Blogbeitrag

aus dem Film "Parabel"

Bei euch aber soll es nicht so sein

14. Oktober 2021

Sonntagsbotschaft zum 17. Oktober 2021, dem 29. Sonntag im Jahreskreis im Lesejahr B. 

 

Wie kommen wir aus dem Schlamassel?

Welches Schlamassel? Uns geht’s doch gut. Immer dieses Jammern auf hohem Niveau!

Ja, den einen geht’s gut. Anderen aber gar nicht:

Ob sie in 50 Jahren noch in einer gesunden Welt leben können, das macht vielen Jungen heute gewaltige Schmerzen.

Und ist das etwa nicht krank, wenn die einen ihre Milliarden verstecken, während ganze Bevölkerungsschichten nicht wissen, wie sie über die Runden kommen?

Bleiben wir nicht allein in Deutschland ganz vielen Menschen die soziale Gerechtigkeit schuldig, die wir ihnen mit unserer Verfassung versprochen haben?

Vergehen wir uns nicht an vielen arbeitenden Menschen, wenn wir zulassen, dass sie einen Lohn bekommen, der nicht zum Leben reicht?

Von „unserer Krankheit“, „unseren Schmerzen“, „unseren Vergehen“, „unseren Sünden“ und von der „Schuld von uns allen“ spricht auch ein Abschnitt im alttestamentlichen Buch Jesaja (53,1-11), dessen letzter Teil (53,10-11) an diesem Sonntag als Lesung aus der Schrift vorgesehen ist.

Aha, die alte Masche mit dem schlechten Gewissen, das uns anerzogen und gepflegt wurde! Diese Haltung, die klein hält und das Gefühl der Schwäche bestärkt „Ich kann ja eh nix tun“ in den Problemen der Welt, – also guck ich halt, wie ich selber über die Runden komm.

Nein nein, dieser Text aus der Bibel spricht ganz anders über unser Versagen. Da ist die Rede von neu gelingender Veränderung und davon, dass das alles nicht ein behindernder Klotz am Bein bleibt, bis alle Schuld bezahlt sei. Nein, der Text erzählt von einem, der von all dem so frei macht, dass es jetzt um „Heil“ und um „Heilung“ geht:

… er hat unsere Krankheit getragen
und unsere Schmerzen auf sich geladen …
er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen,
wegen unserer Sünden zermalmt.
Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm,
durch seine Wunden sind wir geheilt
(Jesaja 53,4-5)  

Wer macht sowas? Von wem ist da die Rede? – Das ist nicht wirklich klar. Im letzten Teil des Textes, der allein im Gottesdienst zu hören ist, wird er am Ende genannt:

Mein Knecht, der gerechte,
macht die Vielen gerecht;
er lädt ihre Schuld auf sich.
(Jesaja 53,11b)

Im Zusammenhang des Bibeltextes bleibt offen, welche Person da gemeint ist und um wessen Schuld es da geht. Jedenfalls bezeugt da der Schreiber, was er gemeinsam mit anderen erfahren hat: befreit worden zu sein aus diesem fatalen, unausweichlich scheinenden Zusammenhang zwischen dem schlimmen Tun des Volkes und den Folgen, die es sich damit selber und allen Menschen eingebrockt hat. Da ist einer, dem es gelingt, das Volk daraus zu befreien, indem er selber die schlimmen Konsequenzen auf sich hin umleitet.

Manche Bibelkenner meinen, mit diesem „Knecht“, dem „gerechten“, an dem Gott sein Gefallen hat, sei ein ansonsten uns unbekannter Mensch gemeint. Andere sehen in dem „Knecht“ das Volk Israel in einer bestimmten, nicht näher bezeichneten geschichtlichen Situation. Wieder andere verstehen den Text als eine vorausschauende Aussage über etwas oder jemanden in der damaligen Zukunft. Das ist die Perspektive der christlichen Tradition, die von Anfang an die Botschaft des Textes auf Jesus Christus bezieht.

Nach der Erfahrung und Überzeugung der ersten Christen ist hier beschrieben, was die eigentliche Bedeutung des Lebens- und Kreuzweges von Jesus für die Menschen bedeutet: Er sei der von unser aller Schmerzen und Krankheit „Zermalmte“, der Gottes Willen entsprechend sein eigenes Leben bis zur letzten Hingabe dafür geopfert hat, dass die Menschen frei werden aus der sie zermalmenden Spirale von Konsequenzen ihres Verhaltens, die zu sprengen ihnen selber der Mut und die Kraft und der Wille fehlen. Das alles lädt er auf sich.

Durch die tödliche Verwundung, die er von allen ablenkt und auf sich zieht, heilt er sie alle und bringt den Neuanfang.

Alle? – Oh nein, zu Gottes und seinem eigenen Leidwesen muss er sehen – wie er es am Anfang dieses Textes beklagt:

Wer hat geglaubt, was wir gehört haben?
Der Arm des HERRN – wem wurde er offenbar? …
Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, …
wegen der Vergehen meines Volkes zu Tode getroffen, …
doch wen kümmerte sein Geschick?

(Jesaja 53,1.8c.a.)

Keiner wollte es glauben und Gott selber darin am Werk sehen! Über den, der durch Menschen geschlagen wurde, die gegen Gottes Menschenliebe gewütet haben, urteilten sie nach ihren traditionellen Maßstäben:

Wir meinten, er sei von Gott geschlagen,
von ihm getroffen und gebeugt.
Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen,
wegen unserer Sünden zermalmt.
(Jesaja 53,4b-5a)

Diese Kontroverse schlägt ihre Wellen bis in den innersten Kreis derer, die Jesus anhängen. Auch die Zwölf, die später seine Apostel sein werden, sind geprägt durch die – aus Evolution und Tierreich stammende – Kultur, die andere als Konkurrenten und als Gegner bekämpft und in der die eigenen Leute die „Guten“ sind, die herrschen und Macht ausüben wollen. Das Evangelium des Sonntags erzählt:

Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus,
traten zu Jesus und sagten:
Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.
Er antwortete: Was soll ich für euch tun?
Sie sagten zu ihm:
Lass in deiner Herrlichkeit einen von uns rechts
und den andern links neben dir sitzen!

Sie wollen mit ihm thronen, wenn er seine Herrschaft antritt. Wieder einmal muss Jesus ihre Vorstellung korrigieren, die sie von der Welt haben, in der Jesus die göttlich herrschende Kraft ist. Sie haben immer noch nicht begriffen, wie Jesus den Teufelskreis durchbricht, der für Schuld Strafe verlangt, für die dann Menschen aber wieder sich rächen, indem sie alle ihre Machtmöglichkeiten zu neuem schuldhaftem Tun missbrauchen.

Er, von dem es heißt, in dem sich „der Arm des HERRN offenbart“ (53,1), zieht die schlimmen Folgen menschlicher Schuld auf sich und befreit damit den schuldig gewordenen Menschen von all dem, kippt das alte System und schafft göttliche Humanität.

Wie und wo?

Er hat keine Angst vor den Mühen seines Einsatzes für die Transformation. Er fängt einfach an – voller Vertrauen auf den Gott, von dem er weiß, dass der die erlösende Veränderung für die Menschheit will. Er macht sich dran – gemeinsam mit allen, die ihn erkennen und sich von ihm anstecken lassen; die sich voller Freude darüber mit ihm eins machen, seinen Lebensgeist atmen; die jetzt zur eigenen Lebenserfüllung danach streben, seine Art zu vervielfältigen; seinen Willen, seine Liebe, seine „Huld“ mit allem ihrem Vermögen auszubreiten. Der totale Einsatz seines Lebens für die schuldig gewordenen Menschen, „damit sie das Leben in Fülle haben“ (Joh 10,10) – das hat sie überzeugt, sich daran zu beteiligen. So erfüllt sich, worüber sich schon der Prophetentext freut:

Was dem HERRN gefällt,
wird durch seine Hand gelingen. …
Mein Knecht, der gerechte,
macht die Vielen gerecht; …
(Jesaja 53,10-11)

Er befreit sie zum Leben. Er verwandelt ihre Depression in Vorfreude. Da hören sie auf, eine Lösung ihrer Probleme nur in maximaler Machtausübung zu glauben, und sprengen ihre Ketten, mit denen sie sich selber und einander gelähmt haben. In den belastenden Ereignissen erkennen sie Zeichen der Zeit und in dem unglaublich göttlich liebenden Jesus den Christus, das Wort Gottes in Person, von dessen Wort und Weg neues Licht in ihre Welt fällt: das Licht, bei dem betrachtet ihre Probleme zu neuen Chancen werden.

Eigentlich verblüffend, in welcher Hellsichtigkeit die Kirche für den Gottesdienst als unsere Antwort auf diese Jesaja-Lesung Verse aus dem Psalm 33 ausgewählt hat:

Das Wort des Herrn ist redlich,
all sein Tun ist verlässlich.
Er liebt Gerechtigkeit und Recht,
erfüllt von der Huld des Herrn ist die Erde.
Siehe, das Auge des Herrn ruht auf denen, die ihn fürchten,
die seine Huld erwarten, 
dass er ihre Seele dem Tod entreiße
und, wenn sie hungern, sie am Leben erhalte.
Unsre Seele hofft auf den HERRN;
er ist unsere Hilfe und unser Schild.
Lass deine Huld über uns walten, o HERR,
wie wir auf dich hofften!
(Psalm 33,4-5.18-20.22)

Mitten im Schlamassel wird da seine „Huld“ besungen! Ein altes Wort, das höfisch oder vielleicht verliebt klingt, das in unserer Sprache heute gar nicht mehr vorkommt. Alte Lust auf Zukunft, die wir uns abgewöhnt haben?

Die Schmerzen, die die Klimakatastrophe besonders den Jungen bereitet, geheilt, weil die neu erleuchtete Menschheit umkehrt?!

Die krankhaft geöffnete Schere zwischen Arm und Reich in heilsamer Gegenbewegung, weil die Habgier verloren hat?!

Die Schuld sozialer Ungerechtigkeit nicht durch eine Strafe neuen Unrechts vergolten, sondern einfach anerkannt und durch praktiziertes Menschenrecht beendet?!

Das Vergehen der Missachtung menschlicher Arbeit auf Grund überzogener Hochschätzung für investiertes Geld dadurch beendet, dass der arbeitende Mensch von seinem Lohn auch wirklich leben kann?!

Von „unserer Krankheit“ und „unseren Schmerzen“ geheilt, von „unseren Vergehen“ und „unseren Sünden“ und von der „Schuld von uns allen“ befreit, – so beschreibt der Prophet im Jesaja-Buch die Veränderungen, die sich ergeben, wo der Mensch sich im Vertrauen öffnet für Gottes liebevolle Zuwendung; wo der Mensch in diesem Licht von Gottes „Huld“ auch auf die schlimmen Zeichen der Zeit mit entschiedener, zuversichtlicher Gewissheit schaut und deshalb mit klarem Blick und frohen Herzens die Chancen nutzt, die in der Kraft der Millionen von an Christus Glaubenden und in ihre Gemeinschaft hinein Getauften bereit liegt.

Was für eine Chance heute wieder, da doch weltweit so viele Christen als Evangelium dieses Sonntags hören und sich – wie ich hoffe – zu Herzen nehmen, was Jesus da sagt:

Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten,
ihre Völker unterdrücken
und ihre Großen ihre Macht gegen sie gebrauchen.
Bei euch aber soll es nicht so sein,
sondern wer bei euch groß sein will,
der soll euer Diener sein,
und wer bei euch der Erste sein will,
soll der Sklave aller sein.
Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen,
um sich dienen zu lassen,
sondern um zu dienen
und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.
(Markus 10,42-45)

Bild aus dem Film „Parabel“ und Lied „Du König auf dem Kreuzesthron“

Lektorin: Eva-Maria Wörner (2001)

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Rainer Petrak