Blogbeitrag

Rad und Mitte

Nähe oder Distanz – was wollen wir?

2. Januar 2021

Ist er jetzt endlich wirklich bei uns?

Oder rückt er uns erbarmungslos auf die Pelle?

und/oder zum (Mit-)Hören

Nähe oder Distanz – was wollen wir?

Manchmal steht die Erfahrung im Raum: Wenn ich die Liebe eines Menschen nicht verlieren will, muss ich dafür sorgen, dass er bestimmte Dinge an mir nicht zu sehen bekommt. Da soll mir niemand zu nahe treten. Um weiterhin liebenswert zu erscheinen, stelle ich meine Schokoladenseiten in den Vordergrund – oder das, was ich dafür halte. Ich muss dem anderen ja nicht alle meine Fehltritte zeigen und meine Hässlichkeiten.

In dem Maß, wie ich mich selber für etwas nicht leiden kann, glaube ich auch nicht daran, dass jemand mich unvermindert achtet, wertschätzt und liebt, wenn er für meine Schattenseiten aufmerksam wird.

Und Gott?

Nicht allzu vielen Menschen, so scheint mir, ist aufgeleuchtet, was im Evangelium mit „Vergebung“ gemeint ist, mit „Erlösung aus Schuld und Sünde“. Auch viel Beichten hat da nichts gebracht. „Das Auge“ ist vielen geblieben, „das alles sieht, auch wenn’s in finstrer Nacht geschieht.“ Bis hin in die Liturgie der Kirche: „Schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche.“ (Friedensgebet der Eucharistiefeier) Warum? Was riskiere ich denn, wenn Christus auf das schaut, worin ich mich an ihm, an Mitmenschen oder an mir selber versündigt habe? Was könnte passieren, wenn er auf die Sünden seiner Kirche schaut?

Ich behaupte ja nicht, dass in der Kirche nicht gesündigt würde. Aber ich halte es mit einem anderen Wort aus dem Gebetsleben der Kirche, mit dem großen Vertrauen: „Blick tief in unser Herz hinein, sieh unser ganzes Leben an: noch manches Arge liegt in uns, was nur dein Licht erhellen kann.“ (Hymnus der Laudes am Mittwoch) Oder: „Herr, wenn wir fallen, sieh uns an und heile uns durch deinen Blick. Dein Blick löscht Fehl und Sünde aus, …“ (Hymnus der Sonntags-Laudes)

Da muss ich nicht meine Schokoladenseiten vor mir her tragen. Vielmehr vertraue ich darauf, dass Christus gerade dort mir liebevoll begegnet, wo ich mich selber nicht leiden kann, und dass dann solche Verletzung heil wird. Wenn er das Dunkle an mir „aushält“ und mich auch damit unvermindert liebt, dann kann ich nur staunend auch selber mich annehmen, selber das an mir nüchtern anschauen, was meinem Wesen widerspricht; der heilenden Veränderung entgegensehen und aktiv entgegengehen. So verstehe ich auch das Wort im Apostolischen Glaubensbekenntnis, mit dem das Zutrauen zum Heiligen Geist konkretisiert wird als „Vergebung der Sünden“.

Ja, nach meiner Überzeugung gehört das zum Kern der Logik von Weihnachten, zum „Logos“, dem „Wort“, das dem Menschen nahe sein will, ja das Nächstliegende werden will. Botschaft, die auf Antwort angewiesen ist, wenn sie wirken soll.

Einem Ja steht aber die Angst entgegen: Wohin führt das denn? Wenn Fehltritte nicht sanktioniert werden, wenn keine Strafandrohung abschreckt, dann wird das doch ausgenützt und alles geht den Bach runter!

Entscheidungen stehen an: Wollen wir weiterhin – aus Angst – der Logik von Gewalt und Gegengewalt folgen? Oder wollen wir dem „Logos“ Gottes folgen, wie er sich mit Weihnachten anbietet – an diesem 2. Sonntag nach Weihnachten geradezu penetrant noch einmal mit dem Evangelium vom Weihnachtstag, dem Prolog-Hymnus vom Beginn des Johannes-Evangeliums (Johannes 1,1-5.9-14):

Im Anfang war das Wort
und das Wort war bei Gott
und das Wort war Gott.
Dieses war im Anfang bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden
und ohne es wurde nichts, was geworden ist.
In ihm war Leben
und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis
und die Finsternis hat es nicht erfasst.
Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet,
kam in die Welt.
Er war in der Welt
und die Welt ist durch ihn geworden,
aber die Welt erkannte ihn nicht.
Er kam in sein Eigentum,
aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Allen aber, die ihn aufnahmen,
gab er Macht, Kinder Gottes zu werden,
allen, die an seinen Namen glauben,
die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches,
nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
Und das Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt
und wir haben seine Herrlichkeit geschaut,
die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater,
voll Gnade und Wahrheit.

Er gehört jetzt zu den uns Nächsten! Er wohnt bei uns! Als Mensch aus Fleisch und Blut! Jesus, der Christus, der Retter, der ersehnte!

Dieser Hymnus besingt Gottes Liebesmacht, die den Konflikt, abgelehnt zu werden, nicht scheut. Er besingt – natürlich nicht die Tragödie, aber – besingt den Gott, der die Tragödie misslungenen menschlichen Daseins auf sich nimmt, um uns davon zu retten! Er besingt, dass er dennoch seine Liebe bringt.

Sehet doch da: Gott will so freundlich und nah zu den Verlornen sich kehren.
Sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget!

Liebe, die nicht nur als Liebe behauptet oder gelehrt wird – nein: die sich als Liebe zeigt!

Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget; …

(aus dem Lied „Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket …“ –
Text von Gerhard Tersteegen 1731)

Das „Wunder“ will einfach aufgenommen werden. Dass wir uns „erleuchten“ lassen.

Die Finsternis habe es „nicht erfasst“, heißt ja in diesem Fall nicht „nicht kapiert“ und „nicht verstanden“, sondern es heißt hier: Die Finsternis hat sich des Lichtes nicht bemächtigen können! Das ist ein Freudenausruf. So wie Finsternis nie sich des Lichtes bemächtigen kann, so natürlich auch hier nicht. Also: Und wenn es noch so finster in mir oder bei uns zugehen sollte, – es ist genau der Ort, wo er sein Licht hineinbringen will. Das ist seine Art. Das Wort des Lebens, das Licht ist und für jeden Menschen gemeint ist. Das will gerade da, wo es finster ist, hell machen.

Das gute Wort, Gottes Liebe können wir aufnehmen. Gott sehnt sich danach, dass wir ihn aufnehmen.

Das Wort. Welches „Wort“ könnte das sein? Er, Jesus Christus! In meinen Ohren klingt es: Ich bin so froh, dass du da bist und ich dir nahe sein darf. Sagt Er zu mir, zu uns, zu euch, zu Ihnen! Es ist so gut, dass du da bist; du, Person, Mensch. Oder – noch anders klingt dieses Wort: Gott sagt zu mir: Ich liebe dich. Wunderbar, dass du dich von mir lieben lässt!

Und dann wird es hell und – die weihnachtlichen Bibeltexte der Liturgie sind voller Hymnen – zur Liturgie dieses 2. Sonntags nach Weihnachten gehört der Hymnus aus dem Epheserbrief: „Gepriesen sei Gott …“ und so weiter (Epheser 1,3-6.15-18). Da spricht Paulus uns zu für die uns im neuen Jahr bevorstehende Zeit:

„Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid und welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen …“ – und das sind die Getauften, die glauben – „… schenkt.“

Da können wir uns ja auf was gefasst machen: auf das Wunder erfüllten Lebens!

Gott ist im Fleische: wer kann dies Geheimnis verstehen?
Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen.
Gehet hinein, eins mit dem Kinde zu sein, die ihr zum Vater wollt gehen.

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