Blogbeitrag

Freigekauft

29. März 2018

Türöffner-Predigt von Rainer Petrak
zur Feier der Drei Österlichen Tage
am Gründonnerstagabend, 29. März 2018

nach den Schriftlesungen aus Exodus 12,
1. Korinther-Brief 11,
Johannes 13

„Begreift ihr?“
„Ja natürlich. Was soll die Frage? Wir kennen dich doch schon so lange.“
Immerhin: Drei Jahre sind sie mit ihm gegangen.

Und wir erst: Wir sind noch viel länger schon katholisch!
Ob wir begriffen haben?
Sonst wären wir doch nicht heute Abend hierhergekommen!

Aha. Er darf also davon ausgehen: Wir haben begriffen.
Unsere Lebensweise ist also von unserer Beziehung zu IHM geprägt. – Oder?

Jedenfalls sind wir jetzt mit IHM in einem Raum. Und ER wendet sich uns zu.
Was da geschieht, klingt in uns noch nach.
Er fragt: „Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“ Wir lassen uns anfragen.

Also – ehrlich gesagt, steht uns Petrus da doch eigentlich etwas näher:
„Herr“ und „Meister“ – das bist schließlich DU.
Und wenn es darum geht zu dienen – etwa die Füße zu waschen – , dann ist das nicht Dein (!) Ding,
sondern dann waschen wir (!) Dir (!) die Füße.
Nicht umgekehrt!

Ja, Petrus pflegt noch die alte, von den Vätern ererbte Lebensweise
und ist noch nicht umgekehrt.
Für ihn gilt noch, dass der Kleine dem Großen zu dienen hat:
Dem Starken gebührt mehr Verehrung als dem Schwachen.
Der sich verdient gemacht hat, gilt mehr.
Der Leistungsträger darf seine Boni beanspruchen und seine Privilegien.

Jesus ist das umgekehrte Beispiel:
Der „Kleine“ ist nicht weniger als der „Große“.
Deshalb: So lange die Kleinen noch kleiner gemacht werden – und die Großen dem entsprechend noch größer,
so lange geht Jesus dazwischen:
„Er hat mich gesandt, den Armen ‚die gute Nachricht‘ zu bringen“,
bekennt er sich zum Vater von Anfang an (Lk 4, 16-21).
Und so macht er sich Feinde von Anfang an.

Menschen, die „begreifen“, bekennen sich gemeinsam mit ihm in der Eucharistiefeier vom Weihnachtstag:
„Du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen.“
In der „umgekehrten“ Lebensweise, mit der Jesus eine neue Ära göttlicher Menschlichkeit herbeiführt,
begreifen sie, was er an ihnen getan hat:
Diese Würde des Menschen habe ER sogar „noch wunderbarer wiederhergestellt“!

Jesus ist das Beispiel fürs wiederhergestellte Menschsein im Sinne Gottes: der „neue Adam“.
„Umgekehrt“.
An ihm wird deutlich, was vom Leiden der Kleinen zu halten ist,
von der Benachteiligung der Schwachen,
von der Vernachlässigung der Zu-Kurz-Gekommenen,
vom Alibi-Almosen für die Armen,
von der Unterdrückung und Ausbeutung derer, die sich nicht wehren können.
Er zeigt ihnen: Gott ist anders als die, die in dieser Welt das Sagen haben.

Die Lebensweise des Mitspielen-Müssens, die sie den Anderen aufdrücken,
nennt dann im Neuen Testament einer, der begriffen hat, „die sinnlose, von den Vätern ererbte Lebensweise“.
Und von ihr heißt es im 1. Petrusbrief (1,18) an die zum Osterfest versammelte Gemeinde weiter
(am 3. Ostersonntag / Lesejahr A):
Christus hat uns aus ihr „freigekauft“,
indem er mit seinem Leben dafür bezahlt hat.
In ihm hat Gott sich ge-outet:
Menschen sollen – ihrer wunderbaren, heiligen Würde entsprechend – erfüllt leben können. Nichts ist ihm wichtiger.
Dazu hat Gott sie schließlich erschaffen – als sein Abbild, IHM ähnlich,
„nur wenig geringer gemacht als Gott“, heißt es im Psalm (Ps 8).

Und wo immer irgendwelche Kräfte diesem Willen Gottes entgegenstehen, heilt er die Defizite.
Heilt er auch ihre Rückfälle ins vormenschliche „Recht des Stärkeren“.
Allen Beteiligten eröffnet er die Umkehr ins erfüllte Leben.
Den Tätern und den Opfern.
Die Bibel bezeugt: Gott macht frei, wo Menschen sich seinem Einfluss öffnen.

Das „Recht des Stärkeren“, das wir aus unserer Evolutionsgeschichte geerbt haben,
ist seit der Menschwerdung des Menschen „von gestern“,
hat ausgedient,
gilt nicht mehr.

Unterdrückung hat keinen Bestand mehr;
Befreiung ist angesagt.

Du musst nicht mehr alles hinnehmen, alles ertragen;
du darfst hoffen: ER will dich heilen.

Du musst dich nicht mehr um Gott bemühen;
ER will für dich da sein.

Er will sich nicht bedienen lassen;
er kommt, um zu dienen.

Selbst wenn Krankheit Folge von Schuld ist, –
Ihn beschäftigt nur, dass er dich heilen will.

Deine Situation ist aussichtslos?
ER kommt, Augen auf!

Von Sündern wie dir will er sich fernhalten?
Im Gegenteil: Er sucht dich auf, damit du wieder frei leben kannst und deine Schuld dich nicht mehr lähmt.

Du musst mehr leisten, besser sein, um mehr zu gelten?
Bei Ihm hast du schon längst das volle Maß der Würde!

Geltungssucht aus verweigerter Anerkennung?
Das mag gewesen sein.

Büßen, zahlen für deine Schuld?
Du bist freigekauft!

Das ist neu. Immer noch neu. Für viele ärgerlich.
Vor allem für die, die sich stärker erfahren
und ihre Stärken gerne belohnt bekommen.
Sogenannte Leistungsträger und Fromme wollen mehr honoriert werden
als die Schwächeren oder als die Sünder.

Den Judas, einer der zwölf Apostel, den wurmt das alles ganz besonders.
Für sein Verständnis ist das ungerecht und das geht einfach alles zu weit. Dafür muss Jesus bezahlen!

Und wir?
Geheilt durch SEINE Wunden.

Angesichts dieses Gottes kann schon der ägyptische Pharao das von ihm unterdrückte Volk nicht festhalten.
Ihr Auszug – ein Fest der Befreiung!
Und das wird ihnen zum Pascha, zum alljährlichen Osterfest.

Das ist ihr Bund mit dem Gott, der für immer ihr Befreier bleiben soll und will.
Und daraus sollen sie erfüllt leben – ohne Vorbedingung und ohne Gegenleistung – ohne zu bezahlen.
(vgl. in der Osternacht Jes 55, 1-3)
ER traut ihnen einfach zu, dass sie ihn lieben
und immer neu die Befreiung durch ihn suchen werden.

Der Art, mit der ihr Gott sie begleitet, setzt Jesus die Krone auf:
Da Leute mit Einfluss
aus der Befreiung
ein System von Vorschriften gemacht hatten,
wendet er sich selber als Gottes Verkörperung in neuer Klarheit den Menschen zu.
Befreiung geschieht wieder, wo Menschen leidvoll prägende Einflüsse loslassen
und sich der Begegnung mit IHM öffnen.

Mit aller Kraft widersetzt er sich denen, die lieber die Menschen beherrschen und klein halten.
Klar, dass die IHN dann beseitigen wollen.
In totaler Transparenz zeigt sich an ihm der Gott, der so ganz anders ist, als die in Religion, Wirtschaft und Politik Herrschenden es behauptet haben.

So toppt ER schließlich Gottes lebenserfüllende Liebe zu allen in seinem Tod, mit dem er dafür bezahlt,
und in seiner Auferstehung, mit der Gott sich auf eine zuverlässige, bleibende Zukunft solcher Art festlegt.

So wird er zum Inbegriff alles dessen, was Menschen zum Leben brauchen – Brot – und was aus dem Leben ein Fest macht – Wein.
Im Zeichen von Brot und Wein schenkt er sich selbst.
Miteinander Essen und Trinken – ein Festmahl des Lebens.
Eigentlich unglaublich.

Antiphon zum Magnificat am Gründonnerstag – aus Antiphonale zum Stundengebet, Seite 290

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Rainer Petrak