Blogbeitrag

Blumenstrauß Gebetsmitte

Bist du wirklich bereit?

2. November 2020

Frust und Ärger, Enttäuschung und Zorn, Bedrücktheit und Kopfschütteln, …

Ehrlich gesagt: Die täglichen Nachrichten in den Medien nagen ziemlich an meinem Lebensgefühl. Es reicht mir aber nicht, mich zu entrüsten und schwarze Peter zu verteilen. Und wegschauen will ich auch nicht. Meine Sehnsucht, mein Hunger nach Gerechtigkeit …

Ich will einfach, dass vieles sich ändert! Aber die aktuelle Pandemie, die auch noch alle Kontakte reduziert und damit auch die Möglichkeiten zur Solidarisierung einschränkt, macht es noch schlimmer.

„Selig die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit! Denn sie werden satt werden!“ Diese Seligpreisung hat mich zusätzlich aufgestachelt. Immerhin bürgt dafür Jesus Christus, an den ich glaube! Und er hat gezeigt, was Gott aus unserem Leben machen will. Er hat längst angefangen mit dem, was er in der Bibel „Reich Gottes“ nennt – oder bei Matthäus „Himmelreich“ –, also mit Gott als herrschender Kraft in dieser Welt. Dieser Tage las ich: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.“ (Römerbrief 14,17) Was dann in der Bibel auch noch mit Worten wie „Fülle“ benannt und mit Bildern von gefeierten Freudenfesten ausgemalt wird!

Ich sehe aber keine Chance auf wirkliche Veränderung.

Da stutze ich beim Blick in einen anderen Text der Bibel, der möglicherweise den Weg zu einer Lösung aufzeigt:

32. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr A (am 8. November 2020)

Bist du wirklich bereit?

Evangelium Mattäus 25,1-13

In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis:

Mit dem Himmelreich wird es sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen.

Klar, wovon Jesus spricht – nicht für uns, aber für Menschen seiner Zeit. Dieser kulturell wie auch ökonomisch im gesellschaftlichen Leben verankerte Brauch war ihnen allen sehr vertraut und spielte eine wichtige Rolle im Leben des Ortes:

Eine Hochzeitsfeier erstreckte sich über mehrere Tage. Höhepunkt und Abschluss war der Einzug des Bräutigams mit der Braut in sein Vaterhaus zu nächtlicher Stunde. Der Zeitpunkt dieses Einzugs war nicht absehbar. Es konnte stundenlange Verzögerungen geben. Denn in der Zeit davor verhandelten die Angehörigen der Braut mit dem Bräutigam über den Geldpreis bzw. die Geschenke, die er der Familie der Braut schuldete. Dabei musste ausgiebig gefeilscht werden. Sonst wäre das als Gleichgültigkeit der Brauteltern gegenüber ihrer Tochter ausgelegt worden. Zugleich bedeutete es eine Schmeichelei für den Bräutigam, wenn seine zukünftige Schwiegerfamilie auf diese Weise zeigte, dass sie die Braut nur mit größtem Zögern fortgaben. Während dessen wartete die Braut mit ihren Jugendfreundinnen auf das Ende der zeitraubenden Verhandlungen. Mit brennenden Öllampen in der Hand sollten dann diese „Jungfrauen“ den Bräutigam und die Braut ins neue Heim geleiten, um dort mitzufeiern.

Ich finde das schon interessant, dass Jesus, um zu zeigen, worauf es beim Zugang zum „Reich Gottes“ ankommt, für seine vergleichende („wird es sein wie …“) bildhafte Erzählung („Gleichnis“) einen solchen lebensfrohen Ort des gesellschaftlichen Zusammenlebens auswählt.

Fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug.
Die Törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl,
die Klugen aber nahmen mit ihren Lampen noch Öl in Krügen mit.

Da wird ein Umstand genannt, der sich als wichtig erweisen wird für das Gelingen der Absicht: Die einen „nahmen mit ihren Lampen noch Öl in Krügen mit“. Damit waren sie anhaltend bereit.

Man kann ja nie wissen, wie lange es dauert. Ich will doch aber jedenfalls dabei sein, erleben, mitmachen – beim Weg ins Hochzeitsfest – also: beim Weg ins Reich Gottes!

Als nun der Bräutigam lange nicht kam,
wurden sie alle müde und schliefen ein.

Es dauert. Frust? Ungeduld? Gar Ärger? Jedenfalls Müdigkeit. Alle werden müde und schlafen ein. Das wird hier einfach als logische Folge der langen Dauer behandelt. Das ist auch kein Problem (und kein Anlass zu irgendeiner
ethisch-moralischen Bewertung). Denn wenn es so weit ist, wird der Lärm sie unweigerlich aufwecken.

Mitten in der Nacht aber erscholl der Ruf:
Siehe, der Bräutigam! Geht ihm entgegen!
Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht.
Die törichten aber sagten zu den klugen:
Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus!
Die Klugen erwiderten ihnen:
Dann reicht es nicht für uns und für euch;
geht lieber zu den Händlern und kauft es euch!

Während sie noch unterwegs waren, um es zu kaufen, kam der Bräutigam.
Die Jungfrauen, die bereit waren,
gingen mit ihm in den Hochzeitssaal …

Erst als „es so weit ist“, zeigt sich also ein Problem. Ein Lösungsversuch im letzten Moment erweist sich als untauglich. Als Wesensmerkmal für das Gelingen der beabsichtigten Teilnahme (am Weg ins Hochzeitsfest / am Weg ins Reich Gottes) wird genannt „die bereit waren“. Der Satz klingt wie eine abschließende Feststellung des erreichten Zieles und worauf es für dieses Gelingen ankam: „… die bereit waren, gingen mit ihm …“

Das Gleichnis selbst ist bis hierher in sich schlüssig. Als Bild für die Aussage über das „Himmelreich“ ist es eindeutig. Wenn hier das ursprüngliche Ende des Gleichnisses angenommen wird, erschließt sich auch die Antwort (von Jesus) auf die brennende Frage: „Worauf kommt es denn an, wenn sich uns endlich die ersehnte Herrschaft Gottes eröffnen soll?“

In der traditionellen Auslegung dieses Bibeltextes hatte sich jedoch ein anderes Verständnis eingebürgert und zwar möglicherweise auf Grund des Zusammenhangs, den bereits der Evangelist (Matthäus) hergestellt hat: Nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem (70 n. Chr.) verstärkten sich in der christlichen Glaubensüberlieferung andere Vorstellungen: vom letztlich entscheidenden Urteil Gottes in der Gestalt des anstehenden Endgerichts. Die zunächst tröstlich wirkenden Bilder und Worte („Seid gewiss: Gott erkennt das Unrecht an, das euch zugefügt wurde!“) wurden später als Drohung mit Strafe für unbotmäßige Gläubige gedeutet.

Das Interesse, mit Hilfe der Bibel in der Kirche die Macht über ihre Mitglieder zu sichern, hat den Blick einseitig auf das Motiv der Drohung fixiert, so dass häufig bis heute die darauf verschobene Aufmerksamkeit eher ein schlechtes Gewissen macht und Kommentare auslöst wie: „Ja, hätte ich doch …!“ – „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Dadurch aber geht das verloren, wozu Jesus mit dem Gleichnis
anregen will: die eigene Sehnsucht nach dem „Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit“ mit dem Zutrauen des Glaubens ganz und gar auf ihn hin auszurichten und selbst bereit zu bleiben für die zunächst nicht absehbaren Chancen, dass Er wieder einmal „kommt“, um – mit denen, die da gerne dabei sind und mitmachen – Gottes Herrschaft den Weg zu bereiten. „Bereit“ sein in diesem Sinn ist die Verbindung von zwei Akzenten in der Aufmerksamkeit: alles von Ihm erhoffen und aufgeschlossen bleiben für die entsprechenden „Zeichen der Zeit“. Mit anderen Worten: voller Vertrauen („guter Dinge“) auf Ihn hören und auf die Menschen schauen.

… und die Tür wurde zugeschlossen.

Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass im damaligen jüdischen Brauchtum nach dem Einzug des Brautpaars mit den Brautjungfern die Tür verschlossen wurde. Die entsprechende Bemerkung im (erweiterten?) Gleichnis-Text ermöglicht aber die alles entscheidende Unterscheidung zwischen Zugelassenen und Ausgeschlossenen.

Später kamen auch die anderen Jungfrauen
und riefen: Herr, Herr, mach uns auf!

Der Ruf der zu spät kommenden Brautjungfern „Herr!“ wirkt im Zusammenhang des Gleichnisses fremd, ebenso die Antwort – des Bräutigams? oder von wem? –, die anscheinend eher der Vorstellung zuzuordnen ist, dass „der Herr“ im „Gericht“ antwortet.

Er aber antwortete ihnen und sprach:
Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.

Da das Gleichnis von 10 Jungfrauen spricht, die – nach dem vorausgesetzten Brauchtum – alle im Kreis der Freundinnen der Braut bekannt sind, kommt die zurückweisende Aussage „ich kenne euch nicht“ einer unpassenden Brüskierung der Braut gleich, erscheint also als Fremdkörper im Gleichnis.

Seid also wachsam!
Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.

Die abschließende „Schlussfolgerung“, die hier Jesus in den Mund gelegt ist – „Seid also wachsam!“ passt nicht zur Erzählung des Gleichnisses, da ja alle, auch „die klugen“, eingeschlafen sind – was auch im Ablauf der Erzählung keinen Nachteil darstellt.

Das Motiv der Wachsamkeit nimmt in der Überlieferung des Glaubens einen starken Platz ein. Auch heute dürfte, wenn sich der Glaube an Christus bewähren soll, dieses Motiv hilfreich sein. In ihm ist aber ein anderer Akzent der Glaubensbotschaft enthalten als im Kern des Gleichnisses von den zehn Jungfrauen. Und die Vielfalt der biblischen Botschaft sollte nicht eingeebnet werden. Das entspricht der Vielfalt der Situationen, auf die Gott einwirken möchte, wie auch der Vielfalt der Menschen und ihrer Möglichkeiten, sich der Botschaft gegenüber zu öffnen.

Deshalb will ich hier der wohl ursprünglichen Kernbotschaft dieses Gleichnisses nachgehen – anknüpfend an das oben genannte Verständnis von „bereit sein“: mitten in allem Frust und Ärger und Elend und strapazierter Sehnsucht alles von Gott erhoffen und aufgeschlossen bleiben für die entsprechenden „Zeichen der Zeit“. Mit anderen Worten: voller Vertrauen („guter Dinge“) auf Ihn hören und auf die Menschen schauen.

Das ist eine Provokation (wörtlich übersetzt „eine Herausrufung“): Das ruft heraus aus der gewohnten Sichtweise, die sich im Brustton der Überzeugung „realistisch“ nennt und die hier vorgestellte andere Sichtweise als „naiv“, als „Träumerei“ oder gar als „schädlich“ (manchmal verächtlich) zurückweist. Das ist der Konflikt, der Jesus das Leben gekostet hat. Was wiederum unsereins bestärkt: Wow, wenn Ihm (den wir als Sohn Gottes bekennen!) das derart wichtig war, …!

Wenn es sich also doch lohnen sollte, diesen Weg zu versuchen, …

Und wie und wann kommen wir zusammen zu solchem Austausch?

Geht im Moment ja wohl nur per Video-Meeting im Internet.
Das ist keine Hexerei. Was braucht’s dafür? Am besten ein Laptop. Ein Smartphone tut’s auch.

Wer Interesse hat, ist mir willkommen.

Schicken Sie mir bitte einfach eine E-Mail an rainer-petrak@online.de

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