Blogbeitrag

1958 Heustadel Meran-Gratsch

Erwartungen

8. Juli 2021

Sonntagsbotschaft zum 11. Juli 2021 
(15. Sonntag im Jahreskreis / Lesejahr B) 

Manche mögen das Wort gar nicht: „Erwartungen“. Woran denken Sie bei diesem Wort? Vielleicht an den Tag gestern, wo wieder mal alle Welt alles Mögliche und Unmögliche von Ihnen erwartet hat? Oder gehen Sie heute mit Freunden essen – endlich mal wieder nach dem Lockdown – und erwarten sich einen schönen Abend mit ihnen? Gibt es jemanden, von dem Sie Hilfe erwarten können, wenn Sie Hilfe brauchen? Oder sagen Sie sich inzwischen: „Ich erwarte nix mehr von niemand.“ Wie fühlen Sie sich, wenn Sie hören, da sagt einer zum andern über Sie: „Von dem kannste nix erwarten.“ Möchten Sie, dass man etwas von Ihnen erwarten kann?

Was soll man denn von mir erwarten können? Was dürfen andere von mir erwarten – bestimmte einzelne Personen oder alle oder manche? Erfülle ich gerne Erwartungen anderer Menschen? Und was erwarte ich von mir selber? Und vom Leben?

Und Gott – gibt es da etwas, was er von mir erwartet? Und interessiert er sich dafür, was ich von ihm erwarte?

Tausend Fragen. Mir scheint, das ist das Thema der Bibeltexte dieses Sonntags. Da geht es erst einmal um die Erwartungen, die Jesus an seine Jünger hat. Sicher zugleich auch um das, was die Jünger sich davon erwarten dürfen, wenn sie auf seine Erwartungen eingehen.

In jener Zeit rief Jesus die Zwölf zu sich
und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen.
Er gab ihnen die Vollmacht
über die unreinen Geister

Oh! Sie sollen dahin gehen, wo Menschen von Negativem besessen sind, an Unheil zu leiden haben? Und denen sollen sie so begegnen, dass die eine neue Freiheit zum Leben finden? Was traut er ihnen damit zu! Und was haben sie da zu erwarten? Übernehmen sie sich da nicht? Er redet von „Vollmacht“!

Werden sie sich zu dieser Aufgabe „senden“ lassen? Trauen sie sich mit dieser Aufgabe und Vollmacht zu, dass sie da Möglichkeiten haben, etwas zu erreichen? Das dürfte ein Kampf werden! Sehen sie den für sich als wertvoll und als sinnvoll an? Kann das ihr „Ding“ sein? Er erwartet es tatsächlich von ihnen!

und er gebot ihnen,
außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen,
kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel,
kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen.
Und er sagte zu ihnen:
Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt,
bis ihr den Ort wieder verlasst!

Wie stellt er sich das eigentlich vor? Zu fremden Leuten sollen sie gehen und bei ihnen unterkommen – ohne Geld! – ? Das geht doch gar nicht.

Allerdings: Als ich 17 war – schon eine Weile her – ich wanderte drei Wochen in den Bergen – war nachts mal in einer Jugendherberge oder in Alpenvereinshütten, aber an zwei Übernachtungen erinnere ich mich besonders:

Auf einem Bauernhof in Meran-Gratsch bat ich, in der Scheune im Heu schlafen zu dürfen. Das hier war mein Blick am nächsten Morgen nach draußen. Zu einem üppigen Frühstück wurde ich in die Stube eingeladen, habe mich dann bei der Apfelernte für ein paar Stunden nützlich gemacht. Natürlich ergaben sich dabei Gespräche. Und ich bekam eine Wegzehrung mit und hilfreiche Tipps für den weiteren Weg.

Das andere Mal, in Brandenberg, oberhalb des Inn, Richtung Spitzingsee,
todmüde nach dem Wandertag, ging ich am Ortsrand ins erste Haus. Bei meiner Frage nach dem Heu winkte die Bäuerin ab. Sie war ganz glücklich, mir das Bett ihres Sohnes anzubieten. Der war als Trompeter beim Militär. Und ich lernte die halbe Familiengeschichte kennen.

… Und sie zogen aus
und verkündeten die Umkehr.
Sie trieben viele Dämonen aus
und salbten viele Kranke mit Öl
und heilten sie.
(Markus 6, 7-13)

Voll darauf angewiesen, aufgenommen zu werden, abhängig von den Menschen, zu denen sie gehen, dass man da unterkommt und versorgt wird – dass die Leute sich auf die Begegnung mit ihnen einlassen und darin für sich selber die Chance ihres Lebens zu erkennen!

Für die Jünger, die sich von Jesus so senden lassen, dürfte dabei erst einmal die Frage im Raum stehen, was sie da erwartet und ob sie Chancen erwarten dürfen, ihrem Auftrag überhaupt nachkommen zu können, gar Erfolg damit zu haben.

So fremd das auch klingen mag – irgendwie von dieser Art dürfte die Erwartung von Jesus sein an die, die ihm nachfolgen wollen?

Weniger konkret, dafür um so drückender erinnert mich das an den Katechismus von 1925. Den habe ich zwar nie selber kennengelernt, aber andere aus meiner Generation und Ältere haben ausgiebig davon erzählt. Der begann mit der ersten Frage „Wozu sind wir auf Erden?“ mit der Antwort: „Wir sind dazu auf Erden, dass wir den Willen Gottes tun und dadurch in den Himmel kommen.“ Klare Erwartung in beiden Richtungen!

Einen ganz anderen Blickwinkel allerdings nehmen Menschen ein in der Bibel, die sich von Jesus haben „senden“ lassen und dann zurückgekommen sind, also ihre Erfahrungen mit diesem Auftrag gemacht haben.

Eine kompakte Zusammenfassung davon gibt der Abschnitt aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Ephesus, der für diesen Sonntag als Zweite Schriftlesung im Programm steht. Seine Erwartungen an uns – und was wir erwarten dürfen:

Gepriesen sei Gott,
der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus:

Wofür?

Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet 

Wie?

durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel. In ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor ihm.

Aha, dann müsst ihr also perfekt sein?

Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen, zum Lob seiner herrlichen Gnade.

Wie, dann sollt ihr bei Gott ebenso viel gelten wie sein Sohn?

Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn.

Geschenkt? Und inwiefern durch seinen Sohn? Was hat der gemacht?

In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade.

Alles vergeben? Frei von den Folgen der Schuld? Dafür ist er gestorben? Und die Mächtigen hatten wohl was dagegen? Und mit „Gnade“ meinst du: ohne dass ihr was dafür zahlen müsst?

Durch sie hat er uns reich beschenkt,

Womit?

in aller Weisheit und Einsicht,

Was habt ihr denn eingesehen?

er hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im Voraus bestimmt hat in ihm.

Und was ist sein Wille?

Er hat beschlossen, das All in Christus als dem Haupt zusammenzufassen, – was im Himmel und auf Erden ist, in ihm.

Wie? Alle Welt soll dann so leben können, wie Jesus, der Christus, das gesagt und gezeigt hat? Alles Unheil weg? Alle Unfreiheit aufgebrochen?

In ihm sind wir auch als Erben vorherbestimmt nach dem Plan dessen, der alles so bewirkt, wie er es in seinem Willen beschließt; …

Dann sollt ihr zu Erben werden wie Jesus Christus? Ich denke, er ist der Sohn, also der Erbe!

Der Geist ist der erste Anteil unseres Erbes, hin zur Erlösung, durch die ihr Gottes Eigentum werdet,

Eigentum? Dann achtet er also drauf, dass euch nix passiert?

zum Lob seiner Herrlichkeit.
(Epheser 1,3-11.14)

„Alles“ dürfen wir von ihm erwarten.

Papst Johannes XXIII. hat es in seinen „Zehn Geboten der Gelassenheit“ so formuliert: „Ich bin geschaffen, glücklich zu sein – nicht erst in der andern Welt, sondern auch schon heute.“

Ja, wir dürfen erwarten: Dass das Leben gelingt. Dass uns unsere „Aufgabe“ gelingt, zur „Umkehr“ zu locken und zur Befreiung aus allen Kräften, die das Leben behindern.

Ja, wir dürfen dieses Sonntags-Evangelium voller Hoffnung hören! Die Bedenken und Fragen wegen Sendung, Auftrag, Vollmacht – alles das können wir zurückstellen.

Die liturgische Ordnung sieht eine kleine Hilfe vor für ein solches vertrauensvolles Hören: Zum Halleluja, mit dem wir das Evangelium begrüßen,
steht der Vers, der im Epheserbrief sich an die gehörte Lesung anschließt:

Der Vater unseres Herrn Jesus Christus
erleuchte die Augen unseres Herzens,
damit wir verstehen, zu welcher Hoffnung wir berufen sind.
(vgl. Epheser 1,17-18)

Halleluja!

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Rainer Petrak