Blogbeitrag

Messeturm

Überwältigt

12. Dezember 2020

„Von Gott überwältigt“. In dem Buch mit Gedanken von Madeleine Delbrêl, das ich von Hilary geschenkt bekommen und als Urlaubslektüre nach Kreta mitgenommen hatte, stieß ich auf eine Deutung von Lebenserfahrungen: „von Gott überwältigt“. Ich fragte mich, ob es das auch in meiner Lebensgeschichte gibt.

Ich fange an: Gelegentlich in meinem Leben habe ich mich „überwältigt“ gesehen.
„Überwältigt“ von wem oder was? Und was heißt das eigentlich und was meine ich damit – „überwältigt“? „Waltet“ da etwas oder jemand „über“mäßig? Hat es gar etwas mit „Ge-walt“ zu tun?

Habe ich mich schon mal von Gott überwältigt erlebt? Was ist da geschehen, was habe ich da erlebt, wovon ich sage, ich habe mich „überwältigt“ gesehen? Und inwiefern hatte Gott da seine Finger im Spiel?

Erinnerungen kommen auf und bieten sich zur Verknüpfung an –

Erinnerungen aus biblischer „Distanz“:

  • Jakob/Israel kämpft mit dem „Mann“ (Gott) am Ufer des Jabbok (Genesis 32,27). Nachdem der ihm die Hüfte ausgerenkt hat: „Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest.“
  • Der schwach gewordene und dann wegen seiner Kraft blind gemachte Simson ruft: Herr und Gott, denk doch an mich und gib mir nur noch dieses eine Mal Kraft! Und er ertastet die beiden Mittelsäulen, auf denen das Haus fest aufruht, und stemmt sich gegen sie. Er streckt sich mit aller Kraft und das Haus stürzt über den Fürsten und über allen Leuten, die darin sind, zusammen. (Richter 16,28-30)
  • Judas, der mit glühendem Eifer Jesus anhing, aber nicht damit klar kam, dass sein Weg ein ganz anderer war, so dass er in seiner Verzweiflung nur noch ihn ausliefern und sich selbst das Leben nehmen konnte.
  • Saulus, der mit aller Kraft sich um die Eliminierung der Jesus-Jünger mühte, dabei blind vom Ross fiel und sich zum Jesus-Verkünder für die ganze Welt gemacht sah.
  • „Er zog mich heraus aus gewaltigen Wassern. Er entriss mich meinem mächtigen Feind. … Er führte mich hinaus ins Weite, er befreite mich …“ Und dafür setzt ER alles in Bewegung: „Da wankte und schwankte die Erde, …“ Und wie kommt‘s? „In meiner Not rief ich zum HERRN und schrie zu meinem Gott, …“ Kein Wunder – oder eben doch das Wunder von Gottes Liebe? – , dass der so Überwältigte IHN nur bejubeln kann: „Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke, HERR, du mein Fels und meine Burg und mein Retter; …“ (Psalm 18)

Erinnerungen aus biografischer „Nähe“:

  • Mein Vater (längst bin ich versöhnt mit ihm) schlug erbarmungslos auf meine Mutter ein, die schon auf dem Küchenfußboden lag, und wir drei Kinder standen fassungs- und hilflos heulend dabei: „Vati, hör doch auf!“
  • Erstkommunion mit 12. Nach dem Kommunionempfang ging ich in die Bank zurück und kniete an meinem Platz zum Beten nieder. Ich konnte nur noch in mich hinein heulen: „Du, Jesus, kommst zu mir! Wo ich doch ein so schlechter Mensch bin!“ Ich bemühte mich sehr, dass mein Vater, der in der Bank hinter mir saß, nichts von meinem Weinen mitbekam.
  • Mein Vater kam nach 6 Wochen wieder mal „nach Hause“. Da ich ja in der Zeit garantiert Schlimmes angestellt hatte, musste ich den Teppichklopfer holen, damit er mich damit verprügelt. Mit gefalteten Händen fiel ich vor ihm auf die Knie und fing laut an: „Vater unser im Himmel …“ Mein Vater rastete aus.
  • Der Weihrauch brachte mich um die Sinne und ich spürte, wie ich – als Messdiener an der Altarstufe knieend – langsam nach links wegkippte. Ich blieb innerlich ruhig; ich wusste ja: Hier kann mir nichts passieren. Da griffen zwei Arme von hinten. Frau Erb hatte es gemerkt. An der frischen Luft tätschelte sie mich auf ihrem Schoß; schnell ging es mir gut.
  • Erste Liebe. Nicht zu fassen: Es ist so gut, mit dir zusammen zu sein!
  • Als Kaplan bei der Gemeinde-Fastnacht. Ich musste jetzt fröhlich sein. Aber an diesem Tag war der Bruch meiner Ehe absehbar geworden. Mein Gegenüber am Tisch, in Scheidung, vor ihrem Mann geflohen, sah meine Augen und wie es mich schüttelte. Ahnend: „Kann ich da mitreden?“ Dammbruch.
  • Ungewöhnlich genug, als katholischer Priester verheiratet zu sein und mit Familie zu leben. Aber geschieden? So fiel mir ein Gebirge von Steinen vom Herzen, als Bischof Kempf mir sagen ließ: Auch wenn Ihre Ehe zur Scheidung kommt, wäre das für mich kein Grund, Sie nicht weiterhin als Priester in der Gemeindeseelsorge einzusetzen.
  • Mit meinem Sohn ging ich in der mondlosen Nacht dem abgelegenen griechischen Strand entlang zu unserer Unterkunft. Immer wieder blieben wir – beide überwältigt – stehen: Eine solche Menge dicht beieinander stehender Sterne, die den Himmel geradezu füllten, habe ich in meinem Leben bisher nie wieder gesehen.
  • Ostermontag, beim Rausgehen aus der Kirche. „Herr Pfarrer, helfen Sie mir!“ Nach 10 Jahren illegalen Aufenthalts und als Haussklavin gehalten, wollte die 23-Jährige „normal“ leben. „Ich bin jetzt erwachsen. Ich muss da raus!“ Mit dem Ausländerrecht vertraut, wusste ich: Da ist nichts zu machen. Ich wusste aber auch: Ich kann da nicht Nein sagen; das geht nicht! Eine Reihe von verblüffend erfolgreichen Schritten führte tatsächlich zu Berufsabschluss, Daueraufenthaltsrecht, …
  • Flug mit dem Hubschrauber über den Grand Canyon. Ich wollte so gerne fotografieren. Aber immer wieder musste ich erst mal die Brille absetzen und die überschwemmten Augen trocknen. Ich war einfach überwältigt.
  • In den letzten Jahren erlebe ich immer häufiger ein großes Staunen über Lebendes: Unglaublich, wie „durchdacht“ nicht nur die wunderschöne Blüte „konstruiert“ ist, sondern durch das Anlocken von Insekten für Tier und Mensch Nahrung hervorbringt und durch das Mutieren zur Frucht für die eigene Vermehrung und Bestandswahrung sorgt! Und wie diese Fliege es schafft, mit ihren winzigen Gliedmaßen sich zu bewegen, ja zu fliegen und mit ihrem funktionierenden Stoffwechsel eine ganze Serie unnachahmlicher chemischer „Fabriken“ in ihrem Organismus zu vereinen! Ganz zu schweigen von meiner neu gewachsenen geradezu ehrfürchtigen Verwunderung bei der Begegnung mit Kindern, wenn ich ihre Art wahrnehme, wie sie ihrer Umgebung begegnen und ihre eigene Persönlichkeit entfalten.
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Rainer Petrak