Blogbeitrag

2022-09-05 Stier vor Börse Frankfurt

Anwalt

8. September 2022

Sonntagsbotschaft zum 11. September 2022, dem 24. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C). 

Gott hat das Volk gerettet. Damals aus der Unterdrückung in Ägypten. Und vor kurzem aus der Hand der Nazis und der kommunistischen Regime.

In dem Land voller Möglichkeiten, in dem das Volk jetzt in Sicherheit lebt, lassen sie sich aber immer wieder dazu verleiten, sich fremden Göttern zu unterwerfen.

Mose – damals –  wird in dieser schwierigen Zeit zum glühenden Fürsprecher für sein Volk und zu seinem Anwalt gegenüber Gott.

In jenen Tagen
sprach der HERR zu Mose:
Geh, steig hinunter,
denn dein Volk,
das du aus dem Land Ägypten heraufgeführt hast,
läuft ins Verderben.
Schnell sind sie von dem Weg abgewichen,
den ich ihnen vorgeschrieben habe.

Was ist das Problem?

Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht,
sich vor ihm niedergeworfen
und ihm Opfer geschlachtet,
wobei sie sagten:
Das sind deine Götter, Israel,
die dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt haben.

Weiter sprach der HERR zu Mose:
Ich habe dieses Volk gesehen
und siehe, es ist ein hartnäckiges Volk.

Und dann setzt der biblische Erzähler fort – nach Gott zugeschriebener Menschenart und in einer unsereins durchaus vertrauten Logik, damit die Leser und Hörer im Volk kapieren, wohin das führt, was sie tun:

Jetzt lass mich,
damit mein Zorn gegen sie entbrennt
und sie verzehrt!
Dich aber will ich zu einem großen Volk machen.

Und jetzt übernimmt Mose den Part der göttlichen Logik, damit die Menschen im Volk erkennen, worauf allein es ihrem Gott ankommt:

Mose aber besänftigte den HERRN, seinen Gott,
indem er sagte:
Wozu, HERR, soll dein Zorn gegen dein Volk entbrennen,
das du mit großer Macht und starker Hand
aus dem Land Ägypten herausgeführt hast.

Leider lässt die gottesdienstliche Lesung den nächsten Vers aus. Um den Leuten nicht einen „zu langen“ Text zuzumuten? Oder aber, um Gott nicht schlecht da stehen zu lassen? Schade. Denn genau diese emotionalen Worte machen doch die Fürbitte des Mose für das Volk noch besser nachvollziehbar!

Wozu sollen die Ägypter sagen können:
In böser Absicht hat er sie herausgeführt,
um sie im Gebirge umzubringen
und sie vom Erdboden verschwinden zu lassen?

Lass ab von deinem glühenden Zorn
und lass dich das Unheil reuen,
das du deinem Volk antun wolltest!

Die Lesung im Gottesdienst setzt fort:

Denk an deine Knechte,
an Abraham, Ísaak und Israel,
denen du selbst geschworen
und gesagt hast:
Ich will eure Nachkommen zahlreich machen
wie die Sterne am Himmel,
und: Dieses ganze Land,
von dem ich gesprochen habe,
will ich euren Nachkommen geben,
und sie sollen es für immer besitzen.

Mit der ganzen Energie, die aus seiner Vertrautheit mit Gott erwächst, tritt Mose ihm nahe, so dass Gott wieder zu sich selber kommt:

Da ließ sich der HERR das Unheil reuen,
das er seinem Volk angedroht hatte.
(Exodus 32,7-11.13-14)

Das erinnert mich an das Jubel-Wort beim Propheten Jesaja (Jesaja 12,1-2 in der Einheitsübersetzung von 1980):

Ich danke dir, Herr.
Du hast mir gezürnt,
doch dein Zorn hat sich gewendet,
und du hast mich getröstet!

Ja, Gott ist meine Rettung;
Ihm will ich vertrauen und niemals verzagen.

Und hier – was für eine Wende der Ereignisse! Was der Bibeltext der insistierenden und hellsichtigen Fürsprache des Mose zuschreibt! Ein Vorabbild für die Art von Jesus, die Gottes Geist atmet und die seine Liebe, sein Erbarmen ins Leben der Menschen bringt!

Ja, Jesus geht in eben diesem Geist noch einen gehörigen Schritt weiter: Da geht es dann um die Menschen, die das Gold und die Waffen und alle möglichen anderen „Götter“ bedienen und deren Ansprüche den Menschen aufzwingen wollen – im Neuen Testament „Zöllner und Sünder“ genannt. Für sie alle finden die religiösen Wortführer nur ausgrenzende Verurteilungen und merken dabei nicht einmal, dass sie selber noch viel mehr von dieser Art der „Zöllner und Sünder“ sind.

Jesus aber setzt sich mit ihnen allen an einen Tisch – in einer Weise, die bei den Geächteten Ohren und Herzen öffnet, so dass Veränderungen entstehen und die Menschenliebe von Gottes Art neue Chancen bekommt.

Ob auch die politisch und religiös Mächtigen unter ihnen sich für solche heilsame Veränderung öffnen werden? Oder ob es wieder den Zorn Gottes nach Art der hartnäckigen Menschen braucht? Jesus ist Gottes neuer Versuch:

In jener Zeit
kamen alle Zöllner und Sünder zu Jesus,
um ihn zu hören.
Die Pharisäer und die Schriftgelehrten
empörten sich darüber
und sagten: Dieser nimmt Sünder auf
und isst mit ihnen.

Da versucht Jesus, ihr ihnen verbliebenes Gespür für Menschlichkeit zu reizen. Nicht einen belehrenden Vortrag hält er ihnen, der sie beschämen könnte. Nein, er regt ihr Einfühlungsvermögen an. Mit Hilfe von drei Gleichnissen, die das Lukas-Evangelium für diesen Zusammenhang überliefert, illustriert Jesus, worauf es ihm ankommt, wenn doch Gott Menschen begegnen will, die das menschliche Gemeinwesen längst abgeschrieben hat:

Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis
und sagte:
… wenn eine Frau zehn Drachmen hat
und eine davon verliert,
zündet sie dann nicht eine Lampe an,
fegt das Haus
und sucht sorgfältig,
bis sie die Drachme findet?
Und wenn sie diese gefunden hat,
ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen
und sagt: Freut euch mit mir;
denn ich habe die Drachme wiedergefunden,
die ich verloren hatte!
Ebenso, sage ich euch,
herrscht bei den Engeln Gottes
Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt.

Eine Drachme. Eine Münze, geschätzt in einem Wert, dass eine Familie den Tag davon leben kann. Verglichen mit einem Menschen, der sich bei den anderen seine Wertschätzung verscherzt hat.

Auffällig, dass in diesem Gleichnis alle Aktivität einseitig in der Bemühung liegt, die verlorengegangene Drachme wiederzufinden. Trotzdem gilt im Erfolgsfall die ganze Freude dem Menschen, „der umkehrt“, wie es heißt.

Im Gleichnis davor geht Jesus noch zwei Schritte weiter:

Wenn einer von euch hundert Schafe hat
und eins davon verliert,
lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück
und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?
Und wenn er es gefunden hat,
nimmt er es voll Freude auf die Schultern,
und wenn er nach Hause kommt,
ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen
und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir;
denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war!
Ich sage euch:
Ebenso wird im Himmel
mehr Freude herrschen
über einen einzigen Sünder,
der umkehrt,
als über neunundneunzig Gerechte,
die keine Umkehr nötig haben.

Die Bemühung, das verlorengegangene Schaf wiederzufinden, legt als Zielrichtung des Gleichnisses nahe, nicht nur – wie bei der Drachme – , das Eigentum des Besitzers wiederherzustellen. Hier kommt das Wohlergehen des Schafes selber in den Blick: Die Freude des Erfolges bezieht sich ja auch darauf, dass das Schaf in den für seinen Schutz und seine Entfaltung nötigen Lebensraum der Gemeinschaft zurückgebracht wird.

Und über das Gleichnis mit der Drachme hinaus betont Jesus hier – damit sie sein Verhalten verstehen! – : Noch wichtiger, als die behütete Herde der 99 zu hüten, ist ihm die Bemühung um den einen Menschen, der aus Unheil und aus der Gefährdung seines Lebens gerettet werden muss. Auch hier wird die Rettung des Verlorengegangenen als seine Umkehr benannt!

Fazit: Der „Himmel“ freut sich mehr über wiedergefundene „Verlorene“ als über nie ihm „Verlorengegangene“.

Die Kritik der „Pharisäer und Schriftgelehrten“ bezieht sich darauf, dass Jesus sich mit „Zöllnern und Sündern“ abgibt, die in seinen Gleichnissen als „verloren“ gelten. Von ihnen heißt es aber, sie „alle kamen zu Jesus, um ihn zu hören“. In den Gleichnissen wird ihre Situation auf der Bildebene mit einem „verloren gegangenen“ Schaf und einer „verlorenen“ Drachme verglichen, auf der Aussage-Ebene wird das erfolgreiche Bemühen des Eigentümers als ihre „Umkehr“ gedeutet. Beim Schaf kann man vielleicht noch nachvollziehbar deuten, dass sich das verlorene Schaf wiederfinden lässt. Bei einer Drachme geht das nicht.

Jesus will verständlich machen, wie er dazu kommt, sich vorrangig um die eigentlich schon „Verlorenen“ zu bemühen, wo immer er bei ihnen eine – wenn auch noch so geringe – Offenheit oder Bereitschaft sieht, dass sie sich „wiederfinden lassen“ für eine Beziehung zu Gott und zum Leben, wie er sie in Erinnerung ruft und verkörpert. Er will sich verständlich machen, warum er dafür sogar in Kauf nimmt, sich bei denen Feinde zu machen, die nach allgemein verbreitetem Urteil „gar keine Umkehr nötig haben“.

Mit einem weiteren, dritten Gleichnis – das in der Kurzfassung des Evangeliums an diesem Sonntag weggelassen wird – folgt Jesus noch einem anderen Denkmuster, mit dem er bei seinen Gegnern um ihr zustimmendes Verständnis wirbt:

Im Unterschied zum Schaf, das sich von der Herde weg in ungeschützte gefährliche Vereinzelung verirrt und sich dann wohl auch selbst als „verloren“ vorkommt; im Unterschied auch zu der Drachme, der man ja nicht anlasten kann, dass ihre Besitzerin sie verloren hat, sieht sich der Sohn, der sich mit ausgezahltem Erbteil vom Vater „befreit“ hat, als „selber schuld“ daran, dass er sozusagen sich und sein Leben verloren hat. In seinem Elend entwickelt er die Sehnsucht nach dem guten Leben beim Vater und kehrt aktiv um, zu ihm zurück. Und dann?

Der Vater sah ihn schon von weitem kommen
und er hatte Mitleid mit ihm.
Er lief dem Sohn entgegen,
fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
Da sagte der Sohn zu ihm: Vater,
ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt;
ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. …

Der Vater lässt ihn gar nicht erst ausreden. Die Selbstbezichtigung des Sohnes interessiert ihn nicht. Der will, weil er ja selber schuld ist an der Misere und sein Erbteil verkloppt hat, nur noch ein Lohnarbeiter beim Vater sein. „Schmarren!“, meint der dazu. „Mein Sohn bist du!“ Für ihn gibt es nur die Freude über die Rückkehr seines Sohnes und dass er ihn wieder hat und dass es ihm jetzt wieder gut geht!

Der Vater aber sagte zu seinen Knechten:
Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an,
steckt einen Ring an seine Hand
und gebt ihm Sandalen an die Füße!
Bringt das Mastkalb her und schlachtet es;
wir wollen essen und fröhlich sein.
Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder;
er war verloren und ist wiedergefunden worden.
Und sie begannen, ein Fest zu feiern.

Und an diesem Punkt nimmt Jesus die ihn kritisierenden Pharisäer und Schriftgelehrten hinein in den Ablauf des Gleichnisses – in der Hoffnung, dass sie sich wiedererkennen in dem älteren Sohn, der das Verhalten des Vaters kritisiert. Als der von der Arbeit auf dem Feld nach Hause kommt und angesichts von Musik und Tanz von einem Knecht erklärt bekommt:

„Dein Bruder ist gekommen
und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen,
weil er ihn gesund wiederbekommen hat.“,

da verweigert er sich zornig und bleibt draußen. Nein, da kann er nicht mitmachen. Wohin kommen wir denn da? Wenn jeder machen kann, was er will und hinterher nicht einmal zur Verantwortung gezogen wird, …

Mit diesem und den beiden anderen Gleichnissen möchte Jesus gerne seinen Gegnern ihre hartnäckige Starrheit lösen, in der schon das alte Volk Israel immer wieder Gottes Willen für eine gute Zukunft des Volkes in einem guten Land vernachlässigte und stattdessen seine maßgeblichen Wegweisungen dafür instrumentalisiert hatte, sich allen möglichen anderen Göttern zu unterwerfen.

Da wird Jesus zum glühenden Fürsprecher für das Volk und zu seinem Anwalt gegenüber allen „Göttern“. Das Gesetz soll doch den Menschen dienen, nicht die Menschen diesem oder jenem Gesetz!

Um das seinen Gegnern in Erinnerung zu rufen und bei ihnen an ihre eigenen Glaubenswurzeln zu appellieren, dafür malt er ihnen diese Gleichnisse ins Herz. Dafür stellt sich Jesus ja auch der Begegnung mit seinen Widersachern.

So beendet er auf dieser Linie sein Gleichnis. Hoffentlich merken sie, dass er es ist, in dem der Vater ihnen begegnet, deren Einstellung der ältere Sohn ausspricht:

Sein Vater aber kam heraus
und redete ihm gut zu.
Doch er erwiderte seinem Vater:
Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir
und nie habe ich dein Gebot übertreten;
mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt,
damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.
Kaum aber ist der hier gekommen,
dein Sohn, der dein Vermögen
mit Dirnen durchgebracht hat,
da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.
Der Vater antwortete ihm:
Mein Kind, du bist immer bei mir
und alles, was mein ist, ist auch dein.
Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen;
denn dieser, dein Bruder, war tot
und lebt wieder;
er war verloren
und ist wiedergefunden worden.
(Lukas 15,1-32)

Hier fängt dann das Gespräch an zwischen dem Gott, den Jesus verkörpert, und unsereins heute, insofern wir uns auf Gott und seine „christlichen Werte“ berufen und vielleicht doch dabei ganz anderen „Göttern“ dienen.

Wer ist denn heute der „ältere“ und wer der „jüngere“ Bruder
– im Streit um die Klima-Krise?
– im Streit um eine Beendigung des Kriegs in der Ukraine?
– im Streit um Gerechtigkeit zwischen Arm und Reich bei uns und weltweit?

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