Blogbeitrag

Schatzkiste bewacht

Wunden heilen, Tod besiegen, Frieden schaffen

21. April 2022

Sonntagsbotschaft zum 24. April 2022, dem 2. Ostersonntag. 

Die einen haben Jesus zu Tode gefoltert. Wie er den Menschen und seine Würde ins Zentrum aller Abwägungen stellt und so ihre allgemein anerkannte Ordnung des Zusammenlebens gefährdet, – das können sie nicht zulassen. Noch dazu, da er immer wieder Gottes Autorität als Rechtfertigung dafür nimmt.

Die anderen haben gehofft, er werde jetzt alle Unmenschlichkeit in ihrer Welt befrieden und er werde Barmherzigkeit und Menschenliebe als Gottes Gesicht aufscheinen lassen.

Aus der Traum!

Die Erfahrung, ja schon das Risiko von Wunden, gar von tödlichen wie die, die Jesus erlitten hat, das macht Angst. Das beherrscht und lähmt seine Vertrauten. Sie ziehen sich zurück, verschließen sich.

Aber:

Am Abend dieses ersten Tages der Woche,
als die Jünger aus Furcht vor den Juden
bei verschlossenen Türen beisammen waren,
kam Jesus,
trat in ihre Mitte
und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
Nach diesen Worten
zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite.

Ihrer Einschätzung der Situation stellt Jesus sich selber entgegen. Von neuem kommt er in ihre Mitte. Werden sie ihn erkennen? „Das kann ja gar nicht sein! Er ist doch tot! Gekreuzigt, gestorben und begraben!“

Seine tödlichen Wunden löst er jetzt von ihrer Angst ums eigene Überleben und stellt sie für ihren Blick in einen anderen Zusammenhang:

Schon auf seinem Weg zur Kreuzigung hat er zu den Frauen gesagt, sie sollen nicht ihn beweinen, sondern über sich selber und ihre Kinder trauern. Das hat ihn ja selber getragen und gehalten: Seine Trauer über das Gott erbarmende Elend, das sie beherrschte, hat ihn veranlasst, sich einzusetzen für eine Vorherrschaft von Gottes Menschenliebe, und so für ihre Rettung zu kämpfen. Sein Einsatz, der ihn jetzt das Leben gekostet hat.

Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.

Aber sie erkennen ihn nicht wie vor seinem Tod und wie auch wir normalerweise andere Menschen erkennen an seinem Gesicht. Auch von Maria Magdalena und von den beiden Männern auf dem Weg nach Emmaus erzählen die Evangelien, dass sie ihn auf die Weise, wie wir ansonsten Menschen wiedererkennen, nicht erkannt haben. Hier, in dieser Erzählung sind für seine Vertrauten das wesentliche Merkmal seiner Identität, an dem sie ihn erkennen, seine Wunden von der Kreuzigung.

Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch!
Wie mich der Vater gesandt hat,
so sende ich euch.
Nachdem er das gesagt hatte,
hauchte er sie an
und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!
Denen ihr die Sünden erlasst,
denen sind sie erlassen;
denen ihr sie behaltet,
sind sie behalten.

Zu Tode verwundet, macht er sich seinen Vertrauten gegenwärtig. Wenn er von neuem ihre Mitte sein darf, wird er ihnen zum „Frieden“ werden.

  • Wenn sie sich bei all ihren Abwägungen
    über Schuld und Vergeltung,
    über Chancen und Risiken
    von seinem Lebensgeist anstecken lassen;
  • wenn ihnen solches erfülltes Leben in Würde für alle
    noch wichtiger wird, als das eigene Überleben zu sichern;
  • wenn sie so an Gottes Reich mitbauen,

dann kann es werden:

Zu einem Leben in seinem Frieden erschafft er sie neu mit seinem Anhauch wie der Schöpfergott. Den „Frieden“ erklärt er ihnen und macht das an der Erfahrung seiner tödlichen Wunden fest! So merken sie: Er ist es. Mitten unter ihnen!

Und wie um uns heute mit all den Fragen, die uns das auslöst, klar zu machen: „Ja, ihr habt richtig gehört und verstanden!“, kommt die Wiederholung für alle, die nicht dabei waren:

Thomas, der Dídymus genannt wurde, einer der Zwölf,
war nicht bei ihnen, als Jesus kam.
Die anderen Jünger sagten zu ihm:
Wir haben den Herrn gesehen.
Er entgegnete ihnen:
Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe
und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel
und meine Hand nicht in seine Seite lege,
glaube ich nicht.

Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt
und Thomas war dabei.
Da kam Jesus bei verschlossenen Türen,
trat in ihre Mitte
und sagte: Friede sei mit euch!
Dann sagte er zu Thomas:
Streck deinen Finger hierher aus
und sieh meine Hände!
Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite
und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
Thomas antwortete und sagte zu ihm:
Mein Herr und mein Gott!
(Johannes 20,19-28)

„Er hat den Tod besiegt“, singen oder beten immer wieder Texte aus der Glaubenstradition wie dieser Ruf aus der ostkirchlichen Oster-Liturgie:

„Christ ist erstanden vom Totenreich.
Er hat den Tod besiegt
und Leben gibt er allen, die der Tod gefangen hält!“

Andere Texte preisen den „Todesüberwinder“ oder jubeln, er habe den Tod „entmachtet“, „vom Thron gestürzt“, …

Aber was heißt das: „den Tod besiegt“?! Weiterhin sterben alle Menschen!“ Und viel zu viele sterben viel zu früh!

Es hat auch keiner behauptet, er habe den Tod abgeschafft! Auch wenn es im 2. Brief an Timotheus (1,10) heißt „er hat den Tod vernichtet“, so meint das dort eher – wahrscheinlich in begeisterter Übertreibung – , dass er in der Rangfolge dessen, was wichtig ist, den Tod geradezu zu einem Nichts gemacht hat – jedenfalls im Vergleich zu dem Leben, wie es durch ihn neu möglich wird.

Jesus macht es vor: Für die Entfaltung und Erfüllung seines menschlichen Lebens ist ihm Anderes noch viel wichtiger geworden, als den eigenen Tod zu vermeiden. Sich dafür einsetzen, anderen Menschen ihre Würde oder ihr Leben zu retten, selbst wenn es das eigene Leben kostet, – das wird in seiner Werte-Skala höchst erstrebenswert.

Natürlich nicht im Sinne einer rechtlichen oder ethisch-moralischen Forderung! Denn eine solche Haltung setzt, persönlich frei entschieden, die Gewissheit voraus, dass weder mein „Leben“ noch meine „Würde“ „zerstört“ wird, wenn mein bewusst riskierter Tod bei solchem Einsatz auch tatsächlich eintritt.

Für Jesus war die Grundlage für solche Entschiedenheit sein unzerstörbares, tiefstes Vertrauen zu dem Gott, den er „Vater“ nannte. Für Menschen wie Maximilian Kolbe oder Oscar Arnulfo Romero kann sich diese Haltung aus dem Glauben an ihn ergeben, weil sie sich ja seine Haltung zu eigen zu machen suchen.

Mich verblüfft, dass ein so säkularer Text wie das „Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland“ diese „Werteskala“ als Grundlage für alle politischen und rechtlichen Entscheidungen voraussetzt:

Artikel 1 des Grundgesetzes sagt ja: Was die Allgemeinheit, die sich in diesem Staat organisiert hat, vor allem Anderen an jedem Menschen „zu achten und zu schützen“ hat, ist seine „unantastbare“ „Würde“, konkret: seine „unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechte“; die seien „Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“.

Diesem verpflichtenden Prinzip nachgeordnet folgen „unmittelbar geltende“ Grundrechte, deren zwei erste in Artikel 2 so genannt werden: „1. Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt. Und 2. Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.“

In der Rangfolge steht hier die Menschenwürde deutlich vor dem physischen, biologischen Leben.

Wenn für Menschen anderes noch wichtiger ist als das physische Überleben, dann fordern viele Situationen heraus zu atemberaubenden Abwägungen und zu im höchsten Maß strittigen Diskussionen: Welche Bestrebungen und Notwendigkeiten haben dann Vorrang

  • bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie?
  • bei der Unterstützung der Menschen in der Ukraine
    gegen die Aggression, die sie erleiden?
  • bei der Entscheidung der Menschen in der Ukraine,
    wie sie sich selber verhalten?
  • angesichts der Klimakrise?
  • angesichts des obszönen Auseinanderklaffens
    zwischen Armut und Reichtum bei uns und weltweit?
  • und so weiter

In Zeiten des kalten Krieges sagten die einen „lieber tot als rot“ und andere „lieber rot als tot“ …

Nicht weniger auch im persönlichen Leben stellen sich dann brisante Fragen der Abwägung

  • bei Krisen in Ehe oder Partnerschaft
  • bei belastenden Schwangerschaften
  • wenn jemand todkrank ist

Als Ute in der palliativen, finalen Phase ihrer Krankheit den Tod kurzfristig auf sich zukommen sah, lebte sie die Tage, die ihr verblieben, in größtmöglicher „Normalität“, wie sie es nannte. Im vollen Bewusstsein, bald zu sterben, war es ihr wichtiger, ihre noch verbliebenen Möglichkeiten zu leben, als ihren bevorstehenden Tod zum alles beherrschenden Thema zu machen. Der Geist, den sie lebte, hatte bereits den Tod besiegt. Wer in seine Sicht vom eigenen Leben Sterben und Tod integriert und – bei aller höchster Wertschätzung für das Leben – versöhnt ist mit der Zugehörigkeit des Todes zum Leben, kann auch im Sterben leben. Eine solche Haltung setzt schon vorher Energie frei zur Förderung des Lebens!

Wenn der alltägliche Wettbewerb, der Druck der Gewalt, wenn die Drohung des „Feindes“ mit dem Tod mich nicht mehr abschrecken kann, weil das Leben nach der Art von Jesus Christus mir wichtiger geworden ist, als meinen Tod zu vermeiden, dann kann ich mich – in den Worten von Paulus (Römer 6,8-11) – als neugewordenen Menschen begreifen, der „mit Christus für die ‚Sünde‘ gestorben [ist], aber für Gott lebendig ist im Christus Jesus“.

Für die Männer und Frauen, die mit Jesus gegangen waren, weil er sie faszinierte und auch längst verschüttete Sehnsucht nach einem glückenden und erfüllten Leben für alle in ihnen wachgerüttelt hatte, – für sie ergab sich nach seinem Tod ein Perspektivenwechsel, der in ihnen zu einer hoffnungsstarken Vision heranwuchs und ungeahnte Energien mobilisierte.

In späteren Zeiten – wahrscheinlich kam das an verschiedenen Orten auf – ist vielen Menschen ein bildhaftes Beispiel aus der Natur zu einem wertvollen Schatz geworden, das ein Muster zeigt für die Wandlung von Wunden und Schmerzen in wertvolle Lebenserfahrungen:

„Wunden in Perlen“ verwandeln.

Dass Jesus das in Gottes Kraft tut, bejubelt ein von Hildegard von Bingen überliefertes Gebet. Moderne Wissenschaft hat zwar die alte Vorstellung davon korrigiert, wie in Muscheln und Austern Perlen zustandekommen. Aber das alte Muster behält seine tröstliche Kraft, die bis in die heutige Psychotherapie hinein wirkt und auch Anselm Grün – via YouTube – sagen lässt: „Die Perlen wachsen in den Wunden der Austern“ https://www.youtube.com/watch?v=DPJxRUBmzAk

An seinen Wunden ist der Auferstandene zu erkennen. Sie sind Früchte seiner göttlichen Solidarisierung mit den Verwundeten und Verletzten. Dass ihre Wunden sich in Perlen verwandeln, dafür setzt er sich ein. Deswegen wird er selber zum tödlich Verwundeten. So zeigt Gott sein Gesicht: Durch seine Wunden werden wir geheilt. (vgl. Jesaja 53,5 und 1. Petrus 2,24)

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