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aufatmen

15. September 2022

Sonntagsbotschaft zum 18. September 2022, dem 25. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C). 

Eine Zeit großer gesellschaftlicher Umwälzungen. Ziemlich schwer getan haben sie sich schon mit dem Strukturwandel vom Umherwandern als Nomaden hin zur Sesshaftigkeit und zum Leben in der Stadt. Aber jetzt ist auch noch eine neue Schicht von Reichen entstanden: königliche Beamte und Großgrundbesitzer. Und damit ergeben sich auch schwere soziale Ungerechtigkeiten: Die Reichen leben im Luxus auf Kosten der Armen, rücksichtsloses Gewinnstreben herrscht in der Wirtschaft und Rechtsbeugung bei Gericht. Die Menschen in ungesicherten Verhältnissen werden zu Objekten von Machtstreben und Habgier der Oberschicht. So wird das Recht der Menschen verletzt, dessen Garant doch ihr Gott sein wollte und sollte.

Israel, 8. Jahrhundert vor Christus.

Da erhebt Amos im Vorhof des königlichen Reichstempels von Bet-El die Stimme gegen diese Missstände und gegen die dafür Verantwortlichen. In Gottes Auftrag – das bestreitet keiner – ruft er zur Umkehr auf: weg von Ausbeutung und Korruption – hin zu einem Bewusstsein, dass Eigentum und Vermögen zum Einsatz fürs menschliche Gemeinwohl gegeben sind.

Dieses Thema prägt das Buch des Propheten Amos. Daraus ein kurzer Abschnitt ist die 1. Schriftlesung dieses Sonntags:

Hört dieses Wort,
die ihr die Armen verfolgt
und die Gebeugten im Land unterdrückt!

Wen meint er damit? Wer soll sich da angesprochen fühlen?

Ihr sagt:
Wann ist das Neumondfest vorbei,
dass wir Getreide verkaufen.
und der Sabbat,
dass wir den Kornspeicher öffnen können?
Wir wollen das Hohlmaß kleiner
und das Silbergewicht größer machen,
wir fälschen die Waage zum Betrug,
um für Geld die Geringen zu kaufen
und den Armen
wegen eines Paars Sandalen.
Sogar den Abfall des Getreides
machen wir zu Geld.

Händler, die es abartig finden, dass sie am Festtag und am wöchentlichen Ruhetag ihre Läden nicht öffnen dürfen; Händler, die schlitzohrig Waage, Maße und Gewichte fälschen; die rücksichtslos Arme ausbeuten und raffiniert alles zu Geld zu machen verstehen – und sich bei all dem einfach für geschickt und für klug halten.

Beim Stolz Jakobs hat der HERR geschworen:
Keine ihrer Taten werde ich jemals vergessen.
(Amos 8,4-7)

Aha! Was wird er denn tun? Das klingt ja ganz nach Veränderung!

Die Hörenden im Gottesdienst antworten darauf mit einem Psalm, der Gott in höchsten Tönen lobt. Wie kommt es? Was erhoffen sie denn von dem Herrn, der geschworen hat, er werde nichts von all dem vergessen?

Der Name des HERRN sei gepriesen
von nun an bis in Ewigkeit.
Wer ist wie der HERR, unser Gott,
der hinabschaut auf Himmel und Erde?
Den Geringen richtet er auf aus dem Staub,
aus dem Schmutz erhebt er den Armen,
um ihn wohnen zu lassen bei den Fürsten,
bei den Fürsten seines Volkes.
(Psalm 113,2.5-8)

Sie atmen auf, die zu Opfern von existenziellen Demütigungen gemacht wurden. Gott lässt sie aufleben, schafft ihnen Lebensraum und sorgt dafür, dass auch die „Letzten“ sich an den vorhandenen Möglichkeiten zum Leben beteiligen können – ebenso wie die „Ersten“ im Volk, die „Fürsten“.

Zu Gottes Wesen gehört es anscheinend, dass er die Lebensqualität von Menschen verbessert. So erweist er sich als „gerecht“: Wer krank ist, muss geheilt werden, Unglückliche sollen glücklich und Niedergedrückte aufgerichtet werden! Wem die Luft zum Atmen streitig gemacht wird, muss sein Lebensrecht garantiert bekommen! Verarmte müssen Anteil bekommen an den Ressourcen für ein gelingendes Leben! Von Hoffnungslosigkeit Gelähmte sollen springen können wie Hirsche! Gefangene müssen befreit werden, Verfeindete versöhnt. Menschen, über die nur andere bestimmen, muss Mitbestimmung ermöglicht werden.

Der Name des HERRN sei gepriesen
aus dem Schmutz erhebt er den Armen.

In seiner ganzen Radikalität der Menschenliebe, mit der die Bibel Gott charakterisiert, wird seine Richtung klar: Aus Gräbern aller Art, in denen Menschen begraben sind, muss ihnen neues Leben eröffnet werden!

Dafür steht Gott. Dafür stehen Menschen, die sich ihm verschrieben haben. Vor allen anderen Jesus, der ihn geradezu verkörpert, dessen Zugewandtheit zu den Menschen ihn als Gottes Sohn ausweist.

Und die sich gemeinsam als sein „Volk“ mit ihm im Bunde wissen, wollen natürlich beitragen zu solcher Veränderung, zu solcher Wandlung, „Transformation“ oder wie immer man das nennen mag.

Zeugnisse für ein Bewusstsein der Verantwortung, solche Veränderung herbeizuführen, gibt es in der menschlichen Gesellschaft zuhauf. Etwa die hessische Landesverfassung spricht da eine deutliche Sprache, wenn sie fordert:

Die Wirtschaft des Landes hat die Aufgabe,
dem Wohle des ganzen Volkes
und der Befriedigung seines Bedarfs zu dienen. –
Artikel 38.
Vermögen, das die Gefahr des Missbrauchs wirtschaftlicher Freiheit
in sich birgt,
ist in Gemeineigentum zu überführen. –
Und: Bei festgestelltem Missbrauch wirtschaftlicher Macht
ist in der Regel die Entschädigung zu versagen. –
Artikel 39

Nicht nur Menschen, die an diesen Gott glauben, haben solchen politischen Willen auf ihre Fahnen geschrieben und nennen das „soziale Gerechtigkeit“. Ein Ziel, das immer noch besser erreicht werden kann. Ein Ziel, an dem sich anstehende Schritte der Veränderung orientieren werden, wenn ein Volk der Perspektive traut und den Weg geht, zu dem Jesus Mut macht, indem er ihn praktisch lebt.

Ein geübtes Geschick, einen umsichtigen Blick und eine gewisse Schlauheit beim konkreten Umsetzen solcher Schritte sind allerdings unter seinen Anhängern auffällig schwach entwickelt.Das beklagt Jesus schon bei seinen ersten Jüngern. Er macht sie aufmerksam, dass beim Verfolgen ihrer Ziele Menschen doch eigentlich oft ein erstaunliches Ausmaß von umsichtigem Geschick und kluger Raffinesse an den Tag legen, ja dass „die Kinder dieser Welt“ bei noch so fragwürdigen oder verwerflichen Vorhaben eine gehörige Portion konsequenter Schlitzohrigkeit entwickeln, dass aber „die Kinder des Lichtes“ – wie er seine Gläubigen nennt – solche Fähigkeiten beim Umsetzen wertvoller Ziele vermissen lassen:

In jener Zeit
sprach Jesus zu den Jüngern:
Ein reicher Mann hatte einen Verwalter.
Diesen beschuldigte man bei ihm,
er verschleudere sein Vermögen.
Darauf ließ er ihn rufen
und sagte zu ihm: Was höre ich über dich?
Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung!
Denn du kannst nicht länger mein Verwalter sein.
Da überlegte der Verwalter:
Was soll ich jetzt tun,
da mein Herr mir die Verwaltung entzieht?
Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht
und zu betteln schäme ich mich.
Ich weiß, was ich tun werde,
damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen,
wenn ich als Verwalter abgesetzt bin.
Und er ließ die Schuldner seines Herrn,
einen nach dem anderen, zu sich kommen
und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?
Er antwortete: Hundert Fass Öl.
Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein,
setz dich schnell hin und schreib „fünfzig“!
Dann fragte er einen andern: Wie viel bist du schuldig?
Der antwortete: Hundert Sack Weizen.
Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein
und schreib „achtzig“!

Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter,
weil er klug gehandelt hatte,
und sagte:
Die Kinder dieser Welt
sind im Umgang mit ihresgleichen
klüger als die Kinder des Lichtes.
(Lukas 16,1-8)

Warum eigentlich entwickeln die „Kinder des Lichts“ so wenig effektives Geschick beim Umsetzen ihrer Überzeugungen in praktisches Handeln? Warum gelingt es den „Kindern dieser Welt“, die Welt so zu verändern, dass es für sie „passt“, und den Reichen, ihr Süppchen zu kochen, den „Kindern des Lichts“ aber gelingt es so wenig, Gottes Gerechtigkeit den Weg zu bereiten, wie es doch der Antwortpsalm eigentlich stark besingt:

Den Geringen richtet er auf aus dem Staub,
aus dem Schmutz erhebt er den Armen,
um ihn wohnen zu lassen bei den Fürsten,
bei den Fürsten seines Volkes.
 

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