Blogbeitrag

Rainer Petrak

Seltsame Geschichte

26. Januar 2021

Sonntagsbotschaft zum 31. Januar 2021 (4. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B)

 Und / oder zum (Mit-)Lesen:

Ich fang mal einfach mit der Geschichte an, die als zentraler Bibeltext für diesen Sonntag in der katholischen Leseordnung vorgesehen ist (Markus 1,21-28):

In Kafarnaum
ging Jesus am Sabbat in die Synagoge
und lehrte.
Und die Menschen waren voll Staunen
über seine Lehre;
denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat,
nicht wie die Schriftgelehrten.
In ihrer Synagoge war ein Mensch,
der von einem unreinen Geist besessen war.
Der begann zu schreien:
Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret?
Bist du gekommen,
um uns ins Verderben zu stürzen?
Ich weiß, wer du bist:
der Heilige Gottes.
Da drohte ihm Jesus:
Schweig und verlass ihn!
Der unreine Geist
zerrte den Mann hin und her
und verließ ihn mit lautem Geschrei.
Da erschraken alle
und einer fragte den andern:
Was ist das?
Eine neue Lehre mit Vollmacht:
Sogar die unreinen Geister
gehorchen seinem Befehl.
Und sein Ruf verbreitete sich rasch
im ganzen Gebiet von Galiläa.

Wie kommt ein Mensch dazu, so etwas zu erzählen?

Und wie kommen andere dazu, das immer weiter zu erzählen, so dass das in den Text der Bibel aufgenommen wurde und bis heute auch in Gottesdiensten verkündet wird?

Warum frage ich so?

Weil eine solche Erzählung einem Menschen der Neuzeit seltsam vorkommt. Das erscheint ziemlich fremdartig und überhaupt nicht geeignet, Interesse an Jesus oder gar Verbundenheit mit ihm zu bestärken. Es taugt nicht als Wegweisung angesichts heutiger Probleme oder gar als „frohe Botschaft“ oder „gute Nachricht“ oder wie immer man auch das Wort „Evangelium“ übersetzen will. Daran ändert die Tatsache nichts, dass an diesem Sonntag ganz viele Menschen dem sich unmittelbar anschließenden Kommentar „Evangelium unseres Herrn Jesus Christus“ unbedacht rituell beipflichten werden mit dem dankbaren Freudenruf „Lob sei dir, Christus!“

Wer allerdings keine Scheu hat, erst mal zu dem zu stehen, was eine solche Erzählung tatsächlich in mir auslöst, auch wenn das „unfromm“ anmuten sollte, wird Fragen stellen. Ebenso wie der, der bei aller Fremdheit gegenüber einem solchen Text ihn nicht einfach zur Seite schiebt, sondern davon ausgeht und daran festhält, dass er irgendetwas Wichtiges vermitteln kann und will, was die Beziehung zu Jesus klärt und im Leben heute weiterbringt. Zu dieser Gruppe zähle ich mich und frage deshalb so und taste mich also heran.

Selbst wenn sich jemand aus reiner Fantasie eine solche Erzählung ausdenkt, ohne dass sich irgendetwas von dem Erzählten tatsächlich ereignet hat, steckt ja eine Absicht dahinter. Das kann theoretisch alles Mögliche sein: von der reinen Lust am Erdichten über eine Taktik in irgendeinem Machtgefüge oder religiöse Rechthaberei bis hin zu einer krankhaft verzerrten Wahrnehmung von Wirklichkeit. Jedenfalls will er bei Hörern oder Leserinnen seiner Erzählung eine Vorstellung von diesem Jesus wecken oder verstärken.

Und auch wenn ich aufgeschlossen bleibe für eine modern klingende Wahrnehmungskategorie der „Kompatibilität“ einer solchen Erzählung zu meinem Weltbild, werde ich auf der Suche nach meiner persönlichen Stellungnahme zu dem Text weiterkommen, wenn ich ihn mit dieser genannten Frage näher anschaue:

Welche Vorstellung von Jesus will hier geweckt oder gefördert werden?

Dann bin ich auch ganz nahe an einer Fragestellung, wie mein tief in mir sitzender Glaube sie mir nahelegt: Was willst du, mein Herr und mein Gott, mir und uns mit diesem Abschnitt der Bibel sagen und ans Herz legen? Und wenn ich mit dieser „Sonntagsbotschaft“ etwas „unter die Leute bringen kann“, was sollte das sein?

Okay. Ich schaue also in den Text und suche erst einmal nach Worten, mit denen der Erzähler das erzählte Geschehen beurteilt oder wertet und damit seine Zielsetzung transparent macht.

Da entdecke ich eigentlich nur die eine Aussage im Schlusssatz: „sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet“. Der Erzähler macht also darauf aufmerksam: Auch im Erleben und in der Einschätzung vieler anderer Augenzeugen hat dieser Jesus Menschen schwer beeindruckt, so dass bald die ganze Gegend von ihm redete.

Mehr kann ich hören, wenn ich der persönlichen Färbung nachspüre, die der Erzähler dem Text gibt:

Jesus geht am Sabbat zum Gottesdienst in die Synagoge. Er hält sich an die religiöse Ordnung. Er ist einer von ihnen. Er stellt sich auch der Verantwortung als männliches Gemeindemitglied – üblicherweise aufgerufen durch den Leiter des Gottesdienstes – und beteiligt sich an der „Lehre“.

Darin aber unterscheidet er sich von den anderen so sehr, dass alle über ihn staunen: Er redet so, dass er den Eindruck eines Bevollmächtigten macht, eines von Gott Bevollmächtigten, ähnlich einem Propheten. Und bei allem Eindruck von Kompetenz, den er erweckt, redet er doch anders als die in der Bibel Gelehrten, wie sie sie kannten.

Der mittlere Teil der Erzählung kommt mir vor wie ein Beispiel, das den Eindruck der „Vollmacht“ exemplarisch illustrieren soll, den der Erzähler von dem erstaunlichen Auftreten von Jesus vermitteln will bei seiner Begegnung mit einem – ich würde mal sagen – „Randalierer“ im Gottesdienst:

Der beginnt zu schreien – anscheinend während Jesus redet. „Uns“ ins Verderben zu stürzen, trete Jesus so auf. Leider bleibt offen, wen er mit „uns“ meint: die Bewohner des Ortes? die Teilnehmenden am Gottesdienst? oder die Anhänger einer bestimmten Glaubensrichtung wie etwa der Pharisäer? Oder meint er mit „uns“ eine hier nicht näher benannte, aber bestimmte Gruppe irgendeiner Art von Menschen, zu der er sich zählt?

Offensichtlich lehnt er Jesus ab: „Was haben wir mit dir zu tun!“ Er verdächtigt ihn, „uns“ ins Verderben stürzen zu wollen. Andererseits sagt er: „Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.“ Ist das eine Anerkennung?

Oder lehnt er auch Gott ab – obwohl er zum Sabbat-Gottesdienst in die Synagoge gekommen ist? Ist das vielleicht einfach ein „Verwirrter“?

Das Verhalten dieses Mannes nennt der Erzähler „besessen“, besessen „von einem unreinen Geist“. Für seine Sicht ist es also nicht dieser Mensch selbst, der sich so verhält. Sondern da ist eine bestimmte „Kraft“ (so benenne ich das jetzt), ein „Geist“ – ein „unreiner“ (was immer damit gemeint ist) – der sein Verhalten beherrscht. „Fremdbestimmt“ fällt mir dazu ein.

Jesus greift ein. Er „droht“, sagt der Erzähler. Wem droht er? Offensichtlich nicht dem Mann. Vielmehr zu dessen Schutz und in seinem Interesse oder – je nach deutender Sichtweise – zu seiner Befreiung oder zur Wiederherstellung seiner Autonomie will er dem ein Ende setzen, dass dieser „Geist“ den Mann beherrscht. Das ist ein Kampf, bei dem der Mann „hin- und hergerissen“ ist und laut herumschreit.

Aus dem Text ist nicht zu erkennen, ob er die ganze Auseinandersetzung räumlich auf die Synagoge und zeitlich auf die Dauer des Gottesdienstes lokalisiert meint oder ob er einen länger dauernden, anschließend sich fortsetzenden Prozess beschreibt. Was Jesus dabei getan und gesagt hat, wird leider nur zusammenfassend benannt als drohendes „Schweig und verlass ihn!“

Dass Jesus mit seinem Eingreifen Erfolg hat, erschreckt alle – wie der Evangelist erzählt: „Was ist das? Eine neue Lehre mit Vollmacht: Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.“

Nun hat man zur damaligen Zeit bei Verhaltensauffälligkeiten von Menschen öfter als heute in europäisch geprägten Kulturen von „Besessenheit“ gesprochen und von „Geistern“ und „Dämonen“. Aber wenn – wie das immer wieder geschah – Menschen von Dämonenaustreibungen, von „Exorzismen“ erzählten, legten die Erzählungen davon immer Wert auf Einzelheiten, wie der jeweilige Exorzist das so toll hingekriegt hat.

Wenn so etwas auch die Absicht des hier erzählenden Evangelisten gewesen wäre, hätte er nicht so karg formuliert. Seine Absicht, mit der er hier erzählt, muss etwas anderes gewesen sein, als Jesus in einer Reihe von vielen „Dämonenaustreibern“ als besonders spektakulär nach ganz vorn zu stellen.

In der Reihe der Erzählungen in seinem Evangelium fügt sich diese aber ein als eines von vielen Beispielen, mit denen er bezeugt: Viele Menschen schon haben Jesus als von Gott Bevollmächtigten erkannt, der unter heftigen Auseinandersetzungen – schließlich bis zum Tod am Kreuz – Herrschaften durcheinanderbringt und Menschen, die unter ihnen zu leiden haben, zu sich selber befreit.

Das ist so zum Staunen, dass sich sein Ruf schnell ausbreitet. Offensichtlich will der Evangelist dazu beitragen. Und ich auch.

„Lob sei dir, Christus!“

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Rainer Petrak