Blogbeitrag

Hausklingeltafel

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5. Januar 2021

zum Fest der "Erscheinung des Herrn" am 6. Januar

und/oder zum (Mit-)Lesen

6. Januar 2021. In einigen deutschen Bundesländern gesetzlich geschützter Feiertag. Die Kirche nennt ihn „Erscheinung des Herrn“. „Heilige Drei Könige“ steht in den meisten Kalendern. Die FDP hat ihr „Dreikönigstreffen“, wenn auch diesmal nur digital. In Georgia hat gestern die Wahl entschieden, ob auch unter Joe Biden Trump’s „Republikaner“ im US-Senat das Sagen haben werden. Und heute droht „zwischen Staatsstreich und Neuanfang“ wie die Frankfurter Rundschau am Wochenende titelte die Fernseh-Posse eines Aufstands von Kongress-Abgeordneten gegen die Wahl des US-Präsidenten.

Was ist die Botschaft dieses „Fest“-Tages?

Die Antwort hängt davon ab, wessen Botschaft ich zur Kenntnis nehmen will. Viele reißen sich heute um die Deutungshoheit. Offen gesagt: Trump’s Tweets bleiben für mich irrelevant. Als Maßstab für meine Orientierung habe ich mich für die Bibel entschieden, für das Evangelium von Jesus Christus, von dem in diesen Tagen ganz viele Menschen weltweit gefeiert haben, dass er „zur Welt gekommen ist“. Da ich noch nicht fertig geworden bin mit meiner Ausschau danach, wie er in der Welt heute „der Herr“ ist, bleibe ich noch im Feier-Modus – gemeinsam mit vielen in der Kirche, für die ja „die Weihnachtszeit“ erst mit dem kommenden Sonntag endet.

Um nicht der Willkür eigener Vorlieben zu unterliegen, fange ich beim „Tagesgebet“ an, bei dem Text der katholischen Liturgie, in dem traditionell der Sinn eines Festtages, das Wesen seiner Botschaft in knappen Worten benannt ist.

Da stoße ich allerdings auf einen Text, der in seinen Formulierungen ziemlich Futter bietet für die – von mir nicht generell geteilte – Kritik am „Kirchensprech“ der Liturgie. Nach redlicher Bemühung um eine Übersetzung der darin enthaltenen zentralen Aussagen in eine zumutbar erscheinende Sprache bete ich dieses Tagesgebet so:

Heiliger Gott,
am heutigen Tag geht der Welt ein Licht auf.
Du zeigst der Menschheit:
In Jesus ist dein göttlicher Sohn
als wahrer Mensch
leibhaft und sichtbar erschienen.
Führe auch uns in der Gemeinschaft des Glaubens
zu der Herrlichkeit hin,
mit ihm zu wahren Menschen zu werden.

Und dann wende ich mich den Bibeltexten zu, die diesem Festtag zugeordnet sind. Ich höre aufmerksam hin, was uns da Neues gesagt wird, und ich spüre in mir nach, was das in mir auslöst.

Ich höre – aus Jesaja 60:

Steh auf, werde hell, du neues Jerusalem,
denn es kommt dein Licht
und die Herrlichkeit des HERRN geht strahlend auf über dir.

Gegenrede mit dem Prophetenwort:
Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker!

Doch über dir geht strahlend der HERR auf,
seine Herrlichkeit erscheint über dir.
Nationen wandern zu deinem Licht
und Könige zu deinem strahlenden Glanz.
Erhebe deine Augen ringsum und sieh:
Sie alle versammeln sich, kommen zu dir.
Da wirst du schauen und strahlen,
dein Herz wird erbeben und sich weiten.
Denn die Fülle des Meeres wendet sich dir zu,
der Reichtum der Nationen kommt zu dir. …
Aus Saba kommen sie alle,
Gold und Weihrauch bringen sie
und verkünden die Ruhmestaten des HERRN.

Warum? Was ist geschehen?

Der im christlich geprägten Kulturkreis herangewachsene Mensch erkennt drei Könige mit Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Und die christliche Kirche, die hier Jesus Christus als die Rettung der Menschheit erkennt, fasst ihre Freude darüber in die Worte des Psalms (Ps 72, 1-2.7-8.10-13):

Er rettet den Gebeugten, der um Hilfe schreit,
den Armen
und den, der keinen Helfer hat.
Er erbarmt sich des Gebeugten und Schwachen,
er rettet das Leben der Armen.
Alle Könige müssen ihm huldigen,
alle Völker ihm dienen.
Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit
und deine Armen durch rechtes Urteil.
Er herrsche von Meer zu Meer,
vom Strom bis an die Enden der Erde.

Und die Erzählung aus dem 2. Kapitel des Matthäus-Evangeliums verdichtet die gemeinte Erfahrung zur von Gott geschenkten Einsicht:

Die Weisheit der Völker erkennt Anzeichen und versammelt sich neugierig. Sie bringen ihre Begabungen ein und erkennen geradezu anbetend an: Hier ist die wirklich unantastbare, heilige Gerechtigkeit. Dass alle sich ihr als prägender, bestimmender Kraft unterordnen, das ist die Zukunft und das Leben der Menschheit.

Und die Worte des Apostels Paulus, die als 2. Lesung dieses Festtages vorgesehen sind, geben die Richtung an:

… dass nämlich die Heiden Miterben sind …
und teilhaben an der Verheißung …

Das alte Wort „Heiden“ meint dabei die Gesamtheit der Völker, unabhängig von ihrer Religion. Die Zusage von Heil und Gerechtigkeit und Frieden, wie Jesus sie verkörpert, gilt also nach Paulus für die ganze Welt!

Und im Jahr 1948 nach Christus werden sie das dann dokumentieren als Charta von Menschenwürde und Menschenrechten, der sich die Vereinten Nationen unterwerfen. Als Programm jedenfalls schon mal. Da können alle, die Jesus Christus als den Ausgangspunkt dieses Weges im Blick behalten, nur voller großer Freude ihn als den herrlich-göttlichen Herrn feiern und immer wieder für alle Augenblicke von ihm neu Wegweisung beziehen.

Ein König Herodes oder wie die herrschenden Kräfte aller Zeiten auch heißen wollen, mögen da noch so viel Fachwissen und Durchsetzungskraft konsultieren und bezahlen und Kollateralschäden in Kauf nehmen, gegen Gottes Kraft seiner Menschlichkeit kommen sie auf Dauer nicht an. Geltungssucht und Habgier, Wettbewerb und Wachstum zwecks Qualitätssicherung und Überleben der menschlichen Gattung gehören zu einer vergangenen Stufe der Evolution und haben ausgedient. Gott selber ist Mensch geworden, ohnmächtig und verletzlich, mit allen Risiken und Nebenwirkungen – ein unglaubliches Wunder, mit dem er aber offenbar gemacht hat: Es gibt für ihn nichts Heiligeres als den Menschen. Und dem Leben des Menschen in Würde und mit Gemeinsinn zu dienen, dem muss sich alles Andere solidarisch unterordnen.

Die Herausforderung durch das Corona-Virus hat die Menschheit dafür neu sensibel gemacht. Es gilt jetzt, das geöffnete Zeitfenster zu nutzen, bevor eine erfolgreiche Impf-Kampagne den alten Verhältnissen wieder zur Herrschaft verhilft. Statt das Jahr 2020 pauschal als „schlimmstes Jahr“ einzuordnen, lohnt sich die Fragestellung, was es uns gezeigt hat. Ich persönlich frage ja lieber: Herr, was alles hast Du uns damit gezeigt? Aber ich will nicht dumm missverstanden werden, als sähe ich in Corona Gottes pädagogischen Trick, uns zur Besinnung zu bringen. Aber gerade in einer Notlage der Menschheit will ER uns Auswege zeigen in eine bessere Zukunft. Um solche „Zeichen der Zeit“ zu erkennen, braucht es eine neu zu pflegende Aufmerksamkeit für alles, was wirklich relevant ist.

Wer sich nicht durch andere Aspekte oder geschichtliche Zutaten und Mutationen dieses Festes heute allzu sehr ablenken lässt, mag mit Freude sehen (!), wer und was mit diesem Fest kommt und sich zeigt. Einfach durch eine kurze Besinnung auf den uralten Namen des Tages „Erscheinung des Herrn“: In der hebräischen Sprache des Alten Testaments steht für das dort unbekannte Wort „erscheinen“ der Wortstamm ראה, ausgesprochen: ra’ah. Das steht für ein optisches, kommunikatives Geschehen und meint „sehen, ansehen, betrachten, erkennen, …“ In der in unseren Sprachen unbekannten grammatischen Form des Nif’al bedeutet das „sich sehen lassen, sich zeigen, sichtbar werden, eben: erscheinen, …“

Im Stundengebet des Advent, also in der Zeit der Erwartung vor Weihnachten, ist mir wiederholt die Formulierung begegnet „… du schenkst uns die Gnade, das Erscheinen unseres Herrn Jesus Christus zu erwarten“. Und liturgische Texte am heutigen Fest selbst machen sein „Erscheinen“ – also wo er sich „gezeigt“ hat, „offenbart“ hat – mit konzentrierter Aussagekraft an drei Punkten zusammenfassend fest:

  • „Heute“ – so heißt es – wird Jesus im Jordan getauft. Jetzt, da er zu wirken anfängt, geht der Himmel auf. Er macht die Menschen frei von der Sünde der Welt.
  • „Heute“ wird mit ihm alles Wasser zu Wein. So erfreut er die Hochzeitsgäste.
  • „Heute“ erkennen ihn als den Ersehnten sogar die klügsten Leute aus fernsten Ländern, so dass sie sich mit ihren Gaben einbringen.

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Rainer Petrak