Blogbeitrag

Clown

Es brennt

1. Dezember 2020

Im Haus war Feuer ausgebrochen. Der Mann aus dem ersten Stock hatte es entdeckt. Es war 11 Uhr 55, als er durchs Treppenhaus brüllte: „Es brennt! Es brennt! Alle raus!“ Da flog im dritten Stock eine Tür auf, und jemand rief zurück: „Unruhestifter! Ihnen sollte man die Wohnung kündigen!“ Der kränkelnde Mann von nebenan trat an ihn heran und beschwor ihn mit seiner leisen Stimme: „Seien Sie doch bitte nicht so laut. Ich hab Ihnen doch nichts getan!“ Eine schnippische junge Frau von ganz oben lehnte sich über das Treppengeländer herunter: „Ich lass mich von Ihnen nicht unter Druck setzen!“ Und der Student, der immer ohne jede Bezahlung für den kränkelnden Alten die Hausordnung erledigt hatte, kam ein Stockwerk herunter und entgegnete ihm ruhig und bestimmt: „Hör mal, du kannst uns hier zu gar nichts zwingen. Meinetwegen vereinbaren wir jetzt einen Termin für eine Hausversammlung. Da können wir dann diskutieren, ob etwas zu tun ist und gegebenenfalls was.“ Immer lauter brüllte der andere: „Es brennt! Es brennt!“ „Das ist deine Meinung; ich seh das ganz anders“, sagte jemand neben ihm und verschwand wieder in der Wohnung. Es war noch zu hören, wie er zu jemand anderem hinzufügte: „Der macht ein Theater! Der sollte mal in Erholung fahren!“ Sein Freund, der für ein paar Tage bei ihm zu Besuch war, kam ins Treppenhaus und redete ihm ins Gewissen: „Mann! Hab doch Geduld, und bleib gelassen! Du darfst das nicht so eng sehen. Wie kannst du über diese Menschen so urteilen! Du behauptest ja, die Leute im Haus hätten nicht genug Vorsorge getroffen, um ein Feuer zu verhindern!“ Im letzten Jahr hatte der Lokalpolitiker, der auch hier wohnte, für die Hausbewohner durchsetzen können, dass hinter dem Haus sowohl ein Kinderspielplatz als auch ein Parkplatz angelegt wurde. Seine Stimme tönte jetzt unverkennbar durch den Lärm: „Sie sind für eine solche Behauptung ja wohl nicht kompetent. Ob es hier brennt oder nicht, müssen Sie schon dem Urteil von Fachleuten überlassen!“ Eine andere Nachbarin schluchzte auf: „Diese Vorwürfe! Ich kann doch nichts dafür!“, setzte sich auf die Treppe und weinte vor sich hin. Und der immer um Ruhe und Ordnung besorgte Große mit dem Namensschild „G.V.“ an der Wohnungstür: „Vielleicht sind Sie da etwas zu rigoros. Natürlich darf das Haus nicht abbrennen. Aber möglicherweise gehen die Flammen ja auch von alleine wieder aus.“ Und – abgewendet – murmelte er: „Hat der ein Sendungsbewusstsein! Tut, als ob er Jesus wäre!“ „Es brennt! Es brennt!“ brüllte er weiter. Aber langsam wurden die anderen Stimmen lauter als die seine: „Lassen Sie mich in Frieden“, sagte die eine Frau, „mein Mann will das Essen um 12 Uhr auf dem Tisch haben.“ Und der rechthaberische Typ mit der dicken Brille: „Ja, warum ist denn die Feuerwehr noch nicht da, wenn es brennt!“ Später stellte sich heraus, dass noch keiner die Feuerwehr alarmiert hatte. Immer aufgeregter rief es von überall her durcheinander: „Was will er eigentlich? Der redet so kompliziert! Soll er doch mit einfacheren Worten sagen, was er meint!“ – „Der hat ja ‘ne Macke!“ – „Der ist heute wieder aggressiv!“ – „Unverschämtheit, so makabre Scherze! Der soll sich nicht so wichtig machen!“ – „Bestimmt hat er das Feuer selber gelegt; man kann es ja schon riechen!“ Einer, den schon als Kind Feuerchen aller Art fasziniert hatten: „Perfektionist! Wegen ein paar Flämmchen macht der einen Aufruhr!“ Und immer leiser kam der Ruf: „Es brennt. Es brennt.“ Bis jemand sagte: „Wenn es wirklich brennen würde, dann würde der das sicher etwas lauter rufen.“

Das Feuer hatte im Treppenhaus angefangen. Bis die Leute zur Kenntnis nahmen, dass es wirklich brannte, stand die Holztreppe so in Flammen, dass kein Durchkommen mehr war. Die Feuerwehr wurde erst von irgendeinem draußen alarmiert, als die Flammen schon nach dem Nachbarhaus griffen. Die Bewohner des Hauses kamen alle um, die einen in den Flammen, die anderen beim verzweifelten Sprung aus dem Fenster ihrer Wohnung.

Einige Leser dieses Protokolls fragten sich, warum denn der Rufer nicht selber das Feuer löschte oder die Feuerwehr rief. So ersparten sie sich andere Fragen.

(aus dem Buch Den Retter-Gott ranlassen. Damit Leben gelingt, Seite 33 ff)

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Rainer Petrak