Blogbeitrag

2014 Schatzkiste

Lust auf morgen

30. September 2021

Sonntagsbotschaft zum 3. Oktober 2021, dem 27. Sonntag im Jahreskreis im Lesejahr B.  

Eine Woche nach der Wahl. Tag der Deutschen Einheit. Einigkeit in Recht und Freiheit? Gleichwertige Lebensverhältnisse? Recht für alle? Freiheit für alle?

Oder darf’s für manche etwas mehr sein? Dann natürlich auch für andere etwas weniger! Sind da manche fürs System so relevant, dass man sie schonen muss? Ein bisschen Schummel-Software zwecks Erhaltung der Arbeitsplätze? Ein bisschen Dankbarkeit beim Bemessen der Steuerbelastung für Millionäre? Etwas mehr Geduld beim sozial-ökologischen Umbau?

„Und immer dieses ideologische Herumreiten mit der Menschenwürde! Durch abenteuerliche Flucht das eigene Leben in Gefahr bringen und dann unserm Sozialsystem auf der Tasche liegen!“

Die Wahrnehmung von Wirklichkeit nimmt zunehmend chaotische Züge an. Nicht nur in sogenannten sozialen Netzwerken. Der Wahlkampf hat wahre Abgründe aufgetan.

Um die eigene ideologische Verhaftung zu kaschieren, klebt man anderen Menschen das Etikett ideologischer Verbohrtheit an. Professionell manipulierende Rhetorik setzt Worte jenseits aller Sachlichkeit als Kampfbegriffe ein. Mit einem Griff in den Werkzeugkasten der Gehirnwäscher werden selbstverständliche und allgemein anerkannte Methoden in der Gestaltung des politischen Zusammenlebens zu geradezu stinkenden Abartigkeiten abqualifiziert: Verbote werden lächerlich gemacht und gelten plötzlich als Teufelswerk schlechthin, obwohl sie als elementare Schutzaufgabe des Staates für Recht und Freiheit der Menschen zwingend erforderlich sind. „Steuererhöhung“, „Steuerentlastung“ werden uns um die Ohren geschlagen, obwohl eine differenziert eingesetzte Steuerpolitik überall anerkannt ist als elementares politisches Steuerungsmittel.

Eine neue Redlichkeit ist angesagt!

Wer mit wem und wie regiert, hat das Recht und die Freiheit aller zu respektieren! Die unverletzliche, heilige Würde des Menschen verbietet Diffamierungen ebenso wie Privilegien. Der verfassungsmäßig verbriefte Sozialstaat regelt in Solidarität und Subsidiarität die unterschiedliche Verteilung der Belastungen, wo immer Aufgaben des Gemeinwohls bewältigt werden müssen. Ideologisch fundierte Dogmen von Eigengesetzlichkeiten der Wirtschaft oder von selbstregulierenden Kräften des Marktes müssen sich durch die Realitäten überprüfen lassen und messen lassen am Vorrang der Menschenwürde und der von ihr abgeleiteten Werte, Rechte und Pflichten.

Eigentlich hatte ich mich nur der Frage stellen wollen, zu welcher der aktuellen Gegebenheiten Gott wohl an diesem Sonntag durch die Bibeltexte, die da von vielen gemeinsam gehört werden, seine lebensdienliche Botschaft rüberbringen will. Zu welchem Aspekt der Situation, in der wir gemeinsam stehen, will er uns Wesentliches sagen, damit es gut weiter geht mit uns Menschen in unserer Welt?

Und bei diesem Plädoyer für eine neue Redlichkeit in unser aller Politik bin ich nun also angekommen. Wie kommt’s?

Beim Lesen der in der katholischen Ordnung für diesen Sonntag vorgesehenen Bibelabschnitte zeigen sich ja erst mal verschiedene „Themen“: der Mensch in der Schöpfung, das Alleinleben und die Ehe, was Jesus und sein Lebensweg damit zu tun hat, die Frage nach der Ehescheidung, der Respekt gegenüber den Kindern, Zugang zu dem, was die Bibel „Reich Gottes“ nennt, also zu seiner Herrschaft.

Noch nicht wirklich fündig geworden, las ich die Texte wiederholt sehr aufmerksam. Was mir dabei begegnete, möchte ich gerne in dieser Sonntagsbotschaft mit Ihnen teilen.

Vielleicht sollte ich vorher noch benennen, was mich seit einem Gespräch in den letzten Tagen davor immer wieder beschäftigt und meine Haltung mitbestimmt, in der ich auf Gottes Stimme zu hören versuche:

Da ist in Psalm 81 die Rede von einer belasteten Situation des Volkes. Sie wissen nicht mehr weiter und hören auf alle möglichen Stimmen und Meinungen. Da erinnert einer an die alte Geschichte von der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten:

„Eine Stimme höre ich, die ich noch nie vernahm:
Seine Schulter habe ich von der Bürde befreit,
seine Hände kamen los vom Lastkorb.“

Und dazu lässt sich ihm gleich Gottes Stimme hören, richtungweisend für die aktuelle Situation:

„Du riefst in der Not und ich riss dich heraus; …
… wolltest du doch auf mich hören!
… du sollst dich nicht niederwerfen vor einem fremden Gott.
Ich bin der HERR, dein Gott,
der dich heraufgeführt hat aus Ägypten. …
Doch mein Volk hat nicht auf meine Stimme gehört; …
Da überließ ich sie ihrem verstockten Herzen:
Sollen sie gehen nach ihren eigenen Plänen.
Ach, dass mein Volk doch auf mich hörte,
dass Israel gehen wollte auf meinen Wegen!
Wie bald würde ich … meine Hand gegen seine Bedränger wenden.
… Ich würde es nähren mit bestem Weizen,
dich sättigen mit Honig aus dem Felsen.“

Ach, dass mein Volk doch auf mich hörte! – Deshalb habe ich – sehr aufmerksam – die Bibelabschnitte für diesen Sonntag mir noch einmal vorgenommen.

Gott, der HERR, sprach:
„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.

Der Mensch – im hebräischen Original: ha-adam. Der Mensch – unabhängig von seinem Geschlecht. Der Mensch, allein – das ist nicht das Gelbe vom Ei.

Ich will ihm eine Hilfe machen,
die ihm ebenbürtig ist.“

„Ebenbürtig“: von gleicher Geburt – auf Augenhöhe miteinander. Ein Mensch allein bleibt angewiesen auf Hilfe, die ihm ebenbürtig ist.

Gott, der HERR, formte aus dem Erdboden
alle Tiere des Feldes
und alle Vögel des Himmels
und führte sie dem Menschen zu,
um zu sehen, wie er sie benennen würde.
Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte,
so sollte sein Name sein.
Der Mensch gab Namen allem Vieh,
den Vögeln des Himmels
und allen Tieren des Feldes.
Aber eine Hilfe, die dem Menschen ebenbürtig war
fand er nicht.

Der Mensch macht die Erfahrung: Über noch so viele Objekte kann er Macht ausüben über Sinn und Zweck, über Wesen und Namen seines Gegenübers, wozu es für ihn da sein soll – die ihm ebenbürtige Hilfe, auf die er angewiesen ist, findet er so nicht! Da muss sich der Mensch einen anderen Weg zeigen lassen:

Da ließ Gott, der HERR, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen,
sodass er einschlief,
nahm eine seiner Rippen
und verschloss ihre Stelle mit Fleisch.
Gott, der HERR, baute aus der Rippe,
die er vom Menschen genommen hatte,
eine Frau
und führte sie dem Menschen zu.
Und der Mensch sprach:
Das endlich ist Bein von meinem Bein
und Fleisch von meinem Fleisch.

(Genesis 2,18-23a)

Endlich ein weiterer Mensch! Ich und Du auf Augenhöhe! Du und Ich verschieden, aber ebenbürtig, von gleicher Geburt in Fleisch und Blut, in Bein und Fleisch! Gleicher Würde! Die Hilfe, auf die der Mensch angewiesen ist – der Mensch, ha-adam, der Mensch, die Menschheit!

Der Kern der Aussage dieser alten Erzählung ist auf dem Weg der Übersetzungen verschleiert worden.

Um das ursprünglich Gemeinte zu klären, hier dazu eine sprachliche Beobachtung zu dem Wort von der „Rippe des Adam“, aus der „die Frau gemacht“ sei:

Zunächst einmal: Der Artikel „ha“-adam, der Mensch, macht klar: Es geht hier nicht um einen bestimmten Mann mit dem Namen Adam, sondern um die allgemeine Bezeichnung „der Mensch“. Die Erzählung will von Gott her Licht bringen in die grundsätzliche Frage nach einem gelingenden Miteinander unter den Menschen.

Und dann das Wort „Rippe“: Das ist eine Übersetzung, die in die Irre führt. – Welche Vorstellungen hat schon das Wort „Rippe“ aus dieser Erzählung in unserem ganzen Kulturkreis hervorgerufen und bestärkt! Enggeführt auf die Beziehung zwischen Mann und Frau, hat es die Hybris von der Überlegenheit der Männer verfestigt, den Anspruch auf mehr Recht und mehr Macht der einen über die anderen. Wenn die Frau nur eine umgeformte Rippe des Mannes ist, ist sie ihm natürlich nicht ebenbürtig, sondern ihm untergeordnet. Humorvoll haben sich moderne Frauen dagegen gewehrt mit dem Wort: „Als Gott den Mann schuf, übte sie nur.“

Dabei enthält das ursprüngliche Wort, das hier mit „Rippe“ übersetzt ist, eine ganz andere Bedeutung. Das hebräische Original – von rechts nach links geschrieben. Die hier rot eingerahmten Worte: wajjiqqach achath mitzal’othau – auf Deutsch: und er nahm eine von seinen zela‘ – zela‘ üblicherweise mit „Rippe“ übersetzt. Zela‘ – dieses Wort – so zeigt es das Wörterbuch zur hebräischen Bibel – bezeichnet ansonsten eine Seite: die Seite eines Berges, eine Längsseite der Bundeslade und des mobilen, tragbaren Heiligtums für die Bundeslade auf der Wüstenwanderung, eine Seite des Altares oder auch einen Türflügel oder eine Hauswand. Allen diesen Verwendungen des Wortes zela‘ gemeinsam ist, dass sie die eine Seite eines Gegenstands, eines Berges, eines Hauses meinen. Die Erzählung aus dem Buch Genesis ist die einzige Bibelstelle, für die die Übersetzung des Wortes mit „Rippe“ angegeben ist. Anscheinend auf Grund bereits eingebürgerter sprachlicher Praxis, der diese Begründung für eine Minderung weiblicher Menschenwürde willkommen war.

Dabei ist selbst die griechische Übersetzung aus vorchristlicher Zeit, aus der in der abendländischen Tradition die Bibel ins Lateinische übersetzt wurde, durchaus dem Original treu: Da heißt es – wörtlich übersetzt: „Er nahm eine seiner πλευρών …“ Die Einzahlform „pleura“ heißt auch im Griechischen „die Seite“ – gemeint ist meistens die Seite des menschlichen Leibes oder auch die Seitenfläche eines Steins. Das Wörterbuch zur griechischen Bibel nennt nicht einmal das Wort „Rippe“ als eine mögliche Übersetzung von pleurá.

Und auch die lateinische Vulgata, die unsere Tradition sehr geprägt hat, übersetzt diese Stelle mit „tulit unam de costis eius“. Und was – in der Einzahlform – das Wort „costa“ in modernen europäischen Sprachen bedeutet, klingt uns schon in den Ohren: Küste, Seite.

Bei solcher sprachlicher Aufmerksamkeit verbindet sich mit dem Bibeltext eine ganz andere Vorstellung: Erst im ebenbürtigen Miteinander mit dem anderen Menschen erfährt sich der Mensch allein als „ein-seitig“ und angewiesen auf seine andere, ihm ebenbürtige Seite, die er im anderen Menschen entdeckt: „Endlich Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch!“

Der Mensch, der durch Gottes Wort zu dieser Sicht veranlasst wird, begreift, dass Gott es so gefügt hat und so will – und dass er diese Anerkennung der alles Miteinander beherrschenden gleichen Würde aller Menschen von uns dringend erwartet.

Daraus ergibt sich dann eine andere Beurteilung von Unterschieden in den Rechten und Chancen anderer Menschen, eine andere Bewertung ihrer Nöte und Not-Wendigkeiten:

Der Mensch, dem auch noch sein Mindestlohn krumm berechnet wird, ist lediglich die andere Seite des Menschen, der seine Millionen renditegierig zu speichern sucht. Angewiesen sind alle aufeinander, wenn das Miteinander der Menschen in Frieden und Gerechtigkeit gelingen soll. Die politisch verantwortlichen Organe der Menschheit müssen das gestalten.

Jesus hat dafür sein ganzes Leben eingesetzt. Als Modell des Menschen. Die Botschaft aus seinem Lebensweg durch Tod und Auferstehung hindurch hat er immer wieder in die Zusammenhänge unseres Horizonts hinein in Worte gefasst, die Licht in die Welt bringen – an diesem Sonntag zum Beispiel in den Zusammenhang unserer Erfahrung, wie in der Lebenssituation von Kindern dieses Aufeinander-Angewiesensein und die Anerkennung von Menschenwürde und Menschenrecht uns längst vertraut ist.

Da brachte man Kinder zu ihm, damit er sie berühre.
Die Jünger aber wiesen die Leute zurecht.
Als Jesus das sah, wurde er unwillig
und sagte zu ihnen:
Lasst die Kinder zu mir kommen;
hindert sie nicht daran!
Denn solchen wie ihnen gehört das Reich Gottes.
Amen, ich sage euch:
Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind,
der wird nicht hineinkommen.
Und er nahm die Kinder in seine Arme;
dann legte er ihnen die Hände auf
und segnete sie.
(Markus 10,13-16)

Der Mensch genießt das billige T-shirt, den immer verfügbaren Strom, den unerschöpflichen Vorrat an Fleisch und Wurst.

Der Mensch erschießt den Menschen mit der Waffe, deren Produktion und Handel den Menschen reich macht.

Der Mensch lebt auf Bergen aus importiertem Müll, vor dessen Menge der Mensch sich nicht mehr anders zu retten wusste.

Der Mensch im Kindesalter muss im Coltan-Abbau arbeiten; der Mensch macht damit reichen Gewinn.

Der Mensch ertrinkt auf dem Weg ins Leben; der Mensch zwingt ihn zur Rückkehr in den Tod.

Der Mensch verkauft sich und sein Recht; der Mensch kann sich das leisten.

Der Mensch lebt auf Kosten anderer Menschen; das kostet dem Menschen das Leben.

Vater unser im Himmel … Denn dein ist das Reich … in Ewigkeit.

Das „Amen“ – sollten Sie es hier vermissen – also die Bekräftigung und die Zustimmung zu diesem Anliegen – das ist Ihr Part.

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Rainer Petrak