Blogbeitrag

Fronleichnams-Prozession 1989 Fechenheim

Demonstranzion

1. Juni 2021

“Sonntags”-Botschaft zum 3. Juni 2021, Fronleichnam    

Menschen gehen auf die Straße. Viele miteinander. Mit Sprechchören und Gesängen. Sie wollen aufmerksam machen. Sie protestieren gegen die Schließung eines Betriebes, gegen ein unterdrückerisches Regime, demonstrieren für mehr Gerechtigkeit in der globalen Wirtschaft, für eine wirksamere Klimapolitik, … Mit Plakaten, Fahnen und Transparenten. Ihre Botschaft haben sie auf Tafeln und Tücher geschrieben, die sie auf dem Weg durch die Stadt der Öffentlichkeit zeigen. Auf Plätzen der Stadt, an denen viele sie hören können, versammeln sie sich für die öffentliche Kundgebung ihres Anliegens.

Auch Katholiken gehen an Fronleichnam auf die Straße. Viele miteinander. Mit lauten Gesängen. Auf öffentlichen Plätzen reden und singen sie, um sich zu zeigen und ihre Botschaft kundzugeben.

Was für ein Anliegen ist ihnen so wichtig, dass sie es auf solche Weise in die Öffentlichkeit tragen – wenn nicht gerade eine Pandemie sie daran hindert?

Was sie verkünden, feiern sie zugleich: ein unscheinbares Stück Brot, gezeigt im wertvollsten goldenen Behälter, den sie dafür finden können, unter einem schmuckvollen Baldachin, den sie „den Himmel“ nennen. Ihn halten sie hoch und feiern ihn als ihre Mitte, aus der sie selber leben und die ihrem Miteinander das Profil prägt. Mit ihm haben sie einen Pakt geschlossen, einen Bund, der solches lebenswertes Leben auch auf alle Menschen in ihre Umgebung ausbreiten will.

Was hat es damit auf sich? Was sagen die Bibeltexte, die im Zentrum der Feiern dieses Tages stehen?

Im Dreijahresturnus steht als „Evangelium“, als Freudenbotschaft zum Fronleichnamsfest dieses Jahres, ein Abschnitt aus dem Markus-Evangelium (Markus 14,12-16.22-26), in der Mitte der Aufmerksamkeit:

Mit seinen Freundinnen und Freunden zusammen feiert Jesus das Pascha-Fest, das Fest der Befreiung Israels aus aller Unterdrückung. Aber ein dunkler Schatten zeichnet sich über ihrem Festmahl deutlich ab: Es wird ihr letztes gemeinsames Abendmahl sein. Denn sein hingebungsvoller Einsatz für die wirkliche Befreiung des Menschen zu einem erfüllten Leben hatte seine Gegenspieler so zur Raserei gebracht, dass ihm jetzt der Tod bevorstand. Den alten Bund zwischen Gott und denen, die sich effektiv von ihm leiten lassen wollen, den gründet er jetzt neu: Das Blut des Festlammes, mit dessen gemeinsamem Essen sie ursprünglich ihren Aufbruch in die Freiheit beurkundeten, überbietet er mit seinem eigenen Leben, das sich folgerichtig so vollendet – mit seinem Blut, das jetzt vergossen wird. Sie fangen an zu ahnen: Nachdem die Menschen – in ihren zur Routine gewordenen menschlichen Machtstrukturen – den uralten wunderbaren Bund geradezu aufgebraucht hatten, besiegelt hier Gott selber das Geschehen: Ihr letztes gemeinsames Abendmahl mit ihm feiert den – für Jesus tödlichen – Aufbruch in eine Erneuerung von Gottes Bund für das Leben aller Menschen!

Während des Mahls nahm Jesus das Brot
und sprach den Lobpreis;
dann brach er das Brot, reichte es ihnen
und sagte: Nehmt, das ist mein Leib.
Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet,
gab ihn den Jüngern und sie tranken alle daraus.
Und er sagte zu ihnen:
Das ist mein Blut des Bundes,
das für viele vergossen wird.
Amen, ich sage euch:
Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken
bis zu dem Tag,
an dem ich von Neuem davon trinke im Reich Gottes.

Das Wesen des Bundes, der da radikal erneuert und überboten wird, steht ihnen deutlich vor Augen. Der Text, der auch uns an diesem Fronleichnamsfest als erster Lesungstext aus der Bibel vom ursprünglichen Bundesschluss berichtet, der erinnert:

Mose nahm das Buch des Bundes
und verlas es vor dem Volk.
Sie antworteten:
Alles, was der HERR gesagt hat, wollen wir tun;
und wir wollen es hören.
Da nahm Mose das Blut,
besprengte damit das Volk und sagte:
Das ist das Blut des Bundes,
den der HERR aufgrund all dieser Worte
mit euch schließt.
(Exodus 24,3-8)

In diesem alten Bund ging es um die Würde des Menschen. Da war die Rede vom Recht sogar der Sklaven, vom Schutz der alt gewordenen Eltern, vom Grundrecht der Unversehrtheit von Leib und Leben, von der Pflicht zum Schadenersatz, von Eindämmung der Rache, vom Schutz vor Unterdrückung und Ausbeutung, von der Notwendigkeit fairer Gerichtsverfahren.

In den drei Jahren, die seine Leute mit Jesus gegangen waren, hatten sie es gesehen: Das Wesen, den Geist all der Gebote und Rechtssatzungen im Buch des Bundes zwischen Gott und dem Volk hatte Jesus in Wort und Tat auf den Punkt gebracht: Alle Menschen sollen erfüllt und gut leben können! Das wirklich leisten kann nur ein Pakt der Liebe, wie Gott selber sie den Menschen schenkt und ans Herz legt. –

Nichts Wichtigeres gibt es bei Gott. Und Jesus bietet mit der Hingabe seines Lebens die Gewähr dafür. Im Bund mit all denen, die das wollen.

Und wir wollen das!!! Ja, wir wollen das kundgeben und demonstrieren! Das uns geschenkte Leben wollen wir mit allen teilen!

Der uns das „Allerheiligste“ geworden ist; der uns den „Himmel“ bedeutet, den „wir“ tragen; Brot, von dem die Welt lebt; ihn wollen wir hinaustragen in alle Himmelsrichtungen – feiernd, singend, froh und mit Lust daran – zum Segen für alle Welt, die sich das zeigen und sagen lässt.

Gerechtigkeit und Solidarität werden uns so zum erneuerten Markenzeichen unseres Glaubens und zur Kennzeichnung unseres Verhältnisses zu dem Stadtteil, in dem wir leben – unabhängig davon, welche und wie viele Mitbürger unsere Orientierung und Perspektive teilen, aber in Solidarität und Toleranz und guter Nachbarschaft – als bürgerschaftlich aufeinander angewiesenes Gemeinwesen. –

Unser Kundgebungs-Ruf lautet übrigens: “Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!“

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Rainer Petrak