Blogbeitrag

Mündig glauben

1. September 2014

Gedanken zu den Bibeltexten vom 31. August 2014
(22. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A)

– so ausgesprochen in den Predigten in Maria Königin und Allerheiligen, Maintal-Dörnigheim, und St. Bonifatius, Maintal-Hochstadt – mit Werbung für die Teilnahme an dem „Weg erwachsenen Glaubens“ unter dem Motto „Das Feuer neu entfachen“ (ab 8.9.2014 in Maintal-Hochstadt)

Zwischen Hingabe und Verweigerung, zwischen Selbstverleugnung und Selbstfindung

Schon dem Propheten Jeremia war es so ergangen: „Gewalt und Unterdrückung!“ muss er rufen; „so geht’s nicht weiter!“ Einerseits erfährt er sich von Gottes Wort gepackt und überwältigt; ein Feuer brennt da in seinem Herzen. Andererseits kommt er mit der Botschaft, mit der er sich beauftragt weiß, in die Bredouille: Die Einflussreichen gehen ihm ans Leder. Verhöhnt, ja gefoltert wird er dafür.

Ruf gegen Menschenhass (1992 Foto Janz)

Jesus, Gottes Wort in Person, wird dafür sogar getötet werden. Und er sieht es so kommen. „Das soll Gott verhüten!“, kann Petrus da nur sagen – weil er doch Jesus liebt und nachfolgt und auch weiterhin sein Jünger sein will. Jesus hatte ihn unmittelbar davor wegen seines Glaubens geradezu als Fels der Kirche seliggepriesen – wir haben es am vergangenen Sonntag gehört – . Aber zu dieser Sichtweise, die Petrus hier nachdrücklich einfordert, sagt Jesus: „Weg mit dir, Satan … !“

Ein heftiger Konflikt. Jesus hat andere Vorstellungen vom Leben: Wer mein Jünger sein will – also ein Christ sein will – , der löse sich von seinen konventionellen oder sonstwie angewöhnten Festlegungen.

Da stellen sich Fragen neu und eine Klärung ist nötig, Entschiedenheit – und zu wissen, was ich will, damit ich nicht permanent hin- und hergerissen werde: Welche Wege entfremden mich mir selbst? Und auf welchem Weg kann ich mich selbst verwirklichen? Und was heißt dabei „selbst“? Was gilt da und was ist wichtig – für Jesus, für Petrus, für mich und dich? – Gelernte Glaubensinhalte geben darauf keine Antwort.

Protest gegen Abend-Shopping am Gründonnerstag (2008 Foto Staab)

Einerseits sehne ich mich nach einem klar orientierten und gelingenden Leben. Und Unruhe ist dabei in meinem Herzen, weil ich längst ahne, dass die Erfüllung meiner Sehnsucht nach erfülltem Leben am besten bei dir aufgehoben ist, mein Herr und mein Gott! Andererseits aber lebe ich in dieser Welt mit allen ihren Einflüssen und Gesetzen und alles beherrschen wollenden Kräften.

„Gleicht euch nicht dieser Welt an,“ ermutigt Paulus, „sondern wandelt euch und erneuert euer Denken!“

Zum Beispiel???

  • Füge ich mich der um sich greifenden Erwartung, permanent erreichbar, verfügbar zu sein?
  • Ziehe ich mir den Schuh an, mein Wert messe sich an dem, wie viel ich habe und wie viel Leistung ich bringe?
  • Zählt mein und dein Menschenrecht als Gottes Ebenbild mehr als das Profit-Interesse reicher Leute und fordere ich das ein?
  • Teile ich Gottes Vorliebe für die Armen und Bedrängten? Oder teile ich die vorherrschende Vorliebe für die Jungen, Dynamischen und Erfolgreichen?
  • Lasse ich mich von den üblichen Problemen und Sorgen passiv klein machen? Oder nehme ich mit meiner vertrauensvollen Verankerung in Gott eher aktiv die real gegebenen Chancen wahr?
  • Traue ich dem Frieden, den Christus bringt? Oder setze ich lieber alle sich mir bietenden Mittel ein zur Durchsetzung dessen, was ich erreichen will?

Wenn es auf dem eigenen Lebensweg konkret wird mit der Nachfolge, mit dem Christsein, dem Glauben, dann kann das zur Zerreißprobe werden: Einerseits brennt da ein Feuer im Herzen wie bei Jeremia, andererseits muss ich doch bestehen vor den Erfordernissen des Lebens in unserer Gesellschaft!

Solidarität gegen Arbeitsplatzvernichtung (2012)

Damit Menschen mündig aufleben, legt Jesus sich mit seinen Gegnern an.

Das Evangelium von heute zeigt: Offensichtlich möchte Jesus, dass wir Menschen das Leben nicht einbüßen oder verlieren, sondern dass wir das Leben gewinnen, finden, erlangen … es sogar in Fülle erleben, wie er anderswo sagt, also erfüllt leben.

In seiner Sehnsucht nach einem gelingenden Leben für alle Menschen leidet Jesus dafür. Er gibt sich dafür hin – engagiert sich dafür bis hin zum Tod am Kreuz. Er leidet mit den Menschen, denen die Erfahrung von Gottes Liebe vorenthalten wird – manchmal sogar unter pervertierter Berufung auf ihn. Den Forderungen der Pharisäer nimmt er die Autorität, indem er Klartext spricht. Dabei nimmt er in Kauf, dass diese „Bescheidwisser“ ihn umbringen.

Diese Glaubenslehrer mit einer sehr fragwürdigen Herkunft ihrer Autorität haben den Sinn fürs Wesentliche verloren: den Sinn für eine eigene persönliche Beziehung zu Gott. Und nicht nur sich selber halten sie an ihren Regeln und sogenannten Wahrheiten fest, sondern sie verlangen das auch von allen anderen Menschen. Sie haben völlig aus dem Blick verloren, dass Gott mit seiner Liebe den Menschen helfen will und dass dafür alle Gebote da sind.

Beistand für Menschen in Not (2010 Foto Solcher)

Jesus kann es einfach nicht haben, wenn Menschen, die Gott suchen, unmündig gemacht werden, wenn ihnen Gottes liebevoll entlastende, Auswege eröffnende Wegweisung verdunkelt wird und stattdessen einengende Forderungen gestellt werden.

Jesus sagt Nein zu einer Kultur, in der die Menschen abhängig und unmündig gehalten werden. Er steht für eine kraftvolle Sehnsucht nach einer Klärung des eigenen „Selbst“-Verständnisses und nach entsprechender „Selbst“-Verwirklichung!

Und zu denen, die auf seine Stimme hören wollen, sagt er: Wer so viel Vertrauen zu mir aufbringt, dass er sich immer wieder von der Festlegung auf die üblichen menschlichen Sicherheiten löst; wer sich dabei von mir heraus locken lässt in das Wagnis, dabei vielleicht zu kurz zu kommen, weil er im Letzten die Sorge um das Gelingen seines Lebens mir anvertraut; dem wird es gehen wie mir: Dieser Mensch wird finden, was allein diese Bezeichnung wirklich verdient: das Leben.

Gott suchend (2009 Foto Solcher)

Wir selbst in diesem Konflikt – Standort, Problem, Chance

„Das Christentum erscheint heute vielen Menschen als eine von alten Geboten belastete Tradition, … nicht aber als persönliche Beziehung zu Jesus Christus“, sagte Kardinal Ratzinger, kurz bevor er Papst wurde. Wolle man aber den christlichen Glauben verstehen und als Quelle der Freude erleben, dann sei es entscheidend, an diesen grundlegenden Punkt einer persönlichen Christusbeziehung zu gelangen. Der jetzige Papst Franziskus hat das in seiner Schrift „Evangelii gaudium“ – die Freude des Evangeliums – ausführlich und in überzeugender Frische dargestellt.

Wie geht es denn Ihnen mit dem Christsein und dem Glauben? Ist Ihnen das eher etwas, das Sie – zusätzlich zu allem anderen Stress – einengend in die Pflicht nimmt und Ihnen selbst entfremdet? Oder ist das für Sie eher Quelle und Motor und Treibstoff für ein erfülltes Leben?

Nicht nur bei so genannten „Fernstehenden“ oder „Karteileichen“ der Kirche ist ja die Begeisterung für ein vom Glauben geprägtes Leben oft im Zustand eines gerade noch innen drinnen glimmenden Aschehaufens. Nein, auch als regelmäßiger Kirchgänger spürt man immer wieder so eine Fremdheit: Manches kann man nicht richtig mitvollziehen. Es kommt nicht von innen – man steht nicht dahinter … Kein Wunder: Von wem hab ich denn schon mitgekriegt, dass er – oder sie – wirklich dahinter steht und weiß, was er meint, wenn jemand sagt „Ich glaube“ oder „Amen“?! Ist es nicht so, dass auch für unsereins so manches wie eine seelenlose Pflichtübung wirkt und kraftlos oder gekünstelt oder aufgesetzt?

Vater und Sohn (2009 Foto Solcher)

Viele von uns haben es selber erlebt: eine Begeisterung – unangefochten – in Kinderjahren. Ja viele von uns waren in einer bestimmten Phase Feuer und Flamme für den Glauben, die Kirche, für Gott, … Und viele Eltern möchten das gerne auch heute ihren Kindern wieder möglich machen. Aber – viele Erwachsene sehen sich dann rettungslos überfordert, wenn sie den heranwachsenden Kindern die Fragen beantworten wollen, auf die sie mit ihrem eigenen persönlichen Glauben Rede und Antwort stehen sollen. Viele stecken da oft selber noch in den Kinderschuhen – oder sie erleben jedenfalls ihre eigene Klarheit und Kraft im Glauben so geschwächt und auf Sparflamme, dass daran jedenfalls niemand sein Glaubensfeuer entfachen kann, auch nicht das eigene Kind. Es fehlt uns doch weitgehend eine zuverlässig vorfindbare und nachhaltig tragfähige Art und Weise, erwachsen zu glauben: suchend, verantwortlich und frei, in der frohen Gewissheit um den liebenden Gott, in echter und lebendiger Beziehung zu ihm und in erfahrbarer Weggemeinschaft mit anderen, die das auch wollen.

Jeder einzelne Mensch ist ja gerufen, sich den Glauben persönlich zu eigen zu machen. Im Raum steht die Frage nach der Entschiedenheit, dem Feuer und der Lebendigkeit des eigenen Glaubens. Und auch ein in christlicher Umgebung aufgewachsener Mensch braucht die Erfahrung, dass ihn die Botschaft des Glaubens, dass ihn Gottes Zuwendung tatsächlich und immer wieder neu persönlich trifft.

Jedenfalls haben viele Menschen eine Sehnsucht danach – eine Sehnsucht, das Feuer neu zu entfachen. Eigentlich ist diese Sehnsucht Normalzustand und Wesensmerkmal von Christen in der Kirche: Im heutigen Tagesgebet aus dem Messbuch – zu Beginn dieser Feier haben wir es gemeinsam gebetet und Sie haben es mit Ihrem „Amen“ bekräftigt – hieß es: „Pflanze in unser Herz die Liebe zu deinem Namen ein!“

Ausprobieren einer gemeinsamen Wegstrecke

Aber wie kommen wir dahin, einen tauglichen Weg wirklich erwachsenen Glaubens zu finden, der unserer Sehnsucht nach einem erfüllten Leben mit Gott gerecht wird und auf dem das Feuer neu entfacht wird?!

Wie können wir dahin kommen, dass wir – aus dem Herzen, also aus einer starken inneren Haltung heraus – den Glauben an Jesus Christus leben und vertrauensvoll auf die Weisung Gottes achten? Wie können wir uns dabei gegenseitig beistehen – in der Kraft von Gottes liebendem Geist? Schließlich hat Gott sich ja daran gebunden: das sei der Weg, wie Menschen zur Fülle des Lebens gelangen.

Genau dazu lädt nun unter dem Motto „Das Feuer neu entfachen“ eine Wegstrecke gemeinsamen Glaubens ein, die wir in den Gemeinden des Pastoralverbunds mit dem Schnupperabend am 8. September in Hochstadt beginnen.

Im gemeinsamen Beten und Singen, beim Austausch in der Kleingruppe, im persönlichen Zeugnis von Mitarbeitern im Leitungs-Team, im Impuls-Vortrag und den schriftlichen Anregungen für die persönliche Besinnung zuhause geht es immer wieder um Gottes Angebot seiner Liebe und Freundschaft.

Auf dieses Angebot reagieren wir Menschen ja nicht nur einfach mit selbstverständlicher Offenheit, sondern auch mit Zurückhaltung und Ablehnung; es ist nicht selbstverständlich, diesem Angebot zu trauen. Natürlich will ich – wie jeder Mensch – glücklich leben! Aber traue ich die besten Chancen dafür Gott zu und meinem Glauben an ihn? Kann ich frei und mündig, verantwortlich und in innerer Stimmigkeit „Ja“ sagen zu Gottes Angebot?

Dementsprechend wollen auch die Impulse und Themen der 8 Doppel-Wochen behutsam und Schritt für Schritt zu einer lebendigeren Gottesbeziehung anregen. Er hat ja schließlich gesagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben!“

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Rainer Petrak