Blogbeitrag

Fliegenpilz 1996 bei Tonbach

autonom oder besessen

4. Juni 2021

Sonntagsbotschaft zum 6. Juni 2021 
(10. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B) 

Ich fang einfach mal an mit einer bekannten Erzählung aus dem Alten Testament. Sie ist der Hintergrund und der Zusammenhang, in dem die Botschaft dieses Sonntags aufleuchten kann:

Gott, der HERR,
pflanzte in Eden, im Osten, einen Garten
und setzte dorthin
den Menschen, den er geformt hatte.
Gott, der HERR,
ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen,
begehrenswert anzusehen
und köstlich zu essen,
in der Mitte des Gartens aber
den Baum des Lebens
und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

Gott, der HERR, nahm den Menschen
und gab ihm seinen Wohnsitz
im Garten von Eden,
damit er ihn bearbeite und hüte.
Dann gebot Gott, der HERR, dem Menschen:
Von allen Bäumen des Gartens
darfst du essen,
doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse
darfst du nicht essen;
denn am Tag, da du davon isst,
wirst du sterben.

(Genesis 2,8-9.15-17)

„Vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen.“

Mit diesen Worten der Bibel ist viel Schindluder getrieben worden.

Da hat man verkürzt formuliert: Vom „Baum der Erkenntnis“ zu essen, komme dem „normalen Menschen“, dem „kleinen Mann“ nicht zu. Über den Zugang zu Bildung und Wissenschaft haben die Mächtigen verfügt, um ihre Macht zu erhalten. Ihnen war ja klar: Wissen ist Macht.

Kritik an solcher Verkürzung des Bibeltextes konnte schnell abgebügelt und verächtlich gemacht werden. Es leuchtete ja ein, die Bibel will doch nicht dem Menschen verbieten, nach „Erkenntnis von Gut und Böse“ zu streben. Schließlich soll doch jeder Mensch gerade lernen, erkennen und einhalten, was ihm als Recht und Unrecht, als Gut und Böse beigebracht wurde.

In diesem Sinne richtet auch das Tagesgebet dieses Sonntags die Bitte an Gott: „Schenke uns deinen Geist, damit wir erkennen, was recht ist, und es mit deiner Hilfe auch tun.“

Was die Bibel an dieser Stelle wirklich aussagt, wird deutlich in der Sprache von Gerichtsurteilen bis in unsere Tage.

Da heißt es regelmäßig: „Das Gericht hat für Recht erkannt, …“ – und so weiter. Jeder versteht, dass dieses „Erkennen von Recht und Unrecht“, diese „Erkenntnis von Gut und Böse“ nicht auf Stärken beruht, – intellektuellen oder finanziellen – , die eine der streitenden Parteien mitbringt, um sich durchzusetzen. Vielmehr werden hier die Vorgaben bekräftigt, die für alle gelten.

Wo immer Menschen sich trotzdem die Kompetenz anmaßen, den Maßstab zu bestimmen über die Unterscheidung von Recht und Unrecht, von Gut und Böse, führt das unweigerlich zum Tod von Menschen. Es ist sehr heilsam, wenn allgemein anerkannt ist: Der menschliche Lebensraum ist kein „rechtsfreier Raum“, wo jeder entscheiden könnte, was zu tun und was zu lassen ist.

Allen unabänderlich vorgegeben ist das seiner Würde entsprechende Recht eines jeden Menschen. Das in Frage zu stellen, führt nur zu Mord und Totschlag.

Das ist Teil der grundsätzlichen Verfassung des Menschen, die er sich – ebenso wie sein Angewiesensein auf Atmen, Essen und Trinken – nicht selbst gemacht hat, sondern die ihm als Begrenzung und zugleich als Chance für seine Autonomie mitgegeben ist. Der Mensch „muss“ – in der Sprache von Ethik und Moral – „erkennen“, was ihm als Maßstab von Gut und Böse vorgegeben ist, und es in all seinem Tun in Wirklichkeit umsetzen. Das zu vernachlässigen, gefährdet das Leben des Menschen.

Unrechts-Regime und sonstige Mächtige bis ins kleine Alltagsleben hinein verschleiern oder verdrehen gerne dieses elementare Gebot für das Zusammenleben der Menschen. Die biblische Botschaft ruft es in Erinnerung – mit besonderem Nachdruck darauf, dass es dabei um Leben und Tod geht.

In Bezug auf den Schöpfer des Menschen, den monotheistisch Glaubende anerkennen, macht die Fortsetzung des Bibeltextes auf einen weiteren Aspekt aufmerksam:

Beide, der Mensch und seine Frau, waren nackt,
aber sie schämten sich nicht voreinander. …

Sie sind zwei Menschen, Mann und Frau, die sich einander

ebenbürtig

erfahren, als

Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.
(Genesis 2,20-25)

So wie sie wirklich sind und mit ihren Unterschieden zeigen sie sich gegenseitig. Keine Kleidung verdeckt etwas vor ihren Augen. Dass sie nackt sind, ist kein Thema, solange sie ihr dadurch sichtbares Geschlecht nicht zum Instrument machtgieriger Rechthaberei um Gut und Böse machen. Warum sollten sie sich schämen? Voreinander verstecken sie sich nicht.

Und dann ändert sich etwas:

Die sogenannte „Schlange“ reizt sie, an der verbotenen „Erkenntnis von Gut und Böse“ zu naschen. Zuerst versucht sie, Gott mies zu machen, er hätte ihnen angeblich alles verboten, was der Garten an leckeren Früchten bietet.

Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes,
die Gott, der HERR, gemacht hatte.
Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt:
Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?
Die Frau entgegnete der Schlange:
Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen;
nur von den Früchten des Baumes,
der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt:
Davon dürft ihr nicht essen
und daran dürft ihr nicht rühren,
sonst werdet ihr sterben.

Nach diesem ersten gescheiterten Versuch probiert sie es im zweiten Anlauf mit dem direkten Widerspruch, mit dem sie Gott als Gegner des Menschen hinstellt und das Naschen an der verbotenen Frucht als „köstlich“ und „begehrenswert“ erscheinen lässt:

Darauf sagte die Schlange zur Frau:
Nein, ihr werdet nicht sterben.
Gott weiß vielmehr:
Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf;
ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.
Da sah die Frau,
dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen,
dass der Baum eine Augenweide war
und begehrenswert war, um klug zu werden.
Sie nahm von seinen Früchten und aß;
sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war,
und auch er aß.
(Genesis 3,1-6)

Das Ergebnis:

Da gingen beiden die Augen auf
und sie erkannten, dass sie nackt waren.
Sie hefteten Feigenblätter zusammen
und machten sich einen Schurz.
Als sie an den Schritten hörten,
dass sich Gott, der HERR,
beim Tagwind im Garten erging,
versteckten sich der Mensch und seine Frau
vor Gott, dem HERRN,
inmitten der Bäume des Gartens.
(Genesis 3,7-8)

Selber über Gut und Böse verfügen, selber Recht „erkennen“ – und damit werden wie Gott?! Stattdessen „erkennen“ sie: Sie sind nackt! Was sie veranlasst, sich vor Gott zu verstecken und sich aus Blättern eine Schürze zu machen. Ziemlich kontraproduktiv, würde ich sagen.

Hier setzt die Botschaft dieses Sonntags an, die Licht bringen kann und will in so viele Probleme von Kirche und Menschheit unserer Tage.

Die 1. Schriftlesung beschreibt in der Fortsetzung aus dem Buch Genesis (Genesis 3,9-15) die unvermeidlichen Konsequenzen, die das Überschreiten der Grenze menschlicher Verfasstheit nach sich zieht:

Nachdem der Mensch
von der Frucht des Baumes gegessen hatte,
rief Gott, der HERR, nach ihm
und sprach zu ihm: Wo bist du?
Er antwortete:
Ich habe deine Schritte gehört im Garten;
da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin,
und versteckte mich.
Darauf fragte er:
Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?
Hast du von dem Baum gegessen,
von dem ich dir geboten habe, davon nicht zu essen?

Woher plötzlich die Angst vor Gott? Woher das angsterregende Bild von sich selbst, zu dem ihm „die Augen aufgegangen“ sind? Welches neue Problem oder Problembewusstsein veranlasst den Menschen, sich verstecken zu wollen?

Was unternimmt er zur Lösung des Problems?

Die Bibel fährt fort:

Der Mensch antwortete:
Die Frau, die du mir beigesellt hast,
sie hat mir von dem Baum gegeben.
So habe ich gegessen.
Gott, der HERR, sprach zu der Frau:
Was hast du getan?
Die Frau antwortete:
Die Schlange hat mich verführt.  
So habe ich gegessen.

Ein Urteil steht im Raum. Der Mensch selbst als erster hat es gefällt. Über sich selbst. So hat er über „Gut und Böse erkannt“: Schuldig! Indirekt fasst er es in Worte: „Furcht“, „nackt“, „versteckt“. Und dann setzt er den ganzen Mechanismus der Verschleierung und der Abwälzung in Gang: Die Frau ist schuld. Die „Schlange“ ist schuld – Symbol für das Böse, das der Mensch an sich selber nicht erträgt und auf ein Gegenüber außerhalb von sich projiziert: Teufel, Satan, von dem jemand „besessen“ ist. Schuld? Jedenfalls nicht ich!

Schließlich ist Gott an allem schuld: „die Frau, die du mir beigesellt hast“. Feindselige Distanzierung greift um sich, allgemeines Unwohlsein und Misstrauen. Das Problem und seine Folgen wird sich jetzt vererben.

Wer hat Schuld an der pandemischen Ausbreitung des Corona-Virus?
Wer hat Schuld an der Gewalt zwischen dem israelischen Militär und der Hamas?
Wer hat Schuld an der Landung der Ryanair-Maschine in Minsk,
die dem Regime die Festnahme des Oppositionellen möglich machte?
Wer hat Schuld an der Klima-Krise?
Wer hat Schuld am Tod von George Floyd?
Wer hat Schuld am Absturz der Seilbahn-Gondel in Südtirol?
Wer hat Schuld am Zerbrechen der Ehe von Hans und Maria?
Wer hat Schuld, dass ich immer noch nicht geimpft werden konnte?

Die erste Schriftlesung aus dem Buch Genesis endet:

Da sprach Gott, der HERR, zur Schlange:
Weil du das getan hast, bist du verflucht
unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes.
Auf dem Bauch wirst du kriechen
und Staub fressen alle Tage deines Lebens.
Und Feindschaft setze ich zwischen dir und der Frau,
zwischen deinem Nachkommen
und ihrem Nachkommen.
Er trifft dich am Kopf
und du triffst ihn an der Ferse.
(Genesis 3,9-15)

Kampf und Krieg sind vorprogrammiert.

Davon muss Gott sich distanzieren. Damit sich zufrieden geben kann er nicht. Ihm kommt es zu, über Gut und Böse, über Recht und Unrecht zu „erkennen“. Er muss es richten.

Mit einem ganzen Volk von Menschen, die das wollen und es ihm zutrauen, hat er dafür einen Bund geschlossen.

Aber immer wieder drängt „es“ – oder die „Schlange“ – Menschen, zu „sein wie Gott“ und selber – für das eigene Interesse – über Gut und Böse, über Recht und Unrecht zu „erkennen“.

Die ganze Geschichte fasst Jesus zusammen in seinem Gleichnis von den sogenannten „bösen Winzern“ (Matthäus 21,33-39) – der Erzählung in Genesis 3 sehr ähnlich; statt im Garten Eden spielt es in einem Weinberg.

Da Gott sich nicht zufrieden geben kann mit dem, wie es läuft, kommt er also selber – in Jesus – in seinem Sohn, um den gordischen Knoten zu zerhauen. Auch wenn es ihn Kopf und Kragen kostet.

Natürlich wollen sie – wie der Mensch von Anfang an – ihm für alles die Schuld in die Schuhe schieben. Eigentlich sei er der Dämon, von dem besessen die Menschen alle Schuld, Waffen und Strafen hin und her schieben.

Der Bibelabschnitt, der an diesem Sonntag zum Evangelium, zur Freudenbotschaft werden will, erzählt konkret von den Schwierigkeiten, die Jesus hatte bei seinen werbenden Bemühungen um die Menschen, dass sie doch Gottes befreienden Willen anerkennen und in ihr Leben und Handeln hineinlassen:

In jener Zeit
ging Jesus in ein Haus
und wieder kamen so viele Menschen zusammen,
dass er und die Jünger
nicht einmal mehr essen konnten.
Als seine Angehörigen davon hörten,
machten sie sich auf den Weg,
um ihn mit Gewalt zurückzuholen;
denn sie sagten: Er ist von Sinnen.
Die Schriftgelehrten,
die von Jerusalem herabgekommen waren,
sagten: Er ist von Beelzebul besessen;
mit Hilfe des Herrschers der Dämonen
treibt er die Dämonen aus.
Da rief er sie zu sich …

Und dann erzählt der Text, wie Jesus argumentiert, um auch seine amtlichen Gegner zu überzeugen. Und da mitten hinein platzt auch noch seine Familie:

Da kamen seine Mutter und seine Brüder;
sie blieben draußen stehen
und ließen ihn herausrufen.
Es saßen viele Leute um ihn herum
und man sagte zu ihm:
Siehe, deine Mutter und deine Brüder
stehen draußen und suchen dich.
Er erwiderte:
Wer ist meine Mutter
und wer sind meine Brüder?
Und er blickte auf die Menschen,
die im Kreis um ihn herumsaßen,
und sagte: Das hier
sind meine Mutter und meine Brüder.
Wer den Willen Gottes tut,
der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.
(Markus 3,20-35)

Das ist nur eine Momentaufnahme aus seinem ganzen Weg. Zum Glück konnten Menschen mit ihm Gott neu kennenlernen. Bis heute hat er nicht lockergelassen mit seiner Botschaft vom Ausweg aus allem, woran Menschen unvermeidlich schuldig werden, und von dem Fest des Lebens, das zustande kommt, wenn wir uns das in unserer Zeit zu eigen machen.

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Rainer Petrak