Blogbeitrag

was verbindet

Herrschende Kraft

8. Dezember 2020

Wenn Christen sich zu ihrem Glauben bekennen, tun sie das oft mit den Worten des „Apostolischen Glaubensbekenntnisses“. Was sie da über sich selber sagen und über ihr Verhältnis zu Gott, wird in dem Text an drei Stellen mit einem persönlichen Fürwort in der 1. Person formuliert:

Ich glaube an Gott, den Vater, …
… und an Jesus Christus, …, unsern Herrn, …
Ich glaube an den Heiligen Geist, …“

Und wenn Christen persönlich beten, sprechen sie ihn oft mit dem Wort an: „Herr!“ Und an prominenter Stelle in der Liturgie der katholischen Kirche – im jeweiligen „Tagesgebet“ – lautet die Abschlussformulierung „Darum bitten wir durch Jesus Christus, … unsern Herrn …, der … lebt und herrscht …“

Rein sprachlich betrachtet, enthält das Wort „Herr“ zwei inhaltliche Aspekte: „Herr Müller“ ist nicht „Frau Müller“; da geht es um das Geschlecht. Und „Herr im Haus“ meint die Person, die das Sagen hat, also die herrscht; das kann eine Dame sein oder ein Herr. In der Vergangenheit (leider allzu oft bis heute) hatten immer die Männer das Sagen (beanspruchten das jedenfalls). Da konnten leicht beide inhaltlichen Aspekte miteinander verschmelzen.

Ohne uns darüber Gedanken zu machen, haben wir in der Alltagssprache allerdings ein klares Gespür dafür, um welchen dieser Aspekte es jeweils geht.

Verblüffend erlebte ich nachhaltig – im Jahr 1976! – die Begegnung, bei der ein resoluter italienischer Mann sich mir vorstellte: „Giuseppe Caiafa.“ Meine Antwort: „Buon giorno, Signor Caiafa!“ Mit verneinend pendelndem Zeigefinger erwiderte er: „No! Caiafa!“ und fügte mit nach oben weisender Geste an: „Il Signore è sopra!“ Herr Caiafa – ich benenne ihn trotzdem so – unterschied markant zwischen dem Aspekt des Wortes „Herr“, der das Geschlecht bezeichnet, und dem anderen, der die Bedeutung einer Person bezeichnet, nämlich dass sie das Sagen hat, also „herrscht“.

Die Eins-Setzung von „Mann-Sein“ und „Herrschen“ bei der Verwendung des Wortes „Herr“ – die unbedacht die alte, Frauen diskriminierenden Herrschaftsverhältnisse zementiert – beflügelt die aktuelle „Gender“-Thematik.

Im Zusammenhang damit steht eine problematische Vermeidung des Wortes „herrschen“: Eine Facette der 1968er-Debatten ging ja um das Bestreben nach „herrschaftsfreier“ Politik und Wirtschaft, Erziehung und Alltagskultur. Allerdings führte das Ablehnen jeglicher „Herrschaft“ zu einer gewissen Blindheit in den eigenen Reihen für das in jeder Gruppendynamik unter Menschen unvermeidbare Phänomen, das mit dem Wort „herrschen“ gemeint ist. Der gesellschaftliche Alltag, die Politik und alle Beziehungen zwischen Menschen sind ja „geprägt“ von Kräften, von Personen, von Gegebenheiten, die das Ganze „bestimmen“ oder „beherrschen“.

Die Feststellung, jemand „beherrsche“ eine Gruppe, eignet sich zur Minderung der Sympathie in der Gruppe für diese Person. Und wer danach strebt, eine Gruppe zu „dominieren“, wird seine Bestrebung zu verschleiern versuchen. Ein Mechanismus, der gesellschaftliche Debatten befeuert. Dass die Arbeitgeberseite im Aufsichtsrat (die für das Interesse der Kapitalinvestoren vertraglich verpflichtet wurde) bei prägenden Entscheidungen so wenig wie möglich durch eine „Mit-Bestimmung“ der Arbeitnehmerseite beeinträchtigt werden möchte, wird dann durch taktische Verschleierungen unter der Decke gehalten.

Als ungerecht erkannte, undurchsichtig gehaltene Abläufe in Wirtschaft und Politik – genauso wie in einer Paarbeziehung – müssen, wenn sie in einem fairen Kräftespiel geheilt werden sollen, zunächst einmal transparent gemacht werden. Nur dann können in all diesen Feldern die allgemein anerkannten Normen und Werte die Abläufe in den menschlichen Realitäten zunehmend prägen.

Wer das aber vermeiden will, um seine eigene, bisher unauffällig gehaltene Beherrschung bestimmter Prozesse nicht zu gefährden, hat großes Interesse daran, dass überhaupt nicht von „herrschen“, „bestimmen“, „dominieren“ geredet wird. Als letzte Notlösung müssen dann „Sachzwänge“ herhalten, was wegen seines quasi-wissenschaftlichen Duftes neue Chancen in das Machtspiel einzuführen versucht.

Nun gibt es seit einigen Jahren in der Kirche eine – wie mir scheint, zunehmende – Zahl von Priestern, die Gottes Handeln fern von allem „Herrschen“ halten wollen. Sehr wahrscheinlich ist ihnen nicht bewusst, dass sie mit ihrer Sprache einen Trend fördern, der die Aufmerksamkeit für Herrschafts-Zusammenhänge trübt. Dass der dreifaltige Gott, an den Christen glauben, durch Jesus Christus und in der Einheit von Gottes Geist „herrscht“, scheint ihnen nicht zu gefallen. Sie ersetzen das durch persönlich formulierte andere Worte wie „der mit dir lebt und liebt …“ oder „… mit dir lebt und wirkt …“ oder „… lebt und Leben schenkt …“ Sicher alles zutreffende Aussagen! Aber wo bleibt da der Blick, der sich traut, unmenschliche Realitäten beim Namen zu nennen und den Finger in die Wunde zu legen – im Vertrauen auf den menschenfreundlichen Gott – wie die Bibel das von Jesus bezeugt, der seine Leute, die ihn als „Herr und Meister“ bekennen, mit Verweis auf sich selber zu einem alternativen Verhalten ermutigt:

Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Großen ihre Vollmacht gegen sie gebrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Wie der Menschensohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.
(Mt 20,25-28)

Wer andere zu einem Beten ver-leitet, das Gottes Qualität als „Herr anderer Art“ zu benennen vermeidet, verschleiert die Botschaft und die Hoffnung auf diesen Gott, der sich mit seinem anderen Stil anbietet, „groß und der Erste sein zu wollen“: als starke Alternative zu all den Herrschafts-Mechanismen, die es in unserer Gesellschaft an Humanität und Respekt vermissen lassen gegenüber Menschenwürde und Gemeinwohl. In meiner Wahrnehmung ist das eine Hoffnungslosigkeit, die das Beten der versammelten Gemeinden unangemessen be-„herrscht“!

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Rainer Petrak