Blogbeitrag

Lernfähig

2. September 2021

Sonntagsbotschaft zum 5. September 2021  (dem 23. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B)

Kennen Sie den Spruch „Anderswo Appetit holen geht ja, aber gegessen wird zuhause“? Und sind Sie mit dem Spruch gleicher Meinung? Wenn Sie das einem Gastronomen sagen, nachdem Sie das „Amuse-Gueule“ auf Kosten des Hauses genossen haben, jetzt aber nur das Getränk bezahlen und dann gehen wollen, wird der Ihnen was erzählen!

Es kommt halt – wie immer – darauf an, auf welchen Zusammenhang ich ein Wort beziehe. Nicht nur beim Sprechen, auch beim Hören. Die Aussage „Du musst dich immer links halten“ bedeutet sehr Unterschiedliches – je nachdem, worauf sie sich bezieht: ob das der Kommentar auf eine geäußerte Unsicherheit in der politischen Meinungsbildung ist oder aber ob das auf die Frage antwortet „Wie muss ich denn von hier aus fahren, um ans Offenbacher Mainufer zu kommen?“

Oft bleibt völlig unklar, aus welchem Zusammenhang ein Bibelabschnitt stammt, der im Gottesdienst vorgelesen wird. Dementsprechend verleitet das dann zur Willkür, für welchen Zusammenhang im heutigen Leben er gemeint sein oder taugen könnte.

Der Abschnitt aus dem Markus-Evangelium, den die katholische Gottesdienst-Ordnung für diesen Sonntag vorsieht, ist ein typisches Beispiel für dieses Problem:

In jener Zeit
verließ Jesus das Gebiet von Tyrus
und kam über Sidon an den See von Galiläa,
mitten in das Gebiet der Dekapolis.
Da brachten sie zu ihm einen,
der taub war und stammelte,
und baten ihn, er möge ihm die Hand auflegen.
Er nahm ihn beiseite,
von der Menge weg,
legte ihm die Finger in die Ohren
und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel;
danach blickte er zum Himmel auf,
seufzte
und sagte zu ihm: Effata!,
das heißt: Öffne dich!
Sogleich öffneten sich seine Ohren,
seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit
und er konnte richtig reden.
Jesus verbot ihnen, jemandem davon zu erzählen.
Doch je mehr er es ihnen verbot,
desto mehr verkündeten sie es.
Sie staunten über alle Maßen
und sagten: Er hat alles gut gemacht;
er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.
(Markus 7,31-37)

Die äußeren Umstände der Situation sind zwar anscheinend ganz klar. Aber warum wird das erzählt? Was ist dem Erzähler, dem Evangelisten daran wichtig? Und welche Wirkung will dieser Text bei den Hörenden auslösen?

Beim ersten schnellen Hinschauen ergibt sich der Eindruck, auch wir sollten halt staunen über die unglaubliche Fähigkeit von Jesus, mit der er kranke Menschen gesund gemacht hat.

Allerdings löst das dann viele Fragen aus: Warum sollte uns das heute wichtig sein, so dass wir uns das anhören sollen? Warum hat Jesus verboten, jemandem davon zu erzählen, und der Evangelist Markus erzählt es trotzdem?

Beim näheren Hinschauen kommen weitere Fragen auf:

Warum diese ausführlichen Ortsangaben?

Was bedeutet es den Menschen damals, wenn einer dem andern die Hand auflegt, wie sie es von Jesus für diesen Mann erbitten? Ist damit eine Geste zärtlicher oder freundlicher Zuwendung gemeint? Oder ist es eine magische Geste?

Genauso das Wort „Effata!“: Warum in diesem übersetzten Text hier plötzlich ein Wort in der aramäischen Ursprache? Klingt auch wie eine magische Formel. Soll Jesus uns als Zauberer dargestellt werden? Warum geht er dann aber mit dem Mann von der Menge weg? Da können doch die Leute gar nicht sehen, was er mit ihm macht! Ein Magier, von denen es damals viele gab, macht doch aus seinen Kunststückchen immer eine Vorführung, so dass die Leute mehr Gesprächsstoff haben, um die Bewunderung für ihn auszubreiten! Jesus nicht. Er nimmt ihn von der Menge weg.

Und wer war dann trotzdem dabei, um die Details erzählen zu können?

Was bedeutet sein Blick zum Himmel?

Und seltsam: Er berührt die Zunge des Mannes mit Speichel – anscheinend doch mit seinem eigenen Speichel – von Jesus. Wie? Mit dem Finger? Oder mit seiner eigenen Zunge? Jedenfalls für unsereins sehr ungewöhnlich, vielleicht ekelig oder peinlich. Das muss einen Grund haben, muss etwas zu bedeuten haben – aber was?

Allen möglichen diversen Kommentierungen dürfte eine Vorstellung gemeinsam sein: Es geht hier jedenfalls um eine sehr persönliche Zuwendung. Vielleicht kann man es „Intimität“ nennen? Das würde dann dazu passen, dass Jesus dieses Geschehen den gaffenden Blicken der Menge entzieht.

Eine sehr persönliche Begegnung. Die therapeutische Wirkung für den Menschen ist enorm: Eine Revolution in seinen Fähigkeiten zur Entfaltung eines erfüllten Lebens! „Er konnte richtig reden!“

Wer öfter schon in der Bibel gelesen hat, wird weitere Fragen an den Text stellen:

Die staunenden Leute werden zitiert mit „Er hat alles gut gemacht.“ und mit dem Satz „Er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen!“ Hier war ja nur von einem die Rede. Ich habe den Evangelisten im Verdacht: Das ist sein eigener Kommentar aus seiner Kenntnis der Bibel.

Sagt den Verzagten:
Seid stark,
fürchtet euch nicht!
Seht, euer Gott!
Die Rache kommt, die Vergeltung Gottes!
Er selbst kommt und wird euch retten.
Dann werden die Augen der Blinden aufgetan
und die Ohren der Tauben werden geöffnet.
Dann springt der Lahme wie ein Hirsch
und die Zunge des Stummen frohlockt.
Die vom HERRN Befreiten kehren zurück
und kommen zum Zion mit Frohlocken.
Ewige Freude ist auf ihren Häuptern,
Jubel und Freude stellen sich ein,
Kummer und Seufzen entfliehen.
(Jesaja 35,4-6a.10)

Diese Aussagen aus dem alten Buch des Propheten Jesaja eignen sich gut, die Überzeugung des Evangelisten weiterzugeben, dass sich in diesem Ereignis Gott selber gezeigt hat, der Schöpfer von Himmel und Erde, der „alles gut gemacht“ hat. Und: Dieser Jesus ist genau der, dessen Kommen Gott in der Bibel immer wieder dem auf alle möglichen Weisen leidenden Volk für die Zukunft verspricht – mal unter dem Namen „der Menschensohn“, mal als „der Messias“, der Gesalbte, der König, mal als „der Sohn Davids“, also der König aus den eigenen Reihen, mit dem dann alle Fremdbestimmung des Volkes endet: „Die vom HERRN Befreiten kehren zurück und kommen zum Zion mit Frohlocken.“

Allen diesen diversen Vorstellungen aus dem Alten Testament ist gemeinsam: Wenn der „kommt“, können die Menschen richtig aufleben! Eine Power dieser Art steckt in den zwei Zitaten, in denen dieser Abschnitt gipfelt!

Und wenn man in diesem Zusammenhang den ersten Satz beachtet mit seinen – für Markus jedenfalls – ungewöhnlich ausführlichen Ortsangaben, dann fällt auf: Alle genannten Ortsbezeichnungen – Tyrus, Sidon, die Dekapolis – sind in der Bibel wiederholt als Gebiete bezeichnet, in denen sogenannte „Heiden“ leben – also Menschen, die gar nicht zu der Religionsgemeinschaft beziehungsweise zu dem Volk gehören, für die die alten Heilszusagen der Bibel verkündet waren! Will der Evangelist damit betonen: Diese Botschaft gilt für alle Welt!?

Um das aber nicht mit einer Schublade von Zauberei oder Magie zu verwechseln, geschieht das „weg von der Menge“; sichtbar werden soll das Ergebnis: die Befreiung des Menschen zu sich selbst und zu neuen Möglichkeiten für ein gelingendes Leben mit dieser Welt!

Dass der Schlüssel dazu Jesus ist und die persönliche Beziehung zu ihm, das wird ihnen erst dann aufgehen, wenn mit Tod und Auferstehung von Jesus der große Zusammenhang deutlich wird, in dessen Berücksichtigung erst Sinn und Bedeutsamkeit dieses Geschehens deutlich und verständlich wird.

Und damit so etwas Unglaubliches von jedem einzelnen Menschen wie auch von allen gemeinsam wirklich gesehen, verstanden und geglaubt werden kann, muss man sich für den so handelnden Gott erst einmal aufschließen und öffnen, die aus Erziehung, Kultur und Biographie bedingte Verschlossenheit gegenüber diesem Neuen aufgeben.

Dafür also diese persönliche, überzeugende, ja überwältigende Begegnung:

Da lässt der Mensch sich darauf ein, das macht ihn aufgeschlossen – wie neu geboren, neu geschaffen: „Effata!“ Öffne dich! Wie ein Richterspruch: Du bist frei! Der so neu geschaffene Mensch kann jetzt nur noch gemeinsam mit allen anderen, denen auch dieses Licht aufgegangen ist, allen Machtansprüchen von Gewalt, von Markt und Geld zum Trotz den neu sichtbar gewordenen Weg ins Leben gehen – in der Sprache des Jesaja „in Sprüngen wie ein Hirsch“.

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Rainer Petrak