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Aschenkreuz und Goldmarie

16. Februar 2021

Aschermittwochs Botschaft

ein anderer Blick auf den Aschermittwoch – was die Bibel eigentlich sagt – neue Freude und Chancen der Veränderung – ohne Lähmung durch Schuld – neues Feuer aus der Asche – Gott sei Dank

  Und / oder zum (Mit-)Lesen:

„Asche.“ Wenn Sie dieses Wort hören, … – welche Vorstellungen, welche Bilder kommen Ihnen da in den Sinn?

„Asche.“ Als Katholik, noch dazu am Aschermittwoch, bin ich da vorprogrammiert. Das lasse ich jetzt beiseite. Ich will neu anfangen mit der Frage

Was bedeutet tatsächlich „Asche“ für mich selber?

Als erstes verblüfft mich die Feststellung, dass Asche in meiner heutigen Lebenswelt gar nicht vorkommt. Der gläserne Aschenbecher auf meiner Telefon-Ablage dient mir nur als Zettelbeschwerer bei Zugluft und als Nachtbehälter für die Batterien meiner Hörgeräte. Er ist mir übriggeblieben aus meiner Zeit als Kettenraucher, die ich am Aschermittwoch 1997 beendet hatte.

Dass Asche in meinem Leben täglich eine Rolle spielte – jedenfalls in der jährlichen Heizperiode – endete 1964 mit meinem Umzug von Goslar nach Bonn. Seither gab es für mich keine Kohleöfen mehr; die Zentralheizungen hatten mir den täglichen Umgang mit der Asche abgenommen.

Gelegentlich gab es Lagerfeuer bei Pfadfinderlagern oder Messdiener-Wochenenden. Wobei es immer darum ging, das brennende Feuer zu genießen. Schade, wenn dann das Feuer ausging und nur noch Asche übrigblieb. Besonders deutlich wurde das jedes Jahr von neuem in der Osternacht. Das große Feuer im Hof neben der Kirche, mit dem die Feier begann, erwies sich als wunderbarer Ort für Kinder und Jugendliche, die ganze Nacht hindurch beisammen zu hocken, das Feuer zu hüten und für alle möglichen Spielchen und Genüsse zu nutzen. In einem Jahr hatte die Gemeinde einen neuen Küster angestellt, der das so noch nicht kannte. Als die Gemeinde aus dem Hof in die Kirche gezogen war, um die Feier der Osternacht fortzusetzen, regte sich sein Verantwortungsbewusstsein und er löschte das Feuer. Perfekt. Er erntete Tränen und Wut bei Kindern und Jugendlichen und heftige Diskussionen. Da war nur noch Asche. Ohne jegliche Glut. Alles, was das Feuer möglich gemacht hatte, ging jetzt nicht. Nicht nur „Schluss mit lustig“, sondern echte Freude war ihnen genommen, die ihnen doch so wichtig war.

Alles ausgebrannt. Nur noch Asche.

Wie viele Menschen sehen darin ihre eigene Lebenssituation gespiegelt! Das war zu allen Zeiten so.

„Schrecken stürzen auf mich ein, … sodass ich Staub und Asche gleiche.“ So beklagt in der Bibel Ijob seine Not – am Ende, nachdem alles zusammengebrochen ist, was sein Leben war. – Ijob 30.

Und in ihrer Verzweiflung schüttet Ester Asche über sich, und Mordechai, ihr Verwandter, erhebt, in einen Sack gekleidet und mit Asche überschüttet, öffentlich lautes Klagegeschrei; der persische König Artaxerxes hatte verfügt, das deportierte jüdische Volk auszurotten. Viele von ihnen „schliefen in Sack und Asche“. So erzählt die Bibel – in Ester 4.

Und als der assyrische Feldherr Holofernes Jerusalem belagerte und der Stadt die totale Vernichtung drohte, flehten die Menschen zu Gott um Verschonung und um Bewahrung vor dem Unheil. Sie „warfen sich vor dem Tempel nieder“ und „streuten sich … Asche auf das Haupt“. Judit 4.

Daniel – in Babylonien – fleht Gott an um Beendigung des Elends seines Volkes; ihre Deportation dauert jetzt schon Jahrzehnte: „Ich richtete mein Gesicht zu Gott, dem Herrn, um ihn … in Sack und Asche zu bitten.“ Daniel 9.

Die einen trifft es ohne erkennbare Zusammenhänge:

„Warum?!“ – „Warum gerade ich?!“

In anderen Fällen wird deutlich: Menschen haben es verursacht. Pfusch am Bau, Fabrik stürzt ein, Menschen tot. Oder: Ein Corona-Infizierter rückt mir auf die Pelle, ohne Maske, steckt mich an … Einer hat sein Erspartes umsichtig angelegt, aber in der Finanzkrise alles verloren. …

Oft führen Menschen ihr Unglück durch ihr eigenes Verhalten herbei.

Und mit der Frage nach der Ursache ihres Elends gehen Menschen sehr unterschiedlich um:

Die einen fühlen sich immer selber schuld an allem Elend – ein manchmal bequemer, aber immer schmerzhafter Weg.

Andere haben nie Schuld und lasten alles anderen an. Was zusätzlich Unfrieden schafft.

Verwunderlich finde ich, wie verbreitet in allen Kulturen und zu allen Zeiten die Ursache für Not und Elend aller Art

„Gott“ in die Schuhe geschoben

wird oder einer gott-ähnlichen Kraft wie dem Schicksal. Auch modern aufgeklärte unreligiöse Menschen brechen aus in „Womit hab ich das verdient!“, wenn ein Schicksalsschlag sie trifft. „Er war ein so guter Mensch und musste doch so früh sterben!“

Wie Not und Elend unter den Menschen verteilt sind, das empfinden viele als sehr ungerecht. Und in allen Religionen ist das ein Thema, das zu Fragen anregt.

Im alten Israel herrschte die Überzeugung, dass Gott ein guter Gott ist. Da er mit Nachdruck als der einzige Gott und mit Verantwortung für alles Geschehen gesehen wurde, war man – bei aller Ratlosigkeit – überzeugt: Auch alles zu erleidende Übel muss seinen guten Sinn haben, den Gott kennt. Neben einer – pädagogisch gemeinten – „Erprobung“ war das am meisten verbreitete Erklärungsmuster:

Alles erfahrene Elend ist die gerechte Strafe,

zu der Gott die Menschen für ihre Schuld verurteilt. Wie selbstverständlich diese Vorstellung bis in unsere Zeit hinein wirkt, zeigt das geflügelte Wort angesichts des Missgeschicks nach einer kleinen Verfehlung: „Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort.“

Diese Vorstellung hat durch die Jahrhunderte hindurch viel schmerzhaften Druck auf die Menschen ausgeübt, jedes Schuldigwerden zu vermeiden oder zu vertuschen. Ein Druck, dem zu entsprechen, auch beim besten Willen sich als Unmöglichkeit erwies.

Zugleich aber auch als eine wunderbare

Chance, Macht auszuüben

über Menschen, die mit ihrem „schlechten Gewissen“ nicht mehr glaubten, ihr Recht einfordern zu dürfen und Hoffnung auf ein erfülltes Leben geltend zu machen.

Mit der Redewendung „Asche auf mein Haupt“ gesteht man noch heute – und auch im weltlichen Verständnis – eigene Schuld ein, klagt sich sozusagen selber an. Wer die Redewendung „Asche auf mein Haupt“ verwendet, hat etwas angestellt und räumt einen eigenen Fehler ein, bereut: „Es tut mir leid, es war meine Schuld“.

Die Gewissheit, die anerkennt, von Gott geschaffen zu sein, in seinen Augen „nur wenig geringer gemacht als Gott“ selbst (so in Psalm 8), wurde oft ersetzt durch die

Vorstellung, die Würde des Menschen hänge ab von seinem „reinen“ Gewissen

und von der Menge seiner Schuld.

Am Anfang steht die Erfahrung, gegenüber Elend und Tod grundsätzlich hilflos und ohne Garantien dazustehen. Das haben Menschen im Zeichen der Asche elementar zum Ausdruck gebracht.

Beispiel Abraham – in Genesis 18: Als er angesichts des drohenden Untergangs von Sodom mit seiner Bitte um Verschonung der Stadt bei Gott nicht locker lässt, sagt er zu ihm: „Siehe, ich habe es unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin.“ Im Bild von Staub und Asche bekennt er sich zu seinem Status als Mensch – ohne Garantie auf Durchsetzung von Ansprüchen gegen Gott. Das hat mit Schuld gar nichts zu tun, lediglich mit seinem Wissen um die eigene Begrenztheit und um den Unterschied zwischen Gott und Mensch.

Dieselbe Erzählung weiß auch, dass eine Welt, die Feuer an sich selber legt, sich nicht wundern muss, wenn nur „Schutt und Asche“ übrigbleibt.

Darin einen logischen Zusammenhang zu sehen zwischen dem Tun des Menschen und dem, was sich daraus ergibt und wie es ihm damit ergeht, – das ist die heute übliche Sicht. Im Israel benachbarten antiken Persien sah man da aber einen schöpferisch-guten Gott im Widerstreit mit einem zerstörerisch-bösen, dem man Elend und Tod zuschrieb. Für die Menschen in Israel, die betonten, dass es nur den einen Gott gibt, war das unmöglich. Ihm, dem einen und guten, zuzuschreiben, dass er Elend und Tod herbeiführt, konnte nur bedeuten, dass auch in Elend und Tod ein Sinn liegt. Nur welcher?

Angriff und Bedrohung unter Tieren galten nie als „böse“. Sie lösen Abwehr und Verteidigung aus – und vorsorgliche Schutzmaßnahmen. Das Ganze dient dem Überleben der Fittesten und Stärksten. Aber dann wurde in der Menschheit der Schutz des Menschen und seiner Würde auch unabhängig von seiner Fitness und Stärke als wichtig erkannt. Also sanktionierte die Allgemeinheit Verstöße dagegen als „böse“ und als „Schuld“ – im Einklang mit Abschreckung und Rachegefühlen. Es lag nahe, im Schöpfer des Menschen und seiner Würde solchen Willen zu dessen Schutz als „gerecht“ anzuerkennen.

Dem entsprechend kann dann die Bibel – nach der Debatte mit Abraham –

Gottes Urteil zur Zerstörung der Stadt Sodom als gerecht und also als sinnvoll und gut

stehen lassen.

Als Lösung des verbleibenden Problems bot sich ein Kompromiss an: In einem Akt der Unterwerfung kann der Mensch sich von seinem eigenen „bösen“ Verhalten in der Vergangenheit und auch für die Zukunft verbindlich distanzieren. Das unterstreicht er durch ein Zeichen der Demut. Die Allgemeinheit – oder Gott, in dessen Namen sie entscheidet – verfügt die faktische Demütigung in einem begrenzten Ausmaß – in der Höhe des zu zahlenden „Preises“ mit Spielraum zwischen Milde und Strenge. Wer das akzeptiert, steht wieder als „gerecht“ vor Gott und den Menschen.

Das zentrale Zeichen dieser Unterwerfung ist die Asche,

die der Mensch über seinen Kopf schüttet oder in die er sich bettet.

So entwickelte sich das Zeichen der Asche zu einem Instrument der Selbstdemütigung mit dem Zweck, gegen diesen Preis die „gerechte“ Strafe erlassen zu bekommen.

Der Nachteil bei diesem Versuch einer Lösung: Kein Mensch entgeht der Gefahr, in seinem Leben immer wieder schuldig zu werden. Das Muster der Selbstdemütigung als Zeichen einer „Reue“, die den Eindruck erweckt, sie sei notwendig, um meine beschädigte Würde wiederherzustellen, kann eigentlich nur in Verzweiflung führen oder in eine veräußerlichte Instrumentalisierung. Eine vertrauensvolle, gar

liebende Beziehung zu Gott kann da nicht aufkommen.

Dazu kommt das andere Problem: Es hat sich eingebürgert, das Phänomen „Schuld“ ganz und gar den einzelnen Menschen anzulasten. Ihre „kollektive Schuld“ haben Menschheitsgruppen zu ihrer „Entlastung“ out-ge-sourced – entweder auf wenige Einzelne (z.B. Hitler) oder auf einen „Satan“, nach dessen Abschaffung aber das alles noch mehr zu Lasten des einzelnen Menschen geht. Die schwer handhabbare Schuld eines Gemeinwesens wird nun ihm aufgebürdet und zu seiner tatsächlichen individuellen Schuld addiert, so dass die noch unerträglicher wird.  

Unter dem Druck der Last wurde „Schuld“ zu einem Machtinstrument

und einem Kampfbegriff einer Ideologie von „Gerechtigkeit“. Sie durchzusetzen liegt denen nahe, die über die entsprechenden Einflussmöglichkeiten verfügen.

Da höre ich Jesus in der Bergpredigt sagen: Wenn eure Idee von Gerechtigkeit nicht viel größer ist, dann verbarrikadiert ihr für euch und für alle jeglichen Zugang zu Gottes befreiender Art, die herrschende Kraft in der Welt zu sein. – Im Original heißt das bei Matthäus 5,20: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“

Wer trägt denn „Schuld“ an den vom Menschen verursachten Anteil der Klimakrise?

Und an den Problemen in Dynamik und Struktur der Wirtschafts- und Sozialwelt? Der Verbraucher soll halt nicht billig einkaufen, heißt es, und so global für menschlichere Arbeitsbedingungen in Produktion und Handel sorgen. Aber teurer einzukaufen kann sich nur der leisten, der genügend Geld dafür hat. Die ärmere Mehrheit kann dann sehen, wie sie mit ihrem schlechten Gewissen zurechtkommt.

Dass die Allgemeinheit es gegenüber den Ausgebeuteten schuldig ist, für ihr Menschenrecht einzutreten, das wird ausgeblendet.

Dagegen tritt Jesus ein:

gegen die einseitige und übermäßige Belastung des Menschen durch das angebliche Ausmaß seiner Schuld.

Und er tritt ein gegen eine Minderung seiner Würde und seiner Liebenswürdigkeit auf Grund seiner tatsächlichen persönlichen Schuld.

Mit seinem ganzen ihm eigenen Gewicht tritt Jesus gegen dieses Kleinmachen der Menschen ein. Gegen das erdrückende „Joch“ – wie er es mit diesem Bild aus einer agrarisch geprägten Welt benennt. Gegen solche zermürbenden, ja im Endeffekt tödlichen Angriffe auf den Menschen stellt er sich dazwischen. Wie der Besitzer einer Schafherde sich dem Angriff eines Wolfs entgegenstellt und dabei die tödliche Gefahr auf sich zieht.

Die Vorstellung, es sei Gott, der das Machtspiel um Schuld und Strafe und Unterwerfung verantworte, – diese Vorstellung korrigiert Jesus und rückt dementsprechend auch das Bild vom Menschen wieder zurecht. Allen religiös verbrämten Unterdrückungs-Ideologien entgegen, knüpft er an die ursprüngliche und in der Bibel immer wieder erinnerte Botschaft und Erfahrung an:

„Der HERR ist … ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue.“ (So schon in Exodus 34) „Er handelt an uns nicht nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld.“ (So in Psalm 103)

Widerstand gegen einen so barmherzigen Gott gab es bei den „Frommen“ schon immer. Der Autor der alttestamentlichen Erzählung von dem fiktiven Propheten Jona will seine Zeitgenossen darauf aufmerksam machen. Er gibt ihnen ein Gesicht in der Person des Jona. Der verweigert sich Gottes Auftrag, nach Ninive zu reisen und sich für die rettende Umkehr der Stadt einzusetzen. Erst als er widerwillig seinen Auftrag doch erfüllt hat und die Menschen in Ninive daraufhin tatsächlich ihr selbstzerstörerisches Handeln beenden, fällt seine Maske:

„Ich hab’s ja gewusst: deine Drohungen reuen dich!“ (Jona 4) Wir wissen nicht, ob die Jona-Erzählung die zur Besinnung bringt, für die sie geschrieben ist: die Pfleger des schlechten Gewissens, die darauf bestehen, dass Gott die Bösen für ihre Schuld bestraft.

Demgegenüber erneuert Jesus radikal die ursprüngliche Tradition des Glaubens an den wirklich liebenden, rettenden, befreienden Gott Israels. Von den vielen Beispielen, mit denen die Evangelien davon erzählen, beeindrucken mich schon seit vielen Jahren zwei am stärksten: das unter der Bezeichnung „vom verlorenen Sohn“ bekannte Gleichnis vom barmherzigen Vater in Lukas 15 und die Erzählung in Lukas 7 von der sogenannten „Sünderin“, die sich bei dem Besuch von Jesus beim Pharisäer Simon dazwischendrängt, worauf Jesus sehr feinfühlig eingeht.

Immer wieder macht Jesus Mut, zum eigenen Menschsein zu stehen:

So sehr bin ich von Gott geliebt,

dass ich es nicht nötig habe, mich selber als Gott zu gerieren: perfekt, ohne Schuld, widerspruchsfrei, alles im Griff, eigentlich allmächtig, … Das uralte Grundvertrauen strahlt er neu aus: Alle Begrenzungen, die mir eigen sind – an Lebenszeit, an Lebensraum, an Lebensmöglichkeiten – meine Grenzen gehören wesentlich zu meiner Person. Und mich selbst so anzuerkennen – einschließlich meiner mich schmerzenden Schuld, die auszublenden ich nicht mehr nötig habe, weil sie mir Selbstwert und Würde nicht schmälert, – das zeigt sich dann als der „Grund“, auf dem ich zu einem erfüllten Leben gelangen kann – mit optimalen Beziehungen zu meinem Umfeld, zu mir selbst, zu Gott und zu den Menschen. Jetzt aber mit einer realistischen Einschätzung meiner Schwerpunkte, Grenzen und Möglichkeiten zur Beteiligung an der Gestaltung einer menschlicheren Welt.

Dieser „Grund“ gibt Stabilität, Nährboden, Möglichkeiten, …

Mich dieser Perspektive zu verweigern, macht mich zur „Pechmarie“. Mich ihr zu überlassen, anzuvertrauen und darin meinen Gott zu erkennen, macht mich zur „Goldmarie“. Das weiß sogar die volkstümliche Märchenüberlieferung.

Und die Wahrheit darinnen? – Die 8-jährige Ute, rote Haare, ärmlich gekleidet, traurig und allein auf einer Bank am Kanalufer bei Duisburg. Die Tante, bei der sie in Ferien ist, ist ohne sie in die Stadt gefahren. „Dich kann ich in die Stadt nicht mitnehmen – so wie du aussiehst.“ Und jetzt kommt ein Schäfer mit seiner Herde vorbei. Vor Ute bleibt er stehen, schaut sie an, lächelt: „Aha, ‘ne Goldmarie!“ – Unvergessen!

Der befreiende Schritt:

Ich erkenne mein Wesen und meine Realität an.

In den uralten Bildern und Worten benannt als „Staub, Asche, Erde, Humus, …“. Höchst wertvoll. Von höchster Würde. Nicht verloren, nicht vergessen, nicht verwest – zur Entfaltung angewiesen auf Beziehung, auf Einbindung und Kommunikation … Mit dem Fortschritt auf diesem Weg wächst Liebe: eins sein wollen mit dem, der alles am Leben hält – mitgestalten wollen, damit solches erfülltes Leben sich ausbreitet – immer mehr, immer weiter …

Diese Sichtweise speist sich aus der Bibel und aus dem Glauben an ihren Gott, wie Jesus ihn lebt und neu unter die Leute bringt.

Sie steht in Konkurrenz zu anderen Sichtweisen, die aus anderen Quellen gespeist sind. Viele Lebenssituationen fordern immer neu heraus zur Auseinandersetzung zwischen einander beißenden Sichtweisen. Von Anfang an bietet die Bibel die Zuflucht bei Gott an, den Schutz „unter seinen Flügeln“, wo ich Hilfestellung bekomme zu unterscheiden: Betone und benutze ich bestimmte einzelne Elemente meiner Wirklichkeit, um auszuweichen vor einer mich kränkenden Wahrnehmung anderer Elemente an mir selbst? Oder traue ich mich, ehrlich und offen, echt und ohne Angst um meinen „Selbstwert“, dass ich aus meiner Wahrnehmung von mir selbst nicht ausblende, was mich kränken könnte?

Beispiel „Asche“. Im Buch Jesaja wendet sich der Prophet – er ist überzeugt: in Gottes Namen – an die Menschen, die so tun, als ob:

Sie suchen mich Tag für Tag und haben daran Gefallen, meine Wege zu erkennen. Wie eine Nation, die Gerechtigkeit übt und vom Recht ihres Gottes nicht ablässt, so fordern sie von mir gerechte Entscheide und haben an Gottes Nähe Gefallen.
„Warum fasten wir und du siehst es nicht? Warum haben wir uns gedemütigt und du weißt es nicht?“

Und er weist sie auf ihre Widersprüchlichkeit hin:

…  an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und alle eure Arbeiter treibt ihr an.

… ihr fastet und es gibt Streit und Zank und ihr schlagt zu mit roher Gewalt.

So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör.

Ist das ein Fasten, wie ich es wünsche, … wenn man den Kopf hängen lässt …, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem HERRN gefällt?
(Jesaja 58,2-5)

Gänzlich ungeschminkt warnt Jesus vor den „Heuchlern“ und vor der Versuchung, sich von ihnen anstecken zu lassen:

Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler! Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten.

Er enttarnt ihre kaufmännische Einstellung, in der sie rituelle Zeichen des Glaubens an Gott einem Zweck unterordnen, und spricht in ihrer Sprache von „Vergeltung“ und „Lohn“.

Dieser Abschnitt aus der Bergpredigt will am Aschermittwoch allen, die sich dieser Feier einfügen oder – in Corona-Zeiten – wenigstens sich ihrer Botschaft stellen, – allen will sein Wort zum ermutigenden Evangelium werden.

„Ermutigend“? Ja, es braucht den Mut der

Entscheidung, alles Unechte fahren zu lassen

und sich auf die echte und ungeschminkte Begegnung einzulassen. Der ältere Sohn im Gleichnis vom barmherzigen Vater kann das nicht. Er fängt an zu wüten.

In dieser Wut wird Jesus am Kreuz hingerichtet. Menschen mit ihrer Religion von Lohn und Strafe können sich mit so etwas nicht versöhnen – selbst nicht mit Gott, wenn der für so etwas steht.

Um diesen Konflikt nicht zu übersehen oder zu überspielen, steht im Programm für die Gottesdienste am Aschermittwoch als zweite Bibel-Lesung der Ruf des Apostels Paulus an die Christen in Korinth und an die Interessierten von heute:

„Lasst euch mit Gott versöhnen!“ (2 Kor 5, 20 – 6, 2)

Im Wissen um unsere Einbindung in eine Welt, die ihre Gerechtigkeit auf Lohn und Strafe baut, ruft er uns dazu auf. Im Wissen um die Versuchung zu inkonsequentem und widersprüchlichem Verhalten in einer Welt mit vielfältigen Einflüssen richtet aus der Bibel die Stimme des Glaubens – Gott selber – immer wieder mutmachend auf, nicht den Kopf hängen zu lassen und am sogenannten „schlechten Gewissen“ zu verzweifeln,

sondern im Wissen um den „anderen Gott“ auch zum 77. Mal zu ihm umzukehren:

Kehrt um zum Herrn, eurem Gott!
Denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld …
(Joel 2,12-18)

So ruft schon der Prophet Joel angesichts einer alles verwüstenden Heuschreckenplage das Volk auf, das alle seine Energie auf die Beschwichtigung des eigenen schlechten Gewissens verschwendet.

Das ist in der ersten Lesung des Aschermittwochs zu hören!

Im „Tagesgebet“ dieses Tages, am Anfang des 40-tägigen Weges, an dessen Ende eine Ouvertüre neu gelingenden Lebens gefeiert wird, –

in diesem „Tagesgebet“ spricht auch die Kirche – wenn auch in ziemlich fremd klingender Sprache – vom ersten notwendigen Schritt auf diesem Weg:

Abwendung ist angesagt von oberflächlichem und fromm tuendem Moralismus hin zu einem erneuerten echten Vertrauen, das von einer demütigen Selbsteinschätzung ausgeht, sich an dem orientiert, was tatsächlich zum „Evangelium“ werden kann und was dann konsequenterweise auch auf ein moralisch verantwortetes Verhalten durchschlägt und zum Aufbau einer neuen, „österlichen“ Welt beiträgt, in der alle leben können.

Will ich allen Hochmut links liegen lassen? Will ich mich zu einem Bewusstsein bekennen, Teil der Erde zu sein, aber auf den Spuren von Jesus den Himmel zu erhoffen? Will ich mich zum Zeichen dafür mit Asche bestreuen lassen?

Dann werde ich einen stärkenden Zuspruch hören – entweder mit den Worten:

„Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst!“

oder das Wort von Jesus, das sozusagen als Überschrift am Anfang seines öffentlichen Wirkens steht (Markus 1,15):

„Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium!”

Also auf in die Startlöcher – für den Weg vom Aschenkreuz zum Osterfeuer!

Asche und Feuer
Feuer und Asche
Feuer
Wärme und Licht
Faszination
Wird Asche
der Weg der Welt
Feuer wird Asche
das Feuer der Liebe
das Feuer des Geistes
das Feuer des Lebens
Einer
kehrt um
Alles
Alle
können umkehren
Neuer Weg
Asche wird Feuer
Ostern
Feuer der Liebe
Feuer des Geistes
Feuer des Lebens
Umgekehrt

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Rainer Petrak