgen von Enttäuschung, Wut und Gewalt.

Wut und Gewalt – das gab es auch in Nazaret nach der Predigt von Jesus! Ist da Ähnliches geschehen? War da auch das Wort von der „Liebe“ missverstanden worden? Gottes Liebe zu den Menschen, wie Jesus sie meint – im Kontrast zu der Liebe Gottes, die seine Zuhörer meinten verdient zu haben?

Vielleicht wird ja auch bei uns das missverstanden, was Paulus in seinem Brief geschrieben hat. Ein Blick auf den dortigen Zusammenhang bringt Klärung: Der gesamte Text, der auch an diesem Sonntag als 2. Schriftlesung vorgesehen ist, beginnt mit der Aufforderung:

Strebt nach den höheren Gnadengaben!
Dazu zeige ich euch einen überragenden Weg: …
Wenn ich … –

Und dann zählt Paulus eine Reihe von anerkannten menschlichen Qualitäten auf und relativiert sie: Wenn ich … – noch so gewandt und mit Engelszungen und prophetisch reden könnte und einen noch so starken Glauben hätte und alles und mein Leben opferte, – und jedesmal fügt er an,

hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts, nützte es mir nichts
(1 Korinther 12,31)

Und am Ende seiner nachdenklich staunenden Erwägungen fasst er zusammen:

Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
doch am größten unter ihnen ist die Liebe.
(1 Korinther 13,13)

Und dieses ganze Kapitel folgt auf seine Darlegung über die Vielfalt der Glieder in der Gemeinde. Deren organisch aufeinander abgestimmten Dienste sind allesamt wichtig im gesamten Organismus, der ja Christus und seine Liebe zu den Menschen leibhaftig in die Welt bringen will. Angesichts so mancher Konkurrenzen und Streitereien in der Gemeinde in Korinth erinnert Paulus an die Art von Liebe, die Christus zu eigen ist. Sie miteinander zu verkörpern, das ist für Menschen immer nur bruchstückhaft möglich. Sie zu praktizieren und anderen Menschen zu vermitteln, ist eine „Gnadengabe“, wie er es benennt, ein „Charisma“. Und das kann man – auch mit höchstem Level an Frömmigkeit, Korrektheit usw. – nicht machen; das kann man auch nicht beanspruchen; das geht nur, wenn wir uns einen solchen Atem schenken lassen – eben als „Gnadengabe“, zu Deutsch: als Geschenk – ohne Leistung und Verdienst. Nur danach „streben“ kann man – sich danach sehnen, dass das eigene Verhalten immer mehr davon geprägt sei – das hatte Paulus zu Beginn gesagt.

Und der Weg dahin, den er zeigen will: Das Bewusstsein pflegen, wie wertvoll zwar alle Beiträge fürs Ganze sind, aber immer mit dem Blick dafür, dass alle diese Dienste, Beiträge, Charismen nur ihren Sinn und Wert haben in ihrer Ausrichtung auf die Liebe, mit der Gott sich vorrangig allen benachteiligten Menschen zuwendet.

Das schließt dann wieder den Kreis der Erwägungen und lenkt den Blick zurück nach Nazaret.

Diese Menschen, die Jesus und seine Predigt hören, müssen sich erinnern lassen: Ihre Frömmigkeit und Korrektheit begründen nicht einen Anspruch auf Anerkennung. Mit ihrer Leistung und ihrem Verdienst, an denen auch Gott seine Freude hat, können sie aber nicht Wertschätzung einfordern.

Vielmehr zählt es bei Gott als das „Größte“, wenn Menschen in Not aller Art sich beschenken lassen mit seiner liebevollen Zuwendung und wenn sie dann, weil sie diese Liebe „haben“ – wie Paulus sagt – , weil sie diese Liebe zugelassen, aufgenommen und erlebt haben, weil diese Erfahrung ihnen jetzt keiner mehr nehmen kann, weil sie – vernetzt mit den anderen, die das auch erlebt haben, aus der Kraft dieser Freude an Gott seine Liebe jetzt mit zunehmender Strömungskraft überlaufen lassen auf andere Menschen, die Gott aus ihrer Not retten will.

Ja, bei Gott das „Größte“, womit Jesus anfängt und was er in seinen Gliedern zu allen Zeiten leibhaftig in die Welt bringt, das ist eben:

den Armen frohe Botschaft bringen,
die heilen, die gebrochenen Herzens sind,
den Gefangenen Freilassung ausrufen“ …
für alle Schuldner ein „Gnadenjahr des Herrn ausrufen“!

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