Blogbeitrag

Collage Wahlplakate

Ideologie.Sucht.Vision.

23. September 2021

Sonntagsbotschaft zum 26. September 2021 (dem 26. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B), dem Tag der Wahl zum Deutschen Bundestag. 

Sicher nicht sind die Bibeltexte für diesen Sonntag so ausgewählt worden, um die Kirchgänger zu beeinflussen, wen und welche Partei sie in den Bundestag wählen. Wenn auch alle drei Lesungen den Eindruck erwecken könnten. Aber die Auswahl wurde schon vor einem halben Jahrhundert getroffen – für die katholischen Gottesdienste weltweit an diesem Sonntag – im Rahmen eines Drei-Jahres-Rhythmus.

Wenn also diese Bibelabschnitte beim Lesen oder Hören Zusammenhänge anklingen lassen zur Wahl in der aktuellen Situation, dann ist das Zufall. Allerdings – wenn es stimmt, dass aus den Worten der Bibel Gottes Wort an uns heute zu hören ist, sollte Er es dann sein, der das heute uns so „zufallen“ lässt? Der „Zufall“ erlaubt es, in einer Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit einige Anfragen in den Raum zu stellen.

Da ist im Buch Numeri, dem 4. Buch des Mose, die Rede von einer Etappe auf der Wüstenwanderung des alten Volkes Israel. Unter diversen Belastungen, die sich auf ihrem aktuellen Weg in die Freiheit ergeben, fangen sie an, die alten Zeiten ihrer Ausbeutung in Ägypten schönzureden, und sie jammern:

Wenn uns doch jemand Fleisch zu essen gäbe!
Wir denken an die Fische,
die wir in Ägypten umsonst zu essen bekamen,
an die Gurken und Melonen,
an den Lauch, die Zwiebeln und den Knoblauch –

kann ich gut nachfühlen

nichts bekommen wir zu sehen als immer nur Manna!“
(Numeri 11,4c-6)

Das hat der Engel Aloysius des Karl Valentin gut nachempfunden.

Mose weiß: Jetzt das Volk zusammenzuhalten für den weiteren Weg in die Zukunft, das wird schwierig. Er wählt daher siebzig Personen seines Vertrauens und zeichnet sie auf in einer Liste. Er versammelt sie, um die anstehenden Entscheidungen gemeinsam zu treffen und zu tragen. Gott sagt zu, dass er den Geist der Weisheit, den Mose ihm verdankt,
auch ihnen allen geben wird. Mose ist zwar skeptisch, ob das was bringt. Aber er ruft die siebzig aufgezeichneten Ältesten aus dem Lager heraus zum sogenannten Offenbarungszelt. Und sie kommen.

Der Herr kam in der Wolke herab
und redete mit Mose.
Er nahm etwas von dem Geist, der auf ihm ruhte,
und legte ihn auf die siebzig Ältesten.
Sobald der Geist auf ihnen ruhte,
redeten sie prophetisch.

Was heißt das: „prophetisch reden“? Im hebräischen Original, ähnlich auch in anderen altorientalischen Sprachen, stecken in dem Wortstamm nibbá beziehungsweise naví‘ Vorstellungen von Menschen, die etwas ausrufen, unter tiefem Einatmen ausstoßen, brummen, ja bellen oder begeistert verkünden – bis hin zur Raserei.

Die griechische Übersetzung profétes mit der Verbform pró-femi – „ich spreche aus“, „ich tue kund“ – verbindet die Bibel mit dem, was Gott sagen lässt: Von wem gesagt wird, dass er „prophetisch redet“, dessen Worte sind anerkannt als von Gott inspiriert. Der „Prophet“ ist von Begeisterung ergriffen, von Gottes Geist bestimmt. Die Beratungen dieser Versammlung der Siebzig mit Mose charakterisiert die Schriftlesung mit diesem Wort: „Sie redeten prophetisch.“

Der Bibelabschnitt erzählt dann von einem Zwischenfall:

Zwei Männer aber waren im Lager geblieben;
der eine hieß Eldad, der andere Medad.
Auch über sie kam der Geist.
Sie gehörten zu den Aufgezeichneten,
waren aber nicht zum Offenbarungszelt hinausgegangen.
Auch sie redeten prophetisch im Lager.
Ein junger Mann lief zu Mose und berichtete ihm:
Eldad und Medad sind im Lager
zu Propheten geworden.
Da ergriff Josua, der Sohn Nuns,
der von Jugend an der Diener des Mose gewesen war,
das Wort und sagte:
Mose, mein Herr, hindere sie daran!
Doch Mose sagte zu ihm:
Willst du dich für mich ereifern?
Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde,
wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte!
(Numeri 11,25-29)

Das ganze Volk soll gehört werden. Um aus politischen Willensentscheidungen Gesetze zu machen, die alle betreffen, sollen alle mitreden, ihre Sicht einbringen und ihr Interesse vertreten können – im Vertrauen darauf, dass auch aus ihrem Mund Gott sprechen kann, der die gute Verfassung des Volkes verantwortet!

Ein solches partizipatives Vorgehen, das alle Menschen im Blick hat, ist ganz und gar in Gottes Sinn. Davon redet die Bibel immer wieder. Der Prophet Joël zum Beispiel verkündet Gottes Vision so:

Ich werde meinen Geist ausgießen über alles Fleisch.
Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein,
eure Alten werden Träume haben
und eure jungen Männer haben Visionen.
Auch über Knechte und Mägde
werde ich meinen Geist ausgießen …
(Joël 3,1-2)

Ein Echo davon höre ich im ökumenischen Aufruf zur Wahl vom 1. September. Da sagen der Vorsitzende der Bischofskonferenz und der Ratsvorsitzende der EKD: „Eine lebendige Demokratie bedarf der Teilhabe, der Teilnahme und des Engagements der Menschen.“

Von der konkreten Gestaltung des Zusammenlebens im Gemeinwesen und von den ihr zugrundeliegenden Bestrebungen oder „Werten“ spricht die Zweite Lesung des Sonntags. Allerdings – wer die Botschaft aus dem Jakobusbrief (Jakobus 5,1-6) in die Nähe eines Zusammenhangs rückt zu einem Wahlprogramm oder einer Koalitionsvereinbarung, der wird sich veranlasst sehen, die Luft zwischen den Zähnen einzusaugen – entweder neugierig aufhorchend oder, um dagegen zur Attacke zu blasen:

Ihr Reichen,
weint nur und klagt
über das Elend, das über euch kommen wird!
Euer Reichtum
verfault,
und eure Kleider
sind von Motten zerfressen,
euer Gold und Silber
verrostet.
Ihr Rost
wird als Zeuge gegen euch auftreten
und euer Fleisch fressen wie Feuer.

Diese drastischen Bilder, in aktuelle Logik übertragen, rufen eine heftige Warnung aus angesichts der heutigen Schere zwischen Arm und Reich und zum polarisierten Streit darüber zwischen den Parteien: Am Reichtum nur festzuhalten, ohne ihn fürs Gemeinwohl einzusetzen, sei kurzsichtig, kontraproduktiv, selbstzerstörerisch. Und die Fortsetzung des Textes verlässt die Bildersprache und legt schonungslos den Finger in die klaffenden Wunden, unter denen die Mehrheit der Bevölkerung zu leiden hat, weil die Reichen der sozialen Verpflichtung nicht nachkommen, die ihrem Reichtum innewohnt, und sowohl in ihrem eigenen Verhalten als auch in der von ihnen gesteuerten Politik der großen Mehrheit Gerechtigkeit, Ausgleich der Belastungen und Solidarität verweigern: 

Noch in den letzten Tagen habt ihr Schätze gesammelt.

Statt euer „Vermögen“ in Wandel von Energie und Verkehr und so weiter zu investieren und so das Ende aufzuhalten?

Der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben,
der Lohn, den ihr ihnen vorenthalten habt,
schreit zum Himmel;
die Klagerufe derer, die eure Ernte eingebracht haben,
sind bis zu den Ohren des Herrn Zebaoth gedrungen.

Hunger-Mindestlohn bei Maximal-Mieten? Ignorierte Menschenrechtsverletzungen in euren globalen Lieferketten?

Ihr habt auf Erden geschwelgt und geprasst …

Ohne Lastenausgleich? Obwohl die Schere zwischen Arm und Reich so krass auseinanderklafft? Ist das der Sozialstaat, den ihr versprochen habt?

… und noch am Schlachttag habt ihr eure Herzen gemästet.
Verurteilt und umgebracht habt ihr den Gerechten,
er aber leistete euch keinen Widerstand.

Der schon genannte Wahlaufruf der Kirchen mahnt an den Einsatz für Menschenwürde, Gerechtigkeit und Solidarität: „Stärken Sie ein achtsames, solidarisches und gerechtes Miteinander!“ Denn: „Die Würde des Menschen bleibt oberster Maßstab für das Handeln in Politik und Gesellschaft in Europa.“

Das Evangelium des Sonntags greift eine Situation auf, die der in der Ersten Lesung gehörten Szene aus dem alten Buch Numeri ähnlich ist:

In jener Zeit
sagte Johannes, einer der Zwölf, zu Jesus:
Meister, wir haben gesehen,
wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb;
und wir versuchten, ihn daran zu hindern,
weil er uns nicht nachfolgt.
Jesus erwiderte: Hindert ihn nicht!
Keiner, der in meinem Namen eine Machttat vollbringt,
kann so leicht schlecht von mir reden.
Denn wer nicht gegen uns ist, …

… nur mit anderer Motivation oder in anderen Strukturen – Parteien, Verbänden, zivilgesellschaftlichen Initiativen, … – das Gleiche anstrebt wie wir, wenn auch vielleicht anders – …

der ist für uns. …
(Markus 9,38-41)

Davon sollten wir ausgehen. Gemeinsame Schnittmengen werden wir als Chancen erkennen und nutzen, um Dämonisches, Unmenschliches zu entmachten. Gottes Geist kann doch auch die erfüllen, die sich nicht uns angeschlossen und bei uns eingefügt haben. Statt sie hindern zu wollen, sie abzulehnen oder zu ignorieren, nehmen wir sie vertrauensvoll zur Kenntnis, kooperieren und koalieren mit ihnen. Das stärkt die Mitbestimmung in demokratischer Zivilgesellschaft. Das dient der fairen Auseinandersetzung.

Süchte und Ideologien aller Art spielen dann keine Rolle mehr. Gottes Vision von gelingender Menschlichkeit in dieser Welt bekommt dann neue Chancen!

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Rainer Petrak