Blogbeitrag

Bibelgespräch als Zündfunke (1984)

3. Oktober 2010

Viele Monate wurde unsere Kirche umgebaut und renoviert. Ein Brandschaden und zugleich die Baufälligkeit der Kirchendecke hatten es notwendig gemacht. Damals breitete sich das Bewusstsein aus: Wenn jetzt unser Kirchengebäude so toll erneuert wird, dann muss das auch eine Zeit der Erneuerung von uns selbst als Kirche werden. Vielleicht war das ja der hilfreiche Hintergrund für das fruchtbare Gelingen der Zusammenkunft unseres Pfarrgemeinderates im Dezember 1984.

Wie wir es uns zur Gewohnheit gemacht hatten, ersetzten wir im Advent die monatliche Sitzung durch ein Glaubensgespräch. In Tischgruppen tauschten wir uns aus. Vorgegeben war nur der Bibeltext von der paarweisen Aussendung der 72 Jünger (in Lukas 10) und die Frage fürs Gespräch: Was mag Gott uns hier heute durch diesen Text sagen wollen?

Hinterher erzählten die Tischgruppen einander, worüber sie gesprochen hatten. Das mündete in die schließlich mit zunehmender Klarheit im Raum stehende doppelte Frage:

  • Wer sind die Menschen in unserem Stadtteil, zu denen er uns heute schickt, um ihnen seinen „Frieden“ zu bringen und so ihnen Zugang zu Gottes Reich zu erschließen?
  • Und was mag dabei unsere Aufgabe sein?

Da der Pfarrgemeinderat noch nicht beschlossen hatte, was das Thema seiner jährlichen Wochenendklausur Anfang März 1985 sein sollte, war schnell der Entschluss gefasst, diese doppelte Frage zum Thema zu machen.

Als „Experten“ in Sachen Lebensverhältnisse in unserm Stadtteil wiesen wir einander auf diverse Gegebenheiten in den Nachbarschaften hin und diskutierten sie. Am Ende war uns klar, dass es um eine Reihe von Zielgruppen gehen müsste: Menschen in Armut, einsame alte Menschen, Alleinerziehende, Menschen ohne Wohnung, …

Wir entwickelten ein Leitbild unter dem Motto „Unser Glaube – unser gemeinsamer Weg“:

Jeder Mensch – bei uns und auf der ganzen Erde – soll erfahren, dass sein eigener Wert sehr, sehr groß ist

(indem seine Grundbedürfnisse erfüllt werden,
indem er Anerkennung erfährt,
indem er Interesse und Zuwendung findet,

indem seine Würde und Rechte geachtet werden,

indem er Partner und Unterstützung findet
für die Entfaltung seines Lebens bis zur Fülle)

und zwar durch Menschen, die entsprechend handeln
– so wie Jesus das gemeint hat.

Das ist Gottes Wille und Ziel von Christengemeinde.

Wir sahen Übereinstimmung mit dem, was die Würzburger Synode der katholischen Kirche in Deutschland 1974 als Aufgabe von Kirche formuliert hatte (in ihrem Beschluss „Rahmenordnung für die … Leitung … der Bistümer …“):

In ihrem Einsatz für das Evangelium und für den Glauben,
im Gedächtnis der Erlösung der Welt,
in der Bruderliebe,
besonders im Eintreten für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit,
erfüllt sie als Volk Gottes den Willen des Vaters und gibt ihm die Ehre.

Für den Weg, das mit Leben zu erfüllen, fanden sich aus der Gemeinde über 50 Personen als Interessenten. Unter dem Motto „Nachbarn in Fechenheim – arm, einsam, …!“ berieten wir bei verschiedenen Zusammenkünften konkrete Schritte. Jeweils mit Fachleuten aus der Caritas- und der kommunalen Sozialarbeit, aus Alten- bzw. Krankenpflege, Telefonseelsorge und Erwachsenenbildung. Gruppen bildeten sich und – in der Sprache des ursprünglichen Glaubensgesprächs – „ließen sich senden“ zur nachhaltigen Arbeit mit drei Zielgruppen:

  • SozialhilfeempfängerInnen,
  • alte Menschen im Pflegeheim
  • und Wohnsitzlose.

Von allen dreien ist in „Den Retter-Gott ranlassen“ immer wieder die Rede.

Was war geschehen? – Wir hatten einen Impuls bekommen, einen Zündfunken. Im Vertrauen zueinander hatten wir uns ansprechen lassen durch Worte der Bibel. Unsere gemeinsame Basis war – so weit kannten wir uns – die Offenheit für die Vision von Gottes Zuwendung vor allem zu den Belasteten. Die Klage, warum Gott all das Elend zulasse, und den Jammer, dass Jesus heute nicht so handelt wie damals, er also wohl doch gar nicht da sei, hatten wir hinter uns gelassen. Ohne viele Worte darüber waren wir einfach bereit, richtiger gesagt: waren wir aus froher Neugierde auf sein Wirken daran interessiert, uns von ihm in Dienst nehmen zu lassen. Unser gemeinsamer Glaube an den Auferstandenen wurde (von neuem) zu unserm gemeinsamen Weg. Wir waren – wieder einmal? – aus „Jüngern“ zu „Gesandten“ geworden.

(Aus dem Buch „Den Retter-Gott ranlassen. Damit Ostern wird.“ Kapitel 13 „Aus Jüngern werden Gesandte“)

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Rainer Petrak