Blogbeitrag

kein Hirte weit und breit

Brauchen wir Hirten?

15. Juli 2021

Sonntagsbotschaft zum 18. Juli 2021 
(16. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B)  

Wilde Tierherden – an Land, im Wasser, in der Luft – die leben und ziehen umher oder siedeln sich an, indem sie sich selbst organisieren. Manche von ihnen so, dass wir Menschen von ihnen als von „Völkern“ oder „Staaten“ sprechen. Sie suchen und finden ihre Wege selbst. Sie versorgen sich selbst mit Nahrung und sorgen oft in Gemeinschaft für ein optimales Aufwachsen ihres Nachwuchses. In geordneter Gemeinsamkeit verteidigen sie ihr Revier und schützen sich gegen Angreifer und gegen Naturgewalten. Dabei spielen Leittiere eine Rolle; bei manchen Arten sprechen wir Menschen von „Königinnen“. Und sie haben ihre artspezifischen Weisen, wie sie zur Festlegung eines Leittieres aus ihren eigenen Reihen kommen. Viele Arten „leben“ mit anderen Arten gemeinsam. Manche in der Weise, dass die einen die andern fressen, zum Beispiel Wale und Plankton – oder Haie und kleine Fische. Andere in einer Art Symbiose, also in einer win-win-Konstellation, bei der die einen sich mit den Schädlingen ernähren, von denen sie die anderen befreien. Wenn die „win“-Verteilung einseitig ist, sprechen wir manchmal auch von „Schmarotzern“.

Bei Herden von Haustieren sieht das mit der Fürsorge und der Versorgung etwas anders aus. Da gibt es auch „freilaufende“ Herden, die sich mehr oder weniger selber überlassen sind – nicht nur Eier liefernde Hühner, sondern auch Rinder oder Schafe. Begrenzt wird ihre Freiheit des Auslaufs durch Elektrozäune oder Stacheldraht oder durch andere Zäune. Wer sich als Eigentümer eine solche „Herde“ hält, hat natürlich Interesse daran, dass die Tiere weder davonlaufen noch gejagt werden oder verhungern. Denn er hält sie ja, um sie irgendwie zu verwerten: ihr Fleisch, ihr Fell, die Eier, die Milch, … Manchen Tieren gönnen die Eigentümer Lebensbedingungen, unter denen es ihnen gut geht. Anderen tut es gut, dass es einen staatlich geregelten Tierschutz gibt.

Und wo haben bei all dem die sogenannten „Hirten“ ihren Platz? Sowohl Rinderherden auf den Alpen als auch Schafherden auf Mittelmeerinseln brauchen eigentlich keine Hirten, solange sie überall zu fressen finden und kein übervolles Euter drückt oder Jungtiere besondere Beachtung brauchen.

Hirten zu sehen bekommen wir in den dicht besiedelten Gegenden Mitteleuropas, wo jeder Quadratmeter Boden irgendjemandem gehört, vor allem dann, wenn Schafherden durch eine unserer wenigen Wiesenlandschaften geführt werden, die abgeweidet werden soll oder darf.

Und noch so frei laufende Rindviecher brauchen manchmal einen Alphirten, der sie den richtigen Weg treibt.

Da braucht es auf kargen Böden, die kaum Futter hergeben – wie hier zwischen Jericho und Jerusalem – schon dringender eine Hirtin oder einen Hirten, mit Hilfe von dessen Kenntnis der Gegend die Herde bis zum Abend möglichst ausreichend Nahrung finden kann oder der auch mal ein hungriges wildes Tier von den Schafen fern hält.

Nun sagt Markus in seinem Evangelium in dem Abschnitt, den es an diesem Sonntag zu hören gibt:

Als Jesus die vielen Menschen sah,
hatte er Mitleid mit ihnen,
denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.

Was meint Markus mit der Bemerkung „sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben“? Heißt das, ihnen macht keiner Vorschriften, wohin sie gehen sollen, sie sind frei, selber zu entscheiden, wohin sie gehen wollen? Müssen sie jetzt nicht mehr fürchten, bald geschlachtet zu werden?

Jesus hat Mitleid mit ihnen? Warum, was fehlt ihnen denn – ohne Hirt? Was hat Jesus an den vielen Menschen gesehen, was sein Mitleid erregt?

Der Zusammenhang, in dem dieser Satz steht, macht es wahrscheinlich deutlicher. Vor einer Woche, am letzten Sonntag, erzählte das Evangelium davon, dass Jesus die, die mit ihm gehen, in die Orte der Gegend schickt, ohne weitere Ausrüstung oder Ausstattung, mit – wie es hieß – „Vollmacht über die unreinen Geister“. Jetzt kommen sie wieder zurück mit ihren Erfahrungen.

In jener Zeit
versammelten sich die Apostel,
die Jesus ausgesandt hatte,
wieder bei ihm
und berichteten ihm alles,
was sie getan und gelehrt hatten.
Da sagte er zu ihnen:
Kommt mit an einen einsamen Ort,
wo wir allein sind,
und ruht ein wenig aus!
Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen,
so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen.
Sie fuhren also mit dem Boot
in eine einsame Gegend,
um allein zu sein.
Aber man sah sie abfahren
und viele erfuhren davon;
sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin
und kamen noch vor ihnen an.
Als er ausstieg, sah er die vielen Menschen
und hatte Mitleid mit ihnen;
denn sie waren wie Schafe,
die keinen Hirten haben.
Und er lehrte sie lange.
(Markus 6,30-34)

„Er lehrte sie lange.“ Oje! Ist es denn das, was ihnen fehlt? Anscheinend ist es das, warum sie ihm hinterhergelaufen sind! Sie alle. „Aus allen Städten.“ Anscheinend können sie gar nicht genug von ihm kriegen. Denn in der Fortsetzung heißt es dann, dass der Ort abgelegen ist und dass die vielen Menschen bis in den Abend hinein da bleiben und ihn hören wollen.

Was ihnen das gegeben hat, worüber Jesus da mit ihnen redet? Das geht aus dem Textabschnitt selber nicht hervor, auch nicht aus der Fortsetzung. Der Evangelist will offensichtlich deutlich machen: Es geht den Leuten um Jesus.  Wer auf ihn hört, bekommt, was er zum Leben braucht! Das fasst er in das Bild vom Hirten, den die Schafe brauchen, um richtig leben zu können.

Immer noch bleibt offen, was das denn ist: was die Schafe brauchen und nicht bekommen, was sie aber ihm zutrauen, dass er es bringt, vermittelt, möglich macht! Ich möchte das schon gerne besser verstehen. Denn es geht ja um die Frage, ob das auch auf uns hier und heute zutrifft, so dass auch wir uns ebenso wie die Leute damals um ihn drängen wollen, weil sein Wort und seine Nähe so wichtig ist, um echt leben zu können!

Das Bild vom Hirten wurde ja im alten Israel häufig verwendet. Seine Aussagekraft war den naturverbundenen Menschen damals stärker vertraut als uns, die wir viel stärker städtisch geprägt sind.

Der Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jeremia, der als Erste Lesung diesem Evangeliums-Abschnitt zugeordnet ist, macht auch für uns das hier gemeinte Bild vom Hirten klarer:

Weh den Hirten,
die die Schafe meiner Weide zugrunde richten
und zerstreuen –
Spruch des HERRN.
Darum –
so spricht der HERR, der Gott Israels,
über die Hirten, die mein Volk weiden:
Ihr habt meine Schafe zerstreut und sie versprengt
und habt euch nicht um sie gekümmert.
Jetzt kümmere ich mich bei euch
um die Bosheit eurer Taten –
Spruch des HERRN.
Ich selbst aber sammle den Rest meiner Schafe
aus allen Ländern, …
Ich bringe sie zurück auf ihre Weide –
und sie werden fruchtbar sein und sich vermehren.
Ich werde für sie Hirten erwecken, die sie weiden,
und sie werden sich nicht mehr fürchten und ängstigen
und nicht mehr verloren gehen –
Spruch des HERRN.
Siehe, Tage kommen –
Spruch des HERRN –,
da werde ich für David
einen gerechten Spross erwecken.
Er wird als König herrschen und weise handeln
und Recht und Gerechtigkeit üben im Land.
In seinen Tagen
wird Juda gerettet werden,
Israel kann in Sicherheit wohnen.
Man wird ihm den Namen geben:
Der HERR ist unsere Gerechtigkeit.
(Jeremia 23,1-6)

Wer immer hier mit den „Hirten“ gemeint ist, sie versündigen sich jedenfalls an der Herde: Die richten sie zugrunde und zerstreuen sie. Die müssen Angst haben, sich zu verlieren. Was ihnen fehlt, weil die Hirten sie nicht weiden und sich nicht um sie kümmern, dafür wird Gott jetzt selber sorgen, so dass bei ihnen Recht und Gerechtigkeit herrschen und sie in Sicherheit leben können. Und Gottes zornigen Nachdruck, mit dem Jeremia hier Gottes Botschaft herausruft, legt er in die mehrfach wiederholte Bekräftigung: Das sind nicht meine Worte; das ist „Spruch des Herrn“!

Und dann, zur Zeit von Jesus, als die Menschen wieder darunter leiden mussten, dass ihre politischen und religiösen Führer, die der Volksmund als „Hirten des Volkes“ bezeichnete, nur sich selber „weideten“ – zu Lasten der kleinen Leute – , da hatten sich die Menschen natürlich an das alte Wort des Propheten erinnert: Den Spross aus dem Königshaus David, den Gott zur Rettung des Volkes versprochen hatte, den erkennen sie jetzt in Jesus: Das ist er! Mit ihm kommen wir raus aus all dem Elend!

Kein Wunder, dass sie sich um ihn scharen. Sie hoffen auf Frieden, auf Recht und Gerechtigkeit, auf Ruhe und Sicherheit zum Leben! Das fehlt ihnen. Und das trauen sie ihm zu.

Und worauf dürfen wir die Gewissheit beziehen, dass ER diese Zusage heute mit uns wahr machen will? Mit welchen Problemen oder Entwicklungen oder sonstigen Gegebenheiten hat das zu tun, in denen wir heute stehen?

Hat das etwas mit der bevorstehenden Bundestagswahl zu tun? Mit dem Fortgang des Synodalen Weges in der katholischen Kirche Deutschlands? Mit den vorherrschenden Trends in Wirtschaft und Politik und Gesellschaft überhaupt? Mit unseren Möglichkeiten, der Klima-Krise zu begegnen? Oder mit den Chancen der Menschen, die zu uns flüchten, weil sie sonst nicht menschenwürdig überleben können?

Als anregende Zwischenantwort schlägt uns die liturgische Ordnung den Psalm 23 vor:

Der Herr ist mein Hirte,
nichts wird mir fehlen.
Er lässt mich lagern auf grünen Auen
und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
Er stillt mein Verlangen.
Er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen
Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht,
ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir.
Dein Stab und dein Stock geben mir Zuversicht.
Du deckst mir den Tisch
vor den Augen meiner Feinde,
du salbst mein Haupt mit Öl,
du füllst mir reichlich den Becher.
Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang,
und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit.
Kehrvers:
Der Herr ist mein Hirt,
er führt mich an Wassern des Lebens.

Und als Anregung zum Weiterfragen weise ich hin auf einen Fragenkatalog, den die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) entwickelt hat für die Begegnung mit den Kandidatinnen und Kandidaten, die zur Wahl stehen für den am 26. September neu zu wählenden Deutschen Bundestag. Den Link zum Fragenkatalog finden Sie hier:

https://www.kab.de/fileadmin/user_upload/kab_de/Downloads_pdf/Fragekatalog_Bundestagswahlkampf2021.pdf

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Rainer Petrak