Blogbeitrag

KAB-Foto von Martin Mohr

Unruhige Zeit – was will ich?

9. September 2021

Sonntagsbotschaft zum 12. September 2021  (dem 24. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B) 

Unruhig geht es zu in diesen Tagen: vierte Welle der Pandemie, Bundestagswahl mit unwägbarem Ausgang, Krisen weltweit um Gewalt und Klima und Unmenschlichkeiten. Dazu die persönlichen Probleme.

Licht am Ende des Tunnels?

Was wollen da Menschen?

Was will Gott?

Und was will ich?

Gibt es da eine Botschaft, einen Weg?

„Evangelium“, also eine Nachricht, die Freude auslöst, will an diesem Sonntag ein Abschnitt aus dem Markus-Evangelium werden (Markus 8,27-35), der erst einmal gar nicht gut klingt:

Jesus ging mit seinen Jüngern
in die Dörfer bei Cäsarea Philippi.
Auf dem Weg fragte er die Jünger:
Für wen halten mich die Menschen?
Sie sagten zu ihm: Einige für Johannes den Täufer,
andere für Elija,
wieder andere für sonst einen von den Propheten.
Da fragte er sie: Ihr aber,
für wen haltet ihr mich?
Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Christus!
Doch er gebot ihnen, niemandem etwas über ihn zu sagen.

Warum sollen sie nicht weitersagen, dass er „der Christus“ ist? Den erwarten doch die Leute schon so lange: den verheißenen „Messias“-König, der endlich Gottes Herrschaft bringt!

Aber die Leute machen sich eine falsche Vorstellung von ihm. Die zu korrigieren, dürfte schwierig werden. Das zeigt sich sogar bei seinen Jüngern, die ihn doch eigentlich kennen sollten. Bei ihnen beginnt er schon mal. Ob es ihm gelingen wird, wenigstens ihnen ihr Bild vom Christus, dem von Gott gesandten Menschensohn zu korrigieren?

Dann begann er, sie darüber zu belehren:
Der Menschensohn muss vieles erleiden
und von den Ältesten,
den Hohepriestern und den Schriftgelehrten
verworfen werden;
er muss getötet werden …

Warum? Wie kommt’s?

… und nach drei Tagen auferstehen.

Ist das nach seiner Auferstehung hier eingefügt worden? Jesus, ganz Mensch – er akzeptiert seinen Leidensweg bis zum Tod, ohne vorab von seiner Auferstehung zu wissen! Unsereins allerdings liegt die Versuchung nahe zu sagen: „Wenn er hinterher aufersteht, ist es ja halb so schlimm“. Das hilft dann, nicht wie Petrus ihm zu widersprechen!

Und er redete mit Freimut darüber.
Da nahm ihn Petrus beiseite
und begann, ihn zurechtzuweisen.
Jesus aber wandte sich um,
sah seine Jünger an
und wies Petrus mit den Worten zurecht:
Tritt hinter mich, du Satan!
Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will,
sondern was die Menschen wollen.

Was Gott will? Und was die Menschen wollen? Wo liegt der Unterschied?

Gott will nicht mit Gewalt ein humanes Miteinander durchsetzen. Mit Liebe wirbt er dafür, dass die Menschen das selber wollen und dann auch wirklich ein glückendes humanes Miteinander praktizieren.

Erst wenn Menschen sehen können, dass ihm das noch wichtiger ist als sein eigenes Leben, das er damit für sie aufs Spiel setzt, erst dann kann er sie damit anstecken, das selber auch wirklich zu wollen, das eigene persönliche Interesse hintanzustellen und sich ebenfalls liebend dafür einzusetzen.

Und wenn dann gar Menschen in ihm Gott erkennen, der sich so hingibt, entfaltet das die stärkstmögliche Überzeugungskraft, aus der man dann nur noch anbetend sich mit ihm und seinem Tun identifizieren kann. Damit sein Wille maximal geschieht und das Reich Gottes Gegenwart wird: ein gut gelingendes, glückendes Leben der Menschen – mit dem Wissen, dass Gott in seine geschenkte Vollendung hineinführt!

Und Jesus „weiß“: Er muss jetzt bis zur letzten Konsequenz Gottes Willen offenkundig machen – und, dass er dazu voll und ganz steht – mit seinem Leben! Damit die Menschen endlich sich darauf einlassen und die neue Welt beginnen kann! Deswegen:  

Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte:
Wenn einer hinter mir hergehen will,
verleugne er sich selbst,      

dann stelle auch er sein eigenes vitales „Interesse“ hintan

nehme sein Kreuz auf sich  

mache sich das also zu eigen – Gottes Ziel eines glückenden menschlichen Lebens für alle – 

und folge mir nach.

– im neuen Selbstverständnis gemeinsam mit Jesus.

Denn wer sein Leben retten will,
wird es verlieren;

Bei Festhalten am Vorrang des eigenen Interesses bleibt alles beim Alten!

wer aber sein Leben
um meinetwillen
und um des Evangeliums willen
verliert,
wird es retten.                   

– wird über sich selber hinaus sich als eins erfahren mit dem, der alle und alles rettet.

Diese neue Einstellung zum Leben mit ihm lag Gott schon immer am Herzen. Die Kirche hat diesem Evangeliums-Abschnitt als Erste Lesung und als Antwortpsalm zwei Texte aus dem Alten Testament zugeordnet, mit deren Hilfe man sich in diese Haltung hinein erproben kann:

GOTT, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet.
Ich aber wehrte mich nicht
und wich nicht zurück.
Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen,
und meine Wange denen, die mir den Bart ausrissen.
Mein Gesicht verbarg ich nicht
vor Schmähungen und Speichel.
GOTT, der Herr, wird mir helfen;
darum werde ich nicht in Schande enden.
Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel;
ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate.
Er, der mich freispricht, ist nahe.
Wer will mit mir streiten?
Lasst uns zusammen vortreten!
Wer ist mein Gegner im Rechtsstreit?
Er trete zu mir heran.
Siehe,
GOTT, der Herr, wird mir helfen.
(Jesaja 50,5-9a)

Ich gehe meinen Weg vor Gott im Lande der Lebenden. (Kv)

Ich liebe den HERRN;
denn er hört meine Stimme, mein Flehen um Gnade.
Ja, er hat sein Ohr mir zugeneigt,
alle meine Tage will ich zu ihm rufen. – Kv

Mich umfingen Fesseln des Todes,
Bedrängnisse der Unterwelt haben mich getroffen,
Bedrängnis und Kummer treffen mich.
Ich rief den Namen des HERRN:
„Ach HERR, rette mein Leben!“ – Kv

Gnädig ist der HERR und gerecht,
unser Gott erbarmt sich.
Arglose behütet der HERR.
Ich war schwach, er hat mich gerettet. – Kv

Ja, du hast mein Leben dem Tod entrissen,
mein Auge den Tränen,
meinen Fuß dem Straucheln.
So gehe ich meinen Weg vor dem HERRN
im Land der Lebenden. – Kv

(Psalm 116,1-9)

Auf die Frage nach „meiner liebsten Bibelstelle“ im Zusammenhang mit Passion und Ostern veröffentlichte die Kirchenzeitung DER SONNTAG vom 8. April 2012 meine Antwort:

„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Markus 8,34)

Düsternis löst das vielen aus. Mir nicht: Jesus verhilft vielen zu neuer Lebensqualität. Inbegriff seines Lebens. Da können ihn auch Gegner nicht bremsen. Den Tod nimmt er hin. Auf das Leben der Menschen rettend einwirken ist ihm wichtiger. – Wer das erlebt hat, sucht es wieder. Wer das düstere Gottesbild loslässt in Umkehr zu dem Gott, der gnädig und barmherzig ist, wird auch sein eigenes altes Lebenskonzept loslassen und zu einer neuen Sicht vom Leben kommen. Dann Zeuge für Gottes Herrschaft sein, kann riskant werden: Gottes Option für die Armen ist anstößig! Den Vorrang der Arbeit im Konflikt mit dem Kapital bekämpfen die Mächtigen! – Aber: Ärger in Konflikten, weil man gerne Jesus nachfolgt, ist das „Kreuz“. Da ich mich Christus darin verbunden weiß, ist es mir Lebensfülle!

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Rainer Petrak